Carmen blickte in die Dunkelheit hinaus, die das Fahrzeug umgab. Die Fahrt zum Flughafen verlief zum Glück ohne weitere Vorkommnisse. Sie hatten verschiedene Umwege gemacht, bevor sie gewendet hatten, damit sie von Norden aus kamen. Carmen war die Einzige, die die genaue Wegbeschreibung hatte. Scott hatte darauf geachtet, dass nur der Teamleiter jedes Fahrzeugs die Route kannte, um zu verhindern, dass die Information durchsickerte.
Der schwarze Geländewagen fuhr auf das Tor zu. Marcus, eines der Mitglieder der Vorhut, öffnete mit einem Nicken das Tor. Er machte ein Zeichen, dass Scott und die anderen bereits da waren. Scott stand neben dem Flugzeug, als sie anhielten. Carmen stieg als erste aus und blickte sich um. Sie nickte den anderen beiden Männern im Auto zu, dass die Luft rein war. Sie lächelte in das ängstliche Gesicht des kleinen Jungen hinab, der die ganze Fahrt über schweigend auf dem Rücksitz gesessen hatte.
„Begleitest du mich?“, fragte José leise.
„Sí“, sagte Carmen leise auf Spanisch. „Komm, gehen wir zu deinen Eltern.“
Sie streckte ihre Hand aus und drückte ermutigend seine kleine Hand, als er sie in ihre legte. „Wir haben es schon fast geschafft“, flüsterte sie mit einem Zwinkern.
Sein zögerliches Lächeln brach ihr das Herz. Kein Kind sollte je eine derartige Angst empfinden müssen. Scott hatte sie gewarnt, dass es das Kartell auf den Jungen abgesehen haben könnte, um sich an dem Gouverneur zu rächen, der gegen sie vorging. Carmen würde dafür sorgen, dass sie nicht an ihn herankamen. Kinder waren unschuldig und sollten um jeden Preis beschützt werden.
Sie war schon fast am Flugzeug angelangt, als der Geländewagen, den sie gerade verlassen hatten, explodierte und sie alle zu Boden geschleudert wurden. Carmen rollte sich instinktiv über José und bedeckte seinen Kopf. In einiger Entfernung übertönten die Schüsse von Maschinengewehren das Motorengeräusch des Jets.
Sie schüttelte den Kopf, um das Summen in ihren Ohren loszuwerden. Neben ihr rappelten sich Carlos und Enrique gerade auf. Sie zwang sich aufzustehen und zog José mit sich nach oben. Carmen achtete darauf, ihn abzuschirmen, während sie ihn auf das Flugzeug zuschob. Carlos schoss hinter ihnen auf die Fahrzeuge, die durch die Tore rasten und mit hoher Geschwindigkeit näherkamen.
Carmen sah, wie Scott auf die herannahenden Fahrzeuge schoss, während er auf sie zurannte. Carmen keuchte, als sie spürte, wie sie ein Schuss in den Oberschenkel traf. Mit einem Schrei brach sie zusammen. Enrique stürzte auf sie zu, packte José und rannte auf den Flieger zu, während Carlos ihm Rückendeckung gab. Carmen rollte herum und hielt sich mit einer Hand ihr Bein, während sie mit der anderen ihre halbautomatische 9 mm Pistole betätigte und auf die Fahrzeuge schoss.
Die Schießerei ging erneut los und Carmen zuckte zusammen, als eine der Kugeln sie am Arm traf und rücklings auf das Pflaster schleuderte. Sie drehte ihren Kopf, als sie hörte, wie ein paar weitere Kugeln etwas nicht weit von ihr trafen. Entsetzt schrie sie auf, als sie sah, wie Scott zusammenzuckte, als er von mehreren Schüssen getroffen wurde. Etwa zwei Meter entfernt von ihr brach er zusammen. Carmen kämpfte gegen den stechenden Schmerz in ihrem Körper an und war fest entschlossen, zu dem Mann zu gelangen, den sie liebte. Sie schaffte es, sich ihm bis auf einen Meter zu nähern, bevor sich ihr ein Paar polierter Schuhe in den Weg stellte.
Die Gestalt bückte sich, packte sie an ihrer verletzten Schulter und drehte sie herum, bis sie in die schwarzen Augen von Javier Cuello blickte. Carmen wandte ihren Blick von seinen kalten Augen ab. Sie wollte einfach nur zu Scott.
