KAPITEL EINS: PFAND
ELENAS SICHT
Mein Vater kniete auf dem Boden. Seine Hände zitterten so heftig, dass sie auf dem kalten Marmorboden klapperten. Ich stand neben ihm, eine erstarrte Statue vor Angst. Der massive Kristallleuchter über uns warf glitzerndes Licht durch den Raum, doch mein Spiegelbild, das mir aus dem polierten Stein entgegenblickte, war kaum wiederzuerkennen. Ich wirkte klein. Ich wirkte verzweifelt.
„Bitte“, flüsterte mein Vater. Seine Stimme brach vor einer Verzweiflung, die mir den Magen umdrehte. „Geben Sie mir nur mehr Zeit, Mr. De Santis. Einen Monat. Vielleicht zwei. Ich verspreche, ich zahle Ihnen jeden Cent zurück. Ich habe Investitionen, die bald Erträge bringen werden.“
Der Mann vor uns wirkte nicht wütend. Er schrie nicht und griff nicht nach einer Waffe. Das erschreckte mich mehr als jeder Wutausbruch es je gekonnt hätte.
Luca De Santis musterte meinen Vater von oben bis unten mit einem Ausdruck milder, klinischer Langeweile. Sein dunkler Anzug war perfekt auf seine breiten Schultern zugeschnitten, scharf genug, um damit zu schneiden. Er war zu ruhig, zu distanziert. Es war, als bedeuteten acht Millionen Dollar absolut nichts für ihn und das Leben meines Vaters noch weniger. Er war ein Gott der Industrie und der Schatten, und wir waren lediglich Ameisen unter seinen polierten Lederschuhen.
„Du hattest genug Zeit, Arthur“, sagte Luca. Seine Stimme war ruhig und trug den eisigen Rhythmus eines Mannes, der schon tausendmal Todesurteile verkündet hatte. „Zeit ist das Einzige, was ich nicht umsonst vergebe.“
Ich senkte den Blick, bevor seine Augen die meinen finden konnten, und betete, er würde nicht bemerken, wie heftig meine Hände zitterten. Männer wie er ernähren sich von Angst. Ich steckte die Fäuste in die Taschen meiner Hose, aber es nützte nichts. Seine Anwesenheit war ein physisches Gewicht, das gegen meine Haut drückte. Sein kalter, prüfender Blick verweilte auf mir, eine stille Behauptung von Dominanz, die mir die Nackenhaare aufstellte.
Plötzlich schoss die Hand meines Vaters hervor und packte mein Handgelenk. Sein Griff war hektisch, seine Haut klamm.
„Ich gebe Ihnen meine Tochter“, schrie er.
Die Welt stand still. Mein Atem stockte in meiner Kehle. Für eine Sekunde war ich sicher, dass der pure Schrecken dieses Ortes mich endlich den Verstand gekostet hatte. Ich musste mich verhört haben.
„Dad …“, flüsterte ich. Ein roher, blutender Schock schnitt durch meine Brust.
Er sah mich nicht an. Sein Blick blieb auf Lucas Schuhe gerichtet, während er den Teufel um einen Handel anflehte.
„Sie ist zweiundzwanzig. Sie ist gehorsam. Sie ist freundlich. Sie wird keine Schwierigkeiten machen, ich schwöre es. Sie ist mehr wert als das Geld, Luca. Schauen Sie sie sich an.“
Ich spürte, wie etwas in meiner Brust tatsächlich zerbrach. Es war nicht zuerst Wut, die mich überflutete; es war eine tiefe, erstickende Demütigung, die in meiner Kehle brannte. Er sah mich nicht als sein Kind. Ich war nur ein Posten in einer Bilanz, als Sicherheit gehandelt.
Langsame, bedächtige Schritte klackten über den Marmor.
Klick. Klick. Klick.
Die schwarzen Schuhe blieben nur wenige Zentimeter vor meinen stehen.
„Sieh mich an“, sagte Luca.
Es war weder laut noch scharf, aber seine Worte trugen das absolute Gewicht eines eisernen Befehls.
