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Die Schuld des Silbermondes

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Elena wird in ihrem Heimat-Rudel vorgestellt, das unter Schulden ächzt. Wir erleben ihre Selbstlosigkeit, als sie der „Silbermond-Schuld“ zustimmt, um ihr Volk zu retten. Sie kommt in Iron-Ridge an, wo sie nicht mit einer Feier, sondern mit einem nüchternen Vertrag und einem Zimmer im hintersten Flügel des Herrenhauses empfangen wird.Auslösendes EreignisThorne teilt Elena mit, dass die Ehe „nur dem Namen nach“ bestehe. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt, um den Rat zufrieden zu stellen, müssen sie sich jedoch berühren. In dem Moment, in dem sich ihre Haut berührt, entflammt ein Funke der „Bindung“, und der uralte Mondstein im Flur erhellt sich zum ersten Mal seit zehn Jahren. Thorne ist entsetzt – er betrachtet dies als Verrat an seiner ersten Gefährtin.

Doch der Mondstein irrt sich niemals.

Während Feinde aus allen Richtungen näher rücken und der Lykanerkönig sein Interesse an Elena zeigt, muss Thorne sich entscheiden: Hält er an der Vergangenheit fest... oder riskiert er alles für eine Gefährtin, die sein Herz nie wieder schlagen lassen sollte?

Denn manche Schulden werden nicht mit Gold bezahlt... sondern mit Blut.

