Kapitel 3: Du
Camillas Sicht
Ich ging im Zimmer auf und ab, das Herz saß mir im Hals und raste, als wollte es einen rasenden Zug überholen.
Arthur hatte nichts bemerkt, oder? Er sah nicht so aus. Zumindest betete ich, dass er es nicht getan hatte.
Malakai. Mein Gefährte? Nein.
Das musste ein Irrtum sein.
Es war selten, aber nicht unmöglich, dass ein Wolf zwei Schicksalen verbunden war.
Aber ich? Eine verfluchte Omega, die nicht nur einem Alpha, sondern gleich zweien bestimmt war? Ein bitteres Lachen kratzte sich aus meiner Kehle hoch.
Ich musste es mir eingebildet haben. Vielleicht wollte ich die Freiheit so verzweifelt, dass mein Verstand anfing, mir Streiche zu spielen. Ja, das musste es sein.
Ich ging zum Bett, dann hielt ich inne.
Was, wenn es doch kein Trugbild war?
Ein Schauer jagte durch mich.
Ich wollte entkommen, aber nie hätte ich mir vorgestellt, dass es in Form eines weiteren Gefährten kommen würde. Verspottete mich die Göttin?
Ein Teil von mir – der Teil, der noch hoffte – wollte glauben, dass es etwas Gutes war. Dass er mich vielleicht vor Arthur retten konnte.
Sei nicht töricht, Camilla. Hoffe nicht. Hoffnung tut mehr weh als Schmerz.
Er konnte schlimmer sein als Arthur und meine Eltern zusammen.
Ich hatte die Geschichten gehört. Wie er seine Feinde erzittern ließ. Wie manche sagten, er besäße Kräfte, die Menschen zwangen, ihre dunkelsten Albträume erneut zu durchleben.
Konnte ich ihn benutzen, um diesem Ort zu entkommen … und dann auch vor ihm?
Ich stöhnte auf, raufte mir die Haare und setzte mich endlich hin. Es nützte nichts, meine Gedanken zu verschwenden. Ein Mann wie er würde keinen einzigen Gedanken an mich verschwenden. Er hatte die Bindung gespürt und nicht einmal reagiert. Ihm waren flüchtige Dinge wie Gefährten egal. Es gab kein Entkommen aus diesem Leben.
Gerade als ich unter die Decke schlüpfen wollte, erklang ein Klopfen an der Tür.
Ich fluchte leise und fragte mich, wofür man mich diesmal brauchte. Aber wie immer antwortete ich nicht.
Das Klopfen kam erneut. Und erneut. Und erneut. Und erneut.
Ich hasste das Geräusch so sehr, dass ich gar nicht merkte, wie ich aufsprang, zur Tür marschierte und sie aufgerissen hatte, das Gesicht vor Wut verzogen.
Aber in dem Moment, als ich sah, wer dort stand, setzte mein Herz aus. Mein ganzer Körper wurde eiskalt.
„Hallo, Lovely.“
Seine Stimme war ein samtiges Murmeln, das aus der Tiefe seiner kräftigen Brust grollte und doch von Gefahr durchzogen war. Und dieses leise Lächeln, das seine Lippen krümmte? Er ähnelte einem gefallenen Engel.
Wie hatte er mich gefunden? Wie war er an den Wachen vorbeigekommen? War er hier, weil er die Bindung gespürt hatte?
Ich blinzelte heftig, schüttelte den Nebel ab und versuchte dann schnell, die Tür zu schließen, bevor jemand uns sehen konnte.
Aber seine Hand fing sie mit Leichtigkeit ab. Er sah nicht einmal so aus, als würde er sich anstrengen, als bedeute meine Anstrengung nichts.
„Suchst du etwas?“, fragte ich und tat so, als hätte ich nicht gerade fliehen wollen. Arthurs wichtigen Gast zu verärgern wäre der schlimmste Fehler, den ich machen konnte.
„Jemanden“, korrigierte er, das schöne Lächeln immer noch auf den Lippen.
Mein Herz setzte aus. Er konnte mich nicht meinen.
„Dich.“
Ich schluckte.
„Es tut mir leid, aber du musst gehen“, sagte ich schnell und zwang Höflichkeit in meine Stimme. „Wenn dich hier jemand sieht, wäre das schlecht. Ich will nicht bestraft werden.“
Ein Stirnrunzeln legte sich über sein Gesicht.
„Bestraft? Von wem?“ Seine Alpha-Aura glitt kurz durch, scharf und schwer, bevor er sie ebenso schnell wieder verbarg.
Meine Worte hatten ihn verstimmt. Warum?
„Wie bist du an den Wachen vorbeigekommen?“, fragte ich, steckte den Kopf hinaus und musterte den Flur, um sicherzugehen, dass niemand zusah. Er musste meine hässlichen Geschichten nicht kennen.
„Vielleicht, wenn du einen Spaziergang mit mir machst, verrate ich dir mein Geheimnis.“ Sein Ton trug stille Belustigung.
„Dein Geheimnis?“
„Ja, Lovely.“ Er klang, als meinte er es ernst. Aber ich wusste, selbst wenn ich mitginge, würde er mir nichts erzählen.