Angst lähmte mich und ließ meine Muskeln erstarren. Ich versuchte, die Kraft zu finden, den Kopf zu heben, aber ich konnte mich nicht bewegen.
Dann spürte ich ihn. Seine Knöchel streiften die empfindliche Haut meiner Kehle, bevor er einen Finger unter mein Kinn hakte und mein Gesicht nach oben kippte. Seine Berührung war nicht grob, aber völlig kontrolliert.
Meine Augen trafen auf seine, und der letzte Rest Sauerstoff wich aus meinen Lungen. Seine Augen waren schwarze Obsidianbecken, die nichts als kalte Absicht widerspiegelten, vollkommen frei von Gnade. Er sah kein menschliches Wesen an; er inspizierte einen Preis.
„Sie hat Angst“, stellte er fest, während sein Daumen über den Winkel meines Mundes strich.
„Ja“, sagte mein Vater schnell. Seine Stimme klang nun widerlich eifrig, da er einen Ausweg sah. „Aber sie wird sich anpassen. Sie ist eine schnelle Lernerin, Luca. Sie wird tun, was immer Sie brauchen.“
Anpassen.
Als wäre ich ein Möbelstück.
Luca studierte mein Gesicht. Sein Daumen bewegte sich langsam an meiner Kieferlinie entlang und testete, ob ich zurückzucken würde. Jeder Instinkt schrie mich an, mich wegzuziehen, seine Hand wegzuschlagen, zu rennen. Als mein Muskel unwillkürlich leicht zuckte, verdunkelten sich seine Augen vor räuberischer Genugtuung.
Er bemerkte alles.
„Du schuldest mir acht Millionen“, erinnerte Luca meinen Vater. Seine Stimme sank um eine Oktave und wurde zu einem tiefen Knurren, das in der Luft vibrierte.
„Ich unterschreibe jeden Vertrag, den Sie wollen“, stieß mein Vater hervor. „Sie können sie behalten, bis ich das Geld aufbringe und die Schuld begleiche. Wenn ich scheitere, gehört sie Ihnen für immer. Es ist mir egal, was Sie mit ihr machen.“
Mein Puls brauste in meinen Ohren wie ein physischer Sturm. Ich war auf eine Transaktion reduziert worden.
„Sie reicht“, sagte Luca.
Mit diesen zwei Worten wurde das Leben, das ich kannte, ausgelöscht. Mein Schicksal wurde von einem Monster besiegelt, das nicht einmal meinen Namen kannte.
Nein.
Ich kann das nicht zulassen. Ich habe ein Leben. Ich habe die Uni. Ich habe eine Zukunft.
Luca wandte sich mit räuberischer Anmut ab und ging zu einem hochlehnigen Lederschreibtisch, der mehr kostete als das gesamte Haus meines Vaters. Er setzte sich mit einer trägen, erschreckenden Selbstsicherheit hin und zog ein schlankes schwarzes Telefon hervor, um eine kurze Nachricht zu schicken.
Minuten später trat ein Mann in einem scharf geschnittenen marineblauen Anzug in den Raum. Er trug einen Stapel schwerer, cremefarbener Papiere. Er legte sie auf einen Beistelltisch vor mir und reichte mir einen Füllfederhalter. Seine goldene Feder blitzte unter dem Leuchter wie eine Waffe.
Mein Vater trat eilig vor und unterschrieb seine Seiten, ohne eine einzige Zeile zu lesen.
Der Stift wurde mir zugedreht. Meine Finger zitterten so heftig, dass ich ihn kaum greifen konnte. Sobald die Tinte das Papier berührte, gab es kein Zurück mehr. Bei meinem Vater wusste ich, dass er nie für mich zurückkommen würde. Er würde seine Freiheit lieber für billige Laster ausgeben, während ich seine Schuld abzahlte.
Ich sah meinen Vater an, aber er mied meinen Blick. Er wartete nur auf sein goldenes Ticket hinaus aus der Tür.
Nein.
Panik überwand meine Lähmung. Ich ließ den Stift fallen, drehte mich auf dem Absatz um und rannte mit voller Geschwindigkeit auf die Doppeltüren zu. Meine Tennisschuhe quietschten laut auf dem Marmor, während ich um mein Leben sprintete.
