Das kleine Café an der Ecke war gemütlich eingerichtet und das große Fenster gab einen herrlichen Blick nach draußen auf den Park frei. Die ersten Blätter färbten sich gelb, orange und rot. Trotzdem war es tagsüber noch angenehm warm wenn die Sonne schien.
Clara wartete dort im Café auf einen Mann. Und just in diesem Augenblick ging schellend die Tür auf. Er hatte etwas Englisches an sich. Etwas gemütliches. „Mister Barnes?“, winkte sie ihm vom Fenster aus zu. Er nickte und trat näher.
„Guten Tag. Miss De Brouche, nehme ich an?“ Sie schüttelten einander die Hände und Clara lächelte freundlich. Dann wies sie mit der Hand auf den Stuhl vor sich. „Bitte setzen Sie sich und erzählen Sie mir etwas von sich.“
Mister Barnes war der Letzte auf Rowans Liste. Er bestand nämlich gleich am nächsten Tag darauf das Clara sich einen Assistenten oder eine Assistentin zulegte. Zusammen mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag und einem grenzenlosen Budget für den Nachtclub, lag jene Liste dabei. Und es war überaus schwierig, unter all den mehr als qualifizierten Menschen, jemanden herauszupicken. Doch der ältere Mann, der ihr nun gegenübersaß, gab ihr sofort ein angenehmes Gefühl. Er war sympathisch. Sie lachten gemeinsam und debattierten gleichzeitig über ernste Themen rund um den Globus. Die Stunde verging wie im Flug und Clara hatte sich schlussendlich entschieden.
Auf ihrem Heimweg textete sie Rowan.
CLARA: Reginald Barnes.
SHADOW: Gut.
Mehr kam nicht und sie blieb kurz stehen und überlegte, ob sie ihm noch etwas anderes schreiben sollte. Seit der White Night im Nachtclub, hatten sie weder miteinander telefoniert noch getextet, geschweige denn sich gesehen! Das war bereits über einer Woche her und eine Leere machte sich in ihrem Alltag breit. Es fehlte etwas... Jemand.
Clara wusste noch nicht einmal, ob er überhaupt in der Stadt war. Außerdem wollte sie nicht wie ein blondiertes Huhn hinter Rowan Blaze herrennen. Das war unter ihrer Würde!
Es summte in ihrer Hand.
SHADOW: Noch etwas?
Irritiert schaute sie auf seine Nachricht und merkte dann das sie im Textfeld geblieben war. Offensichtlich dachte er, sie würde ihm einen Roman schreiben.
CLARA: Nein.
SHADOW: Dann sehen wir uns heute Abend. Acht Uhr. Ich hol dich ab.
CLARA: Ich arbeite heute Abend.
SHADOW: Ich weiß.
CLARA: Byron holt mich bereits ab.
SHADOW: Ich habe ihm gerade frei gegeben. Keine Diskussion.
Zickig schnaubte sie aus. „Und ich dachte, ich wäre die Managerin!“ Clara steckte leicht frustriert das Handy in die Tasche und entschied sich spontan dazu in den Club zu gehen.
Sämtlicher Papierkram lag auf der langen Theke ausgebreitet. Es war ein unüberschaubares Chaos.
Für andere.
Clara selbst hatte alles im Überblick. Ihre Finger wussten blind, wo sie hin greifen mussten um Formulare, Listen oder das Telefon zu greifen. Ihre Augen flogen über die Ausgaben und Einnahmen des flachen Laptops und verglichen sie mit den analogen Aufschrieben, dabei stupste sie immer wieder mit zwei Fingern ihre Brille nach oben. Plötzlich legte sich ein Arm um ihre Schulter und ein abwertendes Kichern drang an ihr Ohr.
James…
„Der Club ist geschlossen. Wer hat dich reingelassen?“ Ohne aufzuschauen, machte sie an ihrer Arbeit weiter.
„Eiskalt, wie immer“, schniefte er überheblich. „Dabei bin ich ein Gast.“ Clara blickte hoch und sah in sein fettig glänzendes Gesicht, dass breit grinste. James hatte einen kleinen Bauch bekommen und war gleichzeitig schmaler geworden. Seine Haut war ebenfalls fahl. Dieser Mann, den sie ganz anders in Erinnerung hatte, ließ sich neben ihr auf den Hocker fallen und legte einen Ellbogen über den Tresen.
