„Steig aus dem Fahrzeug, Sloane!“ Millers Stimme hallte durch die höhlenartigen Dachbalken, verzerrt durch die gewaltigen Ausmaße der verlassenen Anlage. „Es ist vorbei. Der Vorstand hat bereits die Einfrierung der Vermögenswerte veranlasst. Du fährst einen Sarg im Wert von mehreren Millionen Dollar!“
Auf dem Rücksitz lockerte Silas seinen Griff um Sloanes Finger, seine Handfläche war blutverschmiert. Sein Atem ging flach, ein erschreckend leises Röcheln, das ihr den Magen zusammenziehen ließ. Jax drückte sich gegen die Türverkleidung, seine Waffe erhoben, doch der Winkel zum hohen Laufsteg war unmöglich. Von hier unten waren sie Fische im Eimer.
„Er verliert zu viel Blut, Sloane“, flüsterte Jax, während seine unerschütterliche Gelassenheit schließlich in eine schroffe Welle der Panik zerbrach. „Wenn ich versuche, diese Gerüstleitern hochzuklettern, um Miller auszuschalten, werden diese Taktiker unten das Auto in Stücke reißen, bevor ich die erste Sprosse erreiche.“
Sloane starrte durch das Glas, ihre Augen gingen am Gewehrlauf vorbei und richteten sich auf den schweren, verrosteten Industriekran, der direkt über ihrem Dach schwankte. Die Stahlseile ächzten, ein Geräusch, das sie nur zu gut kannte – der Schrei von beanspruchtem Metall, von Maschinen, die seit einem Jahrzehnt nicht mehr geschmiert oder gewartet worden waren.
Miller war kein Mechaniker. Er kannte die Gewichtsgrenzen des Krans nicht, und er wusste nicht, wie jahrzehntelange feuchte Luft in der Grube das Baustahl von innen heraus verrotten ließ.
„Jax“, sagte Sloane, ihre Stimme sank zu einem leisen, tödlichen Flüstern, das die raue Schärfe der Werkstatt ihres Vaters in sich trug. „Der alte Not-Aus-Schalter für die Schmelzwerk-Leitung. Der war früher direkt hinter dem Hauptofengehäuse. Ist der noch angeschlossen?“
Jax’ Augen weiteten sich leicht im trüben Licht der Kabine. „Der Hauptschalter? Sloane, diese Leitung speist dreitausend Ampere direkt in das Netz der Laufkräne, wenn die Sicherheitsrelais umgangen werden. Wenn ich diesen Schalter umlege, brennt das ganze System durch.“
„Genau“, zischte Sloane und ihre Finger umklammerten den kalten silbernen Schraubenschlüssel auf ihrem Schoß. „Er glaubt, er hat die Fäden in der Hand. Er merkt nicht, dass er auf der Zündschnur steht. Wenn ich Gas gebe, rennst du zu diesem Schalter.“
„Und Silas?“
Sloane blickte zurück. Silas’ Augen waren kaum mehr als Schlitze, sein unbedecktes Gesicht blass unter den schwarzen Ölflecken. Aber er sah sie an. Er sprach nicht, doch seine Finger drückten ihre Hand ein letztes Mal verzweifelt. Sie vertraute dem Mechaniker.
„Silas bleibt bei mir“, sagte Sloane. „Los!“
Sie rammte ihren Stiefel auf das Gaspedal. Die Hinterreifen der Limousine gruben sich in die dicke Schicht aus Gießereistaub und quietschten, als sie auf dem rissigen Beton Halt fanden. Das Fahrzeug schoss nach vorne, gerade als Miller den Abzug drückte. Eine Hochgeschwindigkeitskugel durchschlug die Kopfstütze auf der Fahrerseite und schleuderte Schaumstoff- und Lederfetzen in die Luft.
Im selben Augenblick rollte sich Jax aus der sich bewegenden Beifahrertür in den Schatten des Schmelzofens und verschwand aus dem Blickfeld des Einsatzteams.
„Feuer! Schaltet sie aus!“, brüllte Miller von der Laufbrücke und schwang verzweifelt sein Gewehr, um das Auto zu verfolgen, während Sloane es scharf um einen massiven eisernen Ambossblock lenkte. Die bewaffneten Männer auf dem Boden eröffneten das Feuer, ihre automatischen Waffen fraßen sich in die gepanzerten Seiten der Limousine, Funken flogen wie ein lokaler Gewittersturm in der Dunkelheit.
Sloane schaute nicht auf die blitzenden Mündungsfunken. Sie blickte zum Kran hinauf.
Über ihr schwang der massive Stahlhaken wild hin und her, als Miller den Handhebel des Krans betätigte und versuchte, die eiserne Masse direkt auf die Motorhaube ihres Fahrzeugs fallen zu lassen. Die Seile quietschten, die verrosteten Zahnräder knirschten protestierend, was die gesamte Laufstegkonstruktion erschütterte.
