Kapitel 1
Arias POV
Ich war so glücklich. Wirklich und geradezu töricht glücklich.
Ich stand mit einem Glas in der Hand mitten im Festsaal und spürte die Wärme bis tief in meinen Knochen. Im Saal summte es vor Gesprächen und Gelächter – genau diese Art von Stimmung entstand, wenn die Menschen glaubten, den Erfolg aus nächster Nähe mitzuerleben. Kristallgläser klirrten. Jemand streifte mich im Vorbeigehen und roch nach teurem Parfüm und Geld.
Das war das Leben, das ich für mich gewählt hatte, und ich liebte es.
Ich liebte es, Jasper so zu sehen – selbstbewusst, entspannt und bewundert. In seinem maßgeschneiderten Anzug stand er aufrecht da, die Schultern zurückgenommen, und lachte ungezwungen, während die Menschen ihm gratulierten. Das hier war seine Welt. Er gehörte in solche Räume und zog die Aufmerksamkeit auf sich, ohne je darum bitten zu müssen.
Und er gehörte mir. Zumindest noch nicht ganz, und das war allein meine Schuld. Ich hatte ihm nicht erzählt, wer ich wirklich war, obwohl wir seit sechs Jahren zusammen waren und ich die einzige Mutter war, die seine Kinder je gekannt hatten. Kara sagte mir immer wieder, ich solle noch einen Tag warten, erst einen weiteren Meilenstein abwarten, bevor ich ihm erzählte, dass auch wir Wölfe waren.
Jasper McGinley, der zukünftige Alpha des Crescent-Moon-Rudels, war mein Ehemann. Ich hatte ihn an der Universität kennengelernt. Ich war eine begabte Chemiestudentin gewesen, und er war Geschäftsmann mit einem freien Praktikumsplatz in seiner Firma MoonNutrition.
Ich hatte immer gewusst, dass ich meinen Schicksalsgefährten niemals haben würde. Einen klugen und charmanten Alpha zu finden, der bereit war, ausgerechnet mich zu heiraten, die kleine unscheinbare Frau, die sich in der Menschenwelt versteckte, schien wie ein Märchen. Er war alleinerziehender Vater. Ich wusste nie, was mit seiner Schicksalsgefährtin geschehen war, aber ich hielt es für Schicksal – dafür, dass die Mondgöttin mir die Chance auf eine perfekte Familie gab. Eine sofortige Familie.
Und auch wenn nicht alles perfekt war, liebte ich ihn und seine Kinder, die sich inzwischen wie meine eigenen anfühlten, mehr als alles andere.
Als die Musik leiser wurde und jemand mit einem Löffel gegen ein Glas klopfte, spürte ich eher aufgeregte Vorfreude als Nervosität. Ich wusste, was jetzt kam. Noch bevor Jasper vortreten konnte, hob ich mein Glas höher.
„Darf ich kurz um eure Aufmerksamkeit bitten?“
Im Saal wurde es still. Dutzende Gesichter wandten sich mir zu. Jasper sah mich überrascht an und lächelte dann – liebevoll und nachsichtig, wie immer, wenn ich auf kleine, unkomplizierte Weise die Initiative ergriff.
„Ich verspreche, ich halte euch nicht lange auf“, sagte ich leichthin. „Ich wollte nur sagen, wie stolz ich bin.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Menge. Ich wandte mich Jasper zu und sah ihm in die Augen.
„Diese Markteinführung war nicht einfach. Jeder, der Jasper im vergangenen Jahr nahestand, weiß, wie viel Arbeit darin steckt. Wie viele lange Nächte und wie viel Stress.“ Ich lächelte ihn an. „Und wie stur er sein kann.“
Gelächter ging durch die Menge.
„Aber heute Abend beweist etwas“, fuhr ich fort. „Vision und Durchhaltevermögen sind noch immer wichtig. Integrität ist noch immer wichtig. Und diese Firma – deine Firma – wird Leben verändern.“
Echter, lauter Applaus brandete auf.
