Kapitel 2

1053 Words
Wie konnte das sein? Warum erwähnte er sie? Warum sah er sie überhaupt? Plötzlich hörte sie Schritte. Ruhig. Zielstrebig. Die Tür der Kammer öffnete sich leise. Zack stand im Türrahmen. Das schwache Licht der Flurlaterne fiel auf sein Gesicht. Seine Augen leuchteten fast silbern. „Du bist weggelaufen“, sagte er ruhig. Elena wich zurück, bis sie gegen Regale stieß. „Bitte... geht.“ Er trat ein und schloss die Tür hinter sich. Der Raum war plötzlich viel zu klein. „Ich wollte nur mit dir sprechen“, sagte er. „Es gibt nichts zu sprechen.“ „Doch.“ Er trat näher. „Dein Herz schlägt schnell. Ich höre es.“ Elena presste die Lippen zusammen. „Lasst mich in Ruhe.“ Doch er hörte nicht. Stattdessen hob er die Hand, langsam, als wollte er ein scheues Tier nicht erschrecken. Seine Finger streiften fast ihre Wange. Und dann spürte sie es. Ein Ruck. Tief in ihrer Brust. Etwas Goldenes, Leuchtendes, das sich entzündete. Ein Band, unsichtbar, doch stärker als Eisen. Es zog sie zu ihm, heiß, fordernd, unwiderruflich. Das Gefährtenband. Nein. Unmöglich. Sie hatte kein Mal. Sie war unwürdig. Und doch... Zack atmete scharf ein. Seine Hand zuckte zurück. Seine Augen weiteten sich. „Was bist du?“, flüsterte er rau. „Ich weiß es nicht“, hauchte Elena. Tränen liefen über ihre Wangen. Er starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal wirklich. Dann ballte er die Fäuste. „Geh“, sagte er mit rauer Stimme. „Sofort. Bevor ich die Kontrolle verliere.“ Elena stolperte zur Tür. Doch bevor sie hinauslief, drehte sie sich noch einmal um. „Bitte... tut Lima nichts. Sie hat Euch nichts getan.“ Zack lachte bitter. „Nach heute Nacht werde ich sie nicht mehr anrühren. Nicht nach... dem hier.“ Elena verstand nicht ganz. Doch sie wartete nicht. Sie floh in die Nacht, in den Schnee, in die Kälte. Hinter ihr blieb Zack stehen, allein in der Kammer, die Hand gegen die Brust gepresst, wo ein goldenes Band brannte wie Feuer. Und in dieser eisigen Nacht erwachte etwas in Elena. Etwas Wildes. Etwas Gefährliches. Etwas, das nie hätte erwachen dürfen. Die Nacht war so kalt, dass jeder Atemzug wie Glasscherben in Elenas Lunge stach. Sie rannte blindlings durch den Schnee, die Füße in den dünnen Lederschuhen längst taub. Der Wald verschluckte sie schnell. Die hohen Fichten standen wie stumme Wächter, ihre Äste schwer von weißem Pulver, das bei jeder Bewegung leise herabrieselte. Elena stolperte über eine Wurzel, fiel hart auf die Knie, doch sie rappelte sich sofort wieder hoch. Weiter. Nur weiter weg von dem Haus, von dem Saal, von ihm. Zack Blackwood. Sein Name brannte sich in ihren Verstand wie ein Brandmal. Und darunter, tiefer, heißer, pulsierte etwas anderes. Etwas, das nicht ihr gehören durfte. Das Gefährtenband. Es zog an ihr, unsichtbar, doch mit solcher Kraft, als hätte jemand eine Kette um ihr Herz gelegt und das andere Ende in seiner Faust gehalten. Jeder Schritt fort von ihm fühlte sich an wie Verrat an ihrem eigenen Körper. Sie blieb abrupt stehen, presste die Hand gegen die Brust. Ihr Herz raste so wild, dass sie meinte, es müsse zerspringen. Tränen gefroren auf ihren Wangen, bevor sie ganz fallen konnten. „Nein“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Nein, nein, nein.“ Sie durfte das nicht fühlen. Nicht für ihn. Nicht für den Mann, der Lima wie ein nutzloses Gefäß behandelt hatte. Nicht für den Mann, der gekommen war, um zu nehmen, zu zerstören, zu herrschen. Und doch... als er in der Vorratskammer gestanden hatte, als seine Finger fast ihre Haut berührt hatten, da war etwas in seinen Augen gewesen. Kein Spott. Keine Kälte. Sondern... Erschrecken. Als hätte auch er etwas gespürt, das er nicht erwartet hatte. Elena schüttelte heftig den Kopf. Illusion. Wahnsinn. Sie war die Unmarkierte. Die Wertlose. Das Band konnte nicht echt sein. Die Götter machten keine Fehler. Ein Ast knackte hinter ihr. Sie wirbelte herum. Nichts. Nur Schnee und Schatten. Doch ihr Nacken prickelte. Jemand beobachtete sie. „Wer ist da?“, rief sie leise. Stille. Dann ein leises Knurren, tief und vibrierend, das durch den Schnee bis in ihre Knochen drang. Elena wich zurück, bis ihr Rücken gegen einen Baumstamm stieß. Ihre Hände tasteten nach etwas, irgendetwas als Waffe. Ihre Finger schlossen sich um einen abgebrochenen Ast. Wieder ein Knacken. Näher diesmal. Aus dem Dunkel trat eine Gestalt. Nicht Zack. Es war einer der Wachen ihres Vaters. Ein großer, breitschultriger Wolf namens Torin. Sein Atem dampfte in dicken Wolken. In seiner Hand hielt er eine Fackel, deren Flamme im Wind flackerte und sein Gesicht in hartes, orangefarbenes Licht tauchte. „Was tust du hier draußen, Bastardmädchen?“, knurrte er. Elena schluckte. „Ich... brauchte Luft.“ „Luft.“ Er lachte rau. „In einem Sturm? Mitten in der Nacht? Du lügst schlecht.“ Er trat näher. Die Fackel warf lange Schatten über den Schnee. „Dein Vater hat bemerkt, dass du verschwunden bist. Und unser Gast...“ Torin grinste schief. „Unser Gast schien plötzlich sehr interessiert daran, wohin die kleine Dienerin gelaufen sein könnte.“ Elenas Magen zog sich zusammen. „Er hat nach mir gefragt?“ „Nicht mit Worten.“ Torin kam noch näher. „Aber seine Augen... die lügen nicht. Was hast du angestellt, Elena? Hast du ihn verärgert? Oder... etwas anderes?“ „Ich habe nichts getan.“ „Lügnerin.“ Er packte ihren Arm so fest, dass sie aufkeuchte. „Komm mit zurück. Alpha Viktor will dich sehen. Und glaub mir... du willst ihn nicht warten lassen.“ Elena wehrte sich instinktiv. Der Ast in ihrer Hand zuckte hoch. Torin lachte nur, fing ihr Handgelenk ab und verdrehte es schmerzhaft. Der Ast fiel in den Schnee. „Du kleine Närrin“, zischte er. „Glaubst du wirklich, du könntest entkommen?“ Er zerrte sie mit sich. Elena stolperte hinterher, der Schnee saugte an ihren Schuhen. Jeder Schritt fühlte sich an wie Verrat an sich selbst. Sie hätte kämpfen sollen. Hätte schreien sollen. Doch die Angst saß tief. Die Angst vor ihrem Vater. Vor dem Rudel. Vor dem, was sie in Zacks Augen gesehen hatte. Plötzlich blieb Torin stehen. Sein Kopf ruckte hoch. Seine Nasenflügel blähten sich. „Riechst du das?“
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