Kapitel 1: Rausgeworfen!
„Ahh“, schrie Elena, als sie über die Reling der Yacht stolperte.
Eine verschwommene Gestalt näherte sich ihr und stieß sie hinunter.
„Ahh“, schrie sie aus voller Kehle, während sie in die Tiefen des Ozeans stürzte.
Elena schreckte aus dem Bett hoch, ihr Kopf war schweißnass und ihr Herz hämmerte wie verrückt in ihrer Brust.
Seit vier Jahren hatte sie denselben Traum, und sie kannte seine Bedeutung nicht.
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie eingeschlafen war, während sie sich für die Geburtstagsfeier seiner Schwester fertig machen wollte.
Bei dieser Erinnerung verdunkelte sich ihr Gesicht.
….
Die Villa der Miller-Familie war hell erleuchtet, voller Gäste und erfüllt von lebhaftem Geplauder. Alle feierten enthusiastisch Rosalie Miller, die geliebte Tochter der Miller-Familie, zu ihrem neunzehnten Geburtstag.
Während die Halle vor Aufregung summte, blieb der nahegelegene Garten so ruhig wie eh und je.
In einer schattigen Ecke, in die das Licht nicht reichte, saß Elena Miller auf einer Steinbank und war tief in Gedanken versunken.
Noch vor wenigen Tagen war sie die bewunderte älteste Tochter der Miller-Familie gewesen.
Doch jetzt war sie zum Objekt des Mitleids geworden und erntete von allen mitfühlende Blicke.
Der Grund war einfach.
Die echte Tochter der Miller-Familie, Rosalie Miller, war zurückgekehrt.
Vor drei Jahren war Rosalie unerwartet verschwunden. In ihrem Kummer hatten Mr. und Mrs. Miller Elena adoptiert, die am selben Tag und Monat wie Rosalie geboren worden war – als eine Art Trost. In den letzten drei Jahren hatte Elena auf Drängen ihres Vaters Rosalie in jeder Hinsicht nachgeahmt.
Rosalie trug gerne weiße Kleider, also durfte Elena nur weiße Kleider tragen.
Rosalie hatte eine schwache Konstitution und brauchte oft Kräutermedizin für ihre Gesundheit. Deshalb musste Elena vorgeben, zerbrechlich zu sein und immer mit Medizin gesehen werden.
Drei Jahre lang hatte man ihr die eigene Identität genommen und sie als Ersatz für Rosalie leben lassen.
Die Miller-Eltern waren gut zu ihr gewesen, und um diese Güte zu vergelten, hatte sie ihren eigenen Geist unterdrückt und ernsthaft gelernt, jemand anderes zu werden.
Doch vor drei Tagen…
war die echte Tochter zurückgekehrt.
Bei dem Gedanken an den schnellen Wandel in der Haltung ihrer Eltern in den letzten Tagen bekam Elena Kopfschmerzen.
Jetzt musste sie wahrscheinlich nicht mehr Rosalie sein.
Aber nach drei Jahren als Ersatz – konnte sie da wieder zur stolzen und unbeschwerten Elena zurückkehren, die sie einst gewesen war?
Während sie darüber nachdachte, ertönte plötzlich ein Schrei aus dem Garten. Erschrocken zog sie sich instinktiv in eine dunklere Ecke zurück, um sich zu verstecken.
Eine zarte und schöne Frau rannte vor Elena und weinte.
Dann jagte ein Mann ihr eilig hinterher.
Es waren Rosalie… und ihr angeblicher Verlobter, Williams Hayes.
Der Anblick der beiden bereitete Elena Kopfschmerzen. Sie wollte ihr Gespräch nicht mit anhören und versuchte, sich davonzuschleichen.
Doch sobald sie aufstand, prallte sie gegen eine feste Brust.
Als sie aufblickte, sah sie einen unglaublich attraktiven Mann mit einem kalten, nachtschwarzen Ausdruck.
Elenas Pupillen zogen sich zusammen.
Shaun Hayes!
Was machte er hier?
Dieser Shaun war blutsverwandt Williams’ Onkel.
Aber die beiden spielten in völlig unterschiedlichen Ligen!
Shaun war das Oberhaupt der Hayes-Familie in Canberra und stand an der Spitze der Macht in ganz Australien!
Williams hingegen, obwohl Shauns Neffe, war weit vom Kern der Macht der Hayes-Familie entfernt und war früh nach Melbourne geschickt worden.
Elena wusste nur deshalb von Shaun, weil Williams sie persönlich zu ihm mitgenommen hatte, bevor Rosalie zurückgekehrt war.
Gerüchten zufolge wollte die Hayes-Familie ihr Geschäft nach Melbourne ausweiten. Shaun war persönlich gekommen, teils für die Familienangelegenheiten, teils um seinen Neffen Williams zu besuchen.
Was machte jemand wie er auf Rosalies Geburtstagsfeier und noch dazu in so einer dunklen Ecke?
Shaun kniff die Augen zusammen, seine Brauen zogen sich leicht zusammen. Er mochte keine Partys, und als Williams ihn angefleht hatte zu kommen, hatte er zunächst abgelehnt. Aber nach einigem Überlegen hatte er beschlossen, den Millers etwas Respekt zu erweisen. Die Haupthalle war zu laut, deshalb wollte er nur einen ruhigen Ort finden, um zu warten, bis es Zeit für seinen Auftritt war und er der Miller-Familie die gebührende Ehre erweisen konnte.
Er hatte nicht erwartet, im Garten auf jemanden zu stoßen.
