Kapitel 4

1207 Words
„Lauf mit mir. Jetzt.“ „Ich kann nicht...“ „Wenn sie dich finden, werden sie dich bestrafen. Für das, was ich getan habe. Für das, was zwischen uns ist. Dein Vater wird dich töten, Elena. Oder schlimmer... er wird dich mir wegnehmen.“ Elena sah in seine Augen. Und sie sah die Wahrheit. Er würde kämpfen. Für sie. Gegen das ganze Rudel, wenn es sein musste. Doch sie wollte keinen Krieg. Nicht für sich. Für Lima vielleicht. „Ich muss zurück“, flüsterte sie. „Ich muss Lima warnen.“ Zack knurrte frustriert. „Du verstehst nicht...“ „Ich verstehe genug.“ Die Rufe kamen näher. Zack ließ ihren Arm los. „Dann geh“, sagte er kalt. „Aber wisse eines: Ich werde dich holen. Bald. Und wenn ich das tue... werde ich nicht mehr fragen.“ Er trat zurück. Sein Körper schimmerte erneut. Innerhalb eines Wimpernschlags stand wieder der schwarze Wolf vor ihr. Er sah sie ein letztes Mal an. Dann verschwand er in der Dunkelheit. Elena stand allein zwischen den Toten. Torin stöhnte immer noch. Die Fackeln kamen näher. Sie atmete tief ein. Dann rannte sie zurück zum Haus. Nicht weil sie Angst hatte. Sondern weil sie wusste: Die Nacht war noch nicht vorbei. Und das Schlimmste kam erst noch. Im Herrenhaus brannte jedes Fenster. Fackeln loderten im Hof. Wölfe in Menschengestalt und in Fellgestalt rannten hin und her. Schreie. Befehle. Der Geruch von Angst lag schwer in der Luft. Elena schlich durch den Dienstboteneingang. Ihre Kleider waren nass und voller Schnee. Ihre Hände zitterten unkontrollierbar. Sie musste Lima finden. Doch bevor sie die Treppe erreichte, trat ihr Vater in den Flur. Alpha Viktor. Seine Augen waren gelb vor Zorn. „Wo warst du?“, fragte er leise. Zu leise. Elena senkte den Blick. „Ich... brauchte Luft.“ Viktor trat näher. Seine Hand schoss vor. Er packte ihr Kinn, zwang sie, ihn anzusehen. „Lüg mich nicht an, Mädchen.“ Elena schwieg. „Zwei meiner Wölfe sind tot. Einer mit aufgerissener Kehle. Der andere liegt draußen und heult wie ein Welpe, weil ihm der Arm zerfetzt wurde. Und du... du kommst aus genau dieser Richtung.“ „Ich habe nichts getan“, flüsterte sie. Viktor lächelte kalt. „Natürlich nicht. Du bist ja nur die wertlose Bastardtochter. Und doch... Blackwood ist verschwunden. Seit du den Saal verlassen hast. Seltsam, nicht wahr?“ Elena schwieg. Viktors Griff wurde fester. „Sag mir die Wahrheit. Oder ich lasse dich auspeitschen, bis du sprichst.“ In diesem Moment erschien Lima am oberen Ende der Treppe. Sie trug immer noch das mitternachtsblaue Kleid. Ihr Gesicht war bleich. „Vater“, sagte sie leise. „Bitte. Lass sie.“ Viktor fuhr herum. „Geh zurück in dein Zimmer, Lima.“ „Aber...“ „Jetzt!“ Lima zögerte. Dann sah sie Elena an. Ihre Augen sagten alles. Ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Elena schüttelte kaum merklich den Kopf. Geh. Bitte geh. Lima verschwand langsam rückwärts. Viktor wandte sich wieder Elena zu. „Mitkommen“, befahl er. Er zerrte sie in den großen Saal. Dort warteten bereits die wichtigsten Wölfe des Rudels. Sie alle starrten sie an. Mit Misstrauen. Mit Verachtung. Mit Neugier. Viktor stieß sie in die Mitte des Raumes. „Erzähl uns, was passiert ist“, sagte er laut. Elena hob den Kopf. „Ich war spazieren. Ich habe die Toten gefunden. Torin hat mich zurückgebracht. Das ist alles.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Viktor lachte kurz. „Spazieren. Im Schneesturm. Allein.“ Er trat hinter sie. Seine Stimme wurde gefährlich leise. „Du weißt, was mit Lügnern passiert, Elena.