Episode 1
Es war Cathans Geburtstag, und Mira hatte den ganzen Tisch mit seinen Lieblingsgerichten gedeckt. Sie hatte Jollof-Reis, gebratene Spaghetti und Chicken-Burger zubereitet. Sogar den Geburtstagskuchen hatte sie selbst gebacken, nachdem sie wochenlang Back-Tutorials angesehen hatte, um ihre Fähigkeiten zu verbessern.
Gerade als sie den letzten Teller wegräumte, ertönte plötzlich ein Signalton von dem Handy, das Cathan an diesem Morgen vor dem Ausgehen auf dem Sofa liegen gelassen hatte.
Sie versuchte, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern und sich auf das zu konzentrieren, was sie gerade tat, doch die neueste Nachricht fiel ihr ins Auge. Also warf sie einen Blick darauf.
Unbekannt: „Hey, Baby. Ich habe gerade deinen Lieblingskuchen gekauft. Sehen wir uns heute?“
Sie starrte auf die Nachricht.
Immer wieder glitten ihre Augen über die Worte, bis sie an einem einzigen hängen blieben.
Baby.
Sie wiederholte das Wort in Gedanken tausendmal. Baby?
Cathan hatte sie noch nie so genannt. Nicht ein einziges Mal.
Zwei Jahre lang war sie seine Ehefrau gewesen. Sie hatte sich um ihn gekümmert, als er nicht mehr laufen konnte, war Tag und Nacht an seiner Seite geblieben, hatte ihm bei seinen Medikamenten geholfen, seine Mahlzeiten zubereitet und ihn zu seinen Behandlungen begleitet. Und trotzdem hatte er ihr nie dieses kleine Kosewort gegeben.
Eine andere Frau bekam nun genau das Wort zu hören, das Mira sich insgeheim immer von ihm gewünscht hatte. Mira schluckte schwer. „Nein …“ Das Wort kam nur als Flüstern über ihre Lippen. Es musste eine andere Erklärung geben. Vielleicht war es ein Irrtum. Vielleicht hatte die Frau die Nachricht an die falsche Person geschickt. Vielleicht hatte Cathan eine Freundin, die einfach ein wenig zu vertraut mit ihm war. Sie redete sich alles ein, was den Schmerz dieser Nachricht irgendwie lindern konnte.
Doch tief in ihrem Inneren sagte ihr eine leise Stimme bereits die Wahrheit.
Noch bevor sie die Nachricht richtig verarbeiten konnte, kam eine weitere. Daran hing ein verspieltes Selfie. Das Gesicht der Frau war auf dem Foto nicht zu sehen. Nur ihre Beine.
Sie trug durchsichtige Leggings, durch die ihre glatte Haut hindurchschimmerte, und das Bild hatte etwas von einer verbotenen Versuchung. Mira hielt den Atem an.
Während sie auf das Foto starrte, wich langsam jede Farbe aus ihrem Gesicht.
War sie das? Die Frau, die Cathan hinter ihrem Rücken traf?
Ihr Ehemann? Der Mann, um den sie sich zwei Jahre lang gekümmert hatte?
Der Mann, den sie geliebt hatte, obwohl er sie kalt behandelte?
Mira senkte den Blick, doch das Bild hatte sich längst in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Sie war nie besonders eifersüchtig gewesen. Schließlich hatte sie immer gewusst, dass Cathan sie nicht liebte.
Sie hatte akzeptiert, dass ihre Ehe durch Umstände entstanden war, die keiner von ihnen gewählt hatte. Doch zu wissen, dass er sie nicht liebte, war eine Sache.
Zu wissen, dass er einer anderen Frau die Aufmerksamkeit und Nähe schenkte, die er ihr nie gegeben hatte, war etwas völlig anderes.
Ihre Finger zitterten, während sie das Handy so fest umklammerte, dass ihre Fingerspitzen weiß wurden.
Ding!
Eine weitere Nachricht kam herein.
„Cathan, treffen wir uns heute Abend im Marta Hotel? Ich möchte deinen Geburtstag mit dir feiern.“
Miras Herz schien stehen zu bleiben. Sie las die Nachricht mehrmals.
Heute Abend. Sein Geburtstag. Diese Frau wollte seinen Geburtstag mit ihm feiern. Währenddessen hatte Mira den ganzen Tag damit verbracht, seine Lieblingsgerichte zuzubereiten.
Stundenlang hatte sie in der Küche gestanden. Sie hatte unzählige Kochvideos angesehen, nur um zu lernen, wie man seine Lieblingsgerichte zubereitete. Sogar seinen Geburtstagskuchen hatte sie selbst gebacken.
