Drei Wochen später zog ich in Lilas Wohnung. Es war keine leichte Entscheidung, sondern eine Notlösung. Mein Vermieter hatte das Gebäude verkauft, die neuen Besitzer wollten renovieren, und ich hatte nur einen Monat Zeit, mir etwas Neues zu suchen. In München. Eine der teuersten Städte Deutschlands. Mit meinem Gehalt als freiberufliche Grafikdesignerin. Lila hatte keine Sekunde gezögert. „Du ziehst ein. Das Gästezimmer ist frei. Kein Wort.“ Was sie mir verschwiegen hatte – was ich hätte fragen sollen – war, wie oft Kael in der Wohnung sein würde. Die Antwort: sehr oft. Kael war schon am ersten Dienstagabend nach meinem Einzug da. Ich saß am Küchentisch, Laptop aufgeklappt, Kopfhörer auf, und arbeitete an einem Logo-Konzept. Die Wohnungstür ging auf, aber ich schaute nicht auf. Lila hatte ihren eigenen Schlüssel. Plötzlich legte sich eine große Hand auf meine Schulter, und ich zuckte so heftig zusammen, dass ich beinahe meine Kaffeetasse umgestoßen hätte.
Nicht Lilas Hand. Kael stand hinter mir, den Blick auf meinen Bildschirm gerichtet. Er trug einen dunklen Mantel, den er noch nicht ausgezogen hatte, und leichte Regentropfen glänzten in seinem Haar. „Entschuldige“, sagte er, aber es klang nicht aufrichtig. Seine Stimme war dieselbe: tief und dunkel, ein wenig zu leise, ein wenig zu rau. „Ich dachte, du wärst Lila.“ „Wir sehen uns nicht ähnlich“, sagte ich kühl. „Doch, tun wir“, sagte er nach einem Moment der Stille. „Nein. Stimmt.“ Die Art, wie er es sagte, nicht beiläufig, sondern als Feststellung, ließ mich innehalten. Ich drehte mich zu ihm um und sah ihn an, doch er wandte sich sofort ab und hängte seinen Mantel über die Stuhllehne. „Weiß Lila, dass du hier bist?“, fragte ich mit kühler Stimme. „Ja, sie hat dich eingeladen.“ Ich wandte mich wieder meinem Computer zu, meine Finger flogen über die Tastatur. „Und du wolltest nur sichergehen, dass ich weiß, dass du regelmäßig hier bist.“ Ich drehte mich zu ihm um, mein Lächeln eisig. „Danke für die Ankündigung.“ „Ja, ich wollte nur sichergehen, dass du weißt, dass ich Stammgast bin.“ Er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Wasser heraus. Ich wandte mich wieder meinem Computer zu, meine Finger flogen über die Tastatur. „Weiß Lila, dass du hier bist?“, fragte ich mit kühler Stimme. „Ja, sie hat dich eingeladen.“ Ich wandte mich wieder meinem Computer zu, meine Finger flogen über die Tastatur. „Und du wolltest nur sichergehen, dass ich weiß, dass du Stammgast bist.“ Ich drehte mich wieder zu ihm um, mein Lächeln eisig. „Danke für die Ankündigung.“ „Ja, ich wollte nur sichergehen, dass du weißt, dass ich Stammgast bin.“ Er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Wasser heraus. „Ich wollte nur sichergehen, dass du weißt, dass ich Stammgast bin.“ Eine Warnung. Getarnt als höfliche Ankündigung. „Danke für die Ankündigung“, sagte ich, meine Worte so glatt wie Eis. Er sah mich wieder an – dieser stille, durchdringende Blick, als könnte er etwas unter meiner Haut.
Dann nickte er kurz und verschwand im Wohnzimmer. Ich atmete langsam aus. In diesem Moment dämmerte es mir: Das würde nicht einfach werden. Nicht mit ihm im selben Raum, mit dieser dunklen, stillen Präsenz, die die Luft veränderte, als stünde ein Sturm kurz bevor. Ich redete mir ein, ich würde ihn ignorieren. Ich redete mir ein, es würde funktionieren. Tat es aber nicht. Kael Dravenmoor ließ sich nicht ignorieren. Nicht, weil er laut war – ganz im Gegenteil. Er ließ sich nicht ignorieren, weil er so vollkommen präsent war. Wenn er in einem Raum war, spürte man es. Man fühlte es. Eine Art Schwerkraft, die von ihm ausging und alles in seiner Nähe zu ihm hinzog. Mittwoch: Er kochte das Abendessen, während Lila Überstunden machte. Ich kam in die Küche und fand ihn am Herd, die Ärmel hochgekrempelt, einen Holzlöffel in der Hand. Ohne aufzusehen, fragte er, ob ich mitessen wolle. Ich sagte Ja, bevor ich nachdenken konnte. Das Essen war außergewöhnlich. Donnerstag: Ich arbeitete Überstunden. Alle schliefen schon. Ich kam aus dem Badezimmer und fand ihn auf dem Sofa, ein Buch in der Hand. Er schlief nicht. Er las. Im Licht der kleinen Leselampe wirkte sein Gesicht anders – irgendwie sanfter, der eisige Ausdruck verschwunden, ersetzt durch etwas Menschliches. Er blickte nicht einmal auf, als ich durchs Wohnzimmer ging.
Freitag: Lila und ich hatten Streit – nichts Ernstes, nur so ein typischer Geschwisterstreit wegen einer Jacke, die ich mir geliehen und verloren hatte. Kael war auch da. Er sagte nichts. Aber als ich schnell in die Küche rannte, um mir Wasser zu holen, hörte ich ihn leise mit Lila reden. Ein paar Minuten später kam sie herüber und entschuldigte sich, obwohl ich das eigentlich hätte tun sollen. Ich fragte mich, was er ihr gesagt hatte. Ich fragte mich, warum er sich überhaupt die Mühe gemacht hatte. Samstag: Er ging früh. Lila gab ihm einen Kuss an der Tür. Ich stand in der Küche, lauschte dem Geräusch der zufallenden Tür und konnte zum ersten Mal seit Tagen wieder normal atmen. Das war das Problem gewesen. Kael Dravenmoor hatte mir das Atmen schwer gemacht.