Kapitel 2

1060 Words
Der Blitz war ein silberner Lichtstreifen, der mit einem hohen Pfeifen durch die Luft schoss und den sicheren Tod versprach. Fenris reagierte mit dem Instinkt eines Raubtiers, das für den Krieg geboren war. Er dachte nicht nach, er stürzte sich einfach vor. Sein massiger Körper prallte gegen Elara und schleuderte sie auf den kalten Steinboden, gerade als der Blitz durch den Raum zischte, in dem sich eine Millisekunde zuvor noch ihr Herz befunden hatte. Das Projektil traf eine Granitsäule und explodierte in einer Wolke aus schimmerndem, violettem Staub. „Wolfsbane!“, brüllte Fenris, seine Stimme krachte wie Donner. Der Staub war ein Nervengift für Gestaltwandler. Auf den Dachsparren begannen die Wachen des Nordens zu fallen, husteten und krallten sich an die Kehle, während ihre Wölfe vor Schreck zurückwichen. Fenris rappelte sich auf und zog Elara hinter sich her, aber selbst er stolperte. Die Ablehnungsbindung – ohnehin schon eine offene, blutende Wunde in seiner Brust – flammte vor Schmerz auf, als das Gift in seinen Körper gelangte. „Geht zur Treppe!“, knurrte Fenris, seine Augen leuchteten verzweifelt und krankhaft gelb. „Elara, rennt!“ Aber die Attentäter waren keine gewöhnlichen Söldner. Sie bewegten sich mit einer furchterregenden, fließenden Anmut, ihre Gesichter hinter Masken aus poliertem Obsidian verborgen. „Das Mädchen“, befahl der Anführer der Attentäter mit einer Stimme, die wie zwei aneinander reibende Steine klang. „Lasst den Alpha verrotten. Sichert das Gefäß.“ Gefäß? Fenris’ Kopf schnellte zu Elara herum. In seinem Kopf tobte ein Sturm der Verwirrung. Er hatte sie gerade als „nutzlose Omega“ abgelehnt, doch diese Killer behandelten sie wie eine heilige Reliquie. Elara blieb geduckt, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Die geruchsneutralisierenden Kräuter versagten ihre Wirkung. Unter dem Stress des Angriffs stieg ihre Körpertemperatur. Das „Eis“ in ihren Adern begann zu kochen. Noch nicht, flehte sie ihren inneren Wolf an. Wenn ich mich jetzt verwandle, wird mich der ganze Norden jagen. „Hinter dir!“, schrie Elara. Fenris wirbelte herum, seine Klauen ausgestreckt, aber die „Ablehnungskrankheit“ in Kombination mit dem Wolfskraut machte ihn langsam. Ein Attentäter versetzte ihm einen Tritt in die Brust, sodass der massive Alpha gegen den Hochzeitsaltar krachte. Der Anführer der Attentäter stieg über Fenris hinweg, ignorierte den gefallenen König und griff nach Elara. „Komm ruhig mit, kleiner Stern. Dein Licht gehört jetzt der Leere.“ Seine Hand schloss sich um ihren Hals. Die Berührung war anders als die von Fenris. Sie funkelte nicht, sie entzog ihr Kraft. Der Attentäter war ein Siphon – eine Kreatur, die dazu bestimmt war, einem Gestaltwandler seine Kraft zu entziehen. Elaras Sicht begann sich zu vergrauen. Der Raum begann zu gefrieren. Nicht wegen des nordischen Wetters, sondern weil ihre Seele endlich zurückschlug. Frost begann auf dem schwarz gekleideten Arm des Attentäters zu blühen. „Was ist das?“, zischte der Attentäter und verstärkte seinen Griff. „Du solltest doch ein Omega sein!