Hannah
„Na, na“, Lauras Stimme hallt durch den Raum zwischen uns. Ich schreie lauter, als ich beabsichtigt habe, und ziehe damit die Aufmerksamkeit der halben Bar auf mich. Auch Lauras Augen treffen mich.
„Schau, wen die Katze hierhergeschleppt hat. Alles Gute zum Geburtstag, Cousine.“
Ich zwinge meine Beine, sich zu bewegen, und bahne mir einen Weg durch das Labyrinth der Tische. Laura, verdammte Laura. Bei ihr ist nichts jemals Zufall. Nicht, seit sie mir meinen rechtmäßigen Platz als Alpha-Erbin gestohlen hat. Laura hört nie auf, mich an alles zu erinnern, was ich verloren habe, seit mein Vater gestorben ist und mich machtlos in unserer Rudelhierarchie zurückließ.
Sie hat mein Geburtsrecht gestohlen. Meine Familie zerstört.
Und jetzt hat sie mir auch noch das eine genommen, das nur mir hätte gehören sollen. Nur mir.
„Was ist das?“ Meine Stimme klingt leiser, als ich beabsichtigt habe, kaum hörbar über die Musik in der Bar.
Jonas lässt seinen Arm um Lauras Schultern liegen. „Genau das, was du denkst, Hannah“, sagt er und lächelt. Laura lehnt sich für einen schnellen Kuss vor. Mein Magen dreht sich vor Ekel, sie beide so nah beieinander zu sehen.
„Ich habe auf dich in diesem widerlichen Motel gewartet, Jonas!“
Laura lacht. Es ist ein nerviges, hochfrequentes Geräusch.
„Glaubst du wirklich, er würde seinen Freitagabend in einem schäbigen Motel verbringen? Mit dir?“ Ihre Augen mustern mein Outfit mit offensichtlicher Verachtung. „Obwohl ich sagen muss, dass dieser Look dir perfekt steht. Sehr… authentisch.“
Hitze schießt mir in die Wangen. Ich würde dieses blöde Kostüm zerreißen, wenn ich etwas Anständiges darunter hätte.
„Jonas, sag mir, dass das nicht so ist, wie es aussieht.“
Jonas lacht. Ich höre weitere Lacher und geflüsterte Stimmen hinter mir.
„Komm schon, Hannah, seien wir doch ehrlich“, sagt er, seine Stimme trägt eine Schärfe, die ich noch nie gehört habe. „Hast du wirklich gedacht, ich würde dich wählen?“
Die Worte treffen mich hart. Sie zerreißen mein ohnehin schon gebrochenes Herz in noch mehr Stücke.
„Ich… ich habe dir alles gegeben. Meine Ersparnisse, meine Zeit, mein—“
„Dein Geld“, unterbricht Laura und betrachtet ihre perfekt manikürten Nägel. „Jeden Cent, den du erarbeitest, gibt er für mich aus.“
Der Raum scheint sich um mich herum zu drehen. „Das kann nicht sein. Jonas, sag mir, dass sie lügt.“
Aber Jonas’ Schweigen ist Antwort genug.
Laura lehnt sich vor, ihr Lächeln scharf.
„Du bist so dumm, Hannah“, lacht sie.
„Glaubst du wirklich, jemand wie er könnte jemanden wie dich wollen? Eine wolflose Niemandin, die Toiletten putzt, um zu leben?“ Sie gestikuliert durch die Bar. „Das ist deine Welt, Hannah. Hier gehörst du hin.“
„Du liegst falsch“, flüstere ich, aber die Worte klingen selbst für mich hohl.
„Bin ich?“ Laura steht auf, ihre Absätze klicken auf dem Boden, als sie näherkommt. „Fragen wir doch Jonas, oder? Jonas, Liebling, sag meiner Cousine genau, was du von ihr hältst.“
Jonas’ graue Augen treffen meine, und ich sehe die Wahrheit darin. Es war ihm nie ernst. Ich war ihm nichts wert.
