Sera war manchmal eine hoffnungslose Romantikerin, was das Spazierengehen am Strand anging. Schon immer wollte sie das erleben und sie nahm sich vor, an einem freien Tag den ganzen Tag am Strand zu verbringen.
Vor ihr hielt ein Auto und ihr Chef stieg aus. Er trug einen schwarzen, maßgeschneiderten Anzug, der ihn sehr elegant wirken ließ.
Auch seine schwarzen, langen Haare waren sorgfältig gerichtet. Das verschlug Sera die Sprache und sie brauchte einige Sekunden, bis sie wieder in der Lage war, etwas zu sagen. „Ich wusste nicht, dass Sie noch eleganter aussehen können als sonst", bemerkte sie trocken, wobei es eher als Kompliment gemeint war.
So schien er es auch aufzufassen. „Ich muss mich Ihnen doch anpassen", meinte er und Sera fragte sich, ob das ebenfalls ein Kompliment war.
Um ihre Unsicherheit zu überspielen, winkte sie ab und stieg ins Auto, da ihr Chef ihr die Tür aufhielt. Sobald er sich ebenfalls ins Auto begeben hatte, wandte sie sich ihm zu. „Im Gegensatz zu Ihnen ist das meine erste Veranstaltung dieser Art. Daher gehe ich davon aus, dass Sie wissen, auf was Wert gelegt wird. Informieren Sie mich, wenn Sie sich nicht blamieren wollen."
Astarot schmunzelte. „Sie meinen, wenn Sie mich nicht blamieren wollen." In seiner Stimme hörte sie etwas und glaubte fast, dass es ihm egal war, ob sie ihn blamierte oder nicht.
Sera hob eine Augenbraue. „Sagte ich doch. Wenn Sie sich nicht blamieren wollen", behauptete sie und nahm ihre kleine, silberne Tasche auf den Schoß, damit sie nicht schmutzig wurde. Wobei sein Auto stets blitzeblank war.
„Seien Sie einfach Sie selbst. Damit sollten Sie genug Eindruck schinden", lachte er scheinbar gut gelaunt.
Als Astarot den Wagen startete, warf Sera ihm einen Seitenblick zu. „Sie wissen überhaupt nicht, wie ich eigentlich bin", erwiderte sie trocken, wandte ihren Blick jedoch dem Verkehr und der Umgebung zu. Wie es aussah, fuhr Astarot in den Hollywood Bereich.
„Ich würde es gern erfahren", meinte er und wirkte konzentriert, während er sich durch den Verkehr schlängelte.
Eines Tages würde er es vielleicht erfahren. Zumindest dann, wenn sie zusammenarbeiteten. Sera schwieg zu dem Thema und überprüfte noch einmal unauffällig ihre Verkabelung.
Aus den Augenwinkeln sah sie mehr und mehr teure Autos, die sie überholten oder parkten. Ein Indiz, dass sie fast da waren.
Die Umgebung hatte sich stark verändert und die Hochhäuser wichen immer mehr teuren Villen mit Vorgärten.
Schließlich hielt Astarot vor einer der Villen und stieg aus.
Die Villa sah atemberaubend aus, denn außen angebrachte Lichter beleuchteten sie und ließen das riesige, weiße Gebäude noch größer und edler wirken.
Sera schnappte nach Luft, als sie aus der Ferne einige berühmte Schauspieler erkannte und ihr Griff um ihre Handtasche wurde fester. Schon immer hatte sie einige Schauspieler näher kennenlernen wollen, doch dass sie jemals eine Chance bekommen würde, hatte sie nicht geglaubt.
„Versuch nicht nach Autogrammen zu fragen", meinte Astarot nüchtern, während er ihr die Tür aufhielt.
Dass er sie einfach duzte, ließ Sera in dem Moment einfach durchgehen. „Ich habe nicht vor, nach Autogrammen zu fragen", murmelte sie. So etwas lag ihr nicht. Sie wollte die Schauspieler lediglich näher kennenlernen, um ihre Charaktereigenschaften zu verstehen. Von manchen hörte man stets gute Dinge, von anderen eher schlechte.
„Sehr gut", meinte Astarot. „Sie sind übrigens als meine Begleitung hier. Nicht als meine Assistentin."
Entsetzt sah Sera ihn an. „Und das sagen Sie mir erst jetzt? Ziemlich hinterhältig", bemerkte sie verächtlich. Als seine Assistentin wäre sie lieber vorgestellt worden. Von einer Begleitung erwartete man viel mehr.
„Sonst hätte ich Sie nicht mitnehmen dürfen", meinte er schulterzuckend. Dabei wirkte er viel zu belustigt.
Sera räusperte sich und sagte, dass sie darüber noch sprechen würden. In ihrem Vertrag stand, dass sie ihn begleiten musste. Es war jedoch nie die Rede gewesen, als Begleitung zu gehen. Das ging für Sera bereits ein bisschen zu weit. Als Assistentin wäre sie viel lieber gegangen.