“ „Ich habe gelogen“, keuchte Elara. Plötzlich rammte ein massives, pelzbedecktes Gewicht den Attentäter. Es war Fenris. Er hatte eine teilweise Verwandlung erzwungen, sein Kiefer war verlängert und tropfte vor Schaum. Er riss den Attentäter von ihr weg, aber zwei weitere Bolzen schlugen in Fenris’ Schulter ein. Er stieß einen schmerzerfüllten Schrei aus und fiel auf ein Knie. Er sah Elara an, Blut klebte an seinem dunklen Fell, seine Augen weiteten sich, als ihm plötzlich eine schreckliche Erkenntnis dämmerte. Selbst durch das Gift und die Ablehnung hindurch schrie die schicksalhafte Partnerbindung eine Wahrheit heraus, die er in seiner Arroganz nicht sehen wollte. „Der Sturmwacht-Turm“, keuchte Fenris und griff mit zitternder Hand nach ihrer. „Er ist ... er ist geschützt. Sie können nicht hineinkommen.“ Er warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen einen versteckten Hebel hinter dem Altar. Ein Teil der Wand öffnete sich mit einem Knarren und gab den Blick frei auf eine schmale Wendeltreppe, die nach oben in die Wolken führte. „Geh!“, befahl er und schob sie in die Dunkelheit. „Ich lasse dich nicht hier zurück, um zu sterben!“, rief Elara und fing ihn auf, als er nach vorne taumelte. „Ich habe dich zurückgewiesen!“, knurrte er, während er sein schweres Gewicht gegen sie lehnte. „Was kümmert dich das?“ „Weil der Vertrag besagt, dass wir beide in diesem Turm sein müssen“, schnauzte sie und zog seinen Arm über ihre Schulter. „Und ich werde meine Meute nicht verhungern lassen, nur weil du zu dumm warst, deine Umgebung zu überprüfen!“ Sie kletterten in den Geheimgang, und die schwere Steintür schloss sich mit einem Knirschen, gerade als eine Salve silberner Bolzen das Holz durchlöcherte. Der Aufstieg war eine Qual. Fenris schwächte sich rapide ab, der Wolfskraut verwandelte seine Adern in schwarzes Zeug. Als sie den Gipfel erreichten – eine runde Kammer aus altem Stein und Glas mit Blick auf den gefrorenen Abgrund – brach er zusammen. Elara schlug die eisernen Riegel zu. Sie waren gefangen. 300 Fuß über dem Boden, mit einem sterbenden Alpha und einer Armee von Schattenassassinen vor der Tür. Sie wandte sich Fenris zu. Er zitterte, seine Haut war eiskalt. „Elara“, flüsterte er mit flatternden Augen. „Das Licht ... in der Halle. Du bist ... du bist kein Wolf.“ Bevor sie antworten konnte, verlor er das Bewusstsein. Elara sah auf ihre Hände. Sie leuchteten. Ein schwaches, ätherisches blaues Licht pulsierte unter ihrer Haut, und die Temperatur im Raum war auf minus vierzig Grad gefallen. Der Sturmwacht-Turm war nicht nur ein Gefängnis, er war ein Leiter. Und er verstärkte ihre Kraft. Von der anderen Seite der Tür ertönte ein leises, rhythmisches Pochen. Bumm. Bumm. Die Attentäter benutzten einen Rammbock. Elara sah Fenris' blasses Gesicht an. Wenn er starb, würde die Verbindung zerbrechen und sie mit ihm reißen. Wenn sie ihn rettete, müsste sie das eine Geheimnis preisgeben, das ihr die Hinrichtung einbringen könnte. Sie kniete sich über ihn und legte ihre leuchtenden Hände auf seine Brust. „Du wirst mich noch mehr hassen, wenn du aufwachst, Fenris“, flüsterte sie. Sie schloss die Augen und ließ sich vom Eis überwältigen. Draußen schrien die Schattenmörder, als plötzlich die gesamte Spitze des Turms explodierte – nicht mit Feuer, sondern mit einer Säule aus blendendem, himmlisch blauem Licht, das den fallenden Schnee in Diamantensplitter verwandelte.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD