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Péngyǒu stieg die Betontreppe hinauf, die Riemen ihres Rucksacks schnitten ihr in die Schultern. Matthew Ambers Stimme hallte ihr noch in den Ohren, scharf und laut wie in der Cafeteria. Er hatte sie, dann seine Freunde angesehen und ihr gesagt, wenn sie weniger Zeit mit Essen und mehr mit Bewegung verbringen würde, bräuchte sie keine zwei Plätze zu belegen. Das darauf folgende Gelächter war das Schlimmste gewesen. Sie hatte ihr Tablett so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß wurden, und war weggegangen, während ihr das höhnische Gejohle den Flur entlang nachhallte.
Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, um Luft zu holen. Die Sonne schien schräg durch das Metallgeländer und warf lange, zackige Schatten auf ihre Schuhe.
„Péngyǒu.“
Sie blickte auf. Ein Mann stand im Treppenhaus über ihr. Er trug einen schweren, dunklen Mantel, der in der Hitze deplatziert wirkte. Er lächelte, doch sein Gesichtsausdruck blieb völlig ausdruckslos.
„Entschuldigung“, sagte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Kenne ich Sie?“
„Yusuke Yoshihiro.“ Er ging zwei Stufen hinunter und schloss die Lücke zwischen ihnen. „Wir haben uns noch nie getroffen, aber ich weiß genau, wer Sie sind.“
Péngyǒu spürte einen Schauer. Er sollte ihren Namen nicht kennen. Er sah sie mit einer beängstigenden Gewissheit an, wie jemand, der wochenlang ihr Leben aus dem Verborgenen beobachtet hatte.
„Ich verstehe nicht, was Sie wollen“, sagte sie.
„Sie haben heute sehr gelitten.“ Er griff in seinen Mantel und zog eine kleine, lackierte Schachtel hervor. Das dunkle Holz glänzte mit Goldintarsien. „Leid wie Ihres verdient eine besondere Art von Entschädigung.“
Die Schachtel wirkte teuer und völlig deplatziert in einem Schultreppenhaus.
„Das kann ich nicht annehmen“, sagte sie.
„Doch, und Sie werden es.“ Er stieg zu ihr hinunter und hielt ihr die Schachtel hin. „Ich erkenne Menschen an, die sich eine Belohnung verdient haben. Sie haben sie sich wahrlich verdient.“
Ihre Hand bewegte sich wie von selbst. Die Schachtel fühlte sich überraschend schwer in ihrer Handfläche an. Die Oberfläche war kühl und glatt, doch aus den Nähten drang ein zarter Duft – etwas Süßes, wie gebrannter Zucker und warmer Honig.
„Was ist das?“, fragte sie.
„Ein Geschenk.“ Yoshihiro wandte sich ab. Mit leiser, rhythmischer Präzision begann er, die Treppe hinunterzugehen. „Betrachte es als Lohn für das, was du ertragen hast.“
„Warte!“
Er hielt inne, blickte zurück und legte eine kleine Visitenkarte auf das Geländer. Dann ging er weiter die Treppe hinunter, bis seine Schritte verstummten. Péngyǒu stand allein auf dem Treppenabsatz. Die Schachtel wurde in ihren Händen warm, während sich der süße Duft um sie legte.
Péngyǒu verriegelte die Tür und lehnte sich gegen die Schlafzimmertür. Sie stellte die Schachtel auf ihren Schreibtisch. Das Lampenlicht traf auf die Goldintarsien und ließ die Muster wie geschmolzene Adern schimmern. Sie hob den Deckel an.
Die Fächer wirkten wie eine sorgfältig zusammengestellte Sammlung von Geheimnissen. Dunkle Pralinen lagen in Reihen, ihre Oberflächen hochglanzpoliert. Goldmünzen füllten den mittleren Teil, geprägt mit Symbolen, die jeder ihr bekannten Währung widersprachen. Im dritten Teil befanden sich glatte Knöpfe in Jade- und Karmesinrot.
Sie nahm eine Praline in die Hand. Der Duft erfüllte sofort den Raum. Er roch nach gebranntem Zucker und warmem Honig, doch darunter lag ein schwerer, urtümlicher Duft. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Ein seltsames Hungergefühl stieg in ihr auf, das nichts mit ihrem Magen zu tun hatte. Sie starrte die Praline an und legte sie dann zurück.
