Kapitel 1: Wertlos
Kapitel 1: Wertlos
Camillas sicht
„Festhalten, mein Süßes!“
Der scharfe Klaps, der auf seine Worte folgte, brannte auf meiner Haut. Ich wimmerte leise und gehorchte, meine Finger schlossen sich fester um die kalte Stange.
„Mmm … was für ein süßes Ding du doch bist.“
Arthurs Griff um meine Taille wurde so fest, dass ich beinahe zusammenzuckte. Ein lustvolles Stöhnen entrang sich seiner Kehle – der eindeutige Beweis dafür, wie sehr er den Moment genoss.
Und ich?
Ich wollte nur, dass es endlich vorbei war.
Ich biss mir auf die Lippe, um keinen Laut von mir zu geben. Der Schmerz seines festen Griffs war nichts im Vergleich zu dem pochenden Ziehen zwischen meinen Schenkeln. Oder dem Brennen an meinem Handgelenk.
Mit einem letzten, gnadenlosen Stoß sackte Arthur auf meinem Rücken zusammen und rang keuchend nach Luft wie ein wildes Tier.
Sein Gewicht drückte schwer auf mich, doch ich wagte nicht, mich zu beschweren. Ich hielt einfach still, damit wir nicht beide das Gleichgewicht verloren, während er wieder zu Atem kam. Andernfalls würde ich bestraft werden. Schon wieder.
„Mach hier alles sauber. Sofort“, befahl er, sobald er sich wieder aufrichten konnte. Noch immer keuchte er von dem, was er mit mir getan hatte.
„Danach gehst du zu den anderen Omegas und sorgst dafür, dass das Essen perfekt ist. Dieses Bündnis ist zu wichtig. Wir können uns keine unzufriedenen Gäste leisten.“
Er zog den Reißverschluss seiner Hose hoch, hob sein Hemd vom Bett auf – in derselben Farbe wie sein kurzes, lockiges kastanienrotes Haar – und streifte es sich über seinen schlanken Körper.
„Hast du verstanden, was ich gesagt habe?“
„Ja.“
Ich bewegte mein Handgelenk vorsichtig, in der Hoffnung, den Schmerz zu lindern, den das Metallarmband verursacht hatte, das sich tief in meine Haut drückte.
Seine grauen Augen glitten flüchtig über meinen nackten Körper, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Er leckte sich über die Lippen, verzog den Mund zu einem selbstgefälligen Grinsen und wandte sich zum Gehen. An der Tür blieb er nur kurz stehen, um mir eine Kusshand zuzuwerfen.
Als die schwere Mahagonitür hinter ihm ins Schloss fiel, atmete ich tief aus.
Wieder eine solche Nacht überstanden.
Ich ging ins Badezimmer und duschte kurz heiß, in der Hoffnung, das dumpfe Pochen zu lindern, das meinen ganzen Körper erfüllte.
Ein Schmerzmittel half ebenfalls.
Jetzt war ich bereit, einen fahrenden Zug aufzuhalten.
Nicht wirklich.
Aber ich konnte es zumindest versuchen, bevor er mich überrollte.
Mein Schicksal war längst besiegelt.
Und es gab kein Entkommen.
Oder vielleicht doch?
Der Rest des Tages verging wie im Nebel. Ich ignorierte das Ziehen zwischen meinen Beinen, während ich putzte, kochte und den Saal für die Gäste vorbereitete, die am Abend eintreffen würden.
Als ich schließlich ins Haus zurückkehrte, war ich schweißgebadet und mein ganzer Körper fühlte sich bleischwer an. Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich einfach ins Bett gekrochen und hätte sieben Jahre lang geschlafen.
Vielleicht konnte ich wenigstens ein paar Minuten sitzen, bevor ich wieder an die Arbeit musste.
Ich betrat das Wohnzimmer und verlangsamte unwillkürlich meine Schritte.
Dann breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.
„Audrey.“
Sie drehte sich zu mir um, und mein Lächeln wurde noch breiter.
„Du hast gar nicht gesagt, dass du vorbeikommst.“
Ihre ungewöhnlichen braunen Augen verdrehten sich einen Tick zu dramatisch.
Ganz Audrey eben.
