Sie antwortete nicht.
Das war ihre erste Entscheidung – klein, wohlüberlegt, die Art von Entscheidung, die einem das Gefühl von Kontrolle gibt, wenn fast alles andere dies nicht tut. Jeden Morgen drehte sie ihr Handy mit dem Display nach oben, sah sich seine Nachricht an, drehte es wieder um und widmete sich dem Aufbau eines Lebens, in dem es keine Musik mehr gab.
Sie tat dies nicht mit Anmut. Sie war noch nie anmutig im Umgang mit Schwierigkeiten gewesen – das war eine Show, die sie für andere Menschen ablieferte: das gefasste Gesicht, die bedächtigen Worte. Allein bewegte sie sich durch ihre Wohnung wie ein gefangenes Tier, hob ihre Geige auf und legte sie wieder hin, hob sie erneut auf, drückte ihre Finger auf die Saiten und spürte, wie die Schwingung durch ihre Fingerspitzen in ihr Handgelenk wanderte und dort zum Stillstand kam, verhallte, bevor sie etwas erreichte, das sie in Bedeutung übersetzen konnte.
Klang ohne Kontext war nur Frequenz.
Musik ohne Gehör war nur Geste.
Am vierzehnten Tag legte sie die Geige beiseite und holte sie nicht wieder hervor.
Konstantin Voss schickte im Laufe von zwei Wochen drei weitere Nachrichten.
Die erste: eine einzige Zeile über eine Schostakowitsch-Aufnahme – die Oistrach-Aufnahme von 1978, falls du sie noch nicht gehört hast. Das hast du natürlich. Aber hör sie dir diesmal noch einmal mit deinen Händen an.
Die zweite: überhaupt nichts Geschriebenes. Nur ein Link zu einer Forschungsarbeit – taktile Musikwahrnehmung bei postlingualer Taubheit, veröffentlicht in einer Schweizer medizinischen Fachzeitschrift, die Art von Sache, für deren Auffinden sowohl Fachwissen als auch gezieltes Suchen erforderlich waren.
Die dritte, um 23 Uhr an einem Mittwoch: Du schläfst nicht.
Sie starrte diese Nachricht lange an.
Dann tippte sie: Woher willst du das wissen?
Die Antwort kam innerhalb einer Minute. Dein Licht.
Sie ging zum Fenster hinüber. Schaute hinunter auf die Straße. Leer – die besondere Leere einer Pariser Straße um elf Uhr an einem Wochentag, ein paar geparkte Autos, das gelbliche Licht einer Straßenlaterne.
Sie tippte: Du bist vor meinem Haus.
Eine Pause. Dann: Ich kam gerade vorbei.
Sie hätte die Polizei rufen sollen. Sie formulierte den Gedanken klar, hielt ihn fest, prüfte ihn. Das ist der Moment. Das ist genau der Moment. Ein Mann, den sie einmal getroffen hatte, stand um elf Uhr abends vor ihrem Haus und behauptete, er käme gerade vorbei, nach zwei Wochen voller unaufgeforderter Nachrichten und Blumen auf dem Fensterbrett im zweiten Stock.
Sie tippte: Es ist spät.
Er antwortete: Ja.
Sie machte das Licht aus, ging ins Bett und hasste sich nur ein wenig dafür, wie ihr Herz schlug.
Er rief zuerst Didier an. So erfuhr sie es – Didier kam an einem Donnerstagmorgen in ihre Wohnung, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der eine Nachricht überbringt, von der er noch nicht ganz sicher war, ob sie gut war, setzte sich ihr am Küchentisch gegenüber und sprach langsam genug, dass sie seine Lippen mit hinreichender Genauigkeit lesen konnte.
Konstantin Voss. Das Rehabilitationsprogramm des Voss-Konservatoriums. Eine neue Initiative – Kompositionsresidenzen für professionelle Musiker, die sich von karrierebeeinträchtigenden Verletzungen erholen. Voll finanziert. Ein Studio, ein Stipendium, Zugang zu einem kompletten Orchester für Workshop-Sitzungen.
Ihr Name war vorgeschlagen worden.
Sie beobachtete, wie Didiers Mund die Worte formte, und spürte, wie etwas Kaltes durch sie hindurchströmte, das nichts mit der Raumtemperatur zu tun hatte.