Sie stieg aus und vernahm Gelächter, das aus dem Garten kam. Dort standen einige Gäste, hielten ihre Champagner-Gläser in der Hand und schienen sich prächtig zu unterhalten. Darunter auch die Frau des Schauspielers Mister Dabalast.
Sie war ihr Ziel. Die Frage war aber auch, bei wem sie hier eigentlich eingeladen waren. Wo war der Gastgeber?
Sera ließ ihren Blick durch die Menge wandern und entdeckte die junge Frau, die ein azurblaues Kleid trug.
Mehrmals musste sie blinzeln und ihr Kopf strengte sich an, um die Person zu identifizieren. Gesehen hatte sie die Frau mit Sicherheit, doch der Name war ihr entfallen. Ein schlechtes Omen, wie Sera fand.
„Das ist Misses Rosalia Ansarta", flüsterte Astarot ihr leise zu.
Mit einem Schlag erinnerte sich Sera an die Filme, die sie mit Rosalia gesehen hatte. Meist spielte sie einen romantischen Charakter, doch es gab auch einige Thriller mit ihr. „Danke", flüsterte Sera ihrem Chef zu. Ohne ihn würde sie dumm da stehen. „Sagen Sie mir vielleicht auch noch, wie ich mich bei ihr benehmen muss?", fragte sie im Flüsterton weiter.
Astarot zuckte die Schultern. „Sie legt nicht so viel wert auf Herkunft. Aber höflich sollten Sie trotzdem bleiben."
Daraufhin straffte Sera ihre Schultern und atmete tief durch. „Dann lassen Sie uns gehen", sagte sie und feuerte sich in Gedanken an. Hoffentlich fand Astarot hier wichtige Hinweise auf den Fall und sie musste nicht so lange bleiben. Oft dauerten solche Partys bis in die frühen Morgenstunden.
Es waren viele namenhafte Leute hier und Sera gab sich Mühe, all diese Leute zu benennen. Doch bei der Menge an Gästen war es schwierig.
„Astarot", erklang Misses Ansartas Stimme und sie trat mit überschwänglich geöffneten Armen auf ihn zu. „Es freut mich so, dass du kommen konntest", sagte sie und beide umarmten sich leicht.
Sera trat einen halben Schritt zurück, um die Umarmung nicht zu stören. Eigentlich hätte sie über diese Art der Begrüßung überrascht sein sollen, doch das war sie nicht. Ihr war klar, dass Astarots Bekanntheitsgrad dazu beitrug, auf sehr vielen Veranstaltungen eingeladen zu sein. Dadurch lernte er natürlich die Leute auch kennen. Es war also kein Wunder, dass er mit Misses Ansartas per du war. Vermutlich war er das mit jedem hier.
„Darf ich dir meine Begleitung vorstellen? Sera Taylor. Sie will ebenfalls Anwältin werden", erklärte Astarot höflich, aber auch mit einem Ton, der Sera zeigte, dass er wohl mit ihr flirtete.
„Es freut mich sehr, Sie kennenlernen zu dürfen, Misses Ansartas", begrüßte Sera die Schauspielerin mit einem freundlichen Lächeln. Ihr entging nicht, dass sie genau gemustert wurde.
„Ach, das freut mich sehr", erwiderte diese überschwänglich und reichte Sera die Hand.
Sie nahm die warme, sehr weiche Hand der Schauspielerin und lächelte. Ein teurer Duft ging von Misses Ansartas aus, den Sera eigentlich nicht mochte, da er ihrer Meinung nach sehr streng roch. Aber das stand im Moment nicht zur Debatte. „Eine sehr schöne Veranstaltung", sagte Sera mit einer Geste.
Das ließ Misses Ansartas lächeln. „Ich hoffe doch sehr, dass sie euch beiden zusagt", meinte sie und wurde leicht rot, als sie zu Astarot blickte.
Ein eindeutiges Zeichen für Sera, dass die Schauspielerin sich von Astarots Flirtereien geschmeichelt fühlte. Ob sie sich in ihn verliebt hatte? Möglich war es. So, wie Astarot mit Frauen umging, war es eher ein Wunder, wenn diese nicht darauf ansprang. „Sie ist wirklich sehr schön und geschmackvoll", beteuerte Sera weiterhin lächelnd, ließ aber Misses Ansartas Hand los.
Es schien, als würde sie noch etwas sagen wollen, als ein Mann in ihrem Alter sie zu sich winkte und sogar rief. „Mein Mann ruft mich", sagte sie und wurde rot. „Viel Spaß."
Nachdenklich sah Sera der Frau nach und schüttelte dann anklagend den Kopf in Astarots Richtung. „Sie sind ein Frauenheld", bemerkte sie nüchtern und zuckte dann mit den Schultern. „Solange Sie Informationen bekommen ...", murmelte sie, denn ihr war klar, dass er das Flirten nur deshalb machte.