„Du bist unerwünscht, James.“
Er lachte. „Das hörte sich bei unserer Scheidung aber ganz anders an. Da hattest du mich regelrecht angefleht, es mir nochmal zu überlegen.“ Clara drehte sich wieder zu ihren Unterlagen. „Das war vor eineinhalb Jahren. Und wie du siehst, bin ich nicht zugrunde gegangen.“ James gluckste wieder und fuhr mit dieser schmierigen Anwaltsstimme fort. „Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft das du nach Kanada zurück gehst und nie mehr wieder kommst.“
Nun legte sie ihre Brille ab und wandte sich ihm ernsthaft zu. „Wie bitte?“ Ihr Exmann rückte sich ebenfalls zurecht und starrte ihr kalt in die Augen. „Clara, du hast dich wie ein kleiner, spitzer Stein in meinem Schuh hin und her gewunden, bis ich dich endlich draußen hatte. Und nun finde ich dich in diesem versifften Nachtclub wieder, der so tut, als wäre er... sauber.“ Überheblichkeit und ein abwertender Blick, senkte sich von James auf sie nieder.
Ja, die Zeit nach der Scheidung war die Hölle für sie. Vor allem da sie in keiner Kanzlei oder sonstigen Büroeinrichtung eine Stelle fand. James hatte sie bei allen als dumme Hausfrau dahingestellt! Unfähig auch nur einen Schritt ohne ihren Mann, den Rechtsanwalt, zustande zu bringen.
„Ich wette im Hintergrund läuft hier was anderes ab“, lamentierte James weiter. „Wie überall. Und sobald Big B davon erfährt, wird es dir wie allen anderen ergehen die ihn betrügen. Er wird dich jagen.“ Nun machte er eine mitleidige Schnute. „Aber nicht durch sein Bett, Baby...“
„Du bist ekelhaft“, zischte sie. Seine Hand schoss vor und packte sie hart am Nacken. „Genau wie du! Als du all die Jahre mit Vorliebe meinen Babysitter gespielt hast!“, spie er feucht aus. Sein Kiefer presste sich zusammen und Clara erkannte den ihr allzu bekannten neidischen Funken der in seinen Augen umhertänzelte. „Ich hatte deine Einmischung niemals nötig um Kanzleipartner zu werden!“
„Ich habe hinter die aufgeräumt, James!“, presste Clara hervor und roch sein billiges Parfum, welches ihr Kopfschmerzen bereitete. Er grinste sie wieder abfällig an. „Was konntest du schon mit deinem abgebrochenen Studium bewerkstelligen? Ich bin der Anwalt mit Auszeichnung!“, knurrte er mit Nachdruck. Clara hielt seinem Blick stand. Und sie spürte regelrecht, wie das Leben sie in den letzten eineinhalb Jahren stärker gemacht hatte.
Immer wieder musste sie umziehen, weil die Mieten zu teuer waren. Das angesparte Geld sickerte dahin. Keinerlei Jobaussichten, da sie nie wirklich gearbeitet hatte und nicht einmal ein Studium vorweisen konnte. Der sehr gute High School Abschluss half ihr dabei auch nicht.
Und irgendwann hielt sie sich nur noch mit einem Halbtags Job über Wasser und war durch Zufall in eine einigermaßen sichere Gegend gezogen. Auf ihrem Weg nach unten, hatte sie mehr als genügend Tränen vergossen. Doch jetzt war sie fertig damit! Es gab keine Tränen mehr. Und ihr Herz hatte sich James gegenüber eine dicke Hornschicht übergezogen.
