Der Diebstahl, der 100 Jahre kostete
Die Tore des Palastes waren niemals für Menschen wie mich gedacht gewesen.
Ich presste meinen Rücken gegen den nassen Stein, Regen rann mir wie kalte Finger den Nacken hinunter. Die Flasche Antibiotika war in meine Jacke gewickelt, fest gegen meine Rippen gepresst. Dreißig Dollar. Das war alles, was mir noch geblieben war, nachdem die Klinik mich ausgelacht hatte.
„Machen Sie es ihr angenehm“, hatte der Arzt gesagt.
Lina hatte noch zwei Tage. Vielleicht weniger.
Der Blackwood-Palast erhob sich vor mir, als wäre er aus der Erde gewachsen und nicht erbaut worden. Glas und Knochen und uralte Macht. Das Zuhause des Alpha-Königs. Das Monster, mit dem jede menschliche Mutter ihre Kinder zum Gehorsam erschreckte.
Menschen durften nicht über die Außenmauer hinaus.
Heute Nacht war mir das egal.
Der Dienstboteneingang auf der Westseite war genau dort, wo die alte Marktfrau gesagt hatte. Das Schloss war verrostet. Meine Hände zitterten so stark, dass ich das dünne Stück Metall, das ich als Dietrich benutzte, fast fallen ließ. Dritter Versuch. Es gab nach.
Warme Luft schlug mir entgegen, sobald ich eintrat. Trocken. Sauber. Der Geruch von Eisen und teurer Seife und etwas Tieferem – wild, wie Schnee und Blut. Macht. Ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gerochen.
Mondlicht schnitt durch die hohen Fenster und legte silberne Streifen über den Marmor. Ich konnte mein eigenes Spiegelbild im Boden sehen. Klein. Menschlich. Fehl am Platz.
Schritte.
Ich duckte mich hinter eine Statue eines heulenden Wolfes. Zwei Wachen gingen vorbei, Rüstung weich an ihren Körpern, Stimmen leise.
„... dem Alpha geht es schlechter“, murmelte einer. „Wieder kein Schlaf. Hat gestern den Beta angefahren.“
„Hat letzte Woche einen Mann getötet, weil er ihn zu lange angestarrt hat“, antwortete der andere.
Ich hielt den Atem an, bis ihre Schritte verklangen. Meine Beine zitterten. Das war Selbstmord. Lina würde mich dafür hassen.
Dann sah ich ihr Gesicht vor mir – rissige Lippen, glasige Augen, wie sie meinen Namen flüsterte, als wäre sie schon halb fort.
Ich rannte.
Die Krankenstation war genau dort, wo die alte Frau gesagt hatte. Dritte Tür hinter dem Gartenkorridor. Unverschlossen. Natürlich war sie das. Wer wäre dumm genug, den Alpha-König zu bestehlen?
Ich.
Regale ragten vom Boden bis zur Decke. Flaschen mit Namen, die ich nicht aussprechen konnte. Gläser mit Kräutern. Maschinen, die summten, als wären sie lebendig. Ich schnappte mir zwei weitere Flaschen – Schmerzmittel, Fiebersenker – und stopfte sie zu der ersten in meine Jacke.
„Hab es“, flüsterte ich. „Hab es, Lina –“
„Fallen lassen.“
Die Stimme war Eis. Sie schnitt durch den Raum und ließ jeden Muskel in meinem Körper erstarren.
Ich drehte mich langsam um.
Er stand im Türrahmen und blockierte den einzigen Ausgang. Groß. Zu groß. Regen klebte noch an seinem schwarzen Mantel und tropfte auf den perfekten Boden. Dunkles Haar, nass und aus dem Gesicht nach hinten geschoben. Eine dünne Narbe zog sich durch seine linke Augenbraue und eine weitere über seinen Kiefer.
Aber es waren seine Augen, die mein Herz stillstehen ließen.
Gold. Kein menschliches Gold. Wolfsgold. Glühend im schwachen Licht, als würde etwas dahinter brennen.