Ich bin so dumm.
„Hannah“, sagt er, seine Stimme kalt, „was wir haben, ist… schön, solange es dauert. Aber seien wir ehrlich, du warst immer nur vorübergehend. Du hättest vielleicht länger bei mir bleiben können, wenn du mich hättest ficken lassen.“
Laura bricht in ein Lachen aus. Es ist demütigend.
„Eine erbärmliche Jungfrau“, bemerkt sie.
Die Worte zerreißen etwas in mir. Ich habe alles verloren. Meinen Vater, mein Erbe, Jonas — er gehörte nie mir.
„Oh, sorry, ich meinte arme Jungfrau“, fügt Laura hinzu.
Das Lachen beginnt. Nicht nur von Laura und Jonas, sondern auch von den umliegenden Tischen, wo andere College- und Oberschüler unserer Konfrontation gelauscht haben.
Sie alle wissen es. Ich bin die einzige Dumme hier. Ich muss hier raus.
Ich beginne wegzugehen und halte die Tränen zurück. Laura folgt mir und zieht mich zurück, damit ich sie ansehe.
„Das ist mein Geburtstagsgeschenk für dich, Cousine“, sagt Laura, ihre Stimme triefend vor falscher Süße. „Die Wahrheit. Betrachte es als Wohltat deiner zukünftigen Alpha.“
Etwas in mir reißt. Ich habe genug. „Ich werde dir das nicht—“
„Was?“ Laura stößt mich hart, sodass ich rückwärts in Richtung des Hinterausgangs der Bar stolpere. „Was wirst du mir nicht erlauben? Du hast hier keine Macht, Hannah. Keine Rudelstellung, keinen Wolf. Du bist nichts als ein erbärmliches kleines Menschlein, das sich verkleidet.“
Ich versuche, mein Gleichgewicht wiederzufinden, doch mein Absatz bleibt an der Schwelle der Hintertür hängen. Der Ausgang führt direkt zu einem schmalen Steg, der über das Pool außerhalb der Bar ragt.
„Bitte“, keuche ich und greife nach dem Türrahmen. „Bitte lass mich in Ruhe, Laura.“
„Mal sehen, ob er dich jetzt rettet“, ruft Laura, ihre Stimme hallt über das Wasser. „Meine Sklaven-Cousine.“
Verzweifelt blicke ich zurück, suche Jonas’ Gesicht nach einem Anzeichen des Mannes ab, den ich geliebt habe. Aber er steht nur da, beobachtet mit distanzierter Neugier, während ich um mein Gleichgewicht kämpfe.
„Jonas, bitte—“
Er neigt den Kopf, überlegt. „Weißt du was, Hannah? Wenn du mich anflehst—wirklich anflehst—vielleicht überlege ich es mir, für einen weiteren Tag so zu tun, als wäre ich dein Freund. Was sagst du?“
Das grausame Lachen, das seinen Worten folgt, ist das Letzte, was ich höre, bevor ich den Halt verliere und in das eiskalte Wasser darunter stürze.
Das Wasser ist verdammt kalt und versetzt meinen Körper sofort in Panik. Ich kann nicht schwimmen. Oder atmen. Wasser füllt meine Nase und meinen Mund, während ich hilflos strampel, das lächerliche Dienstmädchenkostüm um meine Beine gewickelt.
„Hilfe! Hilfe!“ schreie ich vor Angst.
Alles, was ich hören kann, ist ihr Lachen, das vom Wasser widerhallt. Jonas’ Stimme mischt sich über das Geräusch meiner verzweifelten Schläge. „Vielleicht lehrt dich das etwas Demut.“
Das eiskalte Wasser beginnt, sich über meinen Kopf zu schließen, zieht mich nach unten. Meine Schreie werden unter Wasser mit Blasen gedämpft. Ich werde sterben.
