Kapitel 6.1

1697 Words
Die nächsten Tage waren sehr arbeitsam. Sera hatte viel zu tun und am Abend kam sie später nach Hause, als die ersten Tage. Informationen mussten gesammelt und ausgewertet werden, daher war sie sehr überrascht, als Astarot ihr einen Tag frei gab. Das kam ihr sehr gelegen, denn sie wollte unbedingt ein bisschen Los Angeles erkunden. Nicht nur den Strand wollte sie besuchen, sondern auch Läden und Bars abklappern. Einfach einen Tag Spaß haben. Deshalb war sie auch schon sehr früh unterwegs. Sie wollte am Strand sein, bevor die Leute hierher kamen und sich dann langsam einige Stadtteile ansehen, die sie zu Fuß gut erreichen konnte. Zum Strand nahm sie ein Taxi, da dieser weiter weg war und sie nicht unnötig Zeit vergeuden wollte. Nachdem sie träumerisch am Strand gesessen hatte, nahm sie ein Taxi zurück nach Downtown Los Angeles und frühstückte erst einmal ausgiebig in einem kleinen Café, das sogar zu dieser Stunde geöffnet hatte. Astarot hatte sein Versprechen, ihr einen Teil des Lohns auszuzahlen, wahrgemacht. Das hieß, sie konnte sich ein bisschen was leisten. Es wurde auch kein Geld für die Wohnung draufgehen. Zumindest nicht im Moment. Aber so richtig in Kauflaune war sie gar nicht. Dafür gönnte sie sich gutes Essen und spazierte dann durch die Stadt. Sera besuchte Chinatown und den Park, in dem sie sich am Mittag einige Zeit sonnte. Sie ging sogar zu der Universität, an der sie im Sommer studieren würde. Darauf freute sie sich schon sehr. Am späten Nachmittag ließ sich Sera in einem Café nieder und bestellte sich einen Cappuccino. Ein bisschen ausruhen und ein Stück Kuchen genießen, solange sie sich mit ihrem Smartphone beschäftigte und die Menschen beobachtete. „Entschuldigen Sie, darf ich mich zu Ihnen setzen?", erklang eine männliche Stimme und Sera hob den Kopf. Vor ihr stand ein Geschäftsmann mit offenem Jackett, kurzen, braunen Haaren und genau so brauen Augen. Sera musterte ihn eindringlich und nickte dann. Sie nahm ihre Tasche vom freien Stuhl und zeigte darauf. Seltsam, dass der Mann sie fragte, denn es gab genügend andere freie Tische. Vielleicht wollte er die Aussicht, die Sera hatte, ebenso genießen. „Normalerweise ist das hier mein Stammtisch", erklärte der Mann mit einem Schmunzeln. Das würde den Blick der Kellnerin erklären, als sich Sera hier niedergelassen hatte. „Belial Satanis.", stellte er sich im gleichen Atemzug vor. „Freut mich." Der Name war, genau wie Astarots, ungewöhnlich und wohl nicht sehr bekannt. „Oh, entschuldigen Sie", sagte Sera hastig und stand auf. „Ich wusste nicht, dass die Tische hier reserviert sind", meinte sie verlegen und nannte ihren eigenen Namen. „Bleiben Sie ruhig sitzen", meinte er mit einer Bewegung. „Sie müssen Ihr Essen nicht durch den ganzen Raum tragen." Langsam ließ sich Sera wieder nieder und behielt den Fremden im Blick. Sehr attraktiv sah er aus, das musste sie zugeben. Unter seinem weißen Shirt zeichneten sich Muskeln ab, die nicht übertrieben waren. „Wenigstens weiß ich das nächste Mal Bescheid und suche mir gleich einen anderen Tisch aus, damit Sie nicht gestört werden", bemerkte sie scherzend. Erneut machte Belial eine abwinkende Handbewegung. „Ich mag es, Gesellschaft zu haben." „Wenn das so ist ...", meinte Sera, ließ ihren Satz aber offen und lächelte stattdessen. