Kapitel 2

1249 Words
Die Stille war nicht leer. Das war das Erste, was ihr niemand gesagt hatte – weder die Ärzte mit ihren zurückhaltenden Mienen, noch die Therapeutin mit ihren behutsamen Worten, noch Didier mit seinen bedächtigen Schweigen, die irgendwie lauter waren als alles andere im Raum. Sie sprachen über ihren Zustand in der Sprache des Fehlens. Verlust. Weg. Nie wieder. Als wäre die Stille eine Leere, in die sie gefallen war und in der sie einfach lernen müsste zu leben. Was sie ihr nicht sagten, war, dass Stille eine Textur hatte. Das entdeckte sie drei Wochen nach dem Unfall, als sie im Rehabilitationszentrum im sechsten Stock des Hôpital Lariboisière lag und an die Decke starrte, die sie bis zum letzten Wasserfleck auswendig kannte. Irgendwo im Flur schloss sich eine Tür, und sie spürte es – nicht hörte, sondern spürte es – einen leichten Druck in der Luft, ein Zittern, das durch die Matratzenfedern wanderte und über ihre Wirbelsäule in ihren Körper drang. Sie setzte sich auf. Sie presste ihre flache Handfläche gegen die Wand neben ihrem Bett. Nichts. Dann – ein Schritt. Jemand ging an ihrem Zimmer vorbei, und sie spürte jeden einzelnen, eine sanfte, perkussive Abfolge, die durch Putz und Farbe und zehn Zentimeter Beton direkt in ihre Hand drang. Sie zählte die Schritte, bis sie verklangen. Sieben. Sie legte sich wieder hin. Etwas hatte sich in ihrer Brust verschoben – nicht gerade Hoffnung, sondern das Gerüst, auf dem Hoffnung aufgebaut ist. Die Welt war nicht still. Die Welt sprach immer noch. Sie musste nur ihre neue Sprache lernen. Im Oktober kam sie nach Hause. Die Wohnung in der Rue des Martyrs war genau so, wie sie sie im August verlassen hatte – Didier hatte dafür gesorgt und das Angebot ihrer Haushälterin abgelehnt, Dinge wegzupacken, um den Raum übersichtlicher zu machen. Solène hatte ihn dafür geliebt, ohne es ihm sagen zu können. Sie wollte es nicht einfacher. Sie wollte das Ihre. Sie stand einen langen Moment in der Tür, bevor sie eintrat, die Handfläche gegen den Türrahmen gepresst, und spürte, wie das Gebäude um sie herum atmete. Sein altes Haussmann-Gerüst – Rohre und Balken und hundertdreißig Jahre angesammeltes Leben, das sich in die Wände gepresst hatte. Sie konnte die Familie oben spüren. Ihren Fernseher, ein leises, stetiges Summen. Das Paar auf ihrem Stockwerk, dessen Streitereien sie früher durch den Putz gehört hatte und nun stattdessen spürte – die schweren Schritte von jemandem, der auf und ab ging, die deutliche Vibration einer Tür, die mit mehr Kraft als nötig zugeschlagen wurde. Sie trat ein. Ließ ihre Schlüssel in die Schale neben der Tür fallen. Stand in ihrem eigenen Flur und atmete. Etwas war anders. Sie konnte es nicht sofort benennen. Nichts war verrückt – sie überprüfte es, so wie sie es bereits gelernt hatte, alles zu überprüfen, und katalogisierte die Position der Gegenstände mit einer Präzision, die jedem Beobachter obsessiv erschienen wäre. Die Bücher im Regal, der leicht zum Fenster geneigte Stuhl, die getrockneten Blumen in der blauen Vase, die sie schon lange ersetzen wollte. Alles war dort, wo sie es zurückgelassen hatte. Aber die Luft war anders. Eine schwache Störung in der besonderen Stille eines Raumes, der seit zwei Monaten verschlossen und ungestört gewesen war – als ob die Stille erst kürzlich unterbrochen worden wäre und sich noch nicht wieder in sich selbst gefügt hätte. Sie stand ganz still da und wartete. Nichts bewegte sich. Altes Gebäude, sagte sie sich. Rohre. Zugluft. Du bist es noch nicht gewohnt, Räume auf diese Weise zu lesen. Sie glaubte sich selbst, größtenteils. Sie ging zu Bett und träumte vom zweiten Satz der Kreutzer-Sonate, spielte ihn so, wie er es gesagt hatte – zu schnell, korrigierend, die Korrektur sichtbar – und im Traum beobachtete sie jemand aus der Dunkelheit jenseits der Bühnenbeleuchtung, und sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie kannte seine Stille. Sie würde sie überall wiedererkennen. Um 3 Uhr morgens wachte sie auf, als sie Schritte auf ihrer Veranda hörte. Ein Schritt. Zwei. Eine Pause. Noch bevor sie ganz bei Bewusstsein war, saß sie schon aufrecht da, die Handfläche bereits an die Wand neben ihrem Bett gepresst, und nahm die Informationen, die durch sie hindurchdrangen, mit der verzweifelten Konzentration einer Person auf, deren Leben sich genau um diese Fähigkeit herum neu aufgebaut hatte. Da. Wieder. Bedächtig. Schwer – das Gewicht eines Mannes, mit seltsamer Vorsicht verteilt, als versuche er, leise zu sein, und sei dafür zu groß, als dass es ganz gelingen könnte. Ihre Veranda war privat. Zugänglich nur durch das Tor zum Innenhof, für das ein Code erforderlich war, den sie niemandem außer Didier und ihrer Nachbarin Madame Ferrat gegeben hatte, die einundsiebzig Jahre alt war und achtundvierzig Kilo wog. Sie saß im Dunkeln, spürte die Schritte und rührte sich nicht. Drei Minuten. Sie zählte – es war die einzige Uhr, die sie jetzt hatte. Die Schritte bewegten sich einmal über die Breite der Veranda und blieben dann stehen. Hielten völlig an, mit einer Endgültigkeit, die sich eher wie eine Entscheidung als wie ein Weggehen anfühlte. Dann nichts. Sie schlief bis zum Morgen nicht mehr ein. Die Blumen tauchten an einem Dienstag auf. Weiße Rosen, zwölf an der Zahl, in einer Papierhülle von einem Floristen, den sie nicht kannte, vor ihrer Haustür abgestellt, ohne Karte. Sie stand lange Zeit über ihnen. Sagte sich: Didier. Sagte sich: ein Leser der Kunstkolumne, in der ihr Artikel erschienen war, der mitfühlende Beitrag über den Unfall, um dessen Nichtveröffentlichung sie gebeten hatte und den sie trotzdem geschrieben hatten. Sie trug sie ins Haus. Zwei Tage später warf sie sie weg, als sie den zweiten Strauß – identisch, zwölf weiße Rosen, Papierschleife, keine Karte – auf ihrer Fensterbank fand. Ihre Fensterbank befand sich im zweiten Stock. Sie rief Didier an. Er kam innerhalb einer Stunde, was genau der Geschwindigkeit entsprach, mit der Didier auf alles reagierte, was ihn beunruhigte, und er durchsuchte die Wohnung mit der gründlichen Ineffizienz eines Mannes, der nicht wusste, wonach er suchte. Er überprüfte den Fensterriegel – sicher. Er überprüfte den Code für das Tor zum Innenhof – unverändert. Er stand auf der Veranda, blickte auf die Straße hinunter und wandte sich mit einem Ausdruck zu ihr um, den sie selbst jetzt noch erkannte, selbst über die neue Distanz ihrer Taubheit hinweg, denn manche Ausdrücke lebten in den Augen und nicht in der Stimme. Er glaubte ihr nicht. Nicht böswillig. Sie konnte sehen, dass es das nicht war. Es war sanfter und in gewisser Weise schlimmer – das besonnene Gesicht eines Menschen, der sein Verständnis von ihr neu kalibrierte, diese Episode unter „Trauma-Reaktion“ ablegte, verständlich, im Auge behalten. Er sagte etwas. Sie las: Ich lasse das Gebäude überprüfen. Sie nickte. Er ging. Sie saß in ihrer Küche, die Handfläche flach auf dem Tisch, und spürte das Gebäude um sich herum – die Familie oben, das streitende Paar, die Rohre, die Balken – und unter all dem, so schwach, dass sie sich nicht sicher sein konnte, den Eindruck einer Präsenz, die nicht hierher gehörte. Geduldig. Ohne Eile. Wie etwas, das bereits beschlossen hatte, dass es Zeit hatte. Ihr Handy leuchtete auf dem Tisch auf. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Sie starrte sie lange an, bevor sie sie öffnete. Dein zweiter Satz war nicht zu schnell. Er war genau richtig. Ich habe Unrecht gehabt, etwas anderes zu sagen. — K.V. Solène legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Drückte beide Handflächen flach gegen das Holz. Spürte, wie ihr eigener Herzschlag durch die Maserung zu ihr zurückkehrte.
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