Der vergoldete Glaskäfig
Kapitel 1: Der vergoldete Glaskäfig
Der Heizkörper in Averys Einzimmerwohnung zischte wie ein sterbendes Tier, und ein Hauch kalter, metallischer Luft verspottete die Tatsache, dass sie mit der Heizungsrechnung vier Monate im Rückstand war. Sie warf keinen Blick auf die mit einem roten Stempel versehene Räumungsaufforderung, die an ihrer Tür klebte, als sie sich über das Spülbecken beugte und den Geruch von billigem Bodenwachs von ihren Fingerknöcheln schrubbte.
Ihr Handy vibrierte auf der Laminat-Arbeitsplatte. Es war eine SMS aus dem Pflegeheim.
Frau Cole, Leos Physiotherapie-Termin für Montag wurde wegen Nichtzahlung abgesagt. Bitte wenden Sie sich an die Rechnungsstelle.
Avery kniff die Augen zusammen, ihre nassen Hände umklammerten den Rand des Spülbeckens, bis ihre Knöchel weiß wurden. Sie hatte genau zweiundvierzig Dollar auf ihrem Girokonto und eine Packung No-Name-Cracker in der Speisekammer. Sie konnte es sich nicht leisten, müde zu sein. Sie konnte es sich nicht leisten, wütend zu sein. Vor allem konnte sie es sich nicht leisten, das Vorstellungsgespräch morgen zu vermasseln.
Sie zog einen gebrauchten marineblauen Blazer von einem Plastikkleiderbügel und suchte im trüben Licht nach losen Fäden. Morgen war ein „Thorne Industries“-Tag. Oder besser gesagt: Es war der Tag, an dem sie endlich in die Höhle des Löwen treten würde.
Die Lobby von Thorne Industries war eine Kathedrale aus Glas und Arroganz. Es roch nach teurem Espresso und gefilterter Luft, ein scharfer Kontrast zu der feuchten, abgasreichen U-Bahnfahrt, die Avery gerade hinter sich gebracht hatte.
„Name?“ Die Empfangsdame blickte nicht von ihrem Monitor auf. Sie war auf Hochglanz poliert, ihr Haar ein glatter Bob, der wahrscheinlich mehr kostete als Averys Monatsmiete.
„Avery Cole. Ich bin hier wegen des Vorstellungsgesprächs für die Stelle als Junior Executive Assistant.“
Der Blick der Frau huschte über Averys Blazer – die leichte Ausfransung am Ärmelbund war für die meisten unsichtbar, aber in diesem Gebäude war sie ein Leuchtschild der Armut. „Etage zweiundfünfzig. Kommen Sie nicht zu spät. Mr. Thorne akzeptiert Stau nicht als Entschuldigung.“
Avery trat in den Aufzug, ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihre Rippen. Sie war nicht nur wegen des Gehaltsschecks hier. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie das Gesicht ihres Vaters an dem Tag, als das Sterling-Imperium zusammenbrach – wie seine Hände gezittert hatten, als er die Insolvenzunterlagen unterzeichnete, wie die Familie Thorne wie Geier herabgestürzt war, um die Überreste seines Lebenswerks zu plündern.
Die Aufzugstüren glitten auf und gaben den Blick frei auf eine gedämpfte Welt, in der es um viel ging. Sie wurde zusammen mit drei anderen Frauen in einen Warteraum mit Glaswänden geführt, die alle aussahen, als wären sie direkt aus einem High-Fashion-Magazin entsprungen. Avery kam sich vor wie ein Spatz in einem Raum voller Pfauen.
„Er ist schlecht gelaunt“, flüsterte eine hektisch wirkende Frau, als sie mit einem Tablet in der Hand an ihnen vorbeieilte. „Die Fusion stockt. Wenn er nach den Prognosen für das dritte Quartal fragt, gib ihm einfach die physische Mappe. Er hasst es, auf den Bildschirm zu schauen, wenn er konzentriert ist.“
Avery holte tief Luft und strich ihren Rock glatt. Identität ist eine Maske, ermahnte sie sich. Sei das Mädchen, das den Job braucht. Lass sie nicht das Mädchen sehen, das Rache will.
„Ms. Cole. Er empfängt Sie jetzt.“
Das Büro von Silas Thorne war riesig und überragte die Skyline wie ein Thronsaal. Silas blickte nicht auf, als sie eintrat. Er stand am raumhohen Fenster, den Rücken zu ihr gewandt. Selbst von hinten strahlte er eine kalte, raubtierhafte Energie aus. Er war groß, sein anthrazitfarbener Anzug mit chirurgischer Präzision geschneidert.
