Es gibt Menschen, die man vergisst, und es gibt Menschen, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen, für immer, eindringlich, herzzerreißend schön. Kael Dravenmoor gehört zu Letzteren. Ich spürte es in dem Moment, als ich ihn sah. Nicht mit den üblichen Gefühlen, nein. Nicht mit der nervösen Aufregung, die mit der Möglichkeit einer Romanze einhergeht. Nein. Es war wie das leise, bedrohliche Klicken eines Traktors beim Beladen, der Alarm, den das Gehirn auslöst, wenn es etwas Wildes, etwas Unsicheres spürt. Er stand gegenüber von Lilas Wohnung, seine Augen auf mich gerichtet, kalte, graue Augen, die Farbe eines Winterhimmels kurz vor einem Gewitter. Er sagte wenig, aber was er sagte, war: „Du musst Mira sein.“ Seine Stimme, tief, geheimnisvoll, wie ein warmer Finger, der über kalte Haut streicht. Ich war zwanzig Jahre alt, er war siebenundzwanzig. Er gehörte ihr. Meine Schwester. Manchmal frage ich mich, ist das Schicksal grausam oder einfach nur gerecht?
Der Herbst hatte München gerade in seine goldenen Arme geschlossen, als Lila mich anrief. „Mira, du musst kommen. Heute Abend. Keine Ausreden.“ Meine Schwester hatte ein Händchen für Einladungen, als wären sie kaiserliche Erlasse. Ich seufzte, klemmte den Hörer zwischen Schulter und Ohr und lackierte mir weiter die Fingernägel der linken Hand. Ein tiefes Burgunderrot. Die Farbe des Herbstes. Die Farbe von altem Wein. Die Farbe eines Neubeginns. „Was gibt es denn zu feiern?“, fragte ich, als wäre es mir egal. „Er kommt. Kael. Ich möchte, dass du ihn endlich kennenlernst.“ Eine Pause. Ein Atemzug, den ich so ruhig wie möglich zu halten versuchte. Kael Dravenmoor. Lilas Freund. Der Mann, von dem sie von Anfang an gesprochen hatte. Seine Ruhe. Seine Intelligenz. Die Art, wie er sie ansah, als wäre sie der einzige Mensch auf der Welt. Ich hatte ihn noch nie getroffen. Nur auf Fotos gesehen. Fotos reichten nicht. „Natürlich“, sagte ich, als wäre es mir egal. „Um wie viel Uhr?“ „Acht. Und Mira? Zieh dir was Schönes an. Er hat … gewisse Ansprüche.“ Ich schnaubte innerlich. Gewisse Ansprüche. Lila sprach, als wäre er ein König. Später sollte ich feststellen, dass sie damit nicht ganz unrecht hatte.
Als ich ankam, duftete ihre Wohnung nach Rosmarin und warmem Brot. Kerzen brannten auf dem Esstisch, Gläser waren gedeckt, und sanfte Jazzmusik erfüllte die Räume. Lila hatte sich alle Mühe gegeben. Und dann sah ich ihn. Er stand am Fenster, mir den Rücken zugewandt, und starrte hinaus auf die Lichter der Stadt, die sich in der Dämmerung wie ein Sternenhimmel ausbreiteten. Er war größer, als ich erwartet hatte. Breit gebaut, schmal an den Hüften. Dunkelbraunes Haar lockte sich leicht im Nacken. Eine Kinnlinie, die wie aus Stein gemeißelt wirkte. Lila rief meinen Namen. Er drehte sich um. Und dann – dieser Moment. Dieser verdammte Moment, als sich unsere Blicke trafen und etwas Unsichtbares zwischen uns entzündete, ein Funke im trockenen Stroh. Graue Augen. Kalt und brennend zugleich. Ein langer, stiller Blick, der mich von Kopf bis Fuß musterte – nicht arrogant, sondern mit einer ruhigen Gründlichkeit, die mich mehr erschaudern ließ als jede Kühnheit es je könnte. „Du musst Mira sein“, sagte er. Ich beruhigte mein Herz. „Und du musst Kael sein“, erwiderte ich. Meine Stimme war überraschend ruhig. Ein kaum wahrnehmbares Zittern in seinem Mundwinkel.