Der Anfang
Carrie
Ich holte tief Luft.
Dann redete ich mir ein, dass der Sprung ein Kinderspiel sein würde.
Doch ein erneuter Blick auf die Höhe von meinem Fenster bis zum betonierten Boden darunter genügte, um meine Meinung zu ändern.
Mit rasendem Herzen entschied ich mich also dafür, mein Zimmer zu verlassen und mich an allen Hotelgästen vorbeizuschlängeln. Das war allemal besser, als aus dem Fenster zu springen.
Bald schon kam die Ausgangstür meines wunderschönen Zimmers in Sicht. Doch als ich die Klinke drückte, rief meine jüngere Schwester Bri von der anderen Seite: „Carrie, bist du schon fertig angezogen? Alle sind bereit für die Generalprobe.“
Ich rannte auf Zehenspitzen zurück zu meinem vorherigen Plan.
Ich muss es einfach tun. Ich muss diesem weiteren Probenabend entfliehen und mir das Gezänk meiner Tanten anhören, wie die Nachbarskinder immer schlimmer werden. Ich muss hier mal kurz raus, bevor ich in die ewige Sklaverei gerät.
Langsam streckte ich ein Bein über das Fensterbrett und warf einen weiteren Blick auf die Todesfalle, in die ich mich gleich wagen würde, während die Tasche um meinen Hals vor mir baumelte.
Ich wollte gerade meine Grätschposition verlassen, als ich rechts von mir eine Leiter bemerkte.
Schnell und erleichtert fand ich den Weg zu dem eisernen Retter, der dort wartete, um mich in die Freiheit zu bringen.
Langsam und mit bewusster Vorsicht, denn ich wollte ja nicht ausrutschen und meine Eingeweide auf dem Boden verteilen, stieg ich die Leiter hinunter, während mir die Abendbrise durch die frisch gewaschenen Haare fuhr.
Obwohl mich der herrliche Duft meiner Haare beinahe abgelenkt hätte, blieb ich ruhig. Und setzte den Abstieg fort.
Im Nu berührten meine Beine den nackten Boden des sehr teuren Hotels, das mein Vater für ganze zehn Tage gebucht hatte, weil seine wilde Tochter endlich heiraten würde… und zwar einen Mann, den er für sie ausgesucht hatte.
Glaub mir, ich weiß nicht, wie es so schlimm kommen konnte.
Eines ist jedoch gewiss: Ich kann dem Bündnis, in das mich mein Vater hineingezogen hat, nicht entkommen. Mein Schicksal ist besiegelt.
Daher dieser kleine Ausflug, der mich aus dem Fenster springen ließ.
Die Abendbrise kam wieder auf und riss mich aus meinen Gedanken.
Ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, wohin ich ging, wandte ich mich nach links und ging die Straße entlang, die von roten Backsteinmauern, schwach beleuchteten Straßenlaternen und Einsamkeit geprägt war.
Die Stille, die mich nun umgab, ließ mich etwas erkennen. Hastig durchsuchte ich meine Tasche und war entsetzt, als ich feststellte, dass ich mein Handy nicht mitgenommen hatte. Aber ich hatte meine Augentropfen und meine Kreditkarte dabei.
Ich denke, das reicht, um sich gut zu amüsieren.
Ich ging also immer weiter, bis ich in einen Teil Venedigs gelangte, der mich mit Lebendigkeit empfing. Menschen in verschiedenen Gruppen, sitzend oder stehend, unterhielten sich, lachten und ließen sich vom Augenblick treiben.
Ich war überwältigt von den hellen Lichtern, die die Stimmung der Nacht erhellten, und bald zog mich ein fernes Musikstück in seinen Bann. Die Sanftheit seiner Melodien versetzte mich in eine ganz besondere Stimmung…
Als wäre ich ein kleines Stück Eisen, zog mich die magnetische Musik näher heran, und ich fand mich immer tiefer in den Raum hinein bewegt, bis ich vor einem Backsteingebäude stand, das mich mit einer Treppe empfing, die sich bis ganz nach unten erstreckte.
Ich ging sofort die Treppe hinunter.
Der Saal war gefüllt mit Menschen, die dem Künstler gebannt zuhörten – einem adrett aussehenden Mann mit kurzen, stacheligen Haaren. Seine Finger glitten über die Klänge seiner Akustikgitarre und erzeugten dabei unaufhörlich melodische Harmonien, während er ein Lied auf Italienisch sang.
Ich hatte keine Ahnung, dass ich stillstand und ihn aus einer Ecke beobachtete, bis er mir zuzwinkerte.
Bald fand ich einen Platz, und dabei wurde mir bewusst, dass jeder im Raum jemanden bei sich hatte, jemanden, den er verträumt anstarren konnte.
Aber das brachte mich nicht aus der Ruhe. Ich bestellte mir schnell einen Krug Bier. Als das Getränk vor mir stand, wandte ich mich der Bühne zu und sagte mir, dass der Abend gerade erst begonnen hatte und ich ihn in vollen Zügen genießen musste.