ANN
Der Fernseher summte monoton im Hintergrund des Hotelzimmers. Ich war jetzt seit drei Tagen hier. Am Freitagabend hatte ich den Gedanken nicht ertragen, ins Wohnheim zurückzukehren. Und auch heute konnte ich es nicht.
Ich durfte Nalim nicht über den Weg laufen… oder Lara. Oder irgendwem.
Was hätte ich ihnen sagen sollen?
Und ich wusste nicht, was ich tun sollte.
So tief unten war ich noch nie gewesen.
Und nicht einmal wegen dem, was am Freitagabend passiert war, sondern wegen dem, was in den zwei Wochen davor geschehen war.
Ich hatte zugelassen, dass Armut meine Moral auffraß. Etwas, das niemals hätte käuflich sein dürfen.
Und dann hatte ich ihn getroffen…
Der Kloß in meinem Hals war dauerhaft da, hart und schmerzhaft. Ich konnte nicht einmal an unsere Zeit denken, ohne zu weinen.
Ich hatte geglaubt, es sei etwas Besonderes gewesen.
Aber das war es nicht. Ich hatte mir etwas eingeredet, hatte in einem Mann etwas gesehen, das nie da gewesen war.
Er war nicht der, für den ich ihn gehalten hatte.
Das war das Schlimmste daran. Zu wissen, dass ich mich selbst enttäuscht hatte. Ich war so geblendet von seinem Licht gewesen.
Meine Sicht verschwamm erneut, als mir wieder die Tränen kamen.
Ich stand an einem Abgrund meines Lebens. An einem Wendepunkt. Und ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte.
Ich wollte nach Hause. Ich wollte alles einpacken und in die Schweiz zurückkehren, zu meiner Familie.
Aber dann wäre das nur ein weiteres Scheitern auf der langen Liste meines Lebens gewesen.
Meine Gedanken drifteten zurück zu meinem schlimmsten Tag. Zu dem Tag, an dem ich krank von der Arbeit nach Hause gekommen war und meinen geliebten Ehemann dabei erwischt hatte, wie er in unserem Bett mit einer Kollegin schlief.
Wie er zu mir aufgesehen hatte… während er noch in ihr war.
Mein Magen zog sich zusammen. Ich konnte es noch immer so deutlich sehen. Konnte den Schmerz meines brechenden Herzens noch immer fühlen. Konnte ihn noch immer sehen, wie er mit einer Erektion aus dem Zimmer rannte… ihretwegen.
Ich schloss die Augen und schluckte schwer. Der Kloß in meinem Hals war groß und tat den ganzen Weg hinunter weh.
Damals hatte ich wenigstens meine Würde gehabt.
Ich atmete tief und zittrig ein. „Du wirst okay sein“, sagte ich mir selbst.
„Es ist okay. Du wirst okay sein.“ Ich wischte mir eine einzelne Träne aus dem Gesicht.
Aber ich wusste nicht, ob ich wirklich okay sein würde.
Diese Wunde saß tief.
Die Tür öffnete sich.
„Vianne.“ Die Frau lächelte.
Ich umklammerte meine Handtasche und stand auf. „Guten Tag.“
„Kommen Sie herein, Liebes.“ Sie bedeutete mir, ihr in ihr Büro zu folgen. „Bitte, nehmen Sie Platz.“
„Danke.“ Ich setzte mich, während sie hinter ihren Schreibtisch trat.
„Ich habe verstanden, dass Sie Ihr Stipendium an die Universität Hamburg übertragen lassen möchten?“
„Ja.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Das stimmt.“
Nach einer Woche im Hotel und intensiver Selbstreflexion hatte ich entschieden, dass ich nicht noch einmal zulassen würde, dass ein Mann mir etwas nahm. Das hier war mein Traum. Und verdammt noch mal, ich würde ihn am Leben halten.
