Kapitel Zwei
Sie starren mich an, als hätte ich meine Hose heruntergezogen und würde vor ihnen mit Fingerpuppen spielen. Gleichzeitig wird der Geruch von leckerem Essen trotz meiner Nasenfilter immer stärker – oder der Stress macht mich hungriger.
»Habe ich masturbieren gehört?«, fragt Blue, die immer noch zu laut spricht.
»Ja«, sagt Gia noch lauter. »Aber vielleicht ist das ein Akronym für etwas, wie ein Master in Urban Planning, wird der Abschluss in Stadtplanung nicht mittlerweile so genannt?«
Mein Auge beginnt wieder zu zucken, aber ich beruhige mich, indem ich in Gedanken einen weiteren Euphemismus für weibliche Selbstbefriedigung zu meiner bestehenden Liste hinzufüge: Master in Urban Planning, oder MUP. Aber Moment. Sollte es nicht Mistress in Urban Planning heißen, da wir die Weiblichkeit des Aktes betonen?
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie davon redet, sich selbst zu befriedigen«, sagt Honey und grinst breit.
Okay. Jetzt zuckt mein linkes Auge so stark, dass es mich nicht wundern würde, wenn es meiner Schwestern Morsezeichen senden würde: zwei Punkte und ein Strich, dann drei Punkte und noch ein Strich – das steht für FU, f**k You.
»Lasst mich doch mal ein verdammtes Wort sagen«, stoße ich hervor, und sie drehen sich mit großen Augen zu mir um. Ich atme noch einmal durch. »Ich habe das, was ich gesagt habe, ernst gemeint. Ich masturbiere professionell.«
Hinter mir räuspert sich jemand, und der Geruch von leckerem Essen ist so stark wie noch nie, seit wir uns hingesetzt haben, weshalb ich verstehe, warum meine Schwestern große Augen machen.
Der Grund dafür waren nicht meine Worte, sondern etwas anderes.
Etwas Schlimmeres.
Ich werde rot und werfe einen Blick über meine Schulter, um meinen Verdacht zu bestätigen.
Ja. Unsere matronenhafte Kellnerin steht hinter mir, und wenn sie nicht das Tablett mit dem Essen in den Händen hätte, würde sie ihre Perlen umklammern.
»Das ist richtig. Ich schreibe einen Blog über Masturbation«, sage ich und hebe mein Kinn, während ich mich wieder dem Tisch zuwende.
Als das Leben mir Zitronen gab – alias Männer, deren Geruch ich nicht ertragen konnte –, habe ich Limonade daraus gemacht, indem ich so gut darin geworden bin, mich selbst zu befriedigen, dass ich jetzt nicht einmal mehr einen Mann brauche. Im Allgemeinen ist WLGYL – When life gives you lemons – aus offensichtlichen Gründen mein persönliches Motto. Apropos, mein Name ist das Einzige, aus dem ich nie Limonade machen könnte: Lemon Hyman klingt wie die jungfräuliche Membran einer sauren Muschi.
Die Kellnerin stellt unsere Teller so schnell ab, dass ich sicher bin, dass sie erwartet, dass ich einen Dildo aus mir herausziehe und sie ihn ablecken muss.
Oh, na gut. Es hat keinen Sinn, jetzt einen Rückzieher zu machen. Ich hebe mein Kinn höher und fahre fort. »Selbstbefriedigung stärkt die Frauen. Ermöglicht ihnen, sexuelle Spannungen sicher abzubauen, Stress zu reduzieren und den Schlaf zu verbessern. Sie steigert das Selbstwertgefühl und verbessert das Körperbild, lindert Krämpfe, stärkt den Muskeltonus im Becken- und Analbereich …«
Die Kellnerin stellt den letzten Teller – meinen French Toast – lautstark vor mich hin und eilt schnaubend davon.
Gia grinst. »Gut gemacht. Jetzt wird sie in alles hineinspucken, was sie uns sonst noch bringt.«
Honeys Augen werden zu Schlitzen. »Das soll sie sich mal trauen.«
Blue grinst mich an. »Ist dir klar, wie sehr du dich gerade nach Mama angehört hast?«
Igitt, sie hat recht. Die Vorteile des Orgasmus sind das Lieblingsthema unserer Matriarchin. Was unsere Eltern betrifft, habe ich ihnen nicht von meinem Beruf erzählt, weil ich befürchtete, dass sie mir unaufgefordert Ratschläge erteilen würden.
