Der Pool-Vorfall

1801 Words
~Soren~ Ich wache mit einer kalten, nassen, klebrigen Substanz auf, die mir über die Wangen läuft. Orangensaft. Meine Mutter – ich meine, Georgina – steht mit einer leeren Sektflöte über mir, als hätte sie gerade einen öffentlichen Dienst geleistet. „Steh auf“, zischt sie. „Die Party ist noch nicht vorbei, und du versteckst dich, als wärst du eine wilde Katze.“ Ich wische mir den Saft aus den Augen. „Du hast gerade—" „Das ist mir scheißegal. Steh. Auf.“ Sie packt meinen Arm und zieht mich von dem Sofa, auf dem ich in irgendeinem zufälligen Wohnzimmer dieses kolossalen Herrenhauses ohnmächtig geworden bin. Ich weiß nicht einmal, wie ich hierhergekommen bin. Ach ja. Gefährten-Bindung Panikattacke. „Jetzt, junge Dame.“ „Mom, ich bin müde—“ „Heute Abend ist es Georgina. Wir sind in der Öffentlichkeit.“ Sie streicht ihr lächerliches Designerkleid glatt – das Ersatzkleid, nachdem ich das erste ruiniert hatte. „Und meine Freunde sind hier. Wichtige Leute, Soren. Versuch, mich nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, als du es sowieso schon getan hast.“ Aua. Aber auch: Standard-Georgina-Ablauf, also hätte ich das ehrlich gesagt kommen sehen müssen. Sie zerrt mich die Korridore entlang, als wäre ich ein schlecht erzogener Welpe, und wir landen wieder in der Lobby. Die Party ist IMMER NOCH im Gange. Wie lange habe ich geschlafen? Eine Stunde? Drei? Es ist mir scheißegal. Ich will einfach nur schlafen. Der Raum ist gefüllt mit diesen Wölfen in schicken Klamotten und edlen Spirituosen, die wahrscheinlich über edle Dinge reden. Ich erkenne sofort Georginas Freundinnen – eine Gruppe schicker älterer Damen, die offensichtlich ein Vermögen für Botox ausgegeben haben und davon viel zu viel bekamen. „Da ist sie ja!“, quietscht eine von ihnen – Linda? Lydia? –. „Deine Tochter! Dieses Mädchen ist kostbar.“ Kostbar. Genau. Das bin ich. Kostbar wie ein Wühltisch am Boden der Stapel im Ein-Euro-Laden. Georginas Lächeln ist reines Plastik. „Das ist Soren. Sag Hallo, Liebling.“ Dann kneift sie mir in die Wange. Ich winke unbeholfen. „Hi.“ „Sie ist schüchtern“, sagt Georgina, als würde das meine gesamte Existenz erklären. Bevor ich mich davonstehlen kann, zieht sie mich wieder – diesmal in die Mitte des Raumes, wo Alpha Donovan mit ein paar Packmitgliedern spricht. Oh nein. Oh nein, nein, nein. „Donovan!“ Georginas Stimme steigt um drei Oktaven. So unecht. „Komm und triff Soren richtig!“ Alpha Donovan dreht sich um, und ich werfe meinen ersten richtigen Blick auf meinen neuen ... Stiefvater? Nennen wir das so? Er ist groß, hat graue Schläfen, sieht aus wie eine ältere Version von Felix und hat den Blick von jemandem, der schon viel erlebt hat und nicht leicht beeindruckt ist. Seine Augen huschen kurz zu mir – bewertend, abwertend. „Soren“, sagt er. Nicht unfreundlich, nur ... neutral. Als wäre ich ein Inventarstück des Raumes. „Willkommen im Elsbridge Pack.“ „Danke“, murmele ich. „Sie studiert am College“, fügt Georgina hastig hinzu, als würde das meinen Wert rechtfertigen. „Sehr klug. Still, aber klug.“ Donovan nickt. „Gut. Felix studiert dort auch. Das solltet ihr gemeinsam haben.“ Mir sackt der Magen in die Hose. Felix. Genau. Wo ist— „Ach, du meine Güte.“ Donovan schaut sich um und gestikuliert dann. „Felix. Komm her.