Kapitel 1
Alinas Sicht
Der Champagner schmeckte wie eine Lüge.
Ich lächelte trotzdem, denn so war ich seit meinem achten Lebensjahr darauf trainiert worden, seit mein Vater mir zum ersten Mal ein Kleid angezogen hatte, das mehr kostete als die Miete der meisten Leute. Lächeln. Nicken. Keine Fragen stellen. Die Art von Tochter sein, die Männer heiraten wollten.
Heute Abend hatte ich es anscheinend endlich richtig gemacht.
„Du siehst glücklich aus“, flüsterte meine beste Freundin Nadia und füllte mein Glas nach, bevor ich sie aufhalten konnte. „Sollte ich mir Sorgen machen?“
„Ich bin mit einem Mann verlobt, der beim Vorspiel über Hedgefonds redet. Mach dir ruhig Sorgen.“
Sie lachte zu laut, wie immer nach ihrem zweiten Drink, und quer durch den Ballsaal hob mein Verlobter – Julian, blond, harmlos, der Sohn des Geschäftspartners meines Vaters – sein Glas auf mich, als wären wir einem Magazin entsprungen. Ich erwiderte meins. Zweihundert Gäste. Streichquartett. Das Imperium meines Vaters, in weiße Orchideen gehüllt und auf legalem Wege.
Vierundzwanzig Jahre lang hatte ich versucht, aus Vittorio Rossis Schatten zu treten, und heute Abend, auf eine seltsame Art und Weise, glaubte ich, diese Verlobung könnte endlich mein Ausweg sein. Julians Familie war seriös – Immobilien, echte Immobilien, nicht die Art von Immobilien, mit denen mein Vater Geld schob, das nicht gefunden werden wollte. Wenn ich Julian heiratete, könnte ich vielleicht endlich ein Mensch sein, statt nur eine Rossi.
Ich ahnte noch nicht, dass ich noch vor Mitternacht Witwe dieses Plans sein würde.
Gegen elf Uhr fand mich mein Vater in der Nähe der Terrassentüren. Er zog mich am Ellbogen in den Flur, als wäre ich wieder zwölf und er hätte mich beim Naschen erwischt.
„Nicht heute Abend“, sagte er leise, ohne mich anzusehen. Sein Kiefer war angespannt, eine mir bekannte Anspannung. Geschäftliches sprach durch ihn, nicht der Champagner.
„Was ist los?“
„Nichts, worüber du dir Sorgen machen musst.“ Er richtete meine Kette, als ob das irgendetwas wieder gutmachen würde. „Bleib heute Abend in Julians Nähe. Lauf nicht herum.“
„Du machst mir Angst.“
„Gut“, sagte er, und für einen seltsamen Augenblick huschte ein Ausdruck aus seinem Gesicht – fast wie Angst, vielleicht eine Entschuldigung –, bevor er es wieder schloss und zurück zur Party ging, als wäre nichts geschehen.
Ich hätte ihm folgen sollen.
Tat ich aber nicht.
Ich ging zurück zu Nadia, zurück zum Champagner, zurück dazu, Menschen anzulächeln, deren Namen ich am nächsten Morgen vergessen haben würde, und zwanzig Minuten später verstummte die Musik.
Nicht langsamer geworden. Einfach weg. Das Quartett hörte mitten im Ton auf, und es herrscht eine ganz besondere Stille in einem Raum voller einflussreicher Menschen, wenn etwas schiefgelaufen ist – eine Stille, die entsteht, wenn zweihundert Menschen gleichzeitig abwägen, wie sich das auf sie auswirkt.
Sergio Conti war es, der mich gefunden hat. Der älteste Freund meines Vaters, graue Schläfen, die Hände zitterten so stark, wie ich es in zwanzig Jahren, in denen ich ihn eiskalt Zahlen jonglieren sah, noch nie bei ihm beobachtet hatte.
„Alina.“ Er sprach meinen Namen, als schmerzte es ihn. „Du musst mitkommen.“
„Wo ist mein Vater …?“
„Alina.“ Diesmal fester. Seine Hand schloss sich um meinen Arm.
Ich wusste es, bevor er es aussprach. Ich glaube, ein instinktiver Teil von mir hatte es seit dem Flur geahnt, seit diesem Riss in Vaters Gesicht, seit *bleib in Julians Nähe, geh nicht weg* – denn das war kein Vater, der den Abend seiner Tochter beschützte. Das war ein Mann, der wusste, dass ihm die Zeit davonlief.
Sie fanden ihn in seinem Arbeitszimmer. Die Tür war von innen verschlossen. Ein Schuss. Sauber, aus nächster Nähe, so sauber, dass man wusste, es war keine Wut – es war eine Botschaft.
Ich erinnere mich nicht, geschrien zu haben. Nadia erzählte mir später, dass ich es getan hatte, dass drei Leute mich davon abhalten mussten, den Raum zu betreten, dass ich seinen Namen immer wieder rief, als könnte die Wiederholung alles ungeschehen machen. Ich erinnere mich an nichts davon. Ich erinnere mich an den Teppich. Cremefarben, teuer, die Sorte, die mein Vater extra aus Italien bestellt hatte, und wie seltsam es war, dass ich an Teppiche denken konnte, während der Mann, der mich großgezogen hatte, nur 60 Meter entfernt tot auf dem Boden seines Arbeitszimmers lag, die Tür von einer Seite verschlossen, durch die er nicht mehr gehen konnte.
Die Polizei nannte es einen missglückten Raubüberfall.
Niemand mit gesundem Menschenverstand glaubte das. Nicht, weil die Tür von innen verschlossen war. Nicht, weil nichts gestohlen worden war. Nicht, weil plötzlich alle Capos in der Organisation meines Vaters nicht mehr ans Telefon gingen, weil das Bestattungsinstitut zusätzliche Sicherheitskräfte einsetzen musste, weil ich Sergio Conti und zwei andere Männer drei Tage später im Flur vor dem Aufbahrungsraum mitbekam, wie sie leise und wütend Italienisch sprachen und verstummten, sobald sie mich sahen.
Mein Vater war nicht bei einem Raubüberfall gestorben. Mein Vater war hoch verschuldet gestorben.
Ich wusste nur noch nicht, in welcher Währung sie beglichen werden würden.
Die Beerdigung fand an einem Donnerstag statt. Grauer Himmel, so einer, der aussieht, als würde er sich noch nicht entscheiden können, ob es regnen soll. Ich stand vorne in Schwarz, das ich mir nicht selbst ausgesucht hatte – Nadia hatte es ausgesucht, weil ich mich nicht überwinden konnte, ein Geschäft zu betreten – und hörte einem Priester zu, der einen Mann beschrieb, den ich nur halb wiedererkannte: großzügig, hingebungsvoll, eine Stütze der Gemeinde. Ich wollte lachen. Ich wollte schreien. Ich tat beides nicht, denn genau das war mir seit meinem achten Lebensjahr beigebracht worden.
Das Geflüster begann hinten in der Kirche, bevor ich überhaupt begriff, warum.
Es breitete sich wie ein Schauer durch die Kirchenbänke aus, Köpfe drehten sich, Stimmen verstummten, und ich beobachtete, wie es auf mich zukam, wie man einer Welle beim Brechen zusieht – und dann öffneten sich die Türen hinten in der Kirche, und alle Anwesenden verstummten augenblicklich.
Ich kannte sein Gesicht noch nicht. Ich würde es besser kennenlernen als mein eigenes.
Er war so groß, dass eine Türöffnung kleiner wirkte, dunkler Mantel, dunkle Augen. Er schritt den Mittelgang entlang, als gehöre ihm die Kirche und wir wären nur Gäste, die er duldete. Niemand hielt ihn auf. Niemand wagte es. Sergios Hand fand meine Schulter, und ich spürte, wie er neben mir erstarrte, und ich hörte ihn den Namen leise wie einen Fluch aussprechen.
„Voss.“
Ich drehte den Kopf und sah die kältesten Augen, die ich je gesehen hatte, direkt auf mich gerichtet – nicht auf den Sarg meines Vaters, nicht auf den Priester, nicht auf irgendjemanden sonst in dieser vollbesetzten Kirche.
Auf mich.
Leonard Voss schritt den Mittelgang der Trauerhalle meines Vaters entlang, blieb einen Meter von mir entfernt in meinem geliehenen schwarzen Kleid stehen und sprach die einzigen Worte, die zählten, so leise, dass sie nur die drei vorderen Kirchenbänke hören konnten.
„Wir müssen darüber reden, was Ihr Vater mir schuldet.“