Die Frau musterte mich einen Moment lang. „Sie wissen, dass Hamburg nicht die gleiche Reputation hat wie wir hier in Berlin?“
„Das weiß ich.“
„Ich verstehe nur nicht, warum—“
„Ich muss aus Berlin weg“, unterbrach ich sie.
Ihr Blick hielt meinen fest. „Geht es Ihnen gut?“
„Ich muss diesen Campus verlassen. Ich kann hier nicht mehr sein.“
Sie sah mich prüfend an. „Sind Sie angegriffen worden?“
Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich zusammenzureißen. „Bitte organisieren Sie einfach die Übertragung.“
„Ist die Polizei eingeschaltet? Soll ich eine Beraterin für Sie hinzuziehen?“
„Mir geht es gut. Ich hatte einfach eine sehr schlimme Trennung und muss weg.“
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und seufzte schwer. „In Ordnung.“ Sie tippte etwas in ihren Computer. „Wann möchten Sie beginnen?“
„Nächsten Monat.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich brauche ein paar Wochen, um umzuziehen und alles zu regeln.“
„Gut. Ich sehe, was ich tun kann.“
„Glauben Sie, es klappt?“, fragte ich. „Also… glauben Sie, dass ich angenommen werde?“
„Die Universität ist nicht ausgelastet, und Ihr Stipendium ist übertragbar.“
„Ich werde auch keine Unterkunft im Wohnheim benötigen.“
„Wo werden Sie wohnen?“ Sie runzelte die Stirn.
„Ich miete eine Wohnung. Die Mieten sind dort deutlich günstiger.“
„Wann reisen Sie ab?“
„Heute Abend. Sobald ich mein Zimmer gepackt habe.“
„Ist etwas passiert, Vianne? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
Mir stiegen die Tränen in die Augen. Bitte seien Sie jetzt nicht nett zu mir… das halte ich nicht aus.
„Mir geht es gut, aber ich muss jetzt wirklich gehen.“ Ich stand auf, um das Gespräch zu beenden.
„Unterschreiben Sie bitte noch keinen Mietvertrag, bevor das genehmigt ist, ja?“
„Danke.“ Ich schenkte ihr ein schwaches Lächeln.
Ich ging über den Campus zurück zu meinem Zimmer. Um diese Uhrzeit liefen die Vorlesungen, die Flure waren entsprechend ruhig. Ich wollte gepackt und verschwunden sein, bevor gegen drei Uhr alle zurückkamen.
Ich steckte den Schlüssel in meine Tür, als sich Penelopes Tür öffnete und sie erschien.
„Hi“, sagte sie.
„Hallo.“ Ich kämpfte mit dem Schlüssel, bis ich die Tür schließlich aufdrückte und hineinging.
Sie blieb in meiner Tür stehen und hielt sie offen. „Wo warst du?“
„Ich habe bei einer Freundin übernachtet“, log ich.
„Man hört, du würdest anschaffen gehen.“
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals. „Wer hat dir das erzählt?“
„Angeblich ist Nalim völlig am Boden zerstört. Er hat sich Lara anvertraut.“
Ich nickte, während sich mir das Bild zusammensetzte. „Und Lara hat es weitergetragen.“
Sie verschränkte die Arme. „Ja… so ziemlich.“
Meine Augen füllten sich mit Schamtränen. „Alles okay bei dir?“
Ich presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich gehe.“
„Jetzt?“
Ich nickte.
Sie trat in mein Zimmer. „Ich helfe dir packen.“
Sie begann, meine Bettwäsche zusammenzulegen, holte Sachen aus dem Kleiderschrank und legte sie aufs Bett.
Ich sah sie einen Moment lang einfach nur an.
„Na, was ist?“, fragte sie. „Willst du nicht hier weg sein, bevor die Gerüchteküche komplett explodiert? Du weißt doch, wie diese Arschlöcher sind.“
Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln und zog meinen Koffer aus dem Schrank.
Es war selten, dass mich Menschen überraschten.
„Danke.“