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Staub und Fäulnis quollen über den Dachboden. Astrids Fingernägel waren schwarz vor Schmutz, als sie die Truhen ihrer Mutter durchwühlte. Sie brauchte eine Eigentumsurkunde, einen versteckten Kontoauszug oder ein Wunder. Unten lag die Zwangsversteigerungsankündigung wie ein Todesurteil auf dem Küchentisch. Sie hatte genau sechs Stunden, bis die Bank ihr das Dach über dem Kopf wegnahm.
Sie griff nach einer schweren Truhe in der Ecke. Ihr Vater hatte immer gesagt, Eitelkeit sei eine Sünde und verschlossene Kisten die Werkstatt des Teufels. Aber er war tot, und mit ihm starb der Hof. Sie griff nach einem verrosteten Brecheisen und hebelte den Deckel auf. Das Messingschloss knackte kläglich.
Darin, unter mottenzerfressenen Decken begraben, stand ein kleines Kristallfläschchen. Der Stöpsel war aus massivem Gold. Astrid hielt es gegen das graue Licht, das durch die Dachbalken fiel. Ihre Mutter, eine Frau, die nichts als Stärke und Gebete trug, hatte Parfüm besessen.
Sie wusste, sie sollte es zurückstellen. Der Impuls zu gehorchen war wie ein Phantomglied, das sie nicht unterdrücken konnte. Stattdessen zog sie am Stöpsel.
Ein dichter, dunkler Duft umhüllte ihre Sinne. Es war Jasmin, aber verzerrt – schwer, teuer und gefährlich. Er roch wie die Welt jenseits des Zauns, voller Dinge, die sie nicht begehren sollte.
Das Fenster klapperte. Ein plötzlicher Luftzug brachte den Geruch von Schwefel und edlem Parfüm in den beengten Raum. Astrid erstarrte, ihre Finger wurden weiß um den Kristall.
„Du hast es endlich gefunden.“
Sie wirbelte herum. Ein Mann stand im Schatten der Tür. Er war groß und trug einen Anzug, der mehr kostete als das gesamte Landgut seiner Familie. Auf der Treppe hatte er keinen Laut von sich gegeben.
„Wer sind Sie?“, fragte sie. Ihre Stimme zitterte.
„Reginald Nicodemus.“ Er trat vor, seine Anwesenheit verdrängte die Luft aus dem Raum. Sein Blick blieb auf die Flasche gerichtet. „Dieser Duft wartet schon lange darauf, von einer Solveig wahrgenommen zu werden.“
Astrid wich gegen einen Balken zurück. „Ich kenne Sie nicht. Verschwinden Sie.“
„Sie haben sechs Stunden Zeit, Ihr Leben in Kisten zu packen, Astrid. Oder Sie können zuhören.“ Er deutete vage auf das Stockwerk darunter. „Ich weiß von der Bank. Ich kann die Schulden verschwinden lassen. Für immer.“
Astrid starrte ihn an. „Warum sollte ein Fremder meinen Hof retten?“
„Ich brauche heute Abend eine Sinnesanalyse in meinem Privatclub“, sagte er mit einem gezwungenen Lächeln. „Einen Abend Ihrer Zeit. Sie kommen jetzt mit, machen mit, und ich rufe an, um die Auktion zu stoppen.“
„Was für eine Analyse?“
„Eine, die denen mit der richtigen Abstammung sehr gut bezahlt.“ Er streckte die Hand aus. Der Schwefelgeruch verstärkte sich. „Sie können hierbleiben und bis zum Morgengrauen alles verlieren, oder Sie können darauf vertrauen, dass ich der Einzige bin, der Ihnen einen Ausweg bietet.“
Astrid blickte auf den staubigen Boden, dann auf den goldenen Stöpsel in ihrer Hand. Der Hof war alles, was sie besaß.
„Gut“, flüsterte sie.
Nikodemus ergriff ihre Hand. Seine Haut war unnatürlich warm. „Eine kluge Entscheidung. Wir brechen sofort auf.“
Als er sie zur Treppe führte, spürte Astrid einen kalten Knoten in der Brust. Sie hatte das Haus gerettet, aber sie ahnte nicht, was sie dafür geopfert hatte.
Nikodemus führte Astrid durch einen gotischen Torbogen. Die Empfangshalle wirkte wie eine Kathedrale, geschaffen für die Verehrung des Fleisches. Samt in der Farbe getrockneten Blutes umrahmte die von dichtem Nebel verhüllten Fenster. Kristalllüster warfen gebrochenes Licht auf golddurchzogene Marmorböden. Die Luft war erfüllt von einem schweren Gemisch aus Weihrauch, Moschus und einer aufdringlichen Süße, die Astrids Kehle zuschnürte.
Sie versuchte, den Prunk durch die Brille der Predigten ihres Vaters zu betrachten. Er sprach von Sünde als einem Fehltritt, doch dieser Ort wirkte bewusst gewählt. Hier verfielen die Menschen nicht einfach der Bosheit. Sie verhandelten darüber.
Eine Frau trat hinter einem Mahagonischreibtisch hervor. Ihre Bewegungen waren fließend, ihre Haut so blass, dass sie fast durchscheinend wirkte. Sie lächelte und zeigte dabei zu viele Zähne.
„Reginald. Sie sind pünktlich.“ Ihr Blick wanderte zu Astrid, klinisch und kalt. „Ist das das Mädchen Solveig?“
„Astrid“, korrigierte Nicodemus. „Astrid, das ist Elara. Sie führt die Beurteilungen durch.“
Elaras Lächeln blieb starr. „Der Ablauf ist standardisiert. Wir messen die Pheromon-Basisreaktionen, beurteilen die Kompatibilitätsmerkmale und bestimmen Ihr Platzierungspotenzial. Sie werden dreißig Minuten in der Kammer verbringen.“
Die Fachbegriffe klangen professionell, doch Elaras Tonfall ließ Astrid erschaudern. Sie klang wie eine Pathologin, die dem Patienten am Tisch eine Autopsie erklärte.
„Was genau beinhaltet die Beurteilung?“ „Astrid fragte.
„Na, na.“ Eine scharfe Stimme hallte durch den Flur. „Nicodemus hat uns einen Quäker mitgebracht.“
Astrid drehte sich um und sah einen Mann, der sich an den Torbogen lehnte. Sein Anzug war so geschnitten, dass er seine imposante Statur betonte. Er war jünger als Nikodemus und doppelt so arrogant. Sein Blick wanderte über ihr schlichtes Kleid und ihre Gebetsmütze und blieb schließlich an dem Staub auf ihren Stiefeln hängen.
„Kaelen“, sagte Nikodemus. „Ich dachte, du hättest keine Zeit.“
„Interne Rotation.“ Kaelen umkreiste Astrid wie ein Viehhändler auf einer Auktion. „Glaubst du wirklich, sie besteht? Sieh sie dir an. Die fällt wahrscheinlich in Ohnmacht, wenn jemand den Saum ihres Rocks erwähnt.“
Astrid wurde heiß im Gesicht. Sie öffnete den Mund, um ihre Würde zu verteidigen, doch die Worte erstarben. Sie verstand nicht einmal die Regeln dieses Spiels.
Kaelens Grinsen wurde breiter. „Das wird unterhaltsam. Weißt du überhaupt, was sie da drinnen mit Mädchen wie dir anstellen?“
„Jetzt reicht’s“, unterbrach Elara sie. „Astrid, komm mit.“
Astrid ballte die Fäuste. Kaelens Verachtung fühlte sich an wie ein Brandmal, das sie als zerbrechlich und leicht zu zerbrechen kennzeichnete. Sie folgte Elara in einen Korridor, der von tiefen Schatten gesäumt war. Hinter ihr hallte Kaelens höhnisches Lachen von den Marmorwänden wider.