Ich hob mein Glas noch höher. „Auf Jasper. Auf MoonNutrition. Und auf die Zukunft.“
„Auf die Zukunft“, wiederholte der Saal.
Jasper beugte sich zu mir und küsste mich auf die Wange. Seine Wärme war mir vertraut. „Danke“, murmelte er. „Du weißt immer, was du sagen musst.“
Ich glaubte ihm.
Ich glaubte an uns.
Das Nahrungsergänzungsmittel war bereits ein Erfolg. Die Berichte trafen schneller als erwartet ein – positive Ergebnisse, verbesserte Fruchtbarkeitswerte und erste Schwangerschaften. Die Investoren waren begeistert. Die Ärzte blieben vorsichtig, zeigten sich aber interessiert.
Niemand fragte, woher die Idee stammte.
Das war in Ordnung.
Die Firma gehörte Jasper. Das Rampenlicht stand ihm zu. Ich brauchte keine Anerkennung. Meine Belohnung wartete zu Hause auf mich – unser Haus, unser Alltag und unsere Zwillinge, die jeden Abend in ihren Betten einschliefen.
Ella und Owen saßen ganz in der Nähe an einem kleinen Tisch und malten in ihren Malbüchern. Eines der Kindermädchen des Rudels passte auf sie auf. Als Ella meinen Blick auffing, winkte sie mir begeistert zu. Owen grinste und zeigte dabei auf die Lücke, die ein fehlender Zahn hinterlassen hatte.
Meine Brust zog sich vor Zuneigung zusammen.
Ich fühlte mich angekommen. Sicher. Als wären die schweren Entscheidungen, die ich getroffen hatte, gerechtfertigt gewesen.
Zuerst bemerkte ich nicht, wie die Frau hereinkam.
Ich unterhielt mich gerade mit einem von Jaspers Geschäftspartnern und nickte höflich, während er über Marktprognosen sprach, als sich der Lärmpegel veränderte. Nicht plötzlich. Einfach ... irgendwie falsch. Die Stimmen wurden leiser. Das Lachen stockte.
Etwas in mir verkrampfte sich.
Ich drehte mich um.
Sie stand nahe dem Eingang, die Hände ineinander verschränkt und die Schultern nach innen gezogen, als würde sie sich wappnen. Ihr hellblaues Kleid war schlicht, geradezu auffällig bewusst schlicht. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen gerötet und ihre Lippen zusammengepresst, als hielte sie sich nur mit aller Kraft zusammen.
Ich kannte sie nicht.
Doch mein Körper reagierte trotzdem, und ich musste die Zähne zusammenbeißen, damit Kara nicht laut knurrte.
Meine Haut prickelte. Ein leises, unruhiges Unbehagen breitete sich in meinem Magen aus. Ich sagte mir, dass es nichts war – nur eine unerwartete Unterbrechung.
Jasper erstarrte neben mir.
Nicht erschrocken. Nicht verwirrt.
Wie eingefroren.
Ich sah zu ihm auf und runzelte die Stirn. „Jasper?“
Er antwortete nicht.
Die Frau machte zögernd einen Schritt nach vorn. „Es tut mir leid“, sagte sie mit leicht zittriger Stimme. „Ich weiß, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist. Ich werde nicht lange bleiben.“
Nun sahen die Leute ganz offen zu. Ihre Neugier schlug in Interesse um. Ich spürte, wie sich die Blicke erst auf mich und dann wieder auf sie richteten.
„Ich musste mich einfach entschuldigen“, fuhr sie fort. „Für die Art, wie ich gegangen bin. Für alles.“
Jasper schluckte schwer.
„Chloe“, sagte er.
Er kannte sie.
Mein Lächeln erlosch.
„Ich wusste nicht, wie ich es sonst tun sollte“, sagte sie leise. „Ich habe es hundertmal geprobt, aber keine Version fühlte sich richtig an.“
Ihr Blick huschte zu mir. Kurz. Prüfend.
„Es tut mir leid“, fügte sie fast beiläufig hinzu. „Auch dir.“
Etwas Kaltes breitete sich in meiner Brust aus.
