Kapitel Vier(4)

745 Words
Der erste richtige Streit ereignete sich im November, an einem Abend, als der Regen gegen die Fenster prasselte und die Wohnung kleiner als sonst wirkte. Lila war unterwegs – Abendessen mit Kollegen, ein kurzfristiger Termin. Kael war zu Hause gewesen, als sie ging, und war auch noch da. Wir waren allein. Ich hatte versucht, mich in mein Zimmer zurückzuziehen, aber mein Computer war abgestürzt – ein Software-Update war schuld – und ich brauchte den Desktop-PC im Wohnzimmer, den Lila mir freundlicherweise überlassen hatte. Kael saß am Esstisch. Er arbeitete. Dokumente vor sich, ein offenes Notizbuch, sein konzentrierter Blick wie eine verschlossene Tür. Ich saß so weit wie möglich von ihm entfernt am Computer. Sagte kein Wort. Arbeitete. Es hätte gut gehen können. „Du hast ein Problem mit meiner Anwesenheit.“ Keine Frage. Eine Feststellung. Seine Worte durchschnitten die Stille wie ein Messer. Ich blickte vom Computer auf. „Ich habe kein Problem.“ „Du weichst meinem Blick aus.“ „Ich bin zu beschäftigt mit der Arbeit.“ „Du hast dich umgedreht, um den Computer zu greifen, ohne mich anzusehen.“ Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah ihn endlich an, aber auch das war ein Fehler, denn seine Augen – ruhig, direkt und so durchdringend, dass sie mir fast das Herz durchbohrten – trafen mich wie ein Schlag in die Brust. „Was willst du, Kael?“, fragte ich mit etwas schärferer Stimme, als ich beabsichtigt hatte. „Eine ehrliche Antwort.“ „Die habe ich dir schon gegeben.“ „Eine unehrliche.“ Ich knirschte mit den Zähnen. „Ich weiß nicht, was du von mir willst.“ Es entstand eine Stille, und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Arme verschränkt, den Blick auf mich gerichtet, mit dieser beunruhigenden Ruhe, die mich gleichermaßen wütend machte und ängstigte. „Du bist Lilas Schwester“, sagte er langsam und bedächtig, als wählte er jedes Wort sorgfältig und wog dessen Wirkung ab. „Lila liebt dich, und ich würde es begrüßen, wenn wir wenigstens höflich zueinander wären.“ „Wir sind höflich zueinander.“ „Wir sprechen nicht einmal miteinander.“ Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder, denn er hatte Recht, und das war das Schlimmste. „Was schlagen Sie vor?“, fragte ich nach einer kurzen, unangenehmen Stille. Er sah mich lange an, stand dann auf, ging in die Küche und kam mit zwei Tassen zurück, die er vor uns auf den Tisch stellte. „Kaffee“, sagte er, „und ein Gespräch, das kein Verhör ist.“ Ich starrte die Tassen an und dann ihn, aber er sah mich weiterhin ruhig an. Also stand ich auf, ging zum Tisch und setzte mich ihm gegenüber. Ich nahm die Tasse, die er mir reichte. Der Kaffee war perfekt, heiß, genau so, wie ich ihn mochte, schwarz ohne Zucker, genau wie jeden Morgen. „Was möchten Sie wissen?“, fragte ich. Und zum ersten Mal seit Wochen entstand zwischen uns etwas anderes als Spannung. Nicht, dass diese Spannung dadurch vollständig ersetzt worden wäre. Sie war immer noch da. Er hatte nur einen neuen Gesprächspartner. Wir unterhielten uns zwei Stunden lang. Er entpuppte sich als Architekt – nicht der sterile, computergenerierte Kram, den ich erwartet hatte, sondern echte Architektur, mit einem Gespür für Struktur und Alter, die Restaurierung alter Gebäude, ein Dialog mit Stein und Zeit. Er sprach mit einer Leidenschaft darüber, die, obwohl gedämpft, sein Gesicht veränderte – immer noch nicht ganz warmherzig, aber lebendiger, dynamischer, mehr von dem Mann hinter der eisigen Maske. Er erfuhr, dass ich Grafikdesignerin war, aber Illustratorin werden wollte. Dass meine geheime Leidenschaft Kinderbücher waren – natürlich nicht für die Kinder selbst, sondern für die Welten, die man auf dreißig Seiten erschaffen konnte. Er hörte zu. Nicht nur halbherzig, wie man es in der Öffentlichkeit vielleicht tut, sondern wirklich aufmerksam. Seine volle Aufmerksamkeit war wie ein Scheinwerfer auf mich gerichtet. Es war die angenehmste und zugleich die beunruhigendste Erfahrung seit Langem. Als Lila nach Hause kam, sah sie uns am Tisch sitzen, unsere leeren Kaffeetassen vor uns. Sie strahlte. „Ihr zwei versteht euch so gut!“, rief sie aus, als wäre es ein Wunder. Ich lächelte. Kael lächelte. Und für einen Moment, nur einen Augenblick, gerade lang genug, um wieder zu Atem zu kommen, trafen sich unsere Blicke über Lilas Kopf. Etwas in mir zog sich zusammen. Ich wandte den Blick ab.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD