Sie ging nach Hause und schlief nicht.
Das war nichts Neues – seit August war der Schlaf etwas Unbeständiges, kam spät und ging früh, ein Hausgast, der nie ganz ausgepackt hatte. Aber diesmal war es anders. Frühere Schlaflosigkeit war Trauer gewesen, jene formlose Art um drei Uhr morgens, die weder einen Grund noch eine Logik hatte. Diesmal gab es einen Grund. Diesmal hatte es eine Form.
Juli.
Sie lag auf dem Rücken, beide Handflächen auf die Matratze gepresst, starrte an die Decke und wälzte das Wort so, wie man einen Stein umdreht – vorsichtig, weil man nicht sicher war, was darunter lebte.
Juli bedeutete: vorher. Juli bedeutete, dass das Zimmer nicht als Reaktion auf ihren Unfall hergerichtet worden war, sondern in Erwartung von etwas – von ihr, genauer gesagt, in einem Zustand, den er nicht hätte vorhersagen können. Juli bedeutete, dass entweder Konstantin Voss über eine Art ausgeklügelter, zufälliger Vorhersehungskraft verfügte, die es außerhalb der Fiktion nicht gab, oder dass die Geschichte, die sie sich selbst über den Unfall erzählt hatte, einer grundlegenden Überarbeitung bedurfte.
Sie hatte der offiziellen Darstellung nie ganz geglaubt. Das war es, was sie Didier, den Ärzten und dem Ermittler der Theaterversicherung, der ihr im September mit seinem zurückhaltenden Gesichtsausdruck und seinen behutsamen Fragen gegenübergesessen hatte, nicht gestanden hatte. Die Beleuchtungsanlage war zwei Tage vor dem Konzert überprüft worden. Vollständig für sicher befunden. Die Schwachstelle – eine einzige korrodierte Halterung – war als ohne Spezialausrüstung nicht erkennbar beschrieben worden.
Sie hatte zu all dem genickt.
Sie hatte nichts davon geglaubt.
Aber Unglaube ohne Beweise war bloße Paranoia, und Solène hatte schon genug zu bewältigen, ohne das noch dazu zu nehmen. Also hatte sie es abgelegt – an denselben Ort, an dem sie das Fenster abgelegt hatte, das sie nicht zweimal angesehen hatte, an denselben Ort, an dem sie das besondere Gefühl der Luft in ihrer Wohnung in jener ersten Nacht zu Hause abgelegt hatte. Eine Schublade, die sie verschlossen hielt, weil sie nicht bereit war für das, was das Öffnen von ihr verlangen könnte.
Der Juli war ein Schlüssel.
Sie war nicht bereit. Sie legte ihn zurück in die Schublade, schloss sie ab und lag im Dunkeln, bis der Morgen grau und wenig überzeugend durch die Vorhänge hereinbrach.
Am Mittwoch kehrte sie zurück.
Das war das, was sie sich selbst nicht ganz erklären konnte – die Rückkehr. Sie hatte die Informationen, die sie hatte, die verschlossene Schublade, den kalten Schauer des Verstehens, der ihr den Rücken hinuntergefahren war und sich nicht ganz zurückgezogen hatte, und trotzdem ging sie zurück. Sie redete sich ein, es sei der Boden. Die 80-Hertz-Resonanz, der Ravel, der durch das Holz in ihre Handflächen drang. Sie redete sich ein, es sei das Programm, das Studio, der erste Morgen seit zwei Monaten, der so etwas wie einen Sinn in sich barg.
Sie redete sich nicht ein, es liege an ihm. Diese besondere Ehrlichkeit konnte warten.
Er war bereits im Studio, als sie eintraf. Er stand am Fenster, so wie er an seinem Bürofenster gestanden hatte – nach draußen blickend, oder so schien es zumindest, in der Haltung eines Mannes, der nachdenklich wirkt, während er in Wirklichkeit etwas ganz anderes tut. Er drehte sich um, als sie eintrat, und sie hatte den deutlichen Eindruck, den sie sofort unterdrückte, dass er genau den Moment gekannt hatte, in dem sie die Treppe hinunterkam.
Er hatte den Raum umgestaltet.
Unauffällig – nichts Dramatisches, nichts, woran sie vernünftigerweise Anstoß nehmen könnte. Der Stuhl war einen halben Meter näher an das Klavier gerückt. Ein zweiter Stuhl war aufgetaucht, dem ersten gegenübergestellt. Auf einem kleinen Tisch zwischen ihnen standen zwei Tassen Kaffee, bereits eingeschenkt, der Dampf deutete darauf hin, dass sie erst vor kurzem zubereitet worden waren.
