Kapitel 1
Zara
Ich stehe barfuß im Wohnzimmer, mein Seidenkimono hängt lose von einer Schulter und ich habe ein Champagnerglas in der Hand, während der Kerzenschein in sanften, goldenen Wellen über die Wände flackert.
Es ist alles so herzzerreißend romantisch. Oder das wäre es, wenn jemand hier wäre, um es mit mir zu teilen. Aber es ist niemand hier.
Mein Blick wandert zur Uhr und mit einem Schreck sehe ich, dass Mitternacht vor einer Stunde vergangen ist.
„Na, das war's dann wohl“, murmele ich. „Alles Gute zum Hochzeitstag!“
Mein Handy liegt mit dem Display nach oben auf dem Tisch und verspottet mich mit seinem stummen Schweigen. Keine Anrufe, keine Nachrichten, nicht einmal eine dürftige Ausrede.
Adrian „Knox“ McVale, der Präsident des Night Howlers Motorradclubs und mein Ehemann, ist seit einem Monat verschwunden. Kein Kontakt, keine Spur von ihm. Außer dem verweilenden Duft von Leder und Rauch, den er immer hinterlässt.
Und ich habe gelernt, in der Stille zu leben, die er geschaffen hat. Schließlich habe ich schon drei Jahre Übung.
Meine Finger drücken unbewusst gegen meinen Bauch.
Ein dumpfes Ziehen pulsiert dort. Tiefer als Hunger, tiefer als alles, was ich noch ignorieren könnte. Die Stimme des Arztes von heute Morgen hallt in meinem Kopf wider. Er klang klinisch distanziert: „Ohne sofortige Behandlung ist die Situation lebensbedrohlich, Frau McVale. Der Krebs ist sehr aggressiv, aber es gibt eine Überlebenschance von vierzig Prozent mit einer Operation.“
Ich nickte. Denn das war es, was man tun sollte, wenn Ärzte einem etwas Verheerendes mitteilten. Danach machten wir einen Operationstermin für nächste Woche aus. Aber ich erzählte Knox nichts davon. Ich dachte nicht einmal darüber nach.
Denn er ist momentan unerreichbar. Verschluckt von irgendwelchen MC-Angelegenheiten. Und so stehe ich jetzt hier mit einem Glas Champagner in der Hand und halte an etwas fest, das nie wirklich nach mir gegriffen hat.
Aber selbst wenn er nicht vor der Diagnose verschwunden wäre, hätte ich ihm davon erzählt?
Klar, wir sind verheiratet. Aber eigentlich nur auf dem Papier. In Wirklichkeit schlafen wir schon seit drei Jahren in getrennten Zimmern. Ich war damals nur eine Verhandlungsmasse in einem Spiel, das zwischen meinem Vater und Knox gespielt wurde. Obwohl ich Knox seit meinem achtzehnten Lebensjahr liebe, war seine Liebe nie Teil des Deals.
Plötzlich klingelt es an der Tür. Ich erschrecke mich, aber für einen Moment erfüllt Hoffnung mein Herz. Sie fühlt sich scharf und schmerzhaft an.
„Knox?“, sage ich, während ich den Raum überquere. Mein Herz verrät mich mit einem kleinen, erwartungsvollen Flattern. Genug, um mich selbst dafür zu hassen, noch bevor meine Hand die Tür erreicht. „Bist du das?“
Ich öffne die schwere Holztür und sehe Becca Chastain, die sich gegen den Türrahmen lehnt, als würde sie das verdammte Ding besitzen. Ihr langes, blondes Haar fällt über ihre Schultern und ihre Lippen zeigen ein knalliges, selbstbewusstes Rot. Sie zögert nicht einmal. Sie schwebt an mir vorbei, als würde ich gar nicht existieren. Ihre hohen Absätze klacken mit einer Selbstsicherheit auf dem Boden, die ich in diesem Haus nie besessen habe.
„Mein Gott! Du hast wirklich gedacht, er würde kommen?“, sagt Becca. Ihr leuchtend blauer Blick schweift über die Kerzen, den unberührten Tisch und all die Mühe, die ich mir für jemanden gemacht hatte, der sich nicht einmal die Mühe machte, anzurufen. „Wie armselig ist das eigentlich?“
Ich antworte ihr nicht. Denn es gibt nichts zu sagen, das nicht lächerlich klingen würde, weil sie tatsächlich recht hat. Stattdessen entscheide ich mich für kühle Ruhe und zwinge meine Stimme, ruhig zu bleiben.