“ Und da ist er. Er kommt auf uns zu, als würde ihm der Laden gehören, was technisch gesehen ja irgendwie stimmt. Sein Hemd war schwarz und zugeknöpft, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, die Haare immer noch perfekt, und dieser gleiche Blick, der mir auf die Nerven gehen könnte, und sagte, ich sei zu gut angezogen. Wir haben Blickkontakt. Die Bindung flammt auf. Ich muss fast keuchen, aber ich beiße es herunter. Seine Kiefermuskeln spannen sich an. Ja. Er spürt es auch. Donovan verkündet beiläufig, als würde er Kollegen informieren. „Deine neue ... Stiefschwester.“ Felix’ Lächeln ist reines Eis. „Wir haben uns schon getroffen.“ Georginas Augen verengen sich. „Habt ihr? Oh, süße Mondgöttin.“ Sie quietscht. „Sind vorhin zusammengestoßen“, sage ich schnell. Zu schnell. „Wörtlich. Ich habe nicht aufgepasst.“ „Klingt ganz nach dir“, sagt Felix geschmeidig, und ich will ihn schlagen. Donovan kichert, ein echtes Kichern. „Nun, gut. Ihr zwei könnt in der Schule aufeinander aufpassen. Felix, sorg dafür, dass sie sich auf dem Campus zurechtfindet.“ Er fixiert seinen Sohn. „Auf dem Campus, bitte.“ „Klar“, sagt Felix, seine Stimme ist flach. „Wunderbar!“, klatscht Georgina in die Hände, als wäre das die beste Nachricht aller Zeiten. „Ich bin so froh, dass ihr zwei euch schon so gut versteht.“ Sich gut verstehen. Klar. Wenn sie mit „sich gut verstehen“ meint, den Drang zu bekämpfen, sich entweder gegenseitig umzubringen oder— Nein. Nicht an das Oder denken. Donovan und Georgina fangen an, miteinander zu reden – wahrscheinlich darüber, wie perfekt ihre neue Patchwork-Familie ist – und lassen Felix und mich in einer sehr unangenehmen Stille stehen. „Sirene“, sagt er flüsternd. „Es ist Soren.“ „Wir müssen—“ „FELIX!“, dröhnt eine Stimme vom anderen Ende des Raumes. Eine Gruppe von Jungs, die eindeutig Felix’ Freunde waren, gemessen an der „reicher Alpha-Mann“-Energie, die sie ausstrahlten, versammelte sich in der Nähe der Hintertüren, die zum Poolbereich führten. Einer von ihnen winkt ihn herbei. Felix’ Gesicht verändert sich. Genervt. „Warte kurz.“ Er geht zu ihnen, und ich sollte besser hierbleiben. Das sollte ich wirklich. Aber meine idiotischen Füße folgen ihm. Weil er am Zugseil zieht und es zu ignorieren ist, als würde man versuchen, einen Feueralarm zu ignorieren. Ich lande am Pool – ein riesiger, absurder Infinity-Pool mit bunten Lichtern, die wie in einem Nachtclub rotieren. Felix’ Freunde lachen, schubsen sich gegenseitig, offensichtlich betrunken oder kurz davor. „Wer ist das?“, Einer von ihnen – groß, blond, viel zu selbstbewusst – schaut mich an, als wäre ich ein brandneues Spielzeug. „Stiefschwester“, sagt Felix kühl. „Stiefschwester?“ Das Grinsen im Gesicht des blonden Typen wird breiter. „Alter, du hast mir nicht gesagt, dass sie heiß ist.“ Ich erstarre. Felix’ ganzer Körper spannt sich an. „Lass die Finger von ihr, Carter“, sagt er, seine Stimme sinkt zu etwas, das bedrohlich klingt. Carter hört nicht zu, sondern kommt auf mich zu. „Wie heißt du, *ma chérie*?“ „Kümmer dich um deine eigenen Angelegenheiten“, sage ich sachlich. „Zickig. Das mag ich.