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mister Satanis." Er lächelte. „Sie sind das erste Mal in diesem Café", bemerkte er, als würde er die Leute hier alle kennen. Zustimmend nickte Sera und nahm ihre Tasse auf, um einen Schluck zu trinken. „Da haben Sie völlig Recht. Ich komme nicht von hier, aber ich arbeite seit kurzer Zeit in Los Angeles und das ist mein erster, freier Tag", erklärte sie. Mit der Gabel nahm sie ein Stück des Käsekuchens auf und schob es sich in den Mund. Eine junge Kellnerin brachte Belial einen Kaffee, ohne das Sera aufgefallen war, dass er bestellt hatte. „Erlauben Sie mir die Frage, was Sie arbeiten?" Wahrscheinlich kannte man ihn gut genug und er wollte stets das Gleiche. Sera beantwortete seine Frage, dass sie im Moment Sekretärin war und im Sommer studieren würde. Da es nur Sommerkurse waren, konnte sie die restliche Zeit arbeiten. Während sie sprach, sah sie Belial die ganze Zeit an. Irgendwie hatte der Mann eine ähnliche Ausstrahlung wie Astarot. „Haben Sie Los Angeles schon kennengelernt?", wollte er wissen und musterte sie scheinbar neugierig. „Eigentlich nur Downtown und den Strand", gestand Sera verlegen. Und selbst von diesem Stadtteil hatte sie noch nicht alles erkundet. „Wirklich?", fragte Belial überrascht. „Haben Sie nicht Lust mit mir die Stadt zu erkunden?", fragte er. Eine Frage, die Sera eigentlich abgelehnt hätte, doch irgendetwas hatte Belial an sich, was sie jegliche Vorsicht verlieren ließ. Er hatte einen Bann, in den sie einfach gezogen wurde. Und da sie, außer den paar Kollegen im Büro, noch keine Freunde hatte, sah sie die Chance und stimmte zu. „Sehr gerne. Ich bin mir sicher, dass Sie mir einige nette Plätze zeigen können. Was arbeiten Sie eigentlich?", wollte sie neugierig wissen. „Ich bin Anwalt", erklärte er mit einem Lächeln. „Und Los Angeles bietet wirklich sehr viele schöne Plätze." Überrascht hob Sera ihre Augenbrauen. „Sie sind auch Anwalt?", fragte sie erschüttert. Sie wusste, dass es stets ein Konkurrenzkampf zwischen Anwälten gab, wer von ihnen die besten Fälle bekamen. Ob das bei ihm genauso war? Kannte er vielleicht sogar Astarot? Es wäre ein Wunder, wenn er ihn nicht kennen würde. Belial machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich befasse mich eher mit kleineren Fällen", erklärte er, als wäre es ihm egal. „Auch diese brauchen einen vernünftigen Anwalt, der ihnen nicht das Geld aus der Tasche zieht", bemerkte Sera nüchtern und trocken. Es gab einige Anwälte, die nur darauf aus waren, den Menschen, die wirklich Hilfe brauchten, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das gefiel Sera nicht wirklich und Mister Satanis wirkte nicht wie ein skrupelloser Anwalt. Er lachte leise, bevor er einen Schluck Kaffee nahm. „Sehr gute Einstellung", lobte er. „Allerdings habe ich es mehr mit Kleinkriminellen und Drogensüchtigen zu tun", seufzte er. Nachdenklich, als würde sie an etwas denken, legte Sera ihren Kopf schief. „Ich verstehe. Aber auch diese brauchen jemanden", fand sie und trank den Rest ihres Cappuccinos. „Sind Sie fertig, damit Sie mir Los Angeles zeigen können?", fragte sie lächelnd. Auch Belial leerte seinen Kaffee. „Sehr gern", meinte er und legte das Geld auf den Tisch. Sera tat es ihm gleich und nahm dann ihre Tasche. „Haben Sie denn so viel Zeit? Wir können es auch gerne verschieben." „Ich habe heute einen freien Tag", meinte er und lächelte, bevor er mit ihr zusammen das Café verließ. „Trifft sich gut", freute Sera sich und streckte sich ausgiebig. „Wohin wollen Sie als erstes gehen?", fragte sie gespannt und aufgeregt. „Waren