„Ich dachte, ich kann meine eigene Schwester jederzeit besuchen“, sagte sie. „Vor allem die Schwester, die mir ein Organ geschenkt hat.“
Ich zwang mich zu einem leisen Lachen.
„Natürlich. Ich bin nur überrascht, dich zu sehen, Drey.“
Ohne zu zögern ging ich zu ihr hinüber und schloss sie fest in die Arme. Sie erwiderte die Umarmung etwas steif, aber das störte mich nicht. Ich atmete ihren intensiven Vanilleduft ein.
„Du bist ganz verschwitzt“, beschwerte sie sich.
„Oh, tut mir leid.“ Lachend ließ ich sie sofort wieder los. „Ich habe gearbeitet. Wie geht es Mom und Dad?“
„Sie genießen ihr Leben in vollen Zügen“, antwortete sie, während ihr Blick immer wieder durch den Raum wanderte, als suche sie jemanden.
„Rate mal!“
Sie wandte sich mit einem breiten Grinsen wieder zu mir um. Ihr blondes Haar streifte beinahe mein Gesicht, doch ich lehnte mich rechtzeitig zurück.
„Sag's mir. Ich hasse Ratespiele.“
Ich versuchte, ihre Begeisterung zu teilen.
„Dad hat mir ein Auto geschenkt, um zu feiern, dass ich meinem Wolf begegnet bin!“, quietschte sie und drehte sich vor Freude im Kreis.
„Oh mein Gott … du bist deinem Wolf begegnet.“
Erst letzte Woche war sie neunzehn geworden.
„Ja! Ein Beta-Wolf. Und außerdem mein Traumauto. Ist das nicht einfach fantastisch?“
Sie warf die Hand in die Luft, und ich konnte ihren Stolz förmlich spüren.
„Natürlich ist es das. Ich freue mich wirklich für dich.“
Ich war längst nicht so überschwänglich wie sie, aber ich meinte es ehrlich.
Ein Alpha konnte einen weiteren Alpha oder einen Beta hervorbringen, doch meistens wurde es ein Alpha. Und selbst Betas waren fast genauso stark wie Alphas.
„Bist du sicher?“
Ich runzelte die Stirn.
„Du weißt doch, dass Dad für dich nichts gemacht hat, als du deinem Wolf begegnet bist. Ich wollte nur sicher sein, dass du nicht verletzt bist“, erklärte sie hastig.
Und trotzdem hatte sie es mir unter die Nase gerieben.
Aber ich war nicht wütend.
Ich war es gewohnt.
„Warum sollte ich wegen deines Glücks verletzt sein, Drey? Du bist meine Schwester.“
Und diejenige, die Vater wirklich liebte.
Ich war nur die verfluchte Omega.
Das Mädchen mit einem schlafenden Wolf.
Fast wolflos.
Gefürchtet. Verachtet.
Das Ergebnis eines Seitensprungs.
„Du musst dir keine Sorgen machen.“
Ihr Blick schweifte erneut durch den Raum, und noch bevor ich fragen konnte, wen oder was sie suchte, ertönte eine schrille Stimme.
„Camilla! Was stehst du da herum und tratschst wie eine arbeitslose Frau?!“
Typisch Luna Caroline.
Sie schrie ständig herum, als wäre sie gerade aus einer Irrenanstalt ausgebrochen.
Sie trat aus dem linken Flügel des Hauses, geschminkt, als hätte sie vorgehabt, gleich eine ganze Hauswand zu streichen.
Den Titel der Luna hatte ich noch nicht verdient.
Deshalb trug sie ihn weiterhin.
Bis ich es war.
Falls dieser Tag überhaupt jemals kommen würde.
„Fast alles ist fertig“, antwortete ich ruhig. „Ich habe nur eine kurze Pause gemacht.“
„Eine kurze Pause“, spottete sie. „Als hättest du gerade einen Berg bestiegen. Ich verstehe wirklich nicht, warum die Göttin meinen geliebten Sohn mit so einer faulen Person verflucht hat. Ab in die Küche. Sofort. Und sorg dafür, dass alles perfekt ist.“
Sie scheuchte mich fort, als wäre ich eine lästige Fliege.
„Ja, Ma'am.“
Mit einer übertriebenen Verbeugung nickte ich Audrey kurz zu und ging.
Sie hatte recht.