Ganz frisch. Als hätte er genau gewusst, wann sie kommen würde, obwohl wieder einmal, wie schon zuvor, keine Uhrzeit vereinbart worden war.
Sie stand in der Tür und betrachtete die beiden Stühle und den Tisch und den Kaffee und spürte die Anordnung – die Art, wie der Raum stillschweigend um die Annahme ihrer Anwesenheit herum neu gestaltet worden war.
Sie setzte sich. Nahm den Kaffee in die Hand.
Er setzte sich ihr gegenüber und schrieb, ohne sie zu begrüßen: Du hast auf das Datum geschaut.
Keine Frage.
Sie sah ihm in die Augen. Schrieb: Du wusstest, dass ich das tun würde.
Er dachte darüber nach. Schrieb: Ich wusste, dass du intelligent bist.
Das ist keine Antwort.
Es ist die richtige.
Sie sah ihn einen langen Moment lang an. Das Besondere an seinem Gesicht – das lernte sie langsam –, war, dass es nichts vortäuschte. Die meisten Gesichter standen in ständigem Austausch mit der Welt, steuerten den Eindruck, milderten Schärfen. Seins war einfach da.
Was auch immer er fühlte, falls er es fühlte, lebte irgendwo tiefer als der Ausdruck, und was an die Oberfläche drang, war nur das, was er nach oben schickte.
Im Moment war das, was er nach oben schickte, nichts. Geduldiges, beständiges Nichts.
Sie schrieb: Warum Juli.
Er las es. Legte den Stift beiseite. Sah sie mit diesem unbewegten Blick an, und für einen Moment dachte sie, er würde gar nicht antworten – dass er sie einfach aussitzen würde, so wie er offenbar alles aussitzen konnte, mit der gemächlichen Zuversicht eines Menschen, der bereits entschieden hatte, wie das Gespräch enden würde.
Dann nahm er den Stift wieder in die Hand.
Ich wusste, dass dir etwas zustoßen würde.
Sie las es. Las es noch einmal. Spürte, wie sich ihr Atem veränderte, und kontrollierte ihn.
Schrieb: Das ist nicht dasselbe wie zu sagen, dass du es nicht verursacht hast.
Der Raum umschloss sie. Irgendwo unten wieder das Cello – Yael Chen, angemessen, präsent – die Schwingung wanderte durch den Boden zwischen ihnen herauf wie eine dritte Stimme in einem Gespräch, das kein gutes Ende nahm.
Er betrachtete lange, was sie geschrieben hatte.
Dann schrieb er, langsam, mit der bedächtigen Präzision eines Mannes, der jedes Wort so wählte, wie er jede Position jedes Musikers in einem Orchester wählte:
Nein. Das ist es nicht.
Solène stellte ihren Kaffee ganz vorsichtig ab.
Im Raum herrschte Stille, so wie es in Räumen still ist, wenn gerade etwas Unwiderrufliches gesagt wurde – eine Stille mit Gewicht, mit Textur, die auf die Haut drückte.
Sie sollte gehen. Der Gedanke kam voll ausgebildet, klar und eindeutig, der vernünftigste Gedanke, den sie seit August gehabt hatte. Sie sollte aufstehen und hinausgehen und jemanden anrufen – Didier, die Polizei, irgendjemanden – und sie sollte nicht zurückkommen.
Sie blickte auf den Notizblock zwischen ihnen.
Sie blickte ihn an.
Er hatte sich nicht bewegt. Hatte nicht nach dem Notizblock gegriffen, um etwas zu korrigieren, zurückzunehmen oder abzuschwächen. Er saß da mit dem, was er geschrieben hatte, so wie er mit allem saß – in völliger Stille, als hätte er etwas Wahres auf den Tisch zwischen ihnen gelegt und würde einfach abwarten, was sie damit anfangen würde.
Sie nahm ihren Stift zur Hand.
Schrieb: Erzähl mir den Rest.
Da regte sich etwas in seinem Gesicht – so flüchtig, dass sie es fast übersehen hätte, ein einziges unbewachtes Aufblitzen in der Dunkelheit seiner Augen, das in weniger als einer Sekunde wieder verschwunden war. Sie speicherte es sorgfältig an einem Ort ab, den sie getrennt von der verschlossenen Schublade aufbewahrte.
Keine Schuld. Kein Triumph.
Erleichterung.
Als hätte er schon sehr lange darauf gewartet, dass jemand danach fragte.