Kapitel 1
Vespera Vances Sichtweise
Die Uhr im Arbeitszimmer tickte nicht; sie strich schwerfällig und rhythmisch über das Tischbein.
Ich stand in der Ecke, wo die Schatten am tiefsten waren, und presste meine Schultern flach gegen die Wand, weil ich dort nicht sein sollte.
Meine Zwillingsschwester sollte in drei Tagen ihr Leben dem Sloan-Syndikat ausliefern und einem blutigen Waffenstillstand zustimmen.
Doch als ich meinen Vater, Ronin Vance, auf den Dielen hin und her gehen sah, wirkte die Atmosphäre im Raum weniger wie die eines Zuhauses und mehr wie die einer Hinrichtungskammer.
„Sie reagiert nicht“, sagte Ronin.
Seine Stimme war viel zu leise; in unserem Haus war eine leise Stimme von Ronin Vance gefährlicher als eine geladene Pistole.
Er drehte sich nicht um; er blieb vor den Fenstern stehen, die den Blick auf den ummauerten Innenhof des Anwesens freigaben, die Hände ordentlich hinter dem Rücken verschränkt.
Das Silber in seinem Haar reflektierte das bernsteinfarbene Licht der Schreibtischlampe, sodass er weniger wie ein Vater und mehr wie ein steinernes Denkmal aus kaltem, unnachgiebigem Granit wirkte.
»Sie schläft höchstwahrscheinlich nur, Vater«, log ich mit sanfter Stimme und achtete darauf, dass mein Tonfall weich und gleichgültig klang, wie ich es immer tat, wenn ich mit der Umgebung verschmelzen wollte.
Celeste nimmt ihre Beruhigungsmittel um neun Uhr, wie du weißt; der Hochzeitsstress hat sie völlig fertiggemacht.
„Stress ist ein Luxus für Familien, die nicht von drei rivalisierenden Kartellen ausgeblutet werden“, antwortete Ronin.
Dann drehte er sich um und sah mich mit kalten, grauen Augen an. Dieser Blick verriet keinerlei Zuneigung; er hatte auch nie welche verraten.
Für Ronin war Celeste wie ein empfindliches Stück, mit dem man vorsichtig umgehen musste, und ich war der wilde und unkontrollierbare Hund, den er nicht bändigen und unter Kontrolle bringen konnte.
Holt sie! Die Sloan-Schergen haben gerade die Stadtgrenze überschritten, um den zeremoniellen Vertrag zu übergeben. Sie muss ihn vor Mitternacht unterschreiben.
Ich presste die Zähne zusammen, wodurch sich der Muskel leicht anspannte, was ich aber sofort wieder entspannte.
Ich wusste genau, was dieser Vertrag bedeutete; er war nicht bloß ein Stück Papier, er war ein Urteil.
Celeste sollte an Killian Sloan übergeben werden, einen Mann, dessen Ruf in Chicago nur noch aus Knochen und kalter Asche bekannt war.
Sie nannten ihn den Schnitter, einen skrupellosen Mafiaboss, der ohne Gnade Gebiete eroberte und keine Überlebenden zurückließ, und es war vorherbestimmt, dass meine sanfte, ängstliche Schwester in seinem Bett liegen sollte.
"Ich hole sie", sagte ich leise.
Ich drehte mich um und verließ das Arbeitszimmer. Lautlos ging ich den Flur entlang, die Perserteppiche unter meinen Füßen.
Sobald ich die Haupthalle durchschritten hatte, verschwand meine sanfte und respektvolle Haltung.
Ich richtete meinen Rücken auf, hob das Kinn und kniff die Augen zusammen, während ich in den dunklen Ecken des Herrenhauses umherblickte.
Ich hasste diesen Ort; ich hasste den polierten Marmor, der die Leere unseres Lebens widerspiegelte, ich hasste die Eisengitter, die nur als dekorative Verzierungen in den Fenstern getarnt waren, und vor allem hasste ich die Tatsache, dass ich zusehen musste, wie meine Schwester in einen Fleischwolf gesteckt wurde, um das Imperium unseres Vaters am Laufen zu halten.
Nachts arbeitete ich als Privatdetektiv und leitete meine Geschäfte von einem ruhigen Büro im Stadtzentrum aus unter falschem Namen, weil ich einfach etwas Reales erleben musste, anstatt mein Leben von der Vance-Blutlinie diktieren zu lassen.
Celeste hingegen war zerbrechlich und würde beim ersten harten Wort zusammenbrechen; sie könnte es keinen Monat lang in Killian Sloans Anwesen aushalten.
Als ich im dritten Stock ankam, wirkte die Stille anders.
Die Stille war nicht die für Ronins Gegend typische, dichte und disziplinierte; sie war eher leblos.
Die Tür zu Celestes Schlafzimmer befand sich am anderen Ende des Flurs und war aus massiver Eiche gefertigt; sie war geschlossen, genau wie immer.
Ich rief: „Celeste!“, und klopfte zweimal mit dem Handrücken.
Celesa, steh auf, Papa will dich unten haben.
Es gab keine Antwort, kein Rascheln der Seidenlaken und auch nicht jenen leisen, panischen Seufzer, der normalerweise kam, wenn meine Schwester durch die Forderungen unseres Vaters geweckt wurde.
Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Nacken, als ich den Messinggriff ergriff und ihn drehte.
Es war entriegelt.