„Das ist die richtige Einstellung", meinte er. „Mischen wir uns unter die Leute."
Also stiegen sie die Treppen hinauf in die Villa. Schon beim Eintreten erklang wundervolle Pianomusik, die lauter wurde, als sie sich dem Wohnzimmer näherten. Überall wimmelte es nur von Leuten und Sera erkannte, dass die meisten eigentlich herumstanden oder auch saßen, während sie sich unterhielten. Butler mit Tabletts in der Hand boten Getränke sowie Speisen und Häppchen an.
Draußen gab es einen Pool, wo sogar einige schwammen und andere auf den Liegen lagen und sich unterhielten. Es war ein seltsamer Kontrast, passte aber irgendwie zu der Frau, die sie nur durch ihren ersten Eindruck so etwas zutraute.
Beinahe schüttelte Sera mit dem Kopf. So ein großes Haus für eigentlich nur zwei Personen? Wer fühlte sich da schon wohl, wenn man minutenlang durchs Haus laufen musste, um von einer Ecke zur anderen zu gelangen? Sicherlich war das Geschmacksache. Dennoch war die Einrichtung geschmackvoll und edel.
Sera blieb dicht neben Astarot stehen. „Wann fangen Sie mit der Arbeit an?", fragte sie leise und nahm sich ein angebotenes Krabbenhäppchen.
„Ich bin schon dabei", erklärte er schmunzelnd und nahm sich ein Glas Champagner und reichte auch Sera eines.
Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm sie es an und wollte wissen, ob er gedachte, zu Fuß nach Hause zu laufen. Wenn er Alkohol trank, würde sie lieber ein Taxi rufen.
„Fahrer", winkte er ab und hob das Glas, um mit ihr anzustoßen.
Langsam entspannte Sera sich sichtlich und entschloss sich, die Veranstaltung einfach auf sich zukommen zu lassen. Astarot würde schon wissen, was er tun musste. Dank dem Minimikrofon würden sie später alles wieder anhören können.
So eine Veranstaltung war einmalig und es gab keinen Grund, warum Sera dieses Gefühl nicht genießen sollte.
Gemeinsam mit Astarot mischte sie sich unter die Leute und lernte somit viele Schauspieler aus einer ganz anderen Perspektive kennen.
Die meisten waren in Plauderlaune. Ob das an der guten Stimmung oder dem teuren Champagner lag, vermochte Sera nicht zu sagen. Es war erstaunlich, wie anders die Menschen waren. Oftmals hatten die meisten ein komplett falsches Bild von ihren Vorbildern.
Sera achtete auf Astarot, der wirklich redegewandt war. Es gelang ihm die Frauen, aber auch die Männer, um den Finger zu wickeln und so bekamen sie tatsächlich einige Informationen über die Familie Dabalast.
Wie wichtig und bedeutungsvoll sie waren, würden sie später herausfinden.
Anfangs hatte Sera sich unwohl gefühlt, doch nach einer Weile war sie wie jeder andere Gast und plauderte ein bisschen, wenn sie etwas gefragt wurde. Ansonsten überließ sie das Reden Astarot.
Er redete jedoch auch nicht viel, doch wenn er sprach, wirkte es immer irgendwie bedeutend. Es brachte die Leute dazu, das zu tun, was er wollte. Zumindest hatte Sera dieses Gefühl.
Wie er das schaffte, wusste sie nicht, aber sie fragte auch nicht nach. Es würde seltsam wirken. Daher schwieg sie in solchen Momenten und war froh, als er endlich das Zeichen zum Aufbruch gab. Es war bereits weit nach Mitternacht und Sera war nach drei Champagner-Gläsern müde. Wohl, weil sie nicht regelmäßig trank und sie auch nicht viel gegessen hatte.
Draußen stand Astarots Auto, doch ein Mann saß im Inneren. Wahrscheinlich der Fahrer, von dem er gesprochen hatte.
Als sie einstiegen, seufzte Sera und krempelte ihr Kleid ein wenig nach oben, um das Mikrofon zu entfernen und es Astarot zu geben.
Dabei gähnte sie und rieb sich die Augen. Das Einzige, was sie jetzt noch wollte, war ins Bett.
„Da scheint wohl jemand müde zu sein", neckte Astarot und blickte auf die Uhr. Es war sicherlich weit nach Mitternacht, das war Sera klar.
„Und wie", erwiderte Sera müde und drückte ihm das Mikrofon in die Hand. Dabei fühlte sie die Wärme, die von ihm ausging.
„Dann setzen wir Sie am besten gleich ab", lachte Astarot, der gar nicht müde zu sein schien.
„Danke." Damit war Sera zufrieden und schon bald darauf konnte sie ins Bett fallen. Wenigstens war die Veranstaltung erfolgreich gewesen.