Kapitel 8

960 Words
Sloane sank zu Boden, die Skizze aus ihrer Kindheit flatterte auf ihren mit Seide bedeckten Schoß. Die rohe, ungeschönte Realität ihres Lebens traf sie mit der Wucht eines Frontalzusammenstoßes. Ihr Vater hatte die Giftigkeit der Thorne-Welt gekannt, und doch hatte er ausgerechnet Silas als ihren Vormund ausgewählt. „Du hattest das die ganze Zeit“, sagte Sloane, wobei ihre Stimme zu einem tiefen, rauen Raunen absank, das gegen die Tür vibrierte. „Jedes Mal, wenn du mich durch diese Kameras beobachtet hast, jedes Mal, wenn du Jax geschickt hast, um nach dem Laden zu sehen … hast du nicht nur eine Investition im Auge behalten. Du hast den Wunsch eines sterbenden Mannes erfüllt.“ Die Stille auf der anderen Seite der Tür war dicht, schwer von zwanzig Jahren unausgesprochener Last. Als Silas endlich sprach, war seine Stimme so nah, dass sie das Abgehackte seines Atems hören konnte. „Ich wollte nicht dein Retter sein, Sloane“, flüsterte Silas, die aufgeblasene „Ghost“-Persönlichkeit vollständig abgelegt. „Ich wollte der Mann sein, der alles wieder in Ordnung bringt. Aber wie repariert man ein Fundament, das auf Gräbern errichtet ist? Ich dachte, wenn ich dich auf Distanz halte – wenn ich dich dazu bringe, mich zu hassen –, könnte ich das Versprechen erfüllen, ohne dich dabei zu zerstören.“ „Du hast versagt“, entgegnete sie und fuhr mit den Fingern über die Strichfigur, die sie selbst darstellte. „Man kann niemanden beschützen, indem man ihn in einen Käfig aus demselben Gold sperrt, das seinen Vater vergiftet hat.“ Der emotionale Konflikt im Raum war ein physischer Druck, eine Spannung, die so hoch war, dass es sich anfühlte, als könnten die Dielen brechen. Sloane stand auf, ihr Kiefer war mit derselben eisernen Entschlossenheit angespannt, die sie an den Tag legte, wenn sich ein Bolzen nicht drehen ließ. Sie war nicht mehr nur eine Mechanikerin oder eine „Paper Queen“; sie war die Architektin ihres eigenen Überlebens. „Die Pressekonferenz morgen“, sagte Sloane, während ihre Stimme ihre raue, ungeschliffene Kraft zurückgewann. „Du hast mir gesagt, ich solle das Imperium übernehmen. Das werde ich tun. Aber nicht für dich und nicht wegen irgendeiner Kindheitsskizze.“ „Warum dann?“, fragte Silas. „Weil ich die Einzige bin, die weiß, wie man mit den Nachwahlen umgeht“, erwiderte sie und warf ihm seine eigenen Worte zurück. „Ich werde die Thorne Group für jeden Atemzug bezahlen lassen, den sie den Familien in ‚The Pit‘ gestohlen haben. Und du wirst mir dabei helfen, Silas. Nicht aus dem Verborgenen und nicht hinter einem Bildschirm.“ Das Schloss an der Tür zum Westflügel klickte – nicht das schwere, endgültige Geräusch eines Riegels, sondern ein leises, einladendes Öffnen. „Dann komm rein“, sagte Silas. „Wenn wir es schon niederbrennen, können wir es auch gemeinsam tun.“ Sloane stieß die Tür auf. Der Westflügel war nicht die kalte, sterile Festung, die sie sich vorgestellt hatte. Es war eine Werkstatt. An jeder Wand hingen Baupläne, und in der Mitte des Raums stand ein Prototyp der ursprünglichen Brennstoffzelle – die, die ihr Vater entworfen hatte. Silas stand davor, die Ärmel hochgekrempelt, die Hände bedeckt mit demselben schwarzen Schmierfett, das Sloanes Kindheit geprägt hatte. Er sah sie an, sein hübsches Gesicht mit Öl verschmiert, und zum ersten Mal wirkte der „Ghost“ vollkommen, erschreckend menschlich. „Ich versuche schon seit Jahren, die Stabilisatoren zu reparieren“, gab Silas zu und deutete auf die Maschine. „Ich konnte das Problem mit der Toxizität nicht lösen. Mir fehlte das handwerkliche Geschick dafür. Ich hatte nur das Geld.“ Sloane ging zu der Maschine hinüber, ihre Augen verengten sich, als sie die komplexe Verkabelung und die undichten Dichtungen musterte. Sie streckte die Hand aus, ihre Finger fanden ganz von selbst den Fehler im Druckventil. „Das liegt daran, dass du sie wie ein Unternehmensvermögen behandelst“, sagte sie, ihre Stimme wurde sanfter, als sie das vertraute Summen der Maschine spürte. „Du musst sie wie ein Herz behandeln. Wenn du sie zu stark belastest, ohne sie zu entlasten, platzt sie.“ Doch als das Morgenlicht auf das Glas fiel, hallte ein scharfes, rhythmisches Klopfen aus dem Foyer. „Silas! Sloane!“, rief Jax mit verzweifelter Stimme, die ihre übliche zurückhaltende Ruhe verloren hatte. „Macht die Tür auf! Der Vorstand … sie haben den verschlüsselten Stick gefunden. Sie wissen, was ihr vorhabt.“ Silas blickte zur Tür, dann wieder zu Sloane. Die Maske des „Eiskönigs“ versuchte sich wieder über seine Gesichtszüge zu legen, doch sie passte nicht mehr. Er griff nach der Skizze aus seiner Kindheit auf dem Tisch und drückte sie Sloane in die Hand. „Der hintere Aufzug“, zischte Silas und deutete auf eine versteckte Verkleidung in der Wand. „Jax bringt dich in die Garage. Wenn der Vorstand dich hier bei mir findet, werden sie den Ehevertrag nutzen, um dich in einen Rechtsstreit zu verwickeln, der Jahrzehnte dauern wird.“ „Ich lasse dich nicht allein mit ihnen“, widersprach Sloane und umklammerte das Papier fester. „Du lässt mich nicht allein“, sagte Silas und trat in den Schatten, während die Türen des Foyers zu splittern begannen. „Du gehst zur Pressekonferenz. Du hast das Heilmittel, Sloane. Du hast den Beweis. Ich gebe dir dreißig Minuten. Danach mache ich für alle das Licht an.“ Als Sloane in den Aufzug trat, sah sie, wie Silas sich den zerbrechenden Türen zuwandte, seine Silhouette ragte hoch vor der aufgehenden Sonne. Doch gerade als sich die Türen schlossen, sah sie noch etwas anderes – einen kleinen roten Punkt eines Laservisiers, der über die Mitte von Silas’ Brust tanzte.
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