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Kapitel 1: Das Gewicht des Silbers
Die Tinte auf dem Vertrag war das Einzige, was noch finsterer war als die Wunden auf dem Gewissen meines Vaters. Ich stand mitten in der Großen Halle des Silbermond-Rudels, mein Rücken eine starre Linie des Trotzes gegen die erdrückende Atmosphäre der Niederlage. Um mich herum flüsterten die Ältesten, ihre Stimmen wie das trockene Rascheln welker Blätter. Sie sahen mich nicht mehr als die Tochter ihres Alphas an. Sie sahen mich als einen Eintrag in ihrer Buchhaltung. Eine Zahlung. „Unterschreib ihn, Elena“, krächzte mein Vater. Er vermied meinen Blick. Er sah gealtert aus, seine einst so starken Alpha-Schultern hingen unter der Last der Spielschulden und der Missernten, die unser Rudel ausgeblutet hatten. „Nur so verhindern wir, dass uns die Eisenkamm-Insel bis zum Morgengrauen abschlachtet.“ „Ich bin kein Stück Land, Vater“, flüsterte ich, meine Stimme zitterte trotz aller Bemühungen. „Ich bin dein Blut.“ „Du bist eine Luna“, entgegnete er und blickte endlich auf. Seine Augen glänzten vor unvergossenen Tränen und Scham. „Und eine Luna opfert sich für ihr Volk. Alpha Thorne hat versprochen, die Schuld zu begleichen, sobald der Paarungsvertrag besiegelt ist.“ Der Name Thorne ließ mich eiskalt erschaudern. Jeder kannte den Witwer von Eisenkamm. Man sagte, er habe sein Herz vor zehn Jahren im selben Grab wie seine vorherbestimmte Gefährtin begraben. Man sagte, sein Wolf sei ein Schattenwesen, das seit einem Jahrzehnt kein Sonnenlicht mehr gesehen habe. Ich würde nicht dorthin gehen, um eine Ehefrau zu werden. Ich würde dorthin gehen, um die Gefährtin eines Geistes zu sein. Ich nahm den Stift. Die silberne Hülle war kalt und schnitt in meine Haut. Mit einem zackigen Strich unterschrieb ich meine Freiheit. Die Luft im Raum veränderte sich augenblicklich. Die schweren Eichentüren am Ende der Halle schwangen auf und ließen einen so kalten Luftzug herein, dass er die Fackeln am Eingang auslöschte. Zwei Männer traten ein, gekleidet in anthrazitfarbene Anzüge, die wie Rüstungen aussahen. Sie sprachen kein Wort. Sie sprachen kein Beileid aus. „Der Alpha wartet“, sagte der Größere mit tiefer, knurrender Stimme. „Die Kutsche fährt jetzt ab.“ Die Fahrt nach Eisenkamm verschwamm zu einem Nebelschleier, der sich immer weiter nach oben wand. Während die Kutsche die schroffen Gipfel erklomm, wich das üppige Grün meiner Heimat schiefergrauem Stein und uralten, knorrigen Kiefern. Dieses Land wollte sich nicht zähmen lassen. Als wir vor Mondstein-Anwesen ankamen, war mein Atem in der Luft sichtbar. Das Haus war ein Monstrum aus schwarzem Stein und gotischen Bögen, hoch oben am Rande eines Abgrunds. Es wirkte weniger wie ein Zuhause als vielmehr wie ein Grab. Ich wurde durch hallende Flure geführt, deren Wände mit Porträts toter Alphas geschmückt waren, deren Blicke mich mit stummen Urteilen verfolgten. Schließlich hielten wir vor einer Doppeltür aus dunklem Obsidian. „Treten Sie ein!“, dröhnte eine Stimme von drinnen. Es war nicht laut, aber es lastete wie ein Berg. Ich stieß die Türen auf. Der Raum war eine riesige Bibliothek, nur vom schwachen Feuer im Kamin erhellt. Am bodentiefen Fenster stand ein Mann und starrte in die Schwärze des Landes hinaus. Er war breiter, als ich ihn mir vorgestellt hatte, seine Schultern füllten den Rahmen. Er drehte sich nicht um. „Du bist kleiner, als die Berichte vermuten ließen“, sagte er. Die Kälte in seiner Stimme war schärfer als der Bergwind. „Ich bin groß genug, um die Schuld meines Volkes zu tragen, Alpha Thorne“, erwiderte ich und richtete die Schultern. Da drehte er sich um, und mir stockte der Atem. Er war auf eine gefährliche Art schön – kantig, mit stoppelig bewachsenem Kinn und Augen in der Farbe eines Wintermeeres. Doch es war die Narbe über seiner linken Augenbraue und die absolute Leere in seinem Blick, die mir das Herz stehen ließen. „Um es klarzustellen, Elena von Silbermond“, sagte er und kam mit der Anmut eines Raubtiers auf mich zu. Nur wenige Zentimeter vor mir blieb er stehen, sein Duft – Sandelholz und alter Kummer – umhüllte mich. „Ich brauche keine Gefährtin. In diesem Haus ist kein Platz für die Berührung einer Frau. Du bist hier, um den Rat und die Schulden zu begleichen. Du bleibst im Nordflügel. Du wirst mich nicht suchen. Du wirst nicht versuchen, das zu reparieren, was hier kaputt ist.“ Er streckte die Hand aus, seine behandschuhte Hand schwebte nah an meinem Gesicht, dann senkte er sie, um mir den Vertrag aus der Hand zu nehmen. Einen Augenblick lang streiften unsere Finger das Leder. Ein elektrisierender, glühend heißer Schlag traf mich in der Brust. Thorne erstarrte. Seine Pupillen weiteten sich, seine Nasenflügel blähten sich, als er meinen Duft einatmete. Hinter ihm, im Schatten des Flurs, begann ein massiver, uralter Stein in einem schwachen, rhythmischen Silberlicht zu pulsieren. „Nein“, knurrte Thorne, sein Gesicht verzerrte sich zu einer Maske plötzlicher Wut. „Nein, das ist unmöglich.“ „Der Mondstein …“, flüsterte ich und blickte an ihm vorbei, als das Licht heller wurde und die Staubpartikel in der Luft erleuchtete. „Er reagiert.“ Er stürzte sich auf mich und packte meine Oberarme, sein Griff war so fest, dass er mir fast blaue Flecken zufügte. Die Leere in seinen Augen war verschwunden, ersetzt durch eine furchterregende, wilde Hitze. „Was hast du getan?“, brüllte er, seine Stimme vibrierte mit einem unmenschlichen Klang. „Was für ein Betrug ist das? Sie ist tot! Meine Gefährtin ist tot!“ Draußen begannen die Wölfe von Eisenkamm zu heulen – ein Heulen der Trauer, vermischt mit einer furchterregenden, plötzlichen Hoffnung. Thorne stieß mich von sich, als wäre ich aus Feuer. „Sperrt sie im Nordflügel ein!“, rief er den Wachen zu. „Und sagt dem Rat … der Vertrag ist kompromittiert.“ Als die Wachen mich an den Armen packten und wegzerrten, blickte ich zurück zum Alpha. Er saß über den Schreibtisch gebeugt, seine Hände zitterten, und seine Wolfskrallen begannen, das Leder seiner Handschuhe zu zerreißen. Ich war hierhergekommen, um eine Schuld zu begleichen. Doch als der schwere Eisenriegel in meiner Schlafzimmertür einrastete, begriff ich, dass ich in einen Krieg zwischen einem Mann und seiner eigenen Seele geraten war. Und ich war das einzige Opfer.

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