Mein Leben zieht an meinen Augen vorbei, während ich sinke. Zuerst die Beerdigung meines Vaters. Dann meine Mutter und ich, aus unserem Zuhause vertrieben. Die unzähligen Nächte, in denen ich in der Bar gearbeitet habe. Dann die täglichen Demütigungen durch mein Rudel, die ständigen Erinnerungen, dass ich ohne Wolf wertlos bin.
Ich war nie genug. Nicht für Jonas. Nicht für mein Rudel.
Das Wasser wird kälter, schwerer, zieht mich tiefer in seine Tiefen. Meine Lungen brennen, während ich kämpfe, doch meine Glieder werden taub. Das ist es.
Ich werde sterben. Ich sehe das Gesicht meines Vaters vor mir aufblitzen..
Gerade als mein Bewusstsein zu verschwinden beginnt, spüre ich etwas Starkes, das sich um meine Taille legt. Die starke Kraft zieht mich durch das Wasser nach oben. Mein Kopf bricht die Oberfläche, und ich keuche verzweifelt, huste Flusswasser aus, während ich zum Steg gezogen werde.
Starke Hände heben mich aus dem Wasser und setzen mich auf die Holzplanken. Ich huste mehr Wasser aus, meine Lungen brennen. Ich blinzele gegen die grellen Lichter der Bar, Wasser rinnt aus meinen Haaren und von meiner Kleidung. Es dauert einen Moment, bis meine Augen das Bild vor mir erfassen.
Und dann sehe ich ihn. Die letzte Person, die ich um mich haben will.
Alexander Cross. Der Lykan-Prinz und berüchtigtster Tyrann der Schule. Mein persönlicher Peiniger seit drei Jahren.
Was machte er hier?
Er kniet neben mir, Wasser tropft von seinen eigenen Kleidern. Seine dunklen Augen sind intensiv, während sie mein Gesicht mustern. Etwas in seinem Ausdruck ist anders. Kein übliches grausames Amüsement, wie ich es von ihm gewohnt bin. Stattdessen wirkt er… besorgt? Wütend?
„Bist du verrückt?“ verlangt er, seine Stimme rau, mit einem Anklang echten Kummers. „Was zum Teufel tust du?“
Ich kann nicht antworten. Kaum atmen oder Worte formen. Aber als ich zu ihm hinaufschaue—diesem schönen, gefährlichen Jungen, der meine Highschool-Jahre zur Hölle gemacht hat—verschiebt sich etwas in meiner Brust. Vielleicht ist es die Nahtoderfahrung, oder vielleicht das endgültige Zerbrechen meines Herzens.
Hinter Alexander sehe ich Jonas und Laura in der Tür stehen. Scheiß auf die beiden.
Ich kämpfe mich auf die Füße, Wasser tropft vom lächerlichen Dienstmädchenkostüm. Mein Haar klebt am Schädel.
„Jonas“, rufe ich.
Er starrt mich mit Abscheu an.
„Ich trenne mich von dir.“
Ein demütigender Schock huscht über sein Gesicht.
„Was zum—“
Ich drehe mich zu Alexander, kümmere mich nicht mehr darum, was Jonas sagt. Und bevor ich nachdenke, greife ich Alexanders Hemd und küsse ihn.
Hart und entschlossen.
Seine Lippen sind warm gegen meine. Ein starker Kontrast zum kalten Flusswasser, das noch an meiner Haut haftet. Einen Moment lang bleibt er vollkommen still, als könnte er nicht fassen, was geschieht. Dann kommen seine Arme um mich, ziehen mich näher, während er mich zurückküsst, mit einer Intensität, die meine Knie weich werden lässt.
Ich bin nicht länger das wertlose, wolflose Mädchen, das den Mist anderer Leute wegräumt.
Ich bin Hannah Tristan, und ich habe gerade den mächtigsten Jungen der Schule geküsst.