„Ich habe alles für dich und deine Zukunft getan...“ Ihre Stimme war fest und kontrolliert. „Für unsere Zukunft!“ Seine Augen verdunkelten sich. „Du warst es der alles zerstört hat, James...“
Ruckartig ließ er sie los und Clara wusste das seine festen Fingerabdrücke noch lange sichtbar bleiben würden. James zuckte mit den Schultern und richtete sein Sakko als er aufstand. Dann drehte er sich in unantastbarer Manie um sich selbst und mimte wieder den disziplinierten Anwalt. „Das spielt keine Rolle mehr. Du bist hier unten in diesem Dreckloch“, gestikulierte er lapidar, „und du kommst nur durch Blaze‘ Bett wieder ans Licht und das wird nicht passieren. Dafür wird Kitty schon sorgen.“
Dann verschwand er.
Clara fing wieder an zu atmen. Sie hörte, wie ihr Puls das Blut durch ihren Körper pumpte und wie ihr Herz einen Marathon lief.
Arbeite. Das wird dich ablenken, sagte sie zu sich selbst.
Also stand sie auf, klappte den Laptop um und packte die Papiere zusammen. Besser sie verzog sich in die oberste VIP-Lounge. Dort würde sie keiner stören oder gar unangekündigt hereinplatzen. Aber zuvor musste sie wissen, wer ihren Exmann hereingelassen hatte. Ihre erste Anlaufstelle dafür war der Umkleideraum der Tänzerinnen. Sie waren schließlich schon vor Stunden gekommen, um sich herzurichten.
„Wer von euch hat die Tür aufgemacht und James Hannington reingelassen?!“ Die Mädchen schauten sich irritiert an, als Clara plötzlich im Türrahmen stand und verärgert hineinrief.
Ashley kam auf sie zu. „Wer soll das sein, Clara?“
„Ein ungebetener Gast“, sagte sie zu ihr und wandte sich wieder den anderen zu. „Wir haben hier strenge Regeln, was das angeht. Ihr alle kennt sie! Also, wer war es?“
In der hinteren Ecke stand ein Mädchen auf. Megan, soweit Clara wusste. Sie war seit einer Woche angestellt und hatte eine außergewöhnliche Empfehlung vorgelegt um hier anzufangen. „Er sagte... er sei Ihr Anwalt und es... es ginge um Leben und Tod“, meinte sie nun kleinlaut und spielte beschämt mit ihren Fingern. Clara hob ungläubig die Augenbrauen an und ein paar Mädchen glucksten und kicherten. Sie holte einmal tief Luft und meinte dann zu Megan: „In so einem Fall rufst du mich. Ich bin die Managerin.“
„Es kommt nie wieder vor, Miss“, antwortete sie betreten.
„Nein. Wird es nicht.“ Clara legte den Kopf schief. „Pack deine Sachen und geh. Du bist gefeuert.“ Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging.
Unterwegs gab sie einen von Carlos Jungs Bescheid, Megan nach Hause zu bringen. Kopfschmerzen wummerten nach wie vor in Claras Kopf und sie schloss für einen Moment die Augen, als sie im Korridor stehen blieb. Um sie herum wurde es langsam lebendig. Die Musik fing an zu spielen und der Club füllte sich mit Personal. Sie zückte ihr Handy hervor und fing an zu texten.
Plötzlich wurde sie in den Seitengang gezogen und stand vor Rowan.
„Verrate mir eins, Clara...“, hörte sie seine tiefe Stimme nah an ihren Lippen. „Wie soll ich dich um acht abholen, wenn du um viertel nach sieben noch immer im Club bist, eine halbe Stunde nach Hause brauchst und mindestens eineinhalb Stunden benötigst, um dich für unser Rendezvous herzurichten?“
Lässig hielt er sie mit zwei Fingern an ihrem Hosenbund fest und eine Mischung aus Ärger und Belustigung überzog sein Gesicht. Claras Brille war bei dem überraschenden Ruck auf ihre Nasenspitze runtergerutscht und sie blinzelte ihn verwirrt er. Rowan nahm ihr die Gläser ab und verstaute sie in der Innentasche seines Jacketts. „Genug gearbeitet. Lass uns verschwinden.“
„So?“, fragte sie verblüfft und schaute an sich runter.
Der übergroße Wollpullover steckte im Hosenbund ihrer schwarzen Mum-Jeans und die bequemen Halbschuhe blitzten glänzend hervor.
Rowan grinste. „Perfekt!“
Dann zog er sie mit sich aus dem Club.