Ich massiere meinen Nasenrücken. Jetzt ist es sowieso zu spät. Diese drei wissen es bereits. Ich werfe jeder Schwester einen strengen Blick zu. »Kann ich euch vertrauen, dass das unter uns bleibt?«
So wie die Sache läuft, glaube ich nicht, dass ich schon bereit bin, mich vor dem Rest der Familie zu outen.
Blue bläht sich auf. »Ach, bitte. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, Geheimnisse zu bewahren.«
»Und ich bin eine Magierin«, sagt Gia. »Ich habe noch mehr Geheimnisse als Blue.«
Honey schnaubt. »Ich bin die Einzige, der du es hättest sagen sollen – und die Einzige, die du für die Operation BS brauchst.«
Okay, gut. Das Konkurrenzdenken der Hyman-Schwestern wird ausnahmsweise zu meinen Gunsten funktionieren. Erleichtert schnappe ich mir eine Flasche Sirup und ertränke meinen French Toast darin, bevor ich einen Bissen nehme.
Nein. Nicht süß genug.
Ich bestreue ihn mit Puderzucker und probiere ihn noch einmal.
Es fehlt noch etwas.
Seufzend sehe ich Honey an und nicke.
Mit leuchtenden Augen zieht Honey eine Plastiktüte hervor, die mit einer Mischung aus M&Ms, Rosinen, kleinen Marshmallows und Candy Corn gefüllt ist.
Ich vergewissere mich, dass die Kellnerin nicht hinsieht, und kippe den Inhalt der Tüte auf meinen Teller.
Endlich ist der French Toast süß genug für mich. Leider habe ich gerade Honeys Besessenheit von Sparsamkeit gefördert. Um nicht extra für die Beläge zu bezahlen, hat sie sie wie erwartet mit ins Restaurant gebracht. Vorhin hat sie darauf bestanden, dass wir Orangensaft bestellen, den sie mit dem Champagner aus ihrem Flachmann in Mimosas verwandelt hat, und ich erwarte fest, dass sie einen Gutschein für das Essen selbst herausholt, wenn die Rechnung kommt.
Ja, meine knallharte Schwester lässt Dagobert Duck im Vergleich dazu wie einen großen Verschwender aussehen. Allerdings nimmt sie es nicht besonders gut auf, wenn man es ihr ins Gesicht sagt.
Während ich meinen Toast esse, betrachtet Blue misstrauisch die Eier auf Honeys Teller. Meine tapfere Spionschwester fürchtet und hasst alles, was mit Vögeln zu tun hat. Ihr Bedürfnis, sich über mich lustig zu machen, überwiegt aber schließlich. Als sie aufschaut, sieht sie mich mit einem aufmerksamen Blick an. »Da dein Diabetes nun gesichert ist, kann ich dir ein paar Fragen zu deiner Arbeit stellen?«
Gia, die Honeys Eier ebenfalls missbilligend beäugt hat, weil sie sich sicher Sorgen um Salmonellen oder andere Keime macht, schaut Blue interessiert an. »Meinst du die Operation Big Sniff oder den Donut-umkreisen-Blog?«
»Der Paddeln-im-rosa-Kanu-Blog.« Blue dreht sich zu mir um. »Warum ein Blog? Sind wir im Jahr 2003?«
Ich seufze. »Ich habe versucht, Videos auf sozialen Medien zu posten, aber die meisten Plattformen sind prüde und schränken ein, was ich zu dem Thema sagen kann. Außerdem ist mein Blog aus Gründen, die nur den Suchmaschinenalgorithmen bekannt sind, recht populär.«
Gia zieht eine schwarz gefärbte Augenbraue hoch. »Suchmaschinenalgorithmen?«
»Wenn du nach Donut umkreisen suchst, bin ich unter den ersten Ergebnissen. Dasselbe gilt für weibliche Masturbation.«
Honey sieht beeindruckt aus. »Bedeutet das auch viel Geld?«
Ich werfe ihr einen bösen Blick zu. »Ja, ich habe nur aus Spaß ein Drecksloch in Staten Island gemietet.«
»Du könntest das tun, weil du Geld sparen möchtest.« Blue wirft einen verstohlenen Blick auf Honey.