König Darius Blackwood.
Aus der Nähe sah er schlimmer aus als in den Geschichten. Erschöpft. Gefährlich. Als hätte er seit Jahren nicht geschlafen und es wäre ihm egal, was das mit den Menschen um ihn herum anrichtete.
Er sah nicht die Flaschen in meinen Händen an.
Er sah mich an, als wäre ich bereits tot.
„Diebin“, sagte er. Ein Wort. Ein Urteil.
Mein Mund wurde trocken. Ich tat das Einzige, was ich konnte. Ich log.
„Es tut mir leid, mein Herr. Meine Schwester ist krank. Ich wollte nicht –“
„Spar es dir.“
Er trat ein. Die Tür klickte hinter ihm zu, leise und endgültig. Der Raum schrumpfte. Ich konnte ihn jetzt riechen – Regen und kaltes Metall und etwas Wildes darunter, das mir die Haare auf den Armen aufstellte.
Er ging langsam auf mich zu, wie ein Raubtier geht, wenn es bereits weiß, dass die Beute nicht entkommen kann. Er nahm mir die Flaschen aus den Händen. Seine Finger streiften meine. Eiskalt. Er stellte sie auf den Tresen, ohne sie anzusehen.
Dann griff er nach meinem Handgelenk.
Ich zuckte zurück. „Fassen Sie mich nicht an –“
Seine Hand schloss sich wie Eisen um meine. „Du bist in mein Haus eingebrochen. Du hast aus meinen Vorräten gestohlen. Weißt du, welche Strafe darauf steht, Mensch?“
Ich schüttelte den Kopf. Tränen brannten hinter meinen Augen, aber ich weigerte mich, sie fallen zu lassen. Nicht vor ihm.
„Bitte. Sie ist erst zwölf. Sie hat Fieber und die Klinik hat gesagt –“
Etwas flackerte in diesen goldenen Augen. Kein Mitleid. Etwas Älteres. Erschöpfung vielleicht. Oder das Wiedererkennen einer Art von Verzweiflung, die er nur zu gut verstand.
„Zwei Möglichkeiten“, sagte er. Seine Stimme wurde nie lauter. „Tod. Jetzt gleich. Oder etwas anderes.“
Mein Atem stockte. „Was anderes?“
„Einhundert Jahre.“
Ich lachte. Es kam gebrochen heraus. „Was?“
„Dienst. Für mich. Einhundert Jahre lang. Du wirst meine Dienerin sein. Mein Schatten. Du wirst nicht gehen. Du wirst nicht sprechen, es sei denn, du wirst angesprochen. Du wirst gehorchen. Du wirst schlafen, wenn ich schlafe. Du wirst essen, wenn ich es erlaube. Einhundert Jahre ... und dann bist du frei.“
„Oder ich sterbe heute Nacht“, beendete ich. Meine Stimme funktionierte kaum.
Er nickte einmal. „Wähle.“
Ich hätte den Tod wählen sollen. Lina hätte es verstanden. Sie hätte mir gesagt, ich solle tapfer sein.
Aber der Gedanke an sie, allein in dieser eiskalten Wohnung, glühend vor Fieber, ohne jemanden, der ihre Hand hält, war schlimmer als jedes Messer.
„Ich würde lieber sterben“, flüsterte ich.
Sein Kiefer zuckte. „Schade.“
Er zog ein kleines silbernes Messer von seinem Gürtel. Es fing das Mondlicht auf und warf es auf mich zurück. Mein Herz blieb stehen. So würde ich sterben. Dumm. In einem Palast. Für dreißig Dollar Medizin.
Er richtete es nicht auf mich.
Er zog die Klinge über seine eigene Handfläche.
Blut quoll sofort hervor, dunkel und schnell. Der Geruch traf mich – Kupfer und etwas Wilderes. Wolf. Stärker als alles andere im Raum.
„Letzte Chance, Diebin“, sagte er, als würde er das jeden Tag tun. „Wähle.“
Ich starrte auf das Blut. Auf seine Augen. Auf die Tür hinter ihm, die eine Freiheit bedeutete, die ich nicht mehr nehmen konnte.
