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Von dem Mann, der mich großgezogen hat

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Ava dachte, mit zweiundzwanzig könne sie endlich das einzige Zuhause verlassen, das sie je gekannt hatte.Damian Vale hatte sie aufgenommen, als ihre Eltern starben. Er zog sie groß, sorgte für ihre Ausbildung und prägte jeden Aspekt ihres Lebens. Im Gegenzug verlangte er völligen Gehorsam.Als sie versucht, ihn zu verlassen, stellt er sie vor eine einzige Wahl: unter seinem Dach und nach seinen Regeln zu bleiben oder alles zu verlieren, was er ihr jemals gegeben hat. Eine dieser Regeln ist unumstößlich – ihr Körper gehört ihm.Was als erzwungene Vereinbarung beginnt, wird zu einer täglichen Inanspruchnahme. Ava ist nicht mehr das Mädchen, das er großgezogen hat. Sie ist die Frau, die er nicht loslassen will. Und je länger sie bleibt, desto schwieriger wird es zu sagen, ob sie noch immer versucht zu fliehen … oder ob sie bereits auf eine Weise in Anspruch genommen wurde, die weit über seine Regeln hinausgeht.

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Kapitel 1 Die Nacht, in der ich versuchte zu gehen
Ich packte im Dunkeln, damit ich den Raum, den er mir zugewiesen hatte, nicht ansehen musste. Der Koffer lag offen auf dem Bett, halb gefüllt mit Kleidung, die noch immer den schwachen Duft des Waschmittels trug, das seine Angestellten benutzten. Alles in diesem Haus roch auf eine stille, unausweichliche Weise nach ihm – Zeder, saubere Baumwolle und der kalte, metallische Beigeschmack von Kontrolle. Dreizehn Jahre lang hatte ich in diesem Duft gelebt. Heute Nacht versuchte ich, ihm zu entfliehen. Meine Hände zitterten, als ich einen Pullover zusammenlegte. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, und meine Finger zitterten immer noch wie die eines Kindes, wenn ich daran dachte, ihn zu enttäuschen. Damian Vale hatte mich aufgenommen, als ich neun war. Meine Eltern waren auf einer regennassen Straße ums Leben gekommen, und der einzige, der noch übrig war und irgendeine Verantwortung übernahm, war der Mann, der einst der Geschäftspartner meines Vaters gewesen war. Er hatte nicht gelächelt, als der Sozialarbeiter mich zum Tor dieses Anwesens brachte. Er hatte mich einfach mit diesen undurchschaubaren grauen Augen angesehen und gesagt: „Du wirst jetzt hier leben.“ Seitdem hatte ich hier gelebt. Er hatte mich großgezogen. Er hatte mich ernährt, gekleidet, jeden Nachhilfelehrer und jede Schule bezahlt. Er hatte mir beigebracht, wie man bei formellen Abendessen Messer und Gabel richtig hält, wie man spricht, ohne die Stimme zu erheben, und wie man sich höflich zurückzieht, wenn seine Geschäftspartner eintrafen. Er hatte mich nie geschlagen. Er hatte nie seine Stimme erhoben. Er erwartete einfach Gehorsam, so wie andere Männer erwarteten, dass die Sonne aufgeht. Und fast mein ganzes Leben lang hatte ich ihm diesen Gehorsam entgegengebracht. Bis heute Abend. Ich schloss den Reißverschluss des Koffers. Das Geräusch war in der Stille viel zu laut. Mein Herz schlug so heftig, dass ich es bis in die Kehle spürte. Der Plan war einfach: durch die Dienstbotentür im Ostflügel hinausgehen, die halbe Meile bis zur Hauptstraße laufen und von dort ein Taxi rufen. Ich hatte ein wenig Geld gespart von dem Taschengeld, das er mir jeden Monat auf mein Konto überwiesen hatte. Genug für ein paar Wochen in einer billigen Wohnung, während ich mir Arbeit suchte. Genug, sagte ich mir, um ein neues Leben zu beginnen – als jemand anderes als das Mädchen, das Damian Vale großgezogen hatte. Ich legte mir den Riemen des Koffers über die Schulter und öffnete die Tür zu meinem Schlafzimmer. Der