Langsam wanderten ihre Augen zum Esstisch. Er war wunderschön gedeckt, mit dem Jollof-Reis, den gebratenen Spaghetti, den Chicken-Burgern und dem Kuchen, den sie mit so viel Sorgfalt vorbereitet hatte.
Zum ersten Mal machte sie der Anblick all dieser Dinge, die sie für ihn zubereitet hatte, nicht glücklich.
Er tat ihr weh.
Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Deshalb also …“ Ihre Stimme zitterte.
„Deshalb hat es dich nie interessiert, was ich für dich gekocht habe.“ Sie sprach leise mit sich selbst.
Ihre Augen brannten. Schnell blinzelte sie, um die Tränen zurückzuhalten. Doch je mehr sie versuchte, sie zurückzuhalten, desto schmerzhafter fühlte sich ihre Brust an.
Zwei Jahre lang hatte sie sich eingeredet, dass es ihr reichen würde, solange Cathan wieder gesund wurde. Sie hatte nie verlangt, dass er sie liebte.
Sie hatte nie gefordert, dass er sie wie eine richtige Ehefrau behandelte.
Sie hatte sich nur gewünscht, dass er sie eines Tages ansehen und sich an alles erinnern würde, was sie für ihn getan hatte. Doch vielleicht war sie einfach nur naiv gewesen.
Vielleicht hatte all das für ihn nie eine Bedeutung gehabt. Mira legte das Handy zurück auf das Sofa.
Sie wollte zum Tisch zurückgehen, doch plötzlich gaben ihre Beine nach.
Ihre Sicht verschwamm.
Sofort hielt sie sich am Tisch fest, weil sie das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenzubrechen.
„Es spielt keine Rolle“, flüsterte sie. „Er liebt mich sowieso nicht.“ Doch kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, lief ihr eine Träne über die Wange.
Schnell wischte sie sie weg. Doch schon folgte eine zweite. Mira schloss die Augen. Sie hasste sich dafür, dass sie weinte.
Sie hasste es, dass eine einzige Nachricht sie so sehr verletzen konnte. Und mehr als alles andere hasste sie es, dass sie ihn trotz allem immer noch liebte.
Ihr Blick fiel erneut auf das Handy. Ihr Herz schlug heftig. Wer war diese Frau? Warum war sie Cathan gegenüber so vertraut?
Mira konnte nicht einfach zu Hause bleiben und so tun, als hätte sie nichts gesehen. Sie musste die Wahrheit wissen. Selbst wenn diese Wahrheit die letzte Hoffnung zerstören würde, die ihr noch geblieben war.
Mira wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg zum Marta Hotel.
Sie wollte es mit eigenen Augen sehen. Sie wollte wissen, wer diese sogenannte junge Frau war.
Als Mira im Marta Hotel ankam, wollte sie gerade hineingehen, als sie plötzlich ihren eigenen Vater entdeckte.
„Papa? Was machst du hier?“
Thomas erstarrte für einen Moment, bevor er ausweichend antwortete. „Mira, deine Schwester ist gerade erst ins Land zurückgekommen. Sie wohnt hier.“
Mira blickte durch die riesigen, makellosen Glasfronten des Hotels und sah Mia im Inneren.
Sofort versteifte sie sich. Als sie Mias Beine bemerkte, blieb sie wie angewurzelt stehen.
Sie waren genau dieselben Beine, die sie zuvor auf dem Foto auf Cathans Handy gesehen hatte. Ihr Herz sank.
Die junge Frau war also niemand anderes als ihre eigene Schwester Mia.
Mia war schon seit ihrer Kindheit wunderschön gewesen. Sie hatte die schönsten Beine der ganzen Stadt, eine Schönheit, die die Blicke der Männer mühelos auf sich zog.
Und jetzt benutzte ihre kleine Schwester diese Schönheit, um ihren eigenen Schwager zu verführen. Mira fand das einfach absurd.
Sie wandte sich ihrem Vater zu. „Sieht so aus, als wäre ich die Letzte, die davon erfährt.“
Thomas wand sich unbehaglich. „Mia ist gestern zurückgekommen. Hast du erwartet, dass ich es dir sofort erzähle?“
„Tu nicht so, als würdest du nicht verstehen, worum es geht.“ Mira lächelte gezwungen und wandte sich Mia zu. „Du musst doch nicht so tun, als wüsstest du von nichts, oder?“
„Mira, Cathan hat dich von Anfang an nie geliebt. Hast du eine Ahnung, wie viele Frauen ein Auge auf Cathan geworfen haben? Anstatt ihn einer anderen zu überlassen, kannst du ihn genauso gut deiner Schwester zurückgeben.“ Thomas sprach, ohne sie anzusehen.
Mira ballte die Hände zu Fäusten. „Papa, ich bin auch deine Tochter.“
Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging davon.
„Mira.“ Plötzlich rief Mia ihr hinterher.