Linas Gesicht blitzte in meinem Kopf auf. Ihr schiefes Lächeln. Wie sie mir immer noch die Haare flocht, selbst wenn ihre Hände zitterten.
„Ich ...“
Er packte mein Handgelenk, bevor ich zu Ende sprechen konnte. Seine blutende Handfläche schlug auf die Innenseite meiner.
Schmerz riss wie Feuer und Eis zugleich meinen Arm hinauf. Ich schrie. Der Laut riss roh aus mir heraus.
Er hielt fest. Das Blut war nicht nur Blut. Es bewegte sich unter meiner Haut, brannte, schrieb, beanspruchte. Als er endlich losließ, brach ich auf die Knie zusammen und presste meinen Arm an meine Brust.
Dort, schwach schwarz leuchtend gegen meine Haut, war eine Zahl.
100.
Sie pulsierte einmal. Wie ein Herzschlag. Als wäre sie lebendig.
„Was haben Sie mit mir gemacht?“, keuchte ich.
Darius wischte das Messer langsam und ungerührt an seinem Mantel ab. „Der Fluch hat dich angenommen. Du bist nun gebunden, dem Alpha-König für einhundert Jahre zu dienen.“
Ich sah zitternd zu ihm auf. „Ich habe nicht zugestimmt –“
„Das hast du in dem Moment, als königliches Blut dich berührte.“ Er wandte sich zur Tür. „Dienerin.“
Panik stieg mir die Kehle hoch. „Warten Sie! Was passiert, wenn sie auf null steht?“
Er hielt inne, die Hand am Türknauf. Für eine Sekunde dachte ich, er würde nicht antworten.
„Dann bist du frei.“
„Und wenn ich weglaufe?“
Jetzt sah er zurück. Und er lächelte. Es erreichte seine Augen nicht.
„Dann nimmt sich der Fluch die Jahre aus deinem Leben. Alle hundert auf einmal. Du wärst in einer Woche tot.“
Die Worte trafen härter als die Brandmarkung.
Die Tür öffnete sich. Zwei Wachen traten ein und starrten mich mit offenem Abscheu an. Einer rümpfte die Nase, als würde ich nach etwas Verfaultem riechen.
„Bringt sie in die Dienstbotenquartiere“, befahl Darius. Seine Stimme war wieder flach geworden. Leer. „Zimmer 13. Keine Fenster.“
Sie zerrten mich an den Armen hinaus. Ich starrte die ganze Zeit auf die Zahl an meinem Handgelenk.
Als wir um die erste Ecke bogen, pulsierte sie erneut.
99.
Ein Jahr. Weg. In weniger als fünf Minuten.
Die Gänge verschwammen. Diener lugten aus Türen und schlugen sie wieder zu. Ich hörte Flüstern.
„Mensch.“
„Diebin.“
„Tote Frau auf zwei Beinen.“
Zimmer 13 war genau das, was er versprochen hatte. Keine Fenster. Eine dünne Matte auf dem Boden. Ein Waschbecken. Sonst nichts. Die Tür schloss sich hinter mir mit zwei schweren Klicks, die endgültig klangen.
Ich rutschte an der Wand hinunter und zog die Knie an die Brust. Das Mal an meinem Handgelenk glühte schwach in der Dunkelheit, pulsierte mit jedem rasenden Schlag meines Herzens.
99.
Irgendwo außerhalb dieser Mauern hatte Lina nur noch zwei Tage.
Und der gefährlichste Mann der sieben Königreiche besaß nun den Rest meines Lebens.
Ich presste meine Stirn auf meine Knie und flüsterte das einzige Versprechen, das mir noch blieb.
„Ich komme zurück zu dir. Ich schwöre es.“
Das Mal pulsierte noch einmal, fast als würde es lachen.
98.
Ich war noch nicht einmal zehn Minuten in diesem Zimmer gewesen.