Fünf Sekunden, dachte sie, während ihr Herz in einem hektischen, unregelmäßigen Rhythmus gegen ihre Rippen hämmerte. Gib mir fünf Sekunden, Jax.
Hoch oben im Schatten hinter dem Hochofen hallte ein lautes, heftiges KNACKEN durch die Anlage. Ein blendender Bogen aus blauer Elektrizität schoss aus der Hauptschalttafel, als Jax den Übersteuerungshebel durchdrückte und damit jede Sicherheitssicherung umging, die ihr Vater vor zwanzig Jahren installiert hatte.
Die Wirkung trat sofort ein. Die Lichter auf Millers Laufsteg flackerten und erloschen, ersetzt von einem plötzlichen, schrillen Heulen, als dreitausend Ampere roher Strom den uralten Kranmotor durchfluteten. Die Zahnräder drehten sich nicht einfach nur; sie blockierten. Die massiven Stahlseile rissen unter der heftigen, plötzlichen Spannung und peitschten wie eiserne Sensen durch die Luft.
„Was zum …“ Millers Schrei verstummte, als der gesamte Portalkranabschnitt nachgab. Der massive Kranhaken riss sich aus seiner Halterung los, fiel wie ein Meteor senkrecht durch die Laufstegkonstruktion und riss den eisernen Boden direkt unter seinen Füßen heraus.
Miller stürzte in die Tiefe, sein Gewehr klapperte in die Dunkelheit, als er fünfzehn Fuß tiefer auf einen riesigen Haufen ausrangierter Eisenschlacke prallte; seine Stöhnen wurden von der plötzlichen Wolke aus Rost und Ruß gedämpft, die die Luft erfüllte.
Die Einsatzkräfte am Boden zögerten, ihre Schusslinie durch das einstürzende Eisenwerk und den blendenden Staub unterbrochen.
Sloane trat voll auf die Bremse und brachte die ramponierte Limousine direkt am Rand der Hochofengrube zum Stehen. Sie riss die Tür auf, den silbernen Schraubenschlüssel noch immer fest in der Hand, als sie zu der Stelle sprintete, an der Miller in dem verrosteten Geflecht des eingestürzten Laufstegs verheddert lag.
Sie sah jetzt nicht mehr wie eine „Paper Queen“ aus. Sie war mit weißem Marmorstaub bedeckt, ihr mitternachtsblaues Seidenkleid am Saum zerrissen, ihre Stiefel mit dem Schmutz der Grube verkrustet. Sie stand über ihm, den schweren Schraubenschlüssel nur einen Zentimeter vor seinem Gesicht erhoben.
„Die Vermögenssperre“, zischte Sloane, ihre Stimme zitterte vor kalter, ungeschliffener Wut. „Heb sie auf. Sofort.“
Miller blickte durch eine Maske aus Blut und Ruß zu ihr auf, die Augen weit aufgerissen in der Erkenntnis, dass das Unternehmenshandbuch nicht funktionierte, wenn die Regeln in Eisen geschrieben waren. „Ich kann nicht … der Vorstand … sie haben die primären Verschlüsselungsschlüssel …“
„Dann ruf sie an“, sagte Sloane und trat auf sein gebrochenes Handgelenk, bis er einen schrillen, rauen Schrei ausstieß. Sie zog den verschlüsselten USB-Stick aus ihrer Tasche – den, auf dem der wahre Name ihres Vaters gespeichert war. „Sag ihnen, der Mechaniker ist am redundanten Knotenpunkt. Sag ihnen, wenn sie Silas’ medizinische Mittel nicht innerhalb von dreißig Sekunden freigeben, lade ich nicht nur das Patent hoch – ich sende die Live-Strukturdaten jeder einzelnen Brennstoffzelle, die sie bereits an das städtische Netz verkauft haben, öffentlich aus. Ich werde ihr gesamtes Imperium in eine Umweltbombe verwandeln.“
Millers zitternde Hand griff nach seinem Satellitentelefon.
Hinter ihr stotterte der Motor der Limousine plötzlich und verstummte.
Sloane wirbelte herum. Jax zog Silas aus dem Rücksitz und legte ihn flach auf den Betonboden. Die bernsteinfarbenen Armaturenbrettlichter waren erloschen, ersetzt von der tiefen, furchterregenden Dunkelheit der Gießerei.
„Sloane!“, schrie Jax, seine Hände fest gegen Silas’ Brust gedrückt. „Er atmet nicht mehr! Der Knotenpunkt … der Serverraum ist direkt unter uns, aber der Strombypass hat die Aufzugsleitung durchgebrannt. Wir müssen ihn manuell hinunterlassen, sonst ist er tot!“
Sloane blickte auf das Satellitentelefon in Millers zitternder Hand, dann hinunter in die Dunkelheit der Schmelzgrube, wo die Geheimnisse ihres Vaters begraben lagen. Sie hatte die Macht, den Vorstand zu vernichten, doch der Preis für das Heilmittel tickte in den Sekunden des Pulses eines sterbenden Mannes herunter.