KAPITEL 1 : FLORA
~PROLOG~
„Rox Gale nähert sich der Ziellinie!“
Die Menge explodierte.
„Gale! Gale! Gale!“
„Los, Gale! Los!“
Rox schnitt mit kraftvollen Zügen durch das Wasser und schloss den letzten Abstand zur Wand.
„Gale wird es holen! Er hat es wieder geschafft!“
Das Gebrüll von tausenden Stimmen erschütterte die Schwimmhalle. Rox erreichte als Erster die Ziellinie, und die Anzeigetafel blitzte seinen Namen auf:
ROX GALE — 1. PLATZ.
Die Arena explodierte in Feierlaune.
„Er ist genau wie sein Vater!“
„Genau! Das gleiche Talent, die gleiche Entschlossenheit. Der Name Gale ist unaufhaltsam!“
Fans sprangen von den Sitzen auf, Verwirrung breitete sich in der Arena aus.
„Was passiert da?!“
„Warum prügeln die sich?“
Handys wurden in den Rängen hochgehalten, Kameras klickten rasch, als Rox sich heftig gegen seinen Rivalen wandte.
„Rox Gale!“
„Gale, hör auf!“
Rox packte seinen Rivalen am Hals und schlug dessen Kopf wiederholt gegen die Bahnschnur. Der Körper des Mannes verschwand unter der Oberfläche, während Rox ihn unter Wasser drückte.
„Er greift seinen Rivalen an!“
„Er versucht, ihn zu ertränken!“
„Hält ihn jemand auf!“
Sicherheitsleute sprangen in das Becken und schickten enorme Wellen über die Bahnen. Sie packten Rox von hinten und zogen ihn mit aller Kraft weg. Unter ihnen breitete sich purpurrotes Blut wie Tinte durch das kristallklare Wasser aus.
„Das ist total verrückt…“, hauchte der Ansager. „So etwas habe ich in der Geschichte des Sports noch nie gesehen.“
„Was ist in ihn gefahren?“
„Er hat noch nie so die Kontrolle verloren.“
Rox wurde endlich aus dem Becken gezogen, Blut tropfte von seinen aufgesprungenen Knöcheln auf die nassen Fliesen. Er riss seine Schwimmbrille ab und schleuderte sie mit einem scharfen Knacken gegen den Boden, als der Kunststoff zersplitterte. Sein Brustkorb wogte, während er zum Umkleideraum stürmte.
„Rox!“
Die dröhnende Stimme seines Vaters hallte hinter ihm wider. Rox drehte sich um bei dem Geräusch schneller, schwerer Schritte. Bevor er überhaupt den Mund öffnen konnte—
KLATSCH!
Sein Kopf schnellte zur Seite. Tropfen aus Wasser und Blut fielen von seinen nassen Haaren auf die Fliesen darunter.
„Wie kannst du es wagen?!“
Rox fuhr mit der Zunge über die Innenseite seiner brennenden Wange, schmeckte Kupfer und blickte dann mit einem dunklen Grinsen zu seinem Vater auf. „Fühlst du dich jetzt besser?“
Sein Vater atmete schwer durch zusammengebissene Zähne. „Wie kannst du es wagen, diese Familie zu blamieren…“
„Gale, warum schlägst du deinen Sohn so?“, schrie seine Mutter und stürzte vor, um ihren Mann zurückzuziehen.
„Ihn?“ Er deutete wütend mit dem Finger auf Rox’ Gesicht. „Er ist kein Sohn von mir! Ich habe keinen Wilden wie ihn erzogen. Die Familie Gale greift keinen Rivalen wegen irgendeines Mädchens an… das tun sie einfach nicht!“
Rox lachte bitter auf. „Irgendein Mädchen?“
„Rox, sie ist tot! Ob du es akzeptierst oder nicht… dieses Mädchen ist tot!“, kreischte sein Vater ihn an.
Rox machte einen gefährlichen Schritt vor. „Das also ist es?“
Sein Vater runzelte die Stirn. „Wovon redest du?“
Rox’ Kiefer spannte sich fest an. „Du schützt die Bastarde, die sie umgebracht haben.“
Das Gesicht seiner Mutter wurde sofort aschfahl. „Rox…“
„Mord?!“, schnauzte sein Vater, die Augen wild. „Bring es dir endlich in den Kopf, dass deine kostbare Freundin sich selbst umgebracht hat!“
„Ist das die Lüge, hinter der ihr euch alle versteckt? Selbstmord, obwohl sie jemand ganz klar gestoßen hat?!“
„Du wirst wieder rausgehen und schwimmen. Du wirst diese Meisterschaftsmedaille nach Hause bringen…“ Sein Vater schlug sich hart mit der Faust gegen die eigene Brust. „…wieder!“
„Es ging immer nur um die Medaillen, oder?“, sagte Rox und lehnte sich an einen Spind. „Ich könnte jemanden zu Brei schlagen – verdammt, ich könnte hier jemanden umbringen – und du würdest es vertuschen, nur weil du der Hauptsponsor bist.“
Sein Vater stürzte erneut auf ihn zu, die Adern am Hals traten hervor.
