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Der Mond, der seinen Namen vergaß

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Blurb

Elara Ashwynn liebte ihr Leben lang einen Jungen, der ihr nie wirklich gehörte. In der Nacht, in der er zum Alpha wurde, schenkte sie ihm alles – doch schon am nächsten Morgen gab er sein Herz einer anderen. Elara floh, baute sich in der Welt der Menschen ein neues Leben auf und zog die drei geheimen Söhne jenes Mannes groß, der sie einst gebrochen hatte; dabei blickte sie kein einziges Mal zurück. Jahre später zwingt das Schicksal sie zur Rückkehr, und diesmal ist sie nicht die Einzige, die eine Wunde verbirgt. Zwischen dem Alpha, der sie einst verließ, dem Menschen, der sie an seiner Seite halten will, und einem verfluchten König, dem nur noch wenige Monate bleiben, muss Elara entscheiden, wer sie sein will, wenn der Mond sich endlich an ihren Namen erinnert.

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eins
„Du läufst schon wieder auf und ab“, sagte Elara, ohne von den Kräutern aufzublicken, die sie auf dem Tisch der Veranda sortierte. Kieran blieb mitten im Schritt stehen. „Ich laufe nicht auf und ab.“ „Du hast schon einen Pfad ins Gras getreten. Ich kann ihn von hier aus sehen.“ „Morgen ist die Krönung, Elara. Da darf ich auf und ab laufen.“ Sie sah zu ihm auf – auf seinen fest zusammengepressten Kiefer und seine Hände, die sich immer wieder öffneten und schlossen, als wüsste er nicht, wohin mit ihnen. Sechs Jahre alt waren sie gewesen, als sie sich zum ersten Mal ein Wettrennen durch diese Wälder geliefert hatten. Jetzt waren sie zweiundzwanzig, und noch immer lief er zu ihrer Veranda, wenn die Last, Alaric Vaelthornes einziger Sohn zu sein, zu schwer wurde, um sie allein zu tragen. „Du wirst ein guter Alpha sein“, sagte sie. „Das weißt du nicht.“ „Ich kenne dich besser als irgendjemand sonst in diesem Rudel. Besser als den Rat. Wahrscheinlich sogar besser als deinen eigenen Vater.“ Kieran stieß ein Geräusch aus, das fast wie ein Lachen klang. „Das will nicht viel heißen. Mein Vater kennt mich heutzutage kaum noch.“ „Er ist krank, Kieran. Kranke Männer ziehen sich zurück.“ „So krank ist er nicht.“ Kieran ließ sich schwer auf die Stufe unter ihr sinken – nah genug, dass sie den Geruch von Kiefernnadeln und Holzrauch wahrnehmen konnte, der nach einem Lauf stets an ihm haftete. „Er hat es einfach satt, so zu tun, als wäre ich bereit dafür.“ „Bist du bereit?“ „Nein.“ Er sagte es zu schnell, zu ehrlich, und wirkte dann fast überrascht über sich selbst. „Ich weiß nicht, wie man er ist, Elara. Ich weiß nicht, wie ich morgen Abend vor dem ganzen Rudel stehen und sie glauben machen soll, dass ich sie beschützen kann.“ „Du musst nicht er sein. Du musst du selbst sein.“ Sie legte die Kräuter beiseite und setzte sich neben ihn; ihre Schultern berührten sich, so wie schon tausendmal zuvor. „Das Rudel braucht keinen zweiten Alaric. Sie brauchen jemanden, der ihnen wirklich zuhört, wenn sie Angst haben. Genau dieser Mensch bist du schon immer gewesen. Seit wir Kinder waren.“ „Du sagst immer das Richtige.“ „Irgendjemand muss es ja tun, da du es allein offensichtlich nicht schaffst.“ Er stieß seine Schulter sanft gegen ihre, und einen Moment lang sagte keiner von beiden ein Wort. Die Sonne sank tief über die Baumwipfel und tauchte alles in goldenes Licht; Elara spürte, wie sich das vertraute Ziehen in ihrer Brust ausbreitete – jenes Gefühl, dem sie niemals einen Namen gab. Morgen würde er zum Alpha gekrönt werden. Morgen würde das gesamte Rudel ihn mit anderen Augen sehen, und sie fürchtete, dass sie in diesem Wandel selbst das hier verlieren würde: diese stillen Abende auf einer Veranda, die eigentlich keinem von beiden rechtmäßig gehört hatte. „Darf ich dich etwas fragen?“, sagte Kieran. „Du wirst es sowieso tun.“ „Hast du Angst? Wegen morgen?“ Sie überlegte, zu lügen. Darin war sie gut, wenn es darauf ankam. „Ein bisschen. Die Dinge ändern sich, wenn jemand Alpha wird. Die Leute ändern sich.“ „Ich werde mich nicht ändern.“ „Das sagen alle.“ „Ich meine es ernst.“ Er drehte sich zu ihr um, und in seinem Gesichtsausdruck lag etwas, das sie nicht recht deuten konnte – etwas, das ihren Puls auf eine Weise ins Stolpern brachte, die sie sofort zu ignorieren versuchte. „Was auch immer morgen passiert, was auch immer dieses Rudel von mir erwartet: Du wirst immer die Person bleiben, der ich mehr vertraue als jedem anderen. Das wird sich nicht ändern, nur weil ich jetzt einen Titel habe.“ „Du weißt nicht, was der morgige Tag bringt, Kieran.“ „Ich weiß, was ich mir davon erhoffe.“ Fast hätte sie ihn gefragt, was das bedeutete. Die Worte lagen ihr schon auf der Zunge, doch sie schluckte sie hinunter, wie sie es immer tat; denn Elara Ashwynn hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass das laute Aussprechen von Wünschen den Schmerz nur noch verschlimmerte, wenn sie sich nicht erfüllten. „Geh nach Hause“, sagte sie stattdessen, stand auf und klopfte den Schmutz von ihrer Jeans. „Schlaf dich aus. Du siehst schrecklich aus.“ „Danke dafür.“ „Ich bin nur ehrlich. Irgendjemand muss es ja sein.“ Auch er stand auf – näher, als nötig war –, und für einen Moment schien der Abstand zwischen ihnen unmöglich gering. „Elara.“ „Was?“ „Nichts.“ Er schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Wir sehen uns morgen. Bei der Zeremonie.“ „Ich werde da sein.“ „In der ersten Reihe?“ „Wo sonst?“ Da lächelte er – jenes echte Lächeln, das den Schmerz in ihrer Brust zu etwas fast Unerträglichem verschärfte. „Gut. Ich muss da draußen ein freundliches Gesicht sehen.“ Sie sah ihm nach, wie er den Pfad zum Haupthaus entlangging – die Schultern ein wenig aufrechter als bei seiner Ankunft – und sagte sich, dass dieses freundliche Gesicht alles war, was sie jemals für ihn sein würde. Es reichte aus. Es musste genügen, denn die Alternative war eine Hoffnung, die sie sich nicht leisten konnte, mit in den nächsten Tag zu nehmen. In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf. Sie lag wach in dem kleinen Haus am Rande des Rudelgebiets – jenem Haus, in dem sie seit ihrem siebzehnten Lebensjahr allein wohnte – und dachte über jede denkbare Version des kommenden Tages nach. In keiner davon malte sie sich aus, was tatsächlich geschehen würde. Schon am Vormittag füllte sich die Lichtung vor dem Haupthaus mit Rudelmitgliedern; alle trugen das tiefe Grün und Silber, das für offizielle Anlässe des Rudels üblich war. Elara traf früh ein, sicherte sich wie versprochen einen Platz weit vorne und versuchte, das Getuschel um sie herum zu ignorieren. „Ist das das Ashwynn-Mädchen?