Sie spürte ein Knistern unter den Knöpfen. Sie schob die Finger unter das Samtfutter und zog mehrere gefaltete Blätter heraus. Es waren Architekturpläne. Die Gebäude wiesen unmögliche Winkel und Räume auf, die sich in Dimensionen zu falten schienen, die es eigentlich nicht geben dürfte. Jede Linie war perfekt. Jedes Maß war exakt.
Sie breitete die Pläne auf dem Schreibtisch aus und fuhr die seltsamen geometrischen Formen nach. Warum sollte Yoshihiro so etwas beilegen? Architektur hatte nichts mit Süßigkeiten oder antiken Münzen zu tun. Der Duft der Schokolade wurde intensiver und machte sie ganz benommen. Die dunklen Quadrate schienen in ihrem Augenwinkel zu pulsieren. Ein einziger Bissen würde alles erklären.
Sie schloss die Schachtel.
Péngyǒu öffnete ihren Laptop und tippte: „Antiquitätengeschäft Mr. Hoshi, Lovecraft County“.
Die Ergebnisse luden langsam. Eine elegante Website erschien, gefüllt mit professionellen Fotos von seltenen Münzen und Vintage-Möbeln. Sie scrollte an den offiziellen Seiten vorbei. Auf der dritten Seite der Suchergebnisse stieß sie auf einen Forenbeitrag über exklusive Auktionen und private Kundenlisten. Sie erkannte die Namen. Es waren Milliardäre und Politiker, die sie sonst nur in internationalen Nachrichten sah.
Péngyǒu starrte auf den Bildschirm, ihr Puls raste. Das war kein einfaches Geschenk eines Familienfreundes. Yoshihiro war nicht einfach nur großzügig. Er testete sie. Die Baupläne und die Münzen waren eine Botschaft, ein stilles Signal, dass sie endlich einen Platz an einem Tisch hatte, von dessen Existenz sie nicht einmal gewusst hatte. Das war keine Zärtlichkeit. Es war eine förmliche Einladung in eine Welt, für die sie sich noch nicht sicher war.
Péngyǒu stieß die Ladentür auf. Eine Glocke läutete über ihr, und der Geruch von altem Holz und Messingpolitur strömte ihr entgegen. Die Schachtel fühlte sich schwer in ihren Armen an.
Herr Hoshi trat hinter einer Auslage mit Porzellanvasen hervor. Er verschränkte die Hände in den Hüften und lächelte. „Miss Péngyǒu. Ich habe Sie erwartet.“
Sie blieb stehen. Sie hatte diesen Mann noch nie getroffen. Sie hatte nicht angerufen. „Woher kennen Sie meinen Namen?“
„Herr Yoshihiro ist sehr gründlich.“ Er deutete auf eine schmale Tür im hinteren Teil des Raumes. „Bitte. Wir haben viel zu besprechen.“
Sie folgte ihm durch einen dunklen Flur. Gerahmte Landkarten und antike Kompasse säumten die Wände. Er öffnete die Tür zu einem kleinen Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen. An der Wand hing ein Gemälde einer Bergkette, die sich zu bewegen schien, sobald sie wegsah.
Herr Hoshi setzte sich und bedeutete ihr, es ihm gleichzutun. Sie stellte die Schachtel auf den Tisch.
„Sie haben die Baupläne gefunden“, sagte er.
„Ja.“
„Und Sie haben über mein Geschäft recherchiert.“
Sie nickte.
Er beugte sich vor und verschränkte die Finger. „Der Club ist ein exklusives Netzwerk. Ihre Architekturentwürfe werden die Maße für unsere Kunden festlegen.“ „Das sind wohlhabende Kunden, die ganz spezielle Dienstleistungen benötigen.“
„Welche Art von Dienstleistungen?“
„Zerstörung.“ Er ließ das Wort zwischen ihnen nachklingen. Als er fortfuhr, war seine Stimme kälter, präziser. „Die Baupläne, die Sie gefunden haben, sind Vorlagen. Sie werden die Karten entwerfen, die die Ziele für die Kraft der Knöpfe festlegen.“
Das Wort lag ihr wie ein Stein im Magen. Sie dachte an die Knöpfe in der Schachtel, glatt und schön. „Wollen Sie, dass ich Menschen helfe, Dinge zu zerstören?“
„Dimensionen. Kontinente. Welten.“ Er zögerte nicht. „Unsere Klienten zahlen außerordentliche Summen für diese Präzision.“
Der Raum wirkte kleiner. Das Gemälde an der Wand pulsierte in ihrem Augenwinkel.
