Es war Lila, die alles ruiniert hat. Nicht absichtlich. Niemals absichtlich. Lila war der liebste Mensch, den ich kannte – manchmal fast naiv, weil sie in jedem das Gute sah. Auch in mir. Auch in Kael. Lila rief mich im Februar an, an einem Dienstagnachmittag, und ihre Stimme klang wie Sonnenlicht durch Glas. „Ich muss dir etwas sagen.“ Mein Magen verkrampfte sich. „Was ist los?“ „Kael und ich … wir haben Probleme. Nichts Ernstes – nichts Katastrophales, aber … ich weiß nicht, ich habe einfach das Gefühl, dass wir uns auseinanderleben. Es ist so schleichend passiert, dass ich es kaum merke.“ Eine Pause. „Ich werde versuchen, heute Abend mit ihm zu reden.“ Ich sagte nichts. Mein Herz hämmerte unregelmäßig in meiner Brust, und ich schämte mich dafür, für dieses unmögliche, verbotene Gefühl, etwas zu fühlen, das ich nicht fühlen sollte. „Mira? Bist du noch da?“
„Ja“, sagte ich. Und meine Stimme klang normal. Wie war das möglich? „Ja. Es tut mir leid. Das … überrascht mich.“ „Mich auch“, sagte Lila. Und sie klang traurig – aufrichtig traurig –, aber nicht gebrochen. Nicht so, wie jemand klingt, dem die Welt unter den Füßen wegbricht. Eher so, wie jemand klingt, der eine schwere Entscheidung getroffen hat und weiß, dass sie richtig ist. Ich saß lange da, nachdem wir aufgelegt hatten. Ich saß da und versuchte zu verstehen, wie man gleichzeitig traurig um seine Schwester und ehrlos sich selbst gegenüber sein konnte. Eine Woche nach unserem Gespräch tauchte Kael auf. Nicht in der Wohnung – er hätte nicht kommen sollen; Lila hatte ihm gesagt, er solle warten, und er hatte zugestimmt. Aber er erschien auf dem kleinen Platz am Ende unserer Straße, an einem Samstagmorgen, als ich zum Bäcker ging. Er setzte sich auf eine Bank. Sein Blick ruhte auf dem Brunnen, der für den Winter ausgetrocknet war. Ich stand da. Er blickte auf.
„Das ist kein Zufall“, sagte ich. „Nein“, gab er zu. Ich setzte mich neben ihn. Nicht, weil ich musste. Sondern weil ich nicht anders konnte. Die Stille. Sein Atem, spürbar in der kalten Luft. Die Taube, die über den Platz stolzierte. „Wie geht es dir?“, fragte ich. „Ich weiß nicht.“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und betrachtete seine Hände. „Ich weiß nicht, ob ich traurig bin. Oder ob ich traurig sein sollte und es nicht bin. Das ist vielleicht das Schlimmste von allem.“ Ich konnte das verstehen. Und ich hätte es nicht verstehen dürfen. Ich hätte es nicht verstehen dürfen, weil ich es aus einem Grund verstand, den ich nicht verstehen sollte. „Lila liebt dich“, sagte ich. „Das hat sie schon immer.“ „Ich weiß.“ Er sah auf. Das Grau seiner Augen im Winterlicht. „Aber manchmal reicht Liebe nicht aus.“ Stille. Und dann, fast unhörbar: „Du weißt, warum ich hier bin.“ Mein Herz setzte aus. „Kael …“ „Ich weiß.“ Er sprach schnell. „Ich weiß, es ist falsch. Ich weiß, es ist zu früh. Und du bist Lilas Schwester. Und …“ Er brach ab. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich wollte dich nur sehen.“ Das Einfachste der Welt. Das Gefährlichste. „Das solltest du nicht tun“, sagte ich.
„Nein.“ „Wir sollten das nicht tun.“ „Nein.“ Keine Bewegung, kein Kontakt, nur wir beide, die Couch, die Winterkälte, die unausgesprochene Spannung zwischen uns, so greifbar, dass man sie fast hätte schneiden können. „Geh nach Hause, Kael.“ Er stand auf, nickte und drehte sich dann um: „Mira.“ „Bitte nicht.“ Keine Antwort, kein Wort, nur das Nicken, die Drehung, und er war weg. Ich blieb dort, bis mich die Kälte auf die Beine trieb. Ich kaufte mein Brot, ging nach Hause, setzte mich an den Tisch, trank meinen Kaffee und versuchte, nicht an den Klang seiner Stimme zu denken, wenn er meinen Namen sagte. Ich belog mich nicht länger selbst. Aber ich konnte es immer noch hinauszögern, vorerst.