Celeste hatte ihre Tür nie unverschlossen gelassen; seit die Ehe vor zwei Monaten arrangiert worden war, hatte sie sich jeden Abend eingeschlossen, aus Angst, dass die Schatten in ihrem Zimmer zu Sloan-Auftragskillern werden könnten.
Ich öffnete die Tür, und die Luft im Inneren war eiskalt.
Die Vorhänge wurden vom Wind hereingeweht, verursacht durch eine starke Brise, die durch die offene Balkontür strömte.
Das Zimmer war makellos sauber, das Bett mit größter Sorgfalt gemacht, die Seidendecke nie gebügelt, und auf dem Tisch standen keine ihrer zarten Parfümflakons.
"Celeste?"
Ich rannte zum Bett und fand es leer vor. Dann öffnete ich den Kleiderschrank und sah, dass ihre schweren Mäntel und ihre kleine Lederreisetasche fehlten.
Auf dem weißen Tisch lag ein einzelnes Blatt cremefarbenes Papier, darauf drückte der mit Diamanten verzierte Ring.
Ich hob die Zeitung auf, mein Herz pochte heftig gegen meine Rippen.
Ich kann nicht mehr, Vesp. Die Handschrift war hastig und schräg, und die Flecken sahen aus wie getrocknete Tränen. Es tut mir so leid.
Er sagte, er würde mich an einem Ort verstecken, wo Vater uns niemals finden könnte. Bitte sucht mich nicht. Bitte verzeiht mir.
Nein, nein, nein… "Du Narr, Celeste", flüsterte ich, während meine Finger das Papier zum Zittern brachten.
Sie war gerannt.
Drei Tage bevor sie den gefährlichsten Mann des Staates heiraten sollte, war sie mit ihrem heimlichen Liebhaber durchgebrannt.
Die Schritte, die den Flur entlangkamen, waren schwer, langsam und schnell.
Ich steckte den Zettel in die Innentasche meiner Jacke, genau in dem Moment, als Ronin durch die Tür trat.
In weniger als zwei Sekunden erfassten seine scharfen Augen den offenen Balkon, das leere Bett und die Tatsache, dass Celestes Gepäck fehlte.
Sein Gesicht verlor seine Farbe und nahm ein dunkles, schreckliches Lila an.
"Wo ist sie?" Ronin senkte seine Stimme um eine Oktave, und sie bebte vor unnatürlichem, tödlichem Zorn.
„Sie ist fort, Vater“, sagte ich und stellte mich fest zwischen ihn und den Tisch.
Das Fenster war offen, und sie hinterließ eine Nachricht, in der sie schrieb, dass sie es nicht durchziehen könne.
Ronin schrie nicht und er schlug nicht gegen die Wand.
Er zog ein schwarzes Verwaltungstablet aus seiner Manteltasche und wischte mit einer heftigen Daumenbewegung über den Bildschirm.
Ronin sagte: „Das Anwesen ist mit biometrischen Systemen in Militärqualität gesichert“, und überflog dabei schnell den digitalen Code, der auf dem Bildschirm herunterlief.
Um die Außenmauer zu durchbrechen, müsste ein Eindringling drei separate stille Alarme auslösen. Und damit ein Flüchtender den Hof passieren kann, wäre eine Schlüsselkarten-Überbrückung erforderlich.
Er ging näher an das elektronische Türschloss heran, zog einen kleinen Diagnosescanner von seinem Gürtel und drückte ihn auf die neben dem Rahmen angebrachte Schlüsselkartenplatte. Das kleine LED-Display blinkte gelb und dann rot und zeigte ein detailliertes Protokoll der mit Zeitstempeln versehenen Zugangscodes an.
Ich beobachtete ihn, während mir der Atem stockte. Ich kannte die Funktionsweise des Anwesens, da ich im Rahmen meiner privaten Tätigkeit seit vielen Jahren dessen Sicherheitslücken analysiert hatte.
Man könnte das Haus nicht verlassen, ohne die Sirenen auszulösen, indem man einfach eine Schlüsselkarte vorzeigt; man bräuchte eine hohe Sicherheitsfreigabe.
Ronin blieb regungslos, und die Tafel in seiner Hand zitterte leicht.
„Papa?“, fragte ich und legte meinen defensiven Tonfall ab, als sich echte Verwirrung breitmachte. „Was steht im Logbuch?“
Langsam hob er den Kopf, und seine kalten grauen Augen fixierten mich mit einem Blick, der sowohl Schock als auch boshafte Berechnung ausdrückte, was meinen Puls in die Höhe schnellen ließ.
Ronin erklärte mit erschreckend ruhiger Stimme, dass das Schloss um 23:14 Uhr von innen entriegelt worden sei.
Ganz sicher nicht durch die Verwendung einer gestohlenen Karte oder durch das Überwinden des Sensors.
Er richtete das Tablet so aus, dass es mir zugewandt war; auf dem Bildschirm prangte ein verschlüsselter administrativer Schlüsselcode, ein Freigabecode, den nur drei Personen in der ganzen Stadt besitzen.
„Es war keine Flucht, Vespera“, flüsterte Ronin, und das Gefühl, dass es sich in ihm wie Gift ausbreitete, drang tief in ihn ein.
Das Sicherheitssystem wurde gelöscht und mit einem verschlüsselten Executive-Schlüssel, der Vance gehört, aufgerufen. Der Schlüssel war vor zwei Stunden im privaten Netzwerk von Killian Sloan generiert worden.