Der erste richtige Konflikt ereignete sich im November an einem Abend, als der Regen gegen die Fenster prasselte und die Wohnung noch stickiger machte als ohnehin schon. Lila war kurzfristig mit Kollegen zum Abendessen gegangen. Kael war noch da, als sie ging, hatte sich aber nicht die Mühe gemacht, zu uns zu kommen. Wir waren allein. Ich hatte versucht, mich in meinem Zimmer einzuschließen, aber mein Laptop war wegen eines Software-Updates abgestürzt, das alles lahmgelegt hatte. Ich brauchte den Desktop-PC im Wohnzimmer, den Lila freundlicherweise mit mir geteilt hatte. Kael saß am Esstisch und arbeitete. Dokumente, ein offenes Notizbuch, sein konzentrierter Blick – das Bild purer Konzentration, das Bild einer geschlossenen Tür. Ich saß am Computer, so weit wie möglich von ihm entfernt, sagte nichts und arbeitete. Es hätte alles gut gehen können.
„Du hast ein Problem mit meiner Anwesenheit hier.“ Keine Frage. Eine Feststellung. Seine Stimme durchschnitt die Stille wie ein Messerstich. Ich hob den Kopf. „Ich habe kein Problem.“ „Du weichst meinem Blick aus.“ „Ich konzentriere mich auf meine Arbeit.“ „Du hast dich dem Computer zugewandt, ohne mich anzusehen.“ Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah ihm endlich direkt in die Augen. Ein Fehler. Sein Blick war ruhig, direkt und so intensiv, dass er mich wie ein Schlag traf. „Was willst du, Kael?“ „Eine ehrliche Antwort.“ „Ich habe dir bereits eine ehrliche Antwort gegeben.“ „Eine unehrliche Antwort.“ Ich knirschte mit den Zähnen. „Ich weiß nicht, was du von mir willst.“ Stille breitete sich zwischen uns aus. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und sah mich mit einer unerschütterlichen Ruhe an, die mich wütend und ängstlich zugleich machte. „Du bist Lilas Schwester“, sagte er schließlich langsam, als würde er jeden Satz sorgfältig abwägen. „Sie liebt dich. Ich würde es begrüßen, wenn wir wenigstens etwas höflich zueinander wären.“
„Wir sind höflich“, sagte ich steif. „Wir reden überhaupt nicht.“ Ich öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder. Denn er hatte Recht, und das war das Schlimmste. „Was schlägst du vor?“, fragte ich nach einem Moment. Er sah mich lange an. Dann stand er auf, ging in die Küche und kam mit zwei Tassen zurück, die er auf den Esstisch stellte. „Kaffee“, sagte er. „Und ein Gespräch, das kein Verhör ist.“ Ich starrte die Tassen an. Dann ihn. „Du weißt nicht, wie ich meinen Kaffee trinke.“ „Schwarz, ohne Zucker. So trinkst du ihn jeden Morgen.“ Er hatte mich beobachtet. Diese Erkenntnis jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Langsam stand ich auf, ging zum Tisch und setzte mich ihm gegenüber. Ich nahm die Tasse. Der Kaffee war heiß, stark, genau richtig. „Was willst du wissen?“, fragte ich. Und zum ersten Mal seit Wochen entstand zwischen uns etwas anderes als Spannung. Oder besser gesagt, die Spannung blieb. Aber etwas Neues kam hinzu.
Wir unterhielten uns zwei Stunden lang. Er erzählte mir, er sei Architekt, und dass es nicht um die sterile, computergenerierte Architektur ginge, an die ich gedacht hatte, sondern um echte, ehrliche Architektur – die Restaurierung alter Gebäude, die Erhaltung historischer Denkmäler, ein Dialog mit Stein und Geschichte. Und er sprach mit einer kontrollierten Leidenschaft darüber, die sein Gesicht völlig veränderte, nicht unbedingt warmherzig, aber lebendig. Ein lebendiger Ausdruck des Mannes hinter der Eiswand. Er erfuhr, dass ich Grafikdesignerin war, aber was er eigentlich wissen wollte, war, ob ich Illustratorin werden wollte. Dass mein geheimer Traum Kinderbücher seien, nicht für Kinder, sondern für die Welten, die man auf dreißig Seiten erschaffen könnte. Er hörte zu. Wirklich zu, nicht mit der halbherzigen Aufmerksamkeit, die man Fremden in der Öffentlichkeit schenkt, sondern mit voller Aufmerksamkeit, mit diesem Scheinwerferlicht, das intensiv auf mich gerichtet war. Es war gleichzeitig die angenehmste und die beunruhigendste Erfahrung, die ich seit Langem gemacht hatte.
Als Lila nach Hause kam, fand sie uns am Tisch vor, unsere leeren Kaffeetassen vor uns. Sie lächelte. „Ihr zwei versteht euch so gut!“, sagte sie, als wäre es ein Wunder. Ich lächelte. Kael lächelte. Und für einen Moment, nur einen Augenblick lang, trafen sich unsere Blicke über Lilas Kopf. Mir sank das Herz. Ich wandte den Blick ab.