„Gale… Gale!“, flehte seine Mutter und warf sich zwischen sie. „Lass ihn endlich in Ruhe! Er ist jetzt ein erwachsener Mann… er ist nicht mehr der kleine Junge, den du herumschubsen kannst!“, schluchzte sie.
Mr. Gale riss seinen Arm aus dem Griff seiner Frau und stürmte aus dem Raum.
„Rox…“ Seine Mutter streichelte sanft seine zitternde Schulter, bevor sie ihrem Mann nachstürzte.
BANG! BANG! BANG!
Der schwere Klang von Rox’ Faust gegen seinen Spind hallte im leeren Raum wider. Er legte die Stirn gegen das kalte Metall und schloss die Augen.
„Es tut mir leid… so leid.“
~DREI MONATE FRÜHER~
„Härter… f**k… ahh!“ Ein hochgepitchtes Stöhnen einer Frau hallte durch den leeren Umkleideraum.
„Du willst es… du willst es? Komm jetzt für mich…!“
„Ich komme… Rox… härter—“
„Nein. Nenn mich Daddy… sag es.“
KLACK.
Das laute Klappern eines Wischeimers, der gegen den Fliesenboden stieß.
„Da ist jemand“, keuchte die Frau und wich panisch zurück.
Rox zog sich zurück, ein lässiges Grinsen zog sich über seine Lippen, als er über die Schulter blickte. In der Tür stand ein Mädchen mit einem Mopp. Ihre Augen waren weit vor Schock, und sie wandte sofort den Blick ab.
„Es ist Zeit, hier aufzuräumen“, sagte sie leise.
„Oh…“ Rox stand auf, zog seine Hose wieder hoch und zückte ein Bündel Geldscheine aus der Tasche, das er der Frau auf den nackten Körper warf. „Verschwinde.“
Sie griff nach ihren Kleidern und rannte ohne ein weiteres Wort hinaus.
„Ich nehme an, du hast ganz schön was gesehen…“, sagte Rox, trat einen Schritt auf die Reinigungskraft zu und knöpfte sein Hemd zu. „Ich kann mir vorstellen, wie viele Minuten du da gestanden und die Aussicht genossen hast.“
„Es ist mir egal, was Sie mit Ihrer Freizeit machen, Mr. Gale…“ Sie warf einen kurzen Blick auf seine breite, nackte Brust. „Aber Sie sollten wissen, dass die Nachtschicht genau um 19:00 Uhr beginnt.“ Sie drehte ihm den Rücken zu und begann, weggeworfenen Müll aufzusammeln.
„Flora, richtig? Oder ist es… Liora?“, fragte Rox und lehnte sich lässig an eine Reihe von Spinden. „Wie eine Blume… schöner Name.“
Liora ignorierte ihn, hob eine leere Alkoholflasche neben seinem Bein auf und putzte weiter.
„Bist du nicht beeindruckt?“
Sie hielt inne und sah sich im chaotischen Raum um. „Soll ich von einem Typen beeindruckt sein, der nicht rauskriegt, wie ein Mülleimer funktioniert? Oder von jemandem, der sich nicht mal einfache Namen merken kann?“
„Ich wollte nur—“ Rox versuchte, sich in ihr Sichtfeld zu stellen, aber Liora umging ihn und stützte ihren Mopp auf, um die Fliesen zu schrubben.
„Ich fange an zu denken, dass du absichtlich reingekommen bist, weil du eigentlich—“
KNACK!
Liora ließ den Moppstiel hart auf den Boden fallen; das plötzliche Geräusch ließ Rox leicht zusammenzucken.