“ „Die Waise? Was macht sie da vorne?“ „Sie ist anscheinend mit Kieran befreundet. Schon seit Jahren.“ Elara blickte stur geradeaus und hielt den Rücken gerade. Sie war daran gewöhnt – daran, dass Rudelmitglieder, die sich nie die Mühe gemacht hatten, ihren Namen zu erfahren, dennoch reichlich über sie zu sagen hatten. Waise. Außenseiterin. Das Mädchen, das nirgendwo so recht hingehörte. Sie hatte schon vor Jahren aufgehört, sich davon verletzen zu lassen – oder sich zumindest eingeredet, dass es ihr nichts mehr ausmachte. Mittags ertönten die Hörner; ihr tiefer, voller Klang hallte am Waldrand wider. Die Menge verstummte. Dann trat Kieran unter dem Torbogen des Hauses hervor, gekleidet in zeremonielles Schwarz, und Elara vergaß für einen Moment, wie man atmet. Alaric stand trotz seiner Krankheit aufrecht da, auch wenn Elara das Zittern seiner Hände bemerkte, als er den zeremoniellen Anhänger hob – jenes Stück, das seit sechs Generationen von einem Vaelthorne-Alpha an den nächsten weitergegeben wurde. „Rudel von Duskmoor“, erklang Alarics Stimme – schwächer als früher, doch noch immer kräftig genug, um über die Lichtung zu tragen. „Heute übergebe ich diese Last an meinen Sohn.“ Kieran kniete nieder. Elara schnürte es die Kehle zu. „Kieran Vaelthorne“, fuhr Alaric fort, „nimmst du die Bürde dieses Rudels auf dich? Seine Sicherheit, seine Zukunft, sein Volk?“ „Ich nehme sie an“, sagte Kieran, und seine Stimme zitterte kein bisschen. Alaric senkte den Anhänger über das Haupt seines Sohnes. Die Menge brach in Gejohle und Applaus aus; der Lärm drang bis in die Baumwipfel hinauf, und Elara klatschte wie alle anderen mit, während in ihrer Brust etwas leise entzweibrach. Er war jetzt der Alpha. Alles war nun anders – ob sie bereit dafür war oder nicht. Kieran erhob sich und suchte ihren Blick auf der Lichtung, noch bevor er irgendjemand anderen ansah. Nur für einen Augenblick. Gerade lange genug, damit ihr Herz alle Regeln vergaß, die sie ihm auferlegt hatte. „Heute Abend gibt es eine Feier“, sagte eine Stimme neben ihr. Elara drehte sich um und sah Marisol – eines der wenigen Rudelmitglieder, die ihr je freundlich begegnet waren – wissend lächeln. „Du solltest hingehen. Alle werden dort sein.“ „Ich hatte nicht vor, sie zu verpassen.“ „Gut. Denn von meinem Standpunkt aus sah unser neuer Alpha dich an, als wärst du der einzige Mensch auf dieser ganzen Lichtung.“ „Du bildest dir da etwas ein.“ „Vielleicht.“ Marisols Lächeln verschwand nicht, als sie wieder in der Menge untertauchte und Elara mit ihren Gedanken zurückließ – sowie mit dem fernen Geräusch, wie Kieran von den Ältesten des Rudels, die ihrem neuen Alpha gratulieren wollten, in eine Umarmung nach der anderen gezogen wurde. Elara antwortete nicht. Sie blickte zurück zur Plattform, wo Kieran noch immer umringt war; sein neuer Titel lag auf seinen Schultern wie ein Umhang, in den er noch nicht ganz hineingewachsen war. Heute Abend würde gefeiert werden. Heute Abend würde es Wein und Feuerschein geben – und jeden erdenklichen Grund, nah bei ihm zu stehen, ohne dass sich jemand fragte, warum. Sie hätte es besser wissen müssen, als sich das so sehr zu wünschen. Sie hätte wissen müssen, dass manche Nächte alles verändern – und nicht immer in die Richtung, auf die man hofft.

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