„Setzen Sie sich“, befahl er. Seine Stimme war ein tiefer, klangvoller Bariton, der ihr einen Schauer purer, unverfälschter Abscheu – und etwas anderes, das sie nicht benennen wollte – über den Rücken jagte.
Avery setzte sich. Sie legte ihre abgenutzte Mappe auf den Mahagonischreibtisch. „Guten Morgen, Mr. Thorne.“
Da drehte er sich um. Seine Augen hatten die Farbe eines stürmischen Atlantiks, scharf und undurchschaubar. Er schaute nicht auf ihren Lebenslauf. Er schaute sie an. Er musterte die Art, wie sie ihre Schultern hielt, wie sie unter seinem Blick nicht zappelte.
„Sie sind überqualifiziert, Ms. Cole“, sagte er und ging schließlich auf den Schreibtisch zu. Er beugte sich darüber und brachte den Duft von Sandelholz und kaltem Eisen in ihren persönlichen Raum. „Ein Master in Finanzwesen von einer staatlichen Hochschule, drei Jahre freiberufliche Datenanalyse, und dennoch bewerben Sie sich um eine Stelle, bei der Sie meine Wäsche aus der Reinigung abholen und meinen Kalender verwalten sollen. Warum?“
„Ich brauche das Geld“, sagte sie mit ruhiger Stimme. Das war die einzige Wahrheit, die sie ihm sagen konnte. „Und Thorne Industries ist das Beste. Ich möchte von demjenigen lernen, der den Markt erobert hat.“
Silas lachte kurz und humorlos. „Erobert. Das ist eine höfliche Umschreibung für das, was ich tue. Die meisten Leute sagen ‚zerstört‘.“ Er setzte sich und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. „Ich brauche keine Bewunderin, Avery. Ich brauche einen Geist. Jemanden, der meine Bedürfnisse vorhersieht, bevor ich selbst weiß, dass ich sie habe. Jemanden, der kein ‚Leben‘ oder ‚Probleme‘ hat, die meinen Zeitplan durcheinanderbringen. Hast du ein Leben?“
„Mein Leben ist das, wofür Sie es bezahlen, Mr. Thorne.“
Sein Blick wurde intensiver. Für einen Moment fürchtete Avery, er könnte direkt durch sie hindurchsehen – vorbei an den Secondhand-Klamotten und hinein in den brennenden Kern ihres Grolls.
„Wir werden sehen“, murmelte er. Er griff nach einem Stapel Papiere. „Sie fangen am Montag an. 5:00 Uhr morgens. Wenn Sie auch nur eine Minute zu spät kommen, brauchen Sie gar nicht erst hereinzukommen.“
„Danke, Sir.“
Sie verließ das Büro mit hoch erhobenem Kopf, während das Adrenalin endlich zu einem dumpfen Schmerz nachließ. Sie hatte es geschafft. Sie war dabei.
Sie schaffte es bis zu ihrer Wohnung, bevor sich die Welt auf ihren Achsen drehte. In ihrem Briefkasten wartete keine weitere Rechnung. Es war ein schwerer, cremefarbener Umschlag ohne Absenderadresse. Das Papier fühlte sich d**k und teuer an – die Art von Briefpapier, die ihr Vater früher benutzt hatte.
Avery riss ihn auf, während sie auf ihrem durchgesessenen Sofa saß. Darin befanden sich eine einzige handgeschriebene Notiz und eine laminierte Karte.
Avery,
die Familie Thorne hat den Namen Sterling gestohlen, aber sie konnten das Blut nicht stehlen. Dein Großvater hat ein Schließfach in der Zurich-Manhattan Bank hinterlassen. Der Schlüssel befindet sich im alten Uhrenetui deines Vaters. Du bist keine Aushilfskraft, Avery. Du bist Eigentümerin von 41 % des Unternehmens, von dem Silas Thorne glaubt, es zu leiten.
Lass sie nicht wissen, dass du Bescheid weißt. Noch nicht.
– Ein Freund
Avery stockte der Atem. Sie betrachtete die Karte. Es war ein privater Zugangsausweis für eine hochgesicherte Banketage. Ihre Hände begannen zu zittern. Wenn das wahr war … wenn sie wirklich die Sterling-Anteile besaß … ...dann hatte sie nicht nur einen Job. Sie hatte eine Waffe.
Ein lautes, aggressives Klopfen hallte durch ihre dünne Tür.
„Avery Cole? Öffnen Sie! Hier ist das Büro des Marshals. Wir haben einen Befehl zur sofortigen Beschlagnahmung der Räumlichkeiten.“
Avery blickte auf den cremefarbenen Zettel, dann auf die Tür, die gleich eingetreten werden würde. Sie war eine Milliardärin auf der Flucht, und sie stand kurz davor, obdachlos zu werden.