„Wenn du gekommen bist, um zu prahlen, verschwende nicht deine Zeit, Becca!“
„Ach, Süße“, sagt sie leise und dreht sich zu mir um. „Ich bin nicht gekommen, um zu prahlen. Aber ich habe Geschenke dabei.“
Sie lächelt und greift mit einer Art unbekümmerter Präzision in ihre Tasche, die meine Brust sich zusammenziehen lässt.
Für ein paar glückselige Sekunden starre ich in völligem Unverständnis auf den Plastikstab, den sie in der Hand hält. Ich blinzle nur dumm, aber dann sehe ich es.
Es ist ein verdammter Schwangerschaftstest! Und er zeigt zwei fette Linien. Positiv.
Trotz meines Schocks weiß ich, dass es nur einen Grund geben kann, warum sie mir das zeigen würde.
„Nein“, sage ich, obwohl das Wort keine wirkliche Überzeugung vermittelt. „Es ist nicht von Knox.“
„Doch“, erwidert sie, beobachtet mich. Als wolle sie genau sehen, wie sehr es mir wehtut. „Es ist zweifellos seins.“
Meine Finger krümmen sich in meine Handflächen und die Nägel schneiden in meine Haut. „Du lügst!“
„Tue ich das?“ Becca neigt den Kopf. „Hast du wirklich gedacht, Knox wäre enthaltsam, nur weil du es warst, du frigide Kuh? Ach, bitte! Du weißt doch, dass deine Ehe eine Farce ist.“
Ich zwinge mich zur Ruhe. „Warum bist du dann hier?“
„Weil ich es satt habe zu warten.“ Sie tritt näher. So nah, dass ich ihr moschusartiges Parfüm riechen kann. „Und er auch.“
Sie drückt mir einen Stapel Papiere gegen die Brust. Ich starre darauf und die Worte verschwimmen vor meinen Augen. Es sind Scheidungspapiere.
Meine Kehle schnürt sich zu. „Er ist nicht selbst gekommen, um mir das zu geben?“
Beccas volle Lippen kräuseln sich. „Warum sollte er? Du warst nie dazu bestimmt, für immer mit ihm zusammen zu sein. Denn er wird sein Leben mit mir und unserem Baby verbringen.“
Ihre Worte treffen mich härter als alles andere, sogar härter als der Anblick der Scheidungspapiere. Obwohl ich damals die unpersönlichen Bedingungen unserer Vereinbarung akzeptiert habe, habe ich immer gehofft, dass Knox meine Liebe erwidern wird. Ich habe immer gehofft, dass es eines Tages eine echte Ehe werden wird.
Ein nun vertrauter, scharfer Schmerz schießt durch meinen Magen und die Worte des Arztes blitzen erneut in meinem Kopf auf: „Aggressiver Krebs. Vierzigprozentige Überlebenschance.“
„Ich will ihn sehen“, sage ich leise.
Becca hebt eine Augenbraue. „Warum?“
Ich treffe ihren Blick. „Weil ich, egal was passiert, immer noch seine Frau bin. Ich werde diese Ehe anständig beenden.“
Zum ersten Mal zögert Becca, aber dann lacht sie. „Na gut. Er ist an einem Treffpunkt, den du nicht kennst, außerhalb der Stadt. Ich fahre dich hin und du nimmst dir dann ein Uber zurück und fängst an zu packen. Du musst schnellstmöglich aus meinem Haus verschwinden.“
Langsam ziehe ich mir meine Schuhe und einen Mantel an. Meine Augen fallen auf die Papiere auf dem Tisch neben der Tür.
Zehn Jahre, in denen ich ihn geliebt habe, und drei Jahre Ehe. Alles reduziert auf zwei Seiten Tinte und zwei Unterschriften.
„Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag, Knox!“, flüstere ich. „Ich wünschte, ich würde dich nicht lieben, aber ich tue es. Verdammter Mist!“
Ich atme tief aus und folge dann der Geliebten meines Mannes aus meiner Haustür.