Sie schon am Santa Monica Pier?", fragte er und führte sie zu seinem Wagen. Kopfschüttelnd betrachtete Sera den schnitten Mercedes. Irgendwie passte das Auto zu ihm. „Noch nicht. Das hatte ich an meinem nächsten freien Tag vor. Aber am Strand war ich heute morgen", lachte sie. „Dann wäre doch für heute das Wachsfigurenmuseum gut", schlug er vor. Ohne zu zögern ließ sich Sera auf dem Beifahrersitz nieder. „Das hört sich interessant an. Dabei dachte ich, dass es das nur in London gibt", meinte sie lächelnd. Auf jeden Fall wäre das eine gute Abwechslung und sie freute sich darauf, die Chance zu bekommen. Auch wenn es nicht richtig war, bei einem Fremden, den sie vielleicht eine halbe Stunde kannte, einzusteigen. Belial lachte. „Es ist das Hollywood Wax Museum", erklärte er, während er den Wagen startete und ihn in den Verkehr lenkte. Sera wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. So gut kannte sie sich hier nicht aus. Zudem sah sie genau die Straßennamen an, um sich diese zu merken. Irgendwie wollte sie vorbeugen, falls ihr etwas passieren sollte. Ob sie vielleicht jemanden informieren sollte, mit wem sie unterwegs war? Aber den einzigen, den sie hier kannte, war Astarot und ein paar Kollegen. Sie schob ein leicht schlechtes Gewissen zur Seite. Es war ihr Leben. Sie würde sich nicht mehr bevormunden lassen, sondern ihren eigenen Weg gehen und das tun, was sie für richtig hielt. Bis zum Hollywood Wax Museum brauchten sie ein bisschen, denn es war überraschend viel Verkehr. Da sich Sera irgendwie für Belials Freundlichkeit erkenntlich zeigen wollte, bot sie ihm an, ihn danach zum Essen einzuladen. „Ich kenne eine gute Kneipe. Sollte das für Sie in Ordnung sein", erklärte er und parkte schließlich. Das erste Mal in ihrem Leben war Sera auf dem Hollywood Boulevard. Sie konnte es kaum glauben und sah sich ehrfürchtig um. „Ich bin nicht wählerisch. Ich kann auch auf der Straße essen", scherzte sie und stieg aus, um sich besser umsehen zu können. „Leider haben wir nicht so gute Straßenlokals, wie es sie in Thailand gibt", winkte er ab. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Eingang. „Sie waren in Thailand? Dort muss es wirklich sehr schön sein", schwärmte Sera, dabei war sie noch nie im Ausland gewesen. „Es war sehr heiß. Aber die Leute waren alle sehr nett", erzählte er und versuchte Sera dann zu beschreiben, was der Unterschied zu Los Angeles war. Seine Beschreibungen waren teilweise ausschweifend und blumig, aber so interessant, dass Sera sich dabei erwischte, alles andere zu vergessen. Sie bezahlten den Eintritt und selbst als sie im Museum waren, konnte Sera den Wachsfiguren nicht die Aufmerksamkeit schenken, die sie vermutlich verdient hätten. Dazu waren Belials Geschichten zu interessant. „Es wäre toll, das einmal erleben zu dürfen", seufzte sie. „Sie sind noch jung. Ich bin sicher, wenn sie ihre Karriere begonnen haben, können Sie sich solche Urlaube auch leisten", lachte Belial und begann ihr dann einige Dinge über die Figuren zu erzählen. Auch hier hörte sie aufmerksam zu, denn Belial hatte eine spezielle Art zu erzählen. Sie lernte durch seine Erzählungen und stellte auch Fragen. Viele Schauspieler und berühmte Personen kannte sie, aber deren Geschichten eher weniger. Er schaffte es, ihre komplette Aufmerksamkeit zu bekommen und so verging die Zeit wie im Flug. Schließlich saßen sie zusammen in einer gemütlichen Bar.
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