Das Studio befand sich im dritten Stock.
Solène stellte dies am folgenden Montag fest, als sein Assistent sie ohne Erklärung dorthin führte, eine Treppe hinauf, die zweimal abbog, und sie vor einer Tür absetzte, die bereits unverschlossen und offen stand, als hätte jemand genau zu dieser Zeit auf sie gewartet, obwohl kein konkreter Termin vereinbart worden war.
Sie blieb in der Tür stehen.
Der Raum war perfekt.
Nicht dekoriert – sondern perfekt abgestimmt. Ein Flügel, der genau dort stand, wo die Bodenbalken am dicksten waren, um die Resonanzübertragung zu maximieren. Korkverkleidungen an den Wänden in Abständen, die sie sofort als akustische Optimierung erkannte, die aber, wie ihr klar wurde, Schwingungen anders übertragen würden als nackter Putz – selektiver, reiner. Ein Holzboden, alt und dicht, von der Art, die Frequenzen so hielt, wie guter Boden Wasser hält. Keine Stühle außer einem – ein einziger niedriger Stuhl neben dem Klavier, weder auf die Tasten noch auf die Tür ausgerichtet, sondern irgendwo dazwischen.
Sie hatte niemandem gesagt, was sie brauchte. Sie hatte selbst nicht gewusst, wie sie es in Worte fassen sollte – das noch unausgereifte Verständnis, das sie in ihrer Wohnung entwickelt hatte, die Handflächen an die Wände gedrückt, die Welt anhand ihrer Schwingungen katalogisiert.
Er hatte es trotzdem gewusst.
Sie ging in die Mitte des Raumes, stand ganz still da und zog ihre Schuhe aus, ohne es wirklich zu wollen, und stellte sie neben die Tür. Drückte ihre nackten Füße auf den Boden. Spürte das Gebäude unter sich – alt und massiv, mit denselben Haussmann-Konstruktionen wie ihre Wohnung, aber tiefer, komplexer, durchdrungen von hundert Jahren Musik, die hier geübt und aufgeführt und von der Struktur aufgesogen worden war, bis sie Teil des Materials selbst geworden war.
Sie schloss die Augen.
Irgendwo unten spielte jemand Cello.
Sie spürte, wie es durch den Boden in ihre Füße drang, die gesamte Länge ihrer Wirbelsäule hinaufwanderte, und sie stand da und ließ es zu und dachte dreißig Sekunden lang an gar nichts, was die längste Zeit war, in der sie seit August an nichts gedacht hatte.
Dann spürte sie, wie er den Raum betrat.
Sie wusste, dass er es war, noch bevor sie die Augen öffnete. Sein g**g hatte eine ganz eigene Handschrift – sie hatte ihn zwei Wochen lang katalogisiert, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben: das besondere Gewicht und die Bedächtigkeit, die Art, wie er jeden Fuß aufsetzte, als wäre der Boden etwas, das er auswählte, anstatt ihn einfach nur zu überqueren.
Er trug zwei Tassen Kaffee. Er stellte eine auf das Klavier, ohne sie ihr anzubieten, was sie der Geste des Anbietens vorzog – die Tasse tauchte einfach in ihrem peripheren Blickfeld auf, bereit, ohne etwas von ihr zu verlangen.
Er setzte sich auf den einzigen Stuhl.
Sie öffnete die Augen und sah ihn an.
Er hatte einen Notizblock auf dem Schoß. Er schrieb ohne Umschweife: Was hast du gefühlt?
Sie überlegte, aus Prinzip die Antwort zu verweigern. Dann entschied sie, dass ihr diese Information nichts kostete, und schrieb: Cello. Unter uns.
Er nickte. Schrieb: Übungsräume im zweiten Stock. Yael Chen. Sie ist seit drei Jahren hier.
Sie ist sehr gut, schrieb Solène zurück.
Sie ist passabel. Er sagte es ohne Grausamkeit, einfach als Einschätzung. Du warst mit neunzehn besser als sie jetzt.
Solène sah ihn an. Schrieb: Das ist nicht nett, das über jemanden zu sagen.
Ich übe mich nicht in Freundlichkeit. Ich übe mich in Genauigkeit.
Das hätte sie abstoßend finden müssen. Sie hatte zwanzig Jahre in einer Welt verbracht, die ihre Brutalität in die Sprache der Mentorenschaft und künstlerischen Strenge hüllte, und sie war von Natur aus allergisch gegen Männer, die Grausamkeit mit Ehrlichkeit verwechselten.