Flur war dunkel. Nur die gedämpften Nachtlichter entlang der Fußleisten leuchteten – sanftes Gold vor schwarzem Marmor. Ich war schon tausend Mal durch diese Flure gegangen. Ich wusste, welche Dielen knarrten und welche still blieben. Ich wählte die stillen. Ich kam an der Bibliothek vorbei. Vorbei am repräsentativen Wohnzimmer. Vorbei an den hohen Fenstern, die den Blick auf den Infinity-Pool und die weit unten liegenden Lichter der Stadt freigaben. Das Anwesen lag auf einem privaten Hügel außerhalb von Seattle, so abgeschieden, dass der Rest der Welt wie ein Gerücht wirkte. Damian hatte es so lieber. Ich erreichte die oberste Stufe der Nebentreppe, die hinunter zum Dienstboteneingang des Ostflügels führte. Meine nackten Füße machten keine Geräusche auf dem kühlen Stein. Ich war fast – „Ava.“ Mein Name, ausgesprochen mit dieser tiefen, gleichmäßigen Stimme, ließ mich schlagartig innehalten – mehr als es jeder Schrei hätte tun können. Ich drehte mich um. Damian stand am anderen Ende des Flurs, immer noch vollständig in das schwarze Hemd und die dunkle Hose gekleidet, die er zum Abendessen getragen hatte. Keine Jacke. Der oberste Knopf seines Hemdes war aufgeknöpft. Sein silberdurchsträhntes Haar war leicht zerzaust, als hätte er mit der Hand hindurchgefahren. Er wirkte nicht überrascht. Er sah aus wie ein Mann, der gewartet hatte. Mein Koffer fühlte sich plötzlich schwerer an. „Ich –“ Das Wort stockte mir im Hals. Ich schluckte und versuchte es erneut. „Ich wollte gerade –“ „Gehen.“ Er beendete den Satz für mich, ohne seine Stimme zu erheben. Das musste er nie. „Mitten in der Nacht. Mit einem Koffer. Ohne mit mir zu sprechen.“ Ich umklammerte den Griff fester. „Ich bin zweiundzwanzig. Ich habe mein Studium abgeschlossen. Ich kann …“ „Du kannst was?“ Er kam auf mich zu. Langsame, bedächtige Schritte. Jeder einzelne verringerte den Abstand, den ich jahrelang gelernt hatte, nicht ohne Erlaubnis zu überschreiten. „Von dem Geld leben, das ich auf dein Konto eingezahlt habe? Eine Wohnung mieten mit der Bonität, die ich für dich aufgebaut habe? Dich mit der Ausbildung, die ich bezahlt habe, auf Stellen bewerben?“ Hitze stieg mir ins Gesicht. „Das ist nicht fair.“ „Es ist richtig.“ Er blieb drei Fuß entfernt stehen. Nah genug, dass ich den schwachen Hauch seines Parfüms riechen konnte. Nah genug, dass ich den Kopf leicht neigen musste, um seinem Blick zu begegnen. „Du wolltest im Dunkeln verschwinden wie eine Diebin. Nach allem, was passiert ist.“ „Ich habe nichts gestohlen.“ „Du hast versucht, dich selbst mitzunehmen.“ Seine Stimme blieb leise, fast sanft. Das war immer die gefährlichste Seite an ihm. „Und dazu hast du keine Erlaubnis.“ Die Worte trafen mich härter, als ich erwartet hatte. Mir schnürte sich die Kehle zu. „Ich bin kein Kind mehr.“ „Nein“, stimmte er zu. „Das bist du nicht.“ Etwas in der Art, wie er das sagte, ließ die Atmosphäre zwischen uns sich verändern. Der Flur kam mir kleiner vor. Die Nacht drückte sich näher an die Fenster. Ich richtete meinen Rücken auf. „Ich gehe, Damian. Du kannst mich nicht für immer hier festhalten.“ Er musterte mich einen langen Moment lang. Sein Blick wanderte über mein Gesicht, den übergroßen Pullover, den ich mir übergeworfen hatte, und den Koffer an meiner Seite. Dann sprach er erneut, immer noch ruhig. „Du hast heute Abend zwei Möglichkeiten.“ Ich wartete, mein Puls pochte laut in meinen Ohren. „Wenn du durch diese Tür gehst“, sagte er, „dann gehst du mit leeren Händen. Ohne das Geld. Ohne den Namen, den ich dir gegeben habe. Ohne den Schutz. Ohne die Zukunft, die ich bereits für dich arrangiert habe. Du wirst zu einer Fremden, die einst in meinem Haus gelebt hat. Das ist die erste Möglichkeit.