Nicodemus’ Hand streifte kurz ihre Schulter. „Ignorier ihn. Er will dich nur verunsichern.“
Doch der Schaden war angerichtet. Astrid begriff, dass dies kein Vorstellungsgespräch oder eine einfache Charakterprobe war. Sie wurde für einen Markt bewertet, von dessen Existenz sie nichts ahnte. Was auch immer in dieser Kammer geschehen würde, sie wusste, der Preis würde höher sein, als sie sich leisten konnte. Sie trat in die Dunkelheit und ließ die Welt, die sie kannte, hinter sich.
Elara öffnete ein Fläschchen, nicht größer als ein Daumen. Ein Duft von Jasmin, vermischt mit etwas Urwüchsigem, erfüllte die Luft. Er umging jede Vernunft und traf Astrid bis ins Mark.
„Atme“, sagte Elara.
Astrid versuchte zurückzuweichen. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Hitze stieg in ihr auf und breitete sich in Wellen aus, die ihre Knie einknicken ließen. Sie klammerte sich an die Kante der Untersuchungsliege, während ihr Atem in kurzen Stößen kam. Es fühlte sich weniger nach Erregung an, mehr nach einem Übergriff.
„Was hast du getan?“, brachte Astrid mühsam hervor.
„Deine Signatur lautet Surfen“, sagte Elara. Sie betrachtete Astrid mit der Distanz einer Wissenschaftlerin, die ein Präparat untersucht. „Interessant. Es ist viel stärker, als ich erwartet hatte.“
Astrids Sicht verschwamm. Ihre Haut spannte, und ihr Puls hämmerte in ihren Ohren. Sie wollte fliehen, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht. Etwas in ihr war erwacht. Es erkannte den Duft und reagierte wie ein Schlüssel im Schloss.
Nicodemus trat aus dem Schatten nahe der Tür hervor. Sein Gesichtsausdruck blieb undurchschaubar, doch seine Augen funkelten. „Es passt.“
Elara nickte. „Bestätigt. Die Untersuchung war erfolgreich.“
Astrid presste Worte hervor, die wie benebelt in ihrem Kopf lagen. „Was … was geschieht mit mir?“
Elara stellte das Fläschchen ab und durchquerte den Raum mit gemächlichen Bewegungen. „Ich habe etwas erweckt, das bereits da war. Du trägst eine besondere Gabe in dir, Astrid. Es ist eine übernatürliche Signatur, die mit deiner Blutlinie verbunden ist.“ Sie hielt inne und lächelte scharf. „Als Belohnung für dein Bestehen biete ich dir an, worum die meisten Mädchen hier betteln – s*x mit mir. Bezahlung für deinen Erfolg.“
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Astrid wurde übel. Sie hatte einen Gehaltsscheck oder einen Vertrag erwartet, nicht ein Angebot.
„Das will ich nicht.“ Elara hob abwehrend die Hand.
Der Raum geriet ins Wanken. Astrids Mutter war in ihrem Leben wie ein Geist gewesen. Eine stille, gehorsame Frau, die starb, bevor Astrid zehn Jahre alt war. Sie hinterließ nichts als Steppdecken und eine verschlossene Truhe. Sie hatte keine Geheimnisse, keine Geschichte.
Doch, sie hatte sie.
Astrids Hände zitterten, als sie sich aufrichtete. „Wer hat gewartet?“
Elaras Lächeln wurde breiter, doch sie gab keine Antwort. Sie trat nur zurück und warf Nikodemus einen kurzen Blick zu.
Astrid wandte sich ihm zu. Ihre Stimme versagte. „Wer ist es?“
Nikodemus betrachtete sie mit der Ruhe eines Mannes, der das Spiel bereits gewonnen hatte. „Das ist ein Thema für ein anderes Mal.“
Die Wucht dieser Enthüllung erdrückte sie. Astrid begriff, dass sie nicht zufällig in diese Welt geraten war. Sie hatten sie erwartet. Sie hatten sich auf sie vorbereitet. Die Vergangenheit ihrer Mutter hatte den Grundstein gelegt, und Astrid war direkt in die Falle getappt.