„Was für eine Schönheit“, sagte Javier leise, strich Carmen eine Strähne ihres weißblonden Haares aus dem Gesicht und drehte ihren Kopf wieder zu sich. „Ich habe von dem jungen amerikanischen Sicherheitsteam gehört, das den Gouverneur und seine Familie beschützt. Meine Informanten haben nicht gelogen, als sie gesagt haben, dass die Frau außergewöhnlich schön ist“, sagte er kichernd, als Carmen erneut versuchte, ihren Kopf wegzudrehen.
Javier blickte zu Scott, der auf dem Boden lag und nach Luft rang. „Er bedeutet dir etwas, sí?“ Den anderen bist du nicht so wichtig. Sie haben dich ganz alleine gelassen“, sagte er kopfschüttelnd und fuhr mit seinem Daumen über ihre Unterlippe. „Vielleicht sollte ich dich als Trophäe behalten.“
Carmens Augen blitzten wütend. „Fahr zur Hölle. Du bist ein Feigling und ein Rüpel“, krächzte Carmen heiser.
Javier kicherte. „Ein Rüpel?“, erwiderte er und sah seine Männer lachend an. „Niemand hat mich mehr Rüpel genannt, seit ich ein Kind war“, sagte er und drehte sich mit einem kalten Lächeln wieder zu Carmen um. „Nein, kleine Amerikanerin, ich bin kein Rüpel. Ich bin ein kaltherziger Mörder.“
Carmen schluchzte, als sie zusah, wie Javier aufstand und zu Scott ging. Scott blickte zu Javier auf, bevor er seinen Blick wieder Carmen zuwandte. Sie sah Liebe, Akzeptanz und Bedauern in seinen Augen.
„Nein!“, versuchte Carmen zu schreien. „Geh weg von ihm! Geh weg von ihm!“, schluchzte sie und versuchte, sich zu bewegen.
Javier bedeutete einem seiner Männer mit einem Nicken, dass er Carmen festhalten sollte und versetzte Scott einen Tritt. „Du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde mich gut um deine Frau kümmern“, grinste Javier, während er eine Pistole aus seiner Hosentasche zog. „Und zwar sehr, sehr lange“, fügte er hinzu, bevor er abdrückte.
Carmens Schreie hallten durch die Nacht. Tränen brannten in ihren Augen, wollten jedoch nicht fließen, während sie zusah, wie der Mann, der ihr die Welt bedeutete, noch einmal zusammenzuckte, bevor er regungslos liegen blieb. Kälte hüllte ihren Körper und ihre Seele ein, als sie in Scotts leblose Augen blickte. Ihre Finger tasteten nach dem Messer, das neben ihr lag. Ihr Blick fiel wieder auf Javier, der angewidert seinen Kopf schüttelte, bevor er die Pistole wieder in seine Hosentasche schob.
„Nun, die Konkurrenz wäre erledigt“, sagte er beiläufig und ging neben Carmen in die Hocke. „Jetzt gehörst du mir.“
„Da muss erst die Hölle zufrieren“, sagte Carmen mit emotionsloser Stimme und hob das Messer, das sie mit einer Faust fest umklammerte.
Sie stach das Messer so tief sie konnte in Javiers Oberschenkel. Er fiel mit einem würgenden Fluch nach hinten und griff nach dem Messer, das in seinem Oberschenkel steckte. Einer seiner Männer zog seine Waffe und schoss ein paar Mal auf Carmen, während ein paar weitere Männer Javier von ihr wegzogen.
Sie lächelte, als sie Javiers leise Schreie hörte, während sie ihn wieder in sein Fahrzeug brachten. In der Ferne hörte sie Sirenen, doch nichts davon spielte mehr eine Rolle. Mit letzter Kraft streckte sie ihren gesunden Arm nach Scott aus. Sie musste ihn ein letztes Mal berühren. Ein Schluchzer ließ ihren übel zugerichteten Körper erzittern, während Blaulicht die Szene erleuchtete.
Ich muss ihn berühren … ein … letztes … Mal, dachte sie verschwommen, als ihre Finger sanft über seine Wange strichen, bevor es um sie herum dunkel wurde.