“ Mir sank das Herz. Ich hatte Wut erwartet. Diese stille, endgültige Trennung hatte ich nicht erwartet. „Und die zweite?“, fragte ich, obwohl ein Teil von mir die Antwort bereits fürchtete. Damian hielt meinen Blick fest, ohne zu blinzeln. „Du bleibst. Du bleibst unter diesem Dach. Du akzeptierst meine Regeln ohne Widerrede. Jede einzelne davon.“ „Welche Regeln?“ Er trat näher. Noch ein Schritt, und ich würde die Wärme seines Körpers spüren. Mein Rücken stieß bereits fast an die Wand. „Du wirst dieses Anwesen nicht ohne meine Erlaubnis verlassen. Du wirst keinen Job annehmen, den ich nicht genehmigt habe. Du wirst keine Menschen treffen, die ich nicht freigegeben habe. Und jeden Abend“, seine Stimme wurde leiser, „wirst du in mein Zimmer kommen, wenn ich dich rufe. Du wirst mir deinen Körper so geben, wie ich es verlange. Täglich. Ohne Verhandeln.“ Die Worte hingen wie eine Klinge in der Luft zwischen uns. Ich starrte ihn an. Einen Moment lang konnte ich nichts sagen. Der Mann, der mir mit zehn Jahren das Fahrradfahren beigebracht hatte, der bei jeder Schulaufführung dabei gewesen war, der mich nie mit etwas anderem als distanzierter Fürsorge berührt hatte – der sagte mir nun, dass mein Körper Teil des Preises für mein Bleiben sei. „Das meinst du ernst“, flüsterte ich. „Ich mache keine leeren Versprechungen, Ava.“ Sein Gesichtsausdruck wurde nicht weicher. „Du hast versucht, mich zu verlassen. Damit ist heute Abend Schluss. Entweder du gehst durch diese Tür hinaus und bedeutest mir nichts mehr, oder du bleibst und akzeptierst, dass du mir in jeder Hinsicht, die zählt, bereits gehörst.“ Der Riemen meines Koffers schnitt mir in die Schulter. Ich konnte mich immer noch für die Tür entscheiden. Ich konnte immer noch weglaufen. Der Dienstboteneingang war nur eine Treppe entfernt. Doch der Gedanke an die leere Dunkelheit jenseits der Tore ließ mir das Herz in die Hose rutschen. Dreizehn Jahre. Dieses Haus. Seine Stimme. Die einzige Geborgenheit, die ich je gekannt hatte. Der einzige Mensch, der mich nie im Stich gelassen hatte – bis zu dem Moment, als er mir genau das anbot. Ich hasste ihn für diese Entscheidung. Ich hasste mich selbst noch mehr dafür, wie schwer es mir fiel, sie zu akzeptieren. Meine Stimme klang dünn. „Wenn ich bleibe … gelten diese Regeln dann für immer?“ „Bis ich etwas anderes beschließe.“ „Und wenn ich sie breche?“ Sein Blick glitt zu meinem Mund hinab, dann wieder zurück zu meinen Augen. „Das wirst du nicht.“ Es herrschte Stille. Irgendwo im Haus schlug eine Uhr die Stunde. Draußen wehte der Wind durch die Bäume, die die Einfahrt säumten, auf der ich beinahe geflohen wäre. Ich stellte den Koffer auf den Boden. Das leise Aufschlagen auf dem Marmor klang endgültig. Damians Miene veränderte sich nicht, doch etwas in seinen Schultern entspannte sich um einen winzigen Bruchteil – als hätte er sich fest angespannt und erst jetzt einen Atemzug zugelassen. „Braves Mädchen“, sagte er leise. Die Worte drangen wie Wärme unter meine Haut. Er griff an mir vorbei, hob den Koffer auf, als wäge er nichts, und wandte sich dem Hauptflur zu. „Komm“, sagte er, ohne sich umzusehen. „Wir werden den Rest der Regeln in meinem Arbeitszimmer besprechen. Dann wirst du ein letztes Mal in deinem eigenen Bett schlafen – als jemand, der noch glaubt, er könne gehen.“ Ich stand noch eine Sekunde lang wie erstarrt da und starrte auf die Stelle, an der die Diensttreppe im Dunkeln wartete. Dann folgte ich ihm. Das Haus schloss sich wieder um uns herum, still und absolut, und die Nacht, in der ich versucht hatte zu gehen, wurde zur Nacht, in der alles andere begann.

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