Ich ziehe eine Grimasse. »Ich wünschte, es wäre so. Ich ertrinke in Kreditkartenschulden. Bannerwerbung bringt kaum das Essen auf den Tisch. Richtig Geld kann man nur verdienen, wenn man einen Sponsor hat, aber das ist bei mir schon lange nicht mehr der Fall.«
»Warum machst du es dann?«, fragt Gia.
»Weil es meine Leidenschaft ist«, sage ich. »Von allen Menschen solltest du das am besten verstehen.«
Anstatt weitere Masturbationswitze zu machen, nickt Gia feierlich. Auch ihre Liebe zur Magie hat sich lange nicht ausgezahlt, aber das hat sich in letzter Zeit geändert.
»Ich weiß nur, dass ich nicht aufgeben werde«, sage ich und bin mir nicht sicher, ob ich versuche, meine Schwestern oder mich selbst zu überzeugen. »Ich muss nur einen großen Sponsor finden und …«
Ich muss würgen, als der Gestank von Aftershave meine Nasenfilter überwindet und meine Nasenlöcher belästigt. Als ich mich umdrehe, sehe ich den Übeltäter, einen Kellner, der einen Krug mit Wasser trägt.
»Das brauchen wir nicht, danke.« Ich winke ihn weg, wie eine Stinkwanze.
»Ist dir klar, dass er süß war?«, fragt Honey.
Ich gebe ein weiteres würgendes Geräusch von mir. »Er muss ein paar Tage lang in einer Badewanne mit Old Spice gebadet haben, bevor er zur Arbeit kam.«
»Der Horror«, sagt Gia mit einem Augenzwinkern.
»Parfüms und Kölnischwasser sind wie Fürze, die Geld kosten«, sage ich.
Blue öffnet den Mund, zweifellos, um etwas Abfälliges zu sagen, aber das Karma landet genau in der Mitte unseres Tisches – in Form eines süßen kleinen grünen Papageis.
Mit einer Geschwindigkeit, um die sie sogar James Bond beneiden würde, taucht Blue unter den Tisch.
Der Vogel hüpft hinüber zu einem Teller mit Toast und pickt daran, als ob wir nicht existieren würden.
Gia starrt den Vogel mit weit aufgerissenen Augen an. »Der muss das Haustier von jemandem sein, oder?«
»Auf keinen Fall«, sagt Blue, wobei ihre Stimme durch das Tischtuch gedämpft wird. »Das ist ein Mönchssittich. Sie sind wild.«
Sie sagt Mönchssittich so, wie die meisten Menschen Tarantel, sagen würden, und verleiht dem Wort wild eine Unheimlichkeit, die sonst nur Voldemort vorbehalten ist.
»Wild?« Gia springt auf und denkt an all die Keime, die ein wilder Vogel übertragen kann. Dann erscheint wie von Zauberhand eine Flasche Handdesinfektionsmittel in der Größe meines Kopfes in Gias Händen, und sie bespritzt den Vogel damit.
Igitt. Der Geruch von Alkohol und billigem Minzaroma ist wie eine Ohrfeige für meine Nase.
Der Papagei stimmt mir zu. Er gibt ein Kreischen von sich, das sich anhört, als hätten eine Kettensäge und der nervigste Wecker ein Baby bekommen, das in der Hölle von tauben Dämonen gefoltert wird.
»Mach, dass er verschwindet!«, schreit Blue unter dem Tisch hervor.
Wie aus dem Nichts erscheint ein Kartenspiel in Gias Händen, und sie wirft eine Karte nach der anderen wie Ninja-Sterne auf den Vogel.
Der Vogel krächzt wieder, aber er fliegt nicht weg. Papierschnitte müssen kein Problem sein, wenn man Federn hat.
»Bitte, Leute«, sagt Blue. »Das ist nicht lustig. Werdet ihn los.«
»Okay, okay.« Honey zieht ein Butterfly-Messer heraus und öffnet es auf die geübte Art und Weise, die ich mit Profikillern verbinde.
»Nein!«, rufe ich. »Töte den armen …«
Der Vogel entdeckt das Messer und kreischt erneut, bevor er die Flucht ergreift und mit einem entrüsteten Blick in der Ferne verschwindet.
Honey steckt das Butterfly-Messer unbeholfen in ihre Handtasche zurück. »Ich wollte ihn nur erschrecken.«
Ja. Sicher. So wie sie das gemeine Mädchen in der Highschool erschreckt hat, das am Unterarm genäht werden musste.