„Du…“, begann Shaun langsam zu sprechen.
Elena erschrak, presste ihm schnell die Hand auf den Mund und zog ihn verzweifelt nach unten.
Draußen war es etwas kühl. Dennoch war ihre Hand warm wie Frühling.
Shaun war einen Moment lang verblüfft und vergaß, sich sofort zu befreien.
Im nächsten Augenblick hörte er eine vertraute Stimme von vorn. Shauns Miene erstarrte sofort!
„Rosalie, bitte wein nicht. Es bricht mir das Herz, dich so zu sehen“, sagte Williams mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Bruder Williams, lass mich einfach weinen, lass mich weinen, bis ich sterbe“, schluchzte Rosalie. „Ich wusste nicht, dass du schon mit meiner Schwester verlobt bist. Wenn das so ist, warum hast du dann mit mir gespielt?“
Williams griff hastig nach Rosalies Hand. „Welche Schwester? Sie verdient es nicht, deine Schwester genannt zu werden! Rosalie, sie ist nur ein Ersatz für dich.“
„Ein Ersatz?“ Rosalies Augen waren immer noch rot, doch sie schien etwas ruhiger. „Bin ich so leicht zu ersetzen?“
„Natürlich nicht!“, antwortete Williams ohne Zögern. „Du bist ein kostbarer Edelstein, und sie ist nichts als Schutt. Dich mit ihr zu vergleichen, ist eine Beleidigung! Rosalie, von Anfang bis Ende hat mein Herz nur dir gehört.“
Williams goss sein Herz vor Rosalie aus – die Szene glich einem dramatischen Seifenoper-Moment.
Währenddessen stand seine Verlobte Elena still nicht weit entfernt und hörte alles mit.
Shaun, der zuhörte, runzelte tief die Stirn.
Obwohl sie blutsverwandt waren, hatte er seinen Neffen Williams erst vor Kurzem kennengelernt.
Bei ihren vorherigen Treffen hatte er gedacht, Williams sei anders als seine unzuverlässige Mutter, und hatte sogar in Erwägung gezogen, ihn nach Canberra zurückzuholen.
Aber jetzt, bei diesem Anblick… Was für ein kompletter Idiot!
Shaun konnte nicht anders, als einen Blick auf Elena zu werfen.
Als er ihren Blick bemerkte, schaute sie auf und zeigte einen perfekt flehenden Gesichtsausdruck.
Flüsternd sagte sie: „Mr. Hayes, bitte machen Sie kein Geräusch, okay?“
Shaun sah sie lange und tief an und nickte zustimmend.
Inzwischen ging das Drama weiter.
Rosalie, mit Tränen, die ihr übers Gesicht liefen, schaute Williams an. „Und trotzdem hast du dich mit ihr verlobt. Hast du eine Ahnung, wie schwer die letzten drei Jahre für mich waren? Wenn ich nicht die ganze Zeit an dich gedacht hätte, hätte ich es nicht geschafft zurückzukommen. Aber du… du hast all die Jahre, die wir zusammen verbracht haben, verraten.“
Williams’ Herz schmerzte, als er sie fest in die Arme schloss. „Rosalie! Wie könnte ich unsere Liebe jemals verraten? Die Verlobung mit Elena war etwas, worum Richard Miller mich angefleht hat. Er ist dein Vater; wie hätte ich ablehnen können?“
Rosalie war einen Moment lang verblüfft. „Dad? Warum?“
Williams schwieg kurz, bevor er langsam sagte: „Nichts ist stärker als eine familiäre Bindung durch Heirat.“
Du warst verschwunden.
Aber die Miller-Familie konnte die Chance nicht aufgeben, in die Hayes-Familie einzuheiraten.
Immerhin überragte selbst der Melbourne-Zweig der Hayes-Familie die Miller-Familie bei Weitem, obwohl er nur ein Bruchteil der Canberra Hayes war.
Deshalb suchten sie sich einen Ersatz – Elena – um deinen Platz einzunehmen.
Die ganze Situation war voller Berechnungen und Intrigen.
Sowohl er als auch die Miller-Familie waren sich dieser Machenschaften bewusst.
Trotzdem hatten alle beschlossen, wegzuschauen.
Unter den damaligen Umständen war es tatsächlich die beste Lösung gewesen.
Während Williams das erklärte, wurde Rosalies Miene etwas weicher, doch sie sah immer noch etwas traurig aus. „Aber jetzt bin ich zurück.“
Mit entschlossenem Gesicht sagte Williams: „Die ganze Zeit über habe ich nur dich geliebt. Jetzt, wo du zurück bist, kann meine Frau nur du sein! Rosalie, vertrau mir, ich werde alles Elena erklären und die Verlobung so schnell wie möglich auflösen.“
Rosalie schaute zu ihm auf. „Aber du bist so gutherzig. Was, wenn sie nicht einverstanden ist?“
Williams lachte kalt, seine Miene wurde etwas bedrohlich. „Sie hat hier nichts zu sagen!“
Rosalie, zufrieden, aber mit gespielt zarter Haltung, klopfte ihm leicht auf die Brust. „Du bist so streng, du hast mir Angst gemacht.“
Williams fing ihre Hand ein, sein Gesicht voller Zärtlichkeit. „Ich bin nur zu dir sanft.“
Dominant, aber zärtlich.
Rosalie konnte nicht anders, als sich in seine Arme sinken zu lassen.
Dann drangen seltsame Geräusche an Elenas Ohren.
Elena: „…“