Kapitel 5

1326 Words
Sloane trank die Limo nicht. Sie konnte es nicht. Sie starrte auf die Flasche, deren Glas durch den Tau wie von Tränen verschleiert war, und spürte eine erdrückende Welle des Zwiespaltes. Die eine Seite von Silas war ein Monster, das das schwächelnde Herz ihres Vaters als Druckmittel einsetzte; die andere Seite war ein Mann, der sich an die bestimmte, billige Zuckermarke erinnerte, mit der sie früher den Staub in der Garage hinunterspülte. „Warum tust du das?“, flüsterte sie zur Decke, wohl wissend, dass er zuhörte. „Ist das ein Spiel? Willst du, dass ich dich mag, damit die Maske länger hält?“ Der Sprecher schwieg lange. Als Silas endlich sprach, war die klinische Kälte verschwunden, ersetzt von einer hohlen, zerklüfteten Müdigkeit. „Es ist kein Spiel, Sloane. Es ist eine Erinnerung daran, dass man selbst in einem Käfig etwas haben sollte, das nach Zuhause schmeckt.“ „Zuhause ist eine Garage in ‚The Pit‘, wo ich keine Seide tragen muss, die sich wie Spinnweben anfühlt“, schnauzte sie, wobei ihre Stimme brach. Sie griff nach ihrem alten, ölverschmierten Schraubenschlüssel – dem, den er zu einer Trophäe poliert hatte – und umklammerte ihn, bis ihre Knöchel weiß wurden. „Du hast mir das weggenommen. Du kannst es mir nicht in einer Flasche zurückgeben.“ Am nächsten Morgen trieb der „Ghost“ sie noch weiter in die Enge. Jax kam früh, aber er war nicht allein. Er hatte einen Schneider, einen Juwelier und einen Vertreter einer hochkarätigen Wohltätigkeitsgala mitgebracht. „Die Thorne Foundation veranstaltet heute Abend ihre jährliche Benefizveranstaltung“, erklärte Jax, wobei sein Tonfall eine Mischung aus professioneller Distanz und etwas war, das wie Schuldgefühle aussah. „Als Gesicht der Familie wird von dir erwartet, dass du die Auktion leitest. Silas wird anwesend sein … in seiner üblichen Funktion.“ „Im Dunkeln anwesend, meinst du“, murmelte Sloane. Sie sah Jax an und bemerkte, wie er dastand – zu steif, zu zurückhaltend. „Wird er das jemals leid? Wie ein Vampir zu leben, während der Rest von uns für ihn blutet?“ Jax’ Blick huschte zur Kamera in der Ecke. „Er tut, was für das Imperium notwendig ist, Sloane. Du solltest dich darauf konzentrieren, dasselbe für deinen Vater zu tun.“ Die emotionale Tortur des Nachmittags war brutal. Sloane wurde angestupst, herumgeschubst und mit Diamanten behängt, die sich wie Bleigewichte anfühlten. Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel blickte, sah die „Paper Queen“ zurück – eine wunderschöne, ausgehöhlte Version des Mädchens, das früher Bremsen reparierte und über verrostete Schrauben fluchte. Die Gala fand in einem Ballsaal statt, der sich wie eine Kathedrale der Maßlosigkeit anfühlte. Als Sloane über den roten Teppich schritt, fühlten sich die Blitzlichter wie physische Schläge an. Sie lächelte so, wie Silas es befohlen hatte – ein einstudiertes, leeres Lächeln –, während sich ihr Magen in Knoten verwickelte. Mitten in der Auktion legte sich Stille über den Saal. Hinter der Bühne senkte sich eine riesige Leinwand, und die Silhouette von Silas Thorne erschien. „Meine Frau“, dröhnte die Stimme, deren Klang durch den Ballsaal hallte. „Sie verkörpert die Zukunft von Thorne. Widerstandsfähigkeit. Stärke. Schönheit.“ Sloane stand am Podium, die Scheinwerfer blendeten sie. Sie kam sich wie eine Betrügerin vor. Sie blickte hinaus auf das Meer aus wohlhabenden Gesichtern und sah Miller, den Schuldeneintreiber, der einer Frau in einem Abendkleid zuflüsterte, das mehr kostete als Sloanes Garage. Die Wut loderte auf – eine plötzliche, instinktive Hitze, die die Maske der „Papierkönigin“ durchbrannte. „Mein Mann spricht von Widerstandskraft“, sagte Sloane, ihre Stimme durchdrang den höflichen Applaus, rau und ungeschliffen. „Aber er vergisst, dass man Widerstandskraft nicht kaufen kann. Man verdient sie sich im Dreck. Es sind die Schwielen an den Händen und das Öl im Haar. Es ist das Wissen, dass man, selbst wenn alles, was man heute Abend hier sieht, verschwinden würde, immer noch wüsste, wie man aus dem Nichts etwas aufbaut.“ Es wurde totenstill im Raum. Auf dem Bildschirm rührte sich die Silhouette nicht, doch die Luft im Raum schien um zehn Grad abzukühlen. „Sloane“, erklang Silas’ Stimme durch den Kopfhörer, den sie trug – eine leise, bedrohliche Warnung. „Halt dich an das Skript.“ „Ich habe genug von Skripten, Silas“, flüsterte sie und beugte sich zum Mikrofon hin, damit der ganze Raum ihre Trotzigkeit hören konnte. „Die Auktion ist vorbei. Wenn du mehr Geld für deine Stiftung willst, schau in deine eigenen Tresore. Ich gehe nach Hause.“ Sie marschierte von der Bühne und ignorierte das hektische Flüstern der Veranstaltungskoordinatoren. Am Ausgang fand sie Jax. „Bring mich zurück“, befahl sie. „Sofort.“ Die Rückfahrt war ein stiller Krieg. Jax fuhr mit weiß gekniffenen Fingern am Lenkrad, während die Lautsprecher im Auto stumm blieben. Als sie das Penthouse erreichten, wartete Sloane nicht darauf, dass die Tür geöffnet wurde. Sie rannte zum Ostflügel, bereit, das Seidenkleid in Fetzen zu reißen. Doch als sie ihr Zimmer betrat, blieb sie stehen. Die Tür zum Westflügel – die, die immer verschlossen war, immer still – stand weit offen. Kein Licht drang von innen her, nur derselbe Duft nach Zedernholz und Ozon. „Sloane“, erklang die Stimme aus der Dunkelheit. Sie kam nicht aus einem Lautsprecher. Sie war echt. Sie ging auf die Schwelle zu, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Sie betrat sein Revier, ihre Stiefel schritten lautlos über den dicken Teppich. „Du wolltest die undichte Stelle finden“, sagte Silas. Er saß auf einem Stuhl, den Rücken zu ihr gewandt, und blickte aus einem Fenster, das nichts als den schwarzen Himmel zeigte. „Du wolltest den Mann sehen, der dich gekauft hat.“ „Ich will den Mann sehen, der glaubt, er könne einen Menschen besitzen“, entgegnete sie mit zitternder Stimme. Silas stand auf. Er drehte sich nicht um. Stattdessen griff er nach einer Lampe auf dem Tisch neben sich. „Wenn ich das einschalte“, flüsterte er, „ändert sich alles. Die Finanzierung für deinen Vater. Der Schutz der Werkstatt. Die Lüge, die wir der Welt erzählt haben. Bist du bereit, wieder arm zu sein, Sloane? Bist du bereit, ihn um deiner Neugier willen sterben zu sehen?“ Der emotionale Konflikt war ein körperlicher Schmerz. Sie blickte auf seine breiten Schultern, auf die Art, wie er da stand, mit einer königlichen, einsamen Haltung. Sie dachte an den schwachen Puls ihres Vaters und den Geruch der Garage. Sie dachte an den Fingerabdruck auf dem Zettel. „Ich bin bereits arm, Silas“, sagte sie, ihre Stimme ein hohles Flüstern. „Ich habe Millionen auf der Bank und ein Kleid aus Seide, aber ich habe kein eigenes Leben. Ich bin nur ein Geist, der in deinem Haus spukt.“ Silas drehte sich um. Die Lampe ging an, aber es war kein helles, alles offenbarendes Licht. Es war ein sanfter, bernsteinfarbener Schein, der sein Gesicht kaum erreichte. Sloane schnappte nach Luft, ihre Hand flog an ihren Mund. Er war nicht entstellt. Er war nicht das Monster, das die Gerüchte beschrieben. Silas Thorne war umwerfend gutaussehend, doch sein Gesicht war eine Landkarte der Erschöpfung und einer tiefen, alles durchdringenden Traurigkeit. Aber das war es nicht, was ihr den Atem raubte. Auf dem Tisch neben ihm lag ein Foto. Eine alte Polaroidaufnahme, an den Rändern vergilbt. Es war ein Bild ihres Vaters, zwanzig Jahre jünger, wie er mit einem anderen Mann vor der Garage stand. Ein Mann, der genau wie Silas aussah. „Glaubst du, das hat mit einer Schuld angefangen, Sloane?“, fragte Silas mit rauer Stimme. „Unsere Väter kannten sich nicht nur. Sie waren Partner. Und ich habe dich nicht gekauft, um die Garage zu retten. Ich habe dich gekauft, um die Tatsache zu verbergen, dass meine Familie der Grund dafür ist, dass dein Vater stirbt.“
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