“ Er riss ihren Ärmel hoch. Ihre nackte Schulter kam zum Vorschein. Kein Mal. Nur blasse Haut. „Siehst du?“, sagte er zum Rudel. „Nichts. Kein Zeichen der Götter. Kein Recht, unter uns zu leben. Und doch... dulde ich sie. Aus Gnade.“ Er drehte sie herum. „Aber Gnade hat Grenzen.“ Er gab einem der Wölfe ein Zeichen. Zwei Männer traten vor. In ihren Händen Seile. Elena wich zurück. „Nein...“ „Fesselt sie“, befahl Viktor. Die Männer packten sie. Elena wehrte sich. Sie trat. Sie biss. Doch sie war zu schwach. Die Seile schnitten in ihre Handgelenke. Sie wurde auf die Knie gezwungen. Viktor zog ein langes Messer. „Wenn du nicht sprichst... werde ich dich zum Sprechen bringen.“ Er setzte die Klinge an ihre Wange. Ein dünner roter Strich erschien. Elena keuchte. In diesem Moment barst die große Flügeltür auf. Schnee wirbelte herein. Und Zack Blackwood trat ein. Immer noch nackt bis zur Hüfte. Blutverschmiert. Die Augen glühend. Das Rudel erstarrte. Viktor fuhr herum. „Blackwood...“ Zack sagte kein Wort. Er ging einfach durch den Saal. Direkt auf Elena zu. Die Wachen wollten ihn aufhalten. Ein Blick von ihm genügte. Sie wichen zurück. Zack blieb vor Elena stehen. Er sah auf sie hinunter. Auf die Fesseln. Auf das Blut an ihrer Wange. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Etwas Dunkles. Etwas Tödliches. Er wandte den Blick zu Viktor. „Nimm deine Hände von ihr.“ Viktor lachte ungläubig. „Sie gehört mir. Sie ist meine Tochter.“ „Sie gehört mir“, sagte Zack ruhig. Seine Stimme hallte durch den Saal wie ein Donnerschlag. Das Band zwischen ihnen pulsierte so stark, dass Elena meinte, es müsse sichtbar werden. Viktor kniff die Augen zusammen. „Was redest du da?“ Zack trat vor Elena. Schützend. „Sie ist meine Gefährtin.“ Totenstille. Dann brach das Chaos los. Schreie. Knurren. Fäuste wurden geballt. Viktor zog sein eigenes Messer. „Du wagst es... in meinem Haus...“ Zack lächelte kalt. „Ich wage viel mehr als das.“ Er sah Elena an. „Steh auf.“ Elena kämpfte sich hoch. Die Fesseln fielen von selbst. Niemand wusste, wie. Vielleicht hatte Zack sie mit einem Gedanken zerrissen. Er streckte die Hand aus. Elena zögerte nur einen Herzschlag. Dann legte sie ihre Hand in seine. Das Band explodierte in goldenem Licht. Jeder im Saal spürte es. Jeder spürte die Macht. Die Unmöglichkeit. Die Wahrheit. Viktor brüllte vor Wut. „Tötet ihn!“ Das Rudel stürzte vor. Doch Zack war schneller. Er riss Elena an sich. Und dann geschah etwas, das niemand je erwartet hätte. Er biss zu. Nicht brutal. Sondern gezielt. Seine Zähne gruben sich in die Stelle über ihrem Schlüsselbein. Genau dort, wo das Mal hätte sein sollen. Elena schrie auf. Doch es war kein Schmerzensschrei. Es war... Ekstase. Goldenes Licht explodierte aus der Bissstelle. Ein Mal erschien. Nicht silbern wie Limas. Sondern schwarz. Mit einem silbernen Rand. Ein Mondsichel-Mal. Nur anders. Dunkler. Stärker. Zack zog sich zurück. Blut tropfte von seinen Lippen. Er sah Elena an. „Jetzt bist du markiert“, sagte er rau. „Jetzt gehörst du mir.“ Viktor brüllte. Das Rudel griff an. Doch Elena spürte nur noch ihn. Nur noch das Band. Nur noch die Hitze. Und tief in ihr erwachte etwas Neues. Etwas Wildes. Etwas, das nie hätte erwachen dürfen. Und während das Chaos um sie tobte, wusste sie eines mit tödlicher Sicherheit: Die Nacht war noch lange nicht vorbei. Und das Blut würde noch fließen.
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