„Ich biete Ihnen eine Mitgliedschaft an“, fuhr er fort. „Professionelle Unterstützung Ihrer Ambitionen. Verwaltung der Goldmünzen in dieser Schachtel. Es ist eine Zukunft, die Ihnen Ihr jetziges Leben nicht bieten kann.“
Sie blickte nach unten. Die Goldintarsien glänzten. Der Duft von Schokolade drang durch die Nähte, süß und intensiv. Herr Hoshi schob ein gefaltetes Dokument über den Tisch.
„Ihr erster Entwurf ist innerhalb der Woche fällig.“ „Die Schokolade wird dir helfen, die Dimensionen zu erkennen, die du kartieren musst.“
Péngyǒus Finger schwebten über dem Vertrag. Sie dachte an ihre leere Mappe und das gequälte Lächeln ihrer Eltern. Sie unterschrieb ihn nicht, aber sie schob ihn auch nicht beiseite.
Péngyǒu saß auf der Bettkante und starrte auf die Schachtel. Der ununterschriebene Vertrag lag wie eine Drohung auf der Bettdecke. Mr. Hoshis Stimme hallte ihr noch in den Ohren nach. Er hatte ihr versprochen, die Schokolade würde ihr helfen, die Dimensionen zu erkennen, die sie kartieren musste. Es klang wie ein Rätsel, vielleicht wie eine Lüge.
Sie hob den Deckel. Ein schwerer Duft von gebranntem Zucker und warmem Honig erfüllte den kleinen Raum. Er war intensiv und süß, fast aufdringlich. Ihre Finger schwebten über den dunklen, gleichmäßigen Quadraten. Sie brauchte nur eines. Sie wollte nur wissen, ob der Mann verrückt war oder ob die Welt wirklich so funktionierte.
Sie biss hinein. Der Geschmack explodierte auf ihrer Zunge. Er war reichhaltig und perfekt, besser als alles, was sie je gekostet hatte. Als sie schluckte, durchströmte sie eine seltsame Wärme. Es fühlte sich an, als würde flüssiges Licht durch ihre Adern fließen.
Der Raum wurde plötzlich furchterregend scharf. Sie stand auf und ging zum Spiegel. Ihr Spiegelbild schimmerte. Es war kein Lichtspiel und auch kein Schwindelanfall. Ihre Haut strahlte einen zarten, perlmuttartigen Schimmer aus. Ihre Gesichtszüge wirkten schärfer, definierter – schön auf eine Weise, die die Leute aus den falschen Gründen stehen bleiben und starren ließ. Sie berührte ihre Wange. Das Schimmern breitete sich aus wie ein Stein, der in einen stillen Teich geworfen wird. Sie wandte sich wieder dem Bett zu.
Neue Blätter lagen auf den Bauplänen. Sie wusste, dass sie eben noch nicht da gewesen waren. Mit zitternden Händen zog sie sie heraus. Es waren Architekturpläne ihres Elternhauses. Jeder Raum, jede Ecke, in der sie aufgewachsen war, war in makellosen, professionellen Details dargestellt.
Ein roter Stempel prangte oben auf dem Blatt: LÖSCHUNG AUSSTEHEND.
Ihr Atem stockte. Sie blickte von den Plänen zum Spiegel. Nur noch schwache Linien. Es überlagerte ihre gesamte Realität. Koordinaten, Maße und Dimensionen, die sie nicht begreifen konnte, pulsierten in der Luft. Die Wärme der Schokolade blieb schwer und fordernd in ihrer Brust. Der Vertrag wartete. Ihr Zuhause, zur totalen Zerstörung bestimmt, starrte sie von der Seite an.