Ich wusste nicht, wofür sie sich entschuldigte. Ich verstand nicht, warum Jasper aussah, als könnte er jeden Moment zerbrechen. Aber mir gefiel das nicht. Überhaupt nicht.
Hinter mir drangen Flüstern zu mir durch. Worte, die ich nicht gehört hätte, wenn ich nur ein Mensch wie alle anderen gewesen wäre. Aber das war ich nicht.
„Das ist sie.“
„Seine Schicksalsgefährtin.“
„Die Mutter der Zwillinge.“
Zuerst ergaben die Worte keinen Sinn. Sie glitten von meinem Verstand ab und weigerten sich, sich festzusetzen.
Chloes Stimme zitterte. „Ich bin nach der Geburt gegangen. Ich war krank. Ich kam damit nicht zurecht. Die Zeit nach der Geburt hätte mich fast zerstört.“
Der Raum schien sich zu neigen.
Instinktiv sah ich nach unten, und mein Blick fiel auf Ella und Owen am anderen Ende des Saals. Ella hatte aufgehört zu malen. Jetzt beobachtete sie uns mit gerunzelter Stirn.
Mein Herz begann zu rasen.
„Ich wollte sie nie verlassen“, sagte Chloe. „Ich war einfach ... nicht sicher. Nicht für sie. Und auch nicht für mich.“
Die Zeit nach der Geburt.
„Ich war in Behandlung“, fuhr sie fort. „Ich bin wieder gesund. Ich wollte sie nur sehen. Wenigstens einmal.“
Jasper trat vor.
Er sah mich nicht an.
„Wir sollten das nicht hier besprechen“, sagte er leise.
Erleichterung spiegelte sich auf ihrem Gesicht wider, während sich mein Magen schmerzhaft zusammenzog.
„Ich weiß“, flüsterte sie. „Ich wusste nur nicht, wohin ich sonst gehen sollte.“
„Ich werde eine Unterkunft für dich organisieren“, sagte Jasper. „Wir reden später.“
Die Gewissheit in seiner Stimme ließ mein Herz absacken.
Sie nickte, während ihr nun ungehindert Tränen über die Wangen liefen. „Danke.“
Er wandte sich zum Ausgang und führte sie bereits fort, wobei seine Hand knapp über ihrem Rücken schwebte.
Ich blieb stehen, das Glas noch immer in der Hand, während der Nachhall meines eigenen Trinkspruchs in meinen Ohren widerhallte.
Ich wartete darauf, dass er mich ansah.
Das tat er nicht.
Einen Moment lang dachte ich daran, ihn aufzuhalten. Seinen Namen zu rufen. Eine Erklärung zu verlangen.
Aber der ganze Saal beobachtete uns. Die Kinder beobachteten uns.
Also tat ich, was ich immer tat.
Ich passte mich an.
Ich ging durch den Saal, hob Owen hoch, als er die Arme nach mir ausstreckte, und drückte Ella einen Kuss aufs Haar. „Alles ist gut“, murmelte ich. „Mal weiter.“
Die Gäste standen verlegen herum und wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten.
Ich richtete mich auf, strich mein Kleid glatt und lächelte.
„Bitte“, sagte ich ruhig. „Genießen Sie den Abend. Mein Mann wird gleich wieder bei uns sein.“
Dankbar nahmen sie diese Erklärung an. Die Musik setzte wieder ein. Die Gespräche lebten erneut auf.
Später lobten sie meine Selbstbeherrschung. Meine Würde.
Ich hob mein Glas wieder. Meine Hand zitterte nicht.
„Auf den Erfolg“, sagte ich mit fester Stimme. „Und auf die Familie.“
Der Jubel fiel diesmal verhaltener aus.
Während ich trank, sah ich zu der Tür, durch die Jasper verschwunden war, und wusste tief in meinem Inneren, dass das Glück, das ich zu Beginn des Abends empfunden hatte, bereits verschwunden war.
Ich wusste nur noch nicht, wie viel es mich kosten würde.