Ihr kalter Blick traf den seinen. „Ich will definitiv nichts mit Ihnen zu tun haben. Könnten Sie also bitte aus dem Weg gehen? Ich habe einen Job zu erledigen.“
„Haben Sie eine persönliche Fehde gegen mich aus einem früheren Leben?“, fragte Rox und verschränkte die Arme vor der nackten Brust. „Denn ich weiß ganz genau, dass wir in diesem Leben keine Geschichte haben, wegen der Sie mich so sehr hassen könnten.“
„Ich hasse einfach Leute, die ihre Zeit nicht nutzen.“
„Hmm. Fair enough.“ Er beugte sich nah heran. „Es tut mir leid, Miss Flora.“
„Liora.“
„Nah genug.“
„Nicht wirklich.“
Er lachte leise. „Vielleicht mache ich nächstes Mal etwas früher Schluss.“ Rox schenkte ihr ein lässiges Lächeln, streifte sein Hemd über den Kopf und schlenderte aus dem Raum, vor sich hin summend.
Liora stand da und sah ihm nach. Er war der einzige Typ im Gebäude, dem jedes Mädchen hinterherlief, aber ihr war das völlig egal.
Mit ihren Gummihandschuhen hob sie vorsichtig ein Paar weggeworfener Spitzenhöschen vom Boden auf und stieß einen langen Seufzer aus.
Warum lassen die immer ihre Unterwäsche liegen, nachdem sie das gemacht haben? Ist das irgendeine Trophäe?
Sie hätte am liebsten in den leeren Raum geschrien und jedem Mädchen in der Arena gesagt, es solle etwas Selbstachtung haben. Warum rennen sie immer wieder zu einem Typen wie ihm, wenn sie genau wissen, was er ist? Wie soll ich jemanden nicht hassen, der mich doppelt so hart arbeiten lässt, nur um seine Sauereien aufzuräumen?
Ihr Handy vibrierte heftig in der Tasche. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie es mit zitternder Hand herauszog.
„Hallo, Liora…“
Ihr Magen drehte sich um. Das tat er jedes einzelne Mal, wenn diese Nummer anrief.
„Hallo?“
„Der Zustand Ihrer Mutter verschlechtert sich rapide“, sagte der Arzt nüchtern am Telefon. „Sie ist heute Abend in einen schweren Schock geraten. Ich rufe an, um Sie zu warnen, dass Sie sich mit den ausstehenden Arztkosten beeilen müssen, bevor es zu spät ist.“
„Ich…“ Ihre Stimme brach, die Knöchel um das Handy wurden weiß. „Ich versuche es… ich schwöre es…“
„Ich weiß, dass Sie es tun, Liora. Sie kämpfen jetzt schon seit zwei Jahren… aber die Zeit ist nicht mehr auf unserer Seite.“
„Ich habe einen weiteren Job angenommen!“, flehte sie, Tränen traten in ihre Augen. „Eine private Hausputzstelle! Geben Sie mir nur noch einen Monat, dann habe ich das Geld!“
Der Arzt atmete schwer aus. „In Ordnung… bleiben Sie stark.“
Sie nickte stumm, ihre Sicht verschwamm, als die Tränen über ihre Wangen liefen. Sie wischte sich schnell mit der Schulter übers Gesicht, nahm den Mopp und zwang sich, weiter zu schrubben.
Piep… piep…
Liora stand auf der Türschwelle einer riesigen, umzäunten Villa, zitterte in ihrem dünnen Mantel und drückte auf die Messingklingel. Sie rieb ihre frierenden Hände aneinander und blies warmen Atem in die Handflächen.
Piep… piep…
Schließlich schwangen die Doppeltüren auf, und eine ältere Frau in formeller Hausmädchenuniform trat heraus.
„Guten Abend, Ma’am. Ich bin die neue Nachtputzkraft. Man hat mir gesagt—“
„Kommen Sie herein, raus aus der Kälte“, sagte die Frau sanft und zog die Tür weit auf.
Liora trat auf den beheizten Marmorboden der atemberaubenden Eingangshalle und wischte sorgfältig den Schnee von ihren Stiefeln auf der Matte ab.
„Sagen Sie mir nicht, dass Sie mir gefolgt sind“, hallte eine vertraute, tiefe Stimme von oben die große Treppe herab.
Liora blickte langsam hoch.
Ihr Herz sank.
Das kann doch nicht wahr sein.
Von allen Häusern in Los Angeles… musste es ausgerechnet seins sein.
Rox lehnte sich lässig an das Geländer und sah höchst amüsiert aus. „Also sind Sie das neue Dienstmädchen.“
Liora hob das Kinn und starrte ihn direkt an. „Ich bin hier, um zu arbeiten.“
Sein Grinsen vertiefte sich. „Das werden wir noch sehen… Flora.“