Blue klettert unter dem Tisch hervor und schaut verlegen. »Wenn du ihn getötet hättest, würde jeder mit einem Gehirn, das größer ist als das eines Vogels, zustimmen, dass es Selbstverteidigung war.«
Gia spritzt das stinkende Handdesinfektionsmittel auf alles, was die kleinen Füße des Vogels berührt haben, und verdirbt mir den letzten Rest Appetit.
Ich schiebe meinen Teller weg. »Können wir zum eigentlichen Thema kommen?«
»Ja.« Blue setzt sich wieder auf ihren Platz. »Wo ist der Treffpunkt?«
»New York City Ballet«, sage ich. Das Ticket hat einen großen Teil der Einnahmen meines Blogs vom letzten Monat aufgefressen, aber es wird sich lohnen, den Russen live zu sehen, anstatt seine Auftritte auf YouTube zu verfolgen. Und natürlich, um ihn aus meinem Kopf zu bekommen.
Blue holt ihr Handy heraus und macht ein oder zwei Minuten lang etwas. Als sie aufblickt, erinnert mich ihr teuflisches Lächeln an Gia. »Ich kann es so einrichten, dass du auf keiner Kamera zu sehen bist.« Sie wirft Honey einen herausfordernden Blick zu. »Glaubst du immer noch, dass sie nur dich braucht?«
»Ich würde sagen, sie braucht mich mehr als euch beide«, sagt Gia. Ihr Ton wird lehrerhafter, als sie mich ansieht. »Der Schlüssel, um an Orte zu gelangen, an die du nicht gehörst, ist, nicht schuldig auszusehen.«
»Da hat sie recht«, sagt Honey. »Ich komme in jeden Nachtclub, indem ich dreist so tue, als sei mein Stempel verschmiert worden.«
Ich nehme mein Handy heraus und mache meine erste Notiz: Schau aus, als ob du dahin gehörst. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Ich vergewissere mich, dass sich kein Kellner an meiner Nase vorbeigeschlichen hat, und sage: »Es könnte sein, dass ich Türen öffnen muss. Verschlossene Türen.«
Als hätten sie den Schritt ein Jahr lang geprobt, holen meine drei Schwestern gleichzeitig Dietriche heraus und lachen, als sie sich gegenseitig ansehen.
»Möchtest du die Ehre haben?«, fragt Honey Gia. »Du warst die Erste, die das gelernt hat.«
Gia grinst. »Du hast mehr praktische Erfahrung.«
Bevor Blue Gia auch noch Puderzucker in den Arsch pustet, sage ich: »Es ist mir egal, wer es tut. Bringt es mir einfach bei.«
»Gut.« Honey hebt ein Zickzack-Ding auf. »Das ist ein Spannungsschraubenschlüssel.«
* * *
Der Unterricht dauert dreimal so lange wie nötig, weil sich meine Lehrerinnen und Lehrer ständig über irgendwelche Kleinigkeiten streiten. Endlich fühle ich mich selbstbewusst genug für die Operation Big Sniff, also bedeute ich der Kellnerin, die Rechnung zu bringen.
Wie erwartet zückt Honey einen Coupon, und die Kellnerin muss zurückgehen, um die Rechnung neu auszustellen.
»Das geht auf mich«, sage ich, als die Rechnung zurückkommt.
»Nein«, sagen Gia und Blue unisono.
»Du hast uns gerade gesagt, dass du Cashflow-Probleme hast«, fügt Honey hinzu.
»Gut«, sage ich mit einem Seufzer. Meine Kreditkarte ist nahe am Limit. »Diesmal teilen wir es, aber wenn ich einen netten Sponsor bekomme, lade ich euch alle zu einem schicken Abendessen ein.«
»Abgemacht«, sagt Gia. »Solange es ein sauberer Ort wie dieser hier ist.«
»Klar.« Ich kämpfe gegen den Drang an, mit den Augen zu rollen. »Es wird auch kein Geflügel serviert werden.« Ich grinse Blue an.
Ich überlege sogar, ob ich Honey versichern soll, dass sie einen Coupon dafür finden kann, aber ich beschließe, bei dem Messer in ihrer Handtasche nicht meine Haut zu riskieren.
Operation Big Sniff wird gefährlich genug werden.