Ich war das Unglück im Leben ihres Sohnes.
Mit fünfzehn war ich ihm versprochen worden, blind vor einer törichten Schwärmerei.
Und mit neunzehn hatte die Göttin unser Schicksal endgültig besiegelt.
Ich konnte froh sein, dass Arthur verantwortungsbewusst genug war, den letzten Wunsch seines verstorbenen Vaters – und das Band des Schicksals – nicht zu missachten und jemanden so Wertlosen wie mich zurückzuweisen.
„Ach, mein Schatz, du bist uns besuchen gekommen!“
Carolines Stimme triefte plötzlich vor Süße.
Mir wurde beinahe übel.
Ich war mir sicher, insgeheim hätte sie Audrey viel lieber als Schwiegertochter gehabt als mich.
„Ja, Luna Caroline. Ich habe Sie alle vermisst“, antwortete Audrey sanft.
Ich stellte mir ihr bezauberndes Lächeln vor.
Das Lächeln, von dem jeder glaubte, es sei ein Geschenk.
In der Küche blubberten die Töpfe, erfüllt vom Duft frischer Kräuter und Gewürze. Einige Omegas zwangen sich zu einem Lächeln, als ich hereinkam, andere machten unauffällig einen Schritt zur Seite, um Abstand zu mir zu halten.
Ich ignorierte sie und machte mich sofort an die Arbeit, half dort, wo ich gebraucht wurde. Kurz darauf kam Caroline herein und verteilte scharf ihre Anweisungen, wie alles in den Festsaal gebracht werden sollte.
Als ich endlich einen Moment zum Durchatmen hatte, war es bereits Abend.
Mein ganzer Körper schmerzte.
Ich wollte nichts weiter als ein heißes Bad und vielleicht ein wenig Schlaf stehlen, bevor die Feier begann.
Ich wusste, dass Arthur mich wahrscheinlich trotzdem noch zum Bedienen einteilen würde.
Das bedeutete, dass an Nachtruhe kaum zu denken war.
Ich sah mich um, entdeckte Audrey jedoch nirgends.
Wahrscheinlich war sie zu Freunden gegangen oder irgendwo mit ihrem Handy beschäftigt.
Ich drückte die Schlafzimmertür auf.
Und erstarrte.
Ein erschrockenes Keuchen entwich mir, bevor ich mir die Hand auf den Mund presste.
Arthur hielt mitten in der Bewegung inne und zog sich aus der Frau unter ihm zurück.
Noch eine Geliebte.
Meine Augen brannten, obwohl ich das nicht wollte.
Er drehte sich zu mir um, und der gespielte Schock auf seinem Gesicht ließ meinen Magen umdrehen.
Die Frau unter ihm richtete sich hastig auf und senkte den Blick.
„E-Es tut mir leid“, stammelte sie.
Ich wollte ihr sagen, dass sie sich nicht entschuldigen musste.
Das hier war nichts Neues.
Doch der Schmerz in meiner Brust fühlte sich jedes Mal genauso schlimm an.
„Nein. Ich muss mich entschuldigen, dass ich euch unterbrochen habe. Ich lasse euch besser allein.“
Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer und nahm mir beinahe die Luft.
Ich wollte die Tür schließen, doch Arthur hielt mich auf.
„Nein. Bleib.“
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
Mit einem Schlag wich alle Farbe aus meinem Gesicht.
„Der Spaß ist vorbei“, sagte er zu der Brünetten.
Sie zog sich hastig an und verschwand fast fluchtartig aus dem Zimmer.
„Arthur … bitte …“
Ich war zu erschöpft für das, was auch immer er wollte.
Mein Unterleib schmerzte noch immer.
Wenn er mich noch einmal anfasste, würde ich vielleicht zusammenbrechen.
Oder eine Weile nicht einmal mehr laufen können.
„Schhh …“
Er legte einen Finger auf seine Lippen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so früh zurückkommst. Ich konnte einfach nicht warten“, sagte er, als würde das alles entschuldigen.
„Mach dir keine Sorgen. Sie bedeutet mir nichts. Du bist die Einzige, die zählt, mein Süßes.“
Dann ließ er den Blick nach unten gleiten.
„Komm her und kümmer dich darum. Keine Hand fühlt sich besser an als deine.“