„Mein Name ist nicht Lovely. Warum nennst du mich so?“
Ich gab mir alle Mühe, nicht zu erröten.
Er ließ die Tür los, die Hände glitten hinter seinen Rücken. Warum glaubte er, ich würde sie jetzt nicht schließen?
Ich tat es nicht.
„Genau so siehst du aus. Und du riechst nach Lilien.“
Meine Augen weiteten sich, die Wangen wurden heiß. Ich wollte fragen, ob er den Duft mochte, hielt mich aber zurück.
Ich nickte nur klein. Arthur und ich waren vier Jahre zusammen, und doch hatte er mir nie gesagt, wie ich roch. Oder dass ich lovely war.
„Bitte, du solltest jetzt gehen.“
Er rührte sich nicht.
„Bist du hier glücklich?“, fragte er.
Die Frage ließ mich zusammenzucken, als hätte er einen Finger auf eine Wunde gelegt, die ich verborgen hielt, und zugedrückt. Meine Kehle brannte.
Warum fragte er das? Warum war es wichtig? Was würde er tun, wenn ich nein sagte?
„Glück ist eine Illusion“, flüsterte ich. „Ich … ich habe meinen Gefährten. Hier.“
Er blinzelte nicht. Seine Augen blieben auf mir, als sähe er etwas, das niemand sonst je gesehen hatte. Ich wollte weglaufen, mich verstecken, bevor er die Hässlichkeit aufdeckte, die ich tief vergraben hatte.
„Wie heißt du, Gefährtin?“ Seine Stimme war leise, respektvoll.
Ich war schockiert über das Wort – Gefährtin. Er wusste es. Und trotzdem war er hier?
„Camilla“, hauchte ich.
„Camilla.“ Er prüfte meinen Namen auf seinen Lippen, als wäre er heilig, ließ jede Silbe verweilen. „Ich liebe den Duft von Lilien, Camilla. Sie erinnern mich an den Sommer … hell und strahlend.“
Zusätzliche Hitze brannte in meinen Wangen. Ein Lächeln fand seinen Weg auf meine Lippen, bevor ich es verhindern konnte, obwohl ich wusste, dass ich nichts mit dem Sommer zu tun hatte. Ich war immer eher der Winter gewesen – kalt, trist und vergessen.
„Ich möchte dich mit nach Hause nehmen“, fuhr er sanft fort. „Aber nur, wenn du das willst. Deshalb muss ich wissen … bist du glücklich?“
Ich starrte ihn an, das Herz pochte vor Verwirrung und Angst.
Zuhause? Sein Rudel?
Wäre da nicht die Bindung gewesen, hätte ich gedacht, Arthur hätte ihn geschickt, um mich zu prüfen.
„Obwohl du aussiehst …“ Er hielt inne, die Augen glitten über mich, bevor er fortfuhr. „Kaum noch am Leben.“
Ich zuckte zusammen, aber in seinem Ton lag keine Grausamkeit. Nur Wahrheit. Und das tat mehr weh.
Ich lehnte mich an den Türrahmen, der Blick fiel auf den Boden. „Ich weiß nicht, ob ich ganz am Leben sein will“, flüsterte ich.
„Vielleicht liegt das daran, dass du nie wirklich gelebt hast, Camilla.“ Seine Worte umhüllten mich, schwer von einem Wissen, das mich verstörte. Als trüge er einen Spiegel zu meiner Seele.
„Und warum denkst du das?“ Meine Stimme brach. „Du urteilst über mich, ohne mich überhaupt zu kennen.“
„Wenn du gelebt hättest“, sagte er, jetzt weicher, „würdest du mehr davon wollen. Und du bist nicht schwer zu lesen … Trauer hat eine Art, Menschen zu zeichnen.“
Seine Hand schloss sich um meine, bevor ich Worte finden konnte. Ich erstarrte, als er mein Handgelenk umdrehte, die Augen am Armband verweilten, als flüstere es Geheimnisse, die nur er hören konnte. Sein Gesicht verriet nichts.
Dann drückte er langsam seine Lippen auf meine Knöchel. Ein Schauer strich durch mich und setzte sich in den Zehen fest.
Ich riss die Hand zurück, das Herz pochte.
„Heute Nacht“, murmelte er, die Stimme tief und gewiss, „werde ich dich fortbringen. Dich das Leben kosten lassen.“
Er verneigte sich leicht, dann ging er davon, glitt in die Schatten und hinterließ nur nachhallende Stille.
Ich stand wie festgewurzelt, der Atem flach. Die Luft strich über meine Haut, doch alles, was ich spürte, war er. Seine Gegenwart klebte an mir, als hätte sich die Wirklichkeit selbst verschoben.
Mich fortbringen …?
Das musste ein Traum sein. Aber meine Haut kribbelte noch von seinem Kuss, ein Echo des Versprechens, das er gerade gegeben hatte. Das geschah wirklich.
Aber Flucht war unmöglich. Arthur, der einmal einem Mann die Beine gebrochen hatte, nur weil er mich angesehen hatte, würde es nie erlauben. Ich war sein Eigentum auf Lebenszeit.
Und wenn Malakai es versuchte … würde es in Blut enden.
Zweifellos meinem.
Meine Freiheit könnte meine Hinrichtung sein.
Was soll ich tun?