Sie schrieb auf ihren Notizblock: Wer hat meinen Namen vorgeschlagen?
Didier zögerte. Nur eine halbe Sekunde – früher hätte sie das nicht bemerkt, als sie noch mit ihren Ohren und nur mit ihren Ohren zuhörte. Jetzt nahm sie alles wahr. K. Voss selbst.
Sie blickte einen Moment lang auf den Notizblock.
Damals: Wann wurde dieses Programm ins Leben gerufen?
Didier schaute auf sein Handy. Im September angekündigt. Eine Pause. Die Bewerbungsfrist begann an dem Tag, an dem du aus dem Krankenhaus entlassen wurdest.
In der Küche war es ganz still um sie herum.
Sie schrieb: Ich muss darüber nachdenken.
Sie suchte ihn auf.
Das war ihre zweite Entscheidung – ebenfalls wohlüberlegt, ebenfalls ein Versuch, die Kontrolle zu behalten, von dem sie schon damals wusste, dass er teilweise illusorisch war. Wenn sie in den Orbit hineingezogen werden sollte, den dieser Mann um sie herum aufbaute, dann würde sie mit offenen Augen hineingehen, anstatt sich langsam von hinten hineinziehen zu lassen.
Das Voss-Konservatorium befand sich in einem Gebäude am Boulevard Haussmann, das früher eine Privatbank gewesen war – ganz aus Stein und Strenge, jene Art von Architektur, die speziell dafür entworfen worden war, Menschen das Gefühl zu geben, kleinere Versionen ihrer selbst zu sein. Solène stieg die Eingangstreppe hinauf und spürte nichts davon. Sie hatte zwanzig Jahre lang in Räumen aufgetreten, die darauf ausgelegt waren, einzuschüchtern, und hatte früh gelernt, dass Gebäude nur die Macht hatten, die man ihnen gab.
Sein Assistent – jung, präzise, mit der geübten Neutralität eines Menschen, der seinen Job sehr gut beherrschte – empfing sie in der Lobby und führte sie wortlos zwei Stockwerke hinauf, was Solène zu schätzen wusste. Sie war es leid, dass Leute mit ihr sprachen, ohne zu begreifen, dass sie ihr zuerst ins Gesicht sehen mussten.
Das Büro befand sich am Ende eines langen Korridors. Der Assistent klopfte an, öffnete die Tür und trat beiseite.
Solène trat ein.
Er stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und blickte auf den Boulevard hinunter. Er drehte sich nicht sofort um – eine Sekunde, zwei, lang genug, um es zu bemerken – und dann tat er es doch, und sie war erneut beeindruckt von der Qualität seiner Stille. Die meisten Menschen bewegten sich ständig, die kleinen unbewussten Anpassungen eines ruhenden Körpers. Er nicht. Er stand so da, wie er schon auf der Party gestanden hatte – wie ein Mann, der eine Entscheidung darüber getroffen hatte, wo er sein wollte, und keinen Grund sah, diese zu revidieren.
Er sagte etwas. Sie erfasste den Sinn des Satzes – du bist gekommen – und die besondere Qualität darin, die keine Überraschung war. Es war Zufriedenheit. Die stille, zurückhaltende Zufriedenheit darüber, dass etwas nach Plan verlief.
Sie holte ihren Notizblock hervor. Schrieb, ohne sich hinzusetzen: Du hast dieses Programm für mich entwickelt.
Er sah sich an, was sie geschrieben hatte. Sah sie wieder an. Bestritt es nicht.
Sie schrieb: Warum.
Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Setzte sich. Zog einen eigenen Notizblock zu sich heran – er hatte einen bereitliegen, bemerkte sie, der lag bereits auf dem Schreibtisch, schon bereitgelegt – und schrieb in einer präzisen, architektonischen Handschrift:
Weil das, was dir widerfahren ist, Verschwendung war. Und ich toleriere keine Verschwendung.
Sie las es zweimal.
Schrieb zurück: Das ist keine Antwort.
Er betrachtete sie einen Moment lang. Dann schrieb er unter seine erste Antwort und drehte den Block wieder zu ihr hin.
Nein. Aber es ist die Antwort, die du heute akzeptieren wirst.
Solène starrte diese Worte lange an.
Dann setzte sie sich.