Aber es war etwas anders an der Art, wie er es sagte – schrieb –, das sie nicht sofort einordnen konnte. Keine Zurschaustellung von Überlegenheit. Keine Freude am Herabsetzen. Nur ein Mann, für den Ungenauigkeit eine Art körperliches Unbehagen war und Genauigkeit die einzige Höflichkeit, die er zu bieten wusste.
Sie nahm ihren Kaffee in die Hand.
Sie arbeiteten zwei Stunden lang.
Es war nicht das, was sie erwartet hatte – sie war mit der Erwartung auf etwas Therapeutisches gekommen, auf das behutsam gesteuerte Tempo einer Rehabilitation, auf jemanden, der sie sanft zu einer abgeschwächten Version dessen führte, was sie einmal gehabt hatte. Er tat nichts davon. Er schlug eine Partitur auf dem Klavier auf – Ravels „Tzigane“, die sie so gut kannte, dass sie sie auswendig hätte schreiben können – und begann, ohne sich zu erklären, zu spielen.
Nicht gut. Das überraschte sie. Er war technisch versiert, aber es war eindeutig nicht sein Instrument – er spielte wie ein Dirigent, der die Architektur versteht, ohne das Gefühl zu verinnerlichen. Aber darum ging es nicht, erkannte sie nach der ersten Minute, denn er spielte nicht für sie. Er spielte in den Boden hinein.
Sie spürte, wie es durch ihre nackten Füße nach oben drang. Ravels Eröffnung – die lange Solokadenz, all diese unmöglichen Doppelgriffe – drang in ihren Körper nicht als Klang, sondern als Muster, als Rhythmus, als die physische Grammatik von etwas, das sie seit Jahren kannte und das plötzlich in einem neuen Dialekt sprach, den sie gerade erst zu verstehen begann.
Sie setzte sich, ohne darüber nachzudenken, auf den Boden und presste beide Handflächen flach gegen das Holz.
Er hörte nicht auf zu spielen. Nahm es nicht zur Kenntnis. Spielte weiter.
Sie spürte, wie sich die Kadenz aufbaute und wandelte und auflöste und wieder aufbaute, und sie saß auf dem Boden seines perfekt abgestimmten Studios, die Hände gegen das Holz gepresst, und zum ersten Mal seit August war sie in der Musik, statt außerhalb davon eingeschlossen, das Gesicht gegen das Glas gepresst.
Als er das Ende des ersten Abschnitts erreichte, hielt er inne.
Sie merkte, dass ihre Augen feucht waren. Sie kümmerte sich schnell darum, so wie sie sich jetzt um alles kümmerte – effizient, ohne Drama.
Er schrieb etwas auf den Notizblock und hielt ihn ihr ohne Kommentar hin: Der Boden hier schwingt bei etwa 80 Hertz mit. Das liegt nahe am unteren Register deines Instruments. Ich habe das testen lassen, bevor ich den Raum herrichten ließ.
Sie las es zweimal. Sah zu ihm auf.
Er begegnete ihrem Blick mit jener Art von Aufmerksamkeit, für die sie noch immer keinen Namen gefunden hatte – dem konzentrierten, unerschütterlichen Blick von jemandem, der Interesse nicht vortäuschte, sondern es einfach hatte, hilflos, so wie manche Menschen Allergien oder das absolute Gehör hatten.
Sie schrieb: Sie haben den Boden testen lassen.
Er schrieb: Ich habe das ganze Gebäude testen lassen. Dieser Raum schnitt am besten ab.
Sie sah diese Worte an.
Schrieb langsam: Wann hast du ihn testen lassen?
Er sah die Frage an. Eine Pause – kurz, beherrscht, die Pause eines Mannes, der wählt, anstatt zu zögern.
Er schrieb: Juli.
Juli. Zwei Monate vor dem Unfall. Sechs Wochen, bevor er irgendeinen Grund hatte zu wissen, dass sie ein Zimmer wie dieses brauchen würde.
Die Kaffeetasse war warm in ihren Händen. Das Cello hatte irgendwo unter ihnen aufgehört zu spielen. Der Raum hüllte sie beide in seine ganz eigene, genau abgestimmte Stille, und Solène saß ganz still da und spürte, wie der erste wirklich kalte Schauer des Verstehens ihr den Rücken hinunterlief.
Sie schrieb nichts mehr.
Er auch nicht.