Meine Finger streiften das kalte Metall des Türgriffs – ich spürte, wie der Mechanismus nachgab, ein Atemzug von Freiheit quälend nah – und dann schloss sich eine Hand wie eine Stahlfalle um mein Handgelenk.
Ich wurde so heftig zurückgerissen, dass meine Schulter vor Schmerz aufschrie. Ein zweiter Arm schlang sich um meine Taille und hob mich vollständig vom Boden. Ich zappelte, trat und kratzte, kämpfte wie ein wildes Tier.
„Lass mich los!“, schrie ich und stieß meinen Ellbogen nach hinten, verzweifelt bemüht, seinen Griff zu brechen. „Lass mich los!“
Aber sein Griff wurde nur fester, und die Tür schien mit jedem hektischen Atemzug weiter wegzugleiten.
Hinter uns hörte ich die langsamen, gleichmäßigen, unbeeilten Schritte.
Luca hatte sich nicht einmal von seinem Stuhl erhoben, um mich aufzuhalten. Er hatte den gesamten Kampf mit der distanzierten Belustigung eines Mannes beobachtet, der einer Fliege dabei zusieht, wie sie sich an einer Fensterscheibe verfängt.
Als die Kraft schließlich aus mir wich und ich schlaff im Griff des Wächters hing, neigte Luca den Kopf.
„Bring sie her.“
Ich wurde zurück zum Tisch getragen. Der Wächter legte den Stift wieder in meine Hand und bog meine Finger mit kalter Effizienz um den Schaft.
„Ich dachte, Ihre Tochter wäre gehorsam, Arthur“, murmelte Luca.
Mein Vater zitterte und brachte nur noch stammelnd Worte hervor.
„Das ist sie, Mr. De Santis! Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist – es sind nur die Nerven, ich versichere Ihnen –“
„Halt die Fresse“, sagte Luca und brachte ihn zum Schweigen.
Seine Stimme war nicht laut, aber die eiskalte Bosheit darin ließ meinen Vater sofort verstummen.
„Hör auf mit den Lügen.“
Die Wächter, die mich festhielten, wurden vollkommen starr. Das Grauen in meinem Magen verwandelte sich in pures Eis.
Luca erhob sich von seinem Schreibtisch und ging auf mich zu, seine Bewegungen bedächtig. Er blieb direkt hinter mir stehen, so nah, dass ich die Wärme spüren konnte, die von seiner Brust gegen meinen Rücken strahlte. Seine Hand legte sich auf meine Schulter – schwer und völlig besitzergreifend.
„Unterschreib“, befahl er an meinem Ohr, sein Atem kühl auf meiner Haut.
Meine Sicht verschwamm von den Tränen, die ich zurückhielt, während ich mich über den Tisch beugte. Meine Hand zitterte, aber ich zwang den Stift, sich zu bewegen.
Das Kratzen der goldenen Feder über dem teuren Pergament klang wie ein Schrei in dem stillen Raum. Jeder Buchstabe meines Namens fühlte sich an wie ein Glied in einer schweren Kette, die sich um meine Kehle zuzog.
Als ich fertig war, sammelte der Assistent die Dokumente ein, prüfte die Unterschrift und geleitete meinen Vater ohne ein weiteres Wort aus dem Raum.
Die Tür klickte zu und ließ uns in einer schweren, erstickenden Stille zurück.
Lucas Hand blieb noch einen Moment auf meiner Schulter. Sein Daumen drückte leicht gegen die Kurve meines Nackens und spürte den hektischen Schlag meines Pulses. Dann ließ er mich los, ging zurück zu seinem Schreibtisch und setzte sich mit der Zufriedenheit eines Königs in seinen Stuhl, der erobertes Land betrachtete.
Ich drehte langsam den Kopf, um ihn anzusehen. Ein schwaches, grausames Lächeln spielte um seine Lippen. Er sah aus, als hätte er ein Spiel gewonnen, das er nicht einmal als Herausforderung empfunden hatte – ein Teufel in einem perfekt sitzenden Anzug.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, während die Realität des Vertrags tief in meine Knochen sank.
Was wird er mit mir machen?