“ Er beugt sich vor, und ich kann den Alkohol in seinem Atem riechen. Ekelhaft. „Im Ernst, lass die Finger von —“, fange ich an. Und dann versucht er, mich zu küssen. Er stürmt einfach so vor, als wäre das etwas Normales. Ich stoße ihn. Hart. Er stolpert rückwärts direkt in Felix, der sich bewegt hat, um einzugreifen, und wir alle drei krachen in den Pool. Kalt. So kalt. Wasser rauscht überallhin, Chlor brennt in meinen Nasenlöchern, und für einen Sekundenbruchteil vergesse ich, wie man schwimmt, weil mein Verstand zu überfordert ist und schreit: DAS IST DIE SCHLIMMSTE NACHT MEINES LEBENS. Ich durchbreche keuchend die Oberfläche. Felix taucht neben mir auf, die Haare kleben ihm im Gesicht, das Hemd klebt an jedem Muskel. Nicht hinschauen. Nicht hinschauen. Nicht – ich schaue hin. Verdammt. Carter taucht rechts von uns auf und klatscht sich vor Lachen auf das Knie. „Heilige Scheiße.“ Felix’ Freunde krümmen sich vor Lachen am Poolrand und heulen. Ich sehe mich nach unseren Eltern um – die müssen den Platsch doch gehört haben – Nein. Nö. Donovan und Georgina sind weg. Ich sehe sie durch die Fenster drinnen, wie sie mit anderen Gästen reden, und als ich noch einmal hinschaue, tanzen sie Salsa auf der Tanzfläche. Sie bemerken es nicht einmal. Natürlich nicht. „Bist du okay?“, Felix’ Stimme ist leise, nur für mich. Ich bewege mich durchs Wasser und starre ihn an. „Blendend.“ „Carter, du bist ein Idiot“, knurrt Felix seinen Freund an. „Alter, ich wollte nicht – sie hat MICH gestoßen!“ „Du hast versucht, sie zu KÜSSEN!“ „Ich war betrunken!“ „Das ist keine Entschuldigung!“ Ich bleibe nicht für den Rest ihrer Diskussion. Ich schwimme zum Rand, ziehe mich heraus – meine Kleider sind völlig zerstört, meine Haare triefen überallhin – und beginne zu gehen. „Soren—“, ruft Felix. „Lass mich in Ruhe!“, schnauze ich, ohne mich umzudrehen. Ich höre, wie er herausklettert, Wasser schwappt. „Sirene, warte—" „Ich sagte, LASS MICH IN RUHE.“ Ich gehe schneller, hinterlasse eine tropfende Spur durch das schicke Anwesen, bis ich die Treppe finde. Ein Bediensteter zeigte mir vorhin, wo der Gästeflügel ist – wo ich anscheinend unterkommen werde. Ich nehme die Stufen zu zweit. „Du kannst nicht einfach gehen!“, hallt Felix’ Stimme aus dem Treppenhaus. Ich erreiche den Treppenabsatz, sehe den Flur, den der Bedienstete beschrieben hat, und biege ab— Felix ist direkt hinter mir. Durchnässt, schwer atmend, die Augen flimmern blau und gold. „Was zum Teufel ist so schwer an ‚Lass mich in Ruhe‘?“, zische ich. „Der Teil, wo mein Wolf verrückt wird, weil du aufgebracht bist.“ „DEIN Wolf? DEIN WOLF?“ Ich spotte bitter. „Dein Wolf ist mir egal. Ich habe nicht darum gebeten. Ich habe um NICHTS davon gebeten.“ „Glaubst du, ich habe das?“ Wir stehen einfach da, immer noch tropfend, unsere Atemzüge schnell, während die Bindung zwischen uns so laut summt, dass ich kaum denken kann. Sein Blick senkt sich auf meine Lippen. Mein Herz bleibt stehen. „Felix—“ „Geh“, knappt er. „Bevor ich etwas tue, das wir beide bereuen werden.“ Ich muss mir das nicht zweimal sagen lassen. Ich drehe mich auf dem Absatz um und sprinte praktisch den Flur entlang, erreiche mein Zimmer und schlage die Tür hinter mir zu. Schließe ab. Ich rutsche mit dem Rücken zur Tür auf den Boden, mein Herz rast. Ich höre Schritte von der anderen Wand. Sie halten direkt davor an. Stille. Dann, so leise, dass ich die Worte fast überhöre: „Gute Nacht, Sirene.“ Und er geht weg. Ich sitze da, durchnässt, in einem Haus, das nicht mir gehört, mit einer Gefährten-Bindung, die ich nicht einmal will, und einer Zukunft, die wie ein Zugunglück aussieht. Das ist in Ordnung, rede ich mir ständig ein. Alles ist in Ordnung. Spoiler: Nichts ist in Ordnung.
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