Kapitel 1: Der abgewiesene Tod & der Engel im Latex-Outfit
Verweigerter Tod & Der Engel in Latex
„Hah... Hah... Verdammt.“
Das Geräusch seines Atems klang wie eine rostige Eisenreibe. Rau. Feucht. Qualvoll.
Inmitten des Schneesturms, der über Hakodate tobte, schleppte Tatsuo seine Beine, die sich so schwer wie Schiffsanker anfühlten. Es war nicht der knietiefe Schnee, der ihn aufhielt, sondern das abgebrochene Bajonett, das noch immer tief in seinem linken Unterleib steckte. Das kalte Eisen fühlte sich an, als wäre es mit seinem Fleisch verschmolzen, und sandte Schmerzsignale, die nun in eine tödliche Taubheit übergingen.
„Oi! Dieser Shinsengumi-Köter ist in Richtung der Klippe gerannt!“
Der Ruf durchschnitt den weißen Nebel. Grob, triumphierend und widerwärtig.
„Tch“, spuckte Tatsuo. Ein Klumpen dickflüssigen Blutes fiel herab und befleckte den unberührten Schnee. „Köter, was? Zumindest beißen Hunde nicht ihre eigenen Herren, so wie ihr kaiserlichen Verräter.“
Tatsuo lehnte seinen Rücken gegen die Überreste einer Steinmauer. Die Festung Goryokaku war um ihn herum zerfallen. Schwarzer Rauch wogte hoch empor, ein krasser Kontrast zum trostlosen grauen Himmel. Er konnte das Donnern der Kanonen in der Ferne hören, die Schreie seiner abgeschlachteten Kameraden und das Totengeläut, das speziell für ihn erklang.
„Da! Schießt!“
KNALL! KNALL!
Zwei Bleikugeln streiften den Stein neben Tatsuos Kopf und ließen scharfe Splitter in seine Wange fahren.
„Daneben, ihr Idioten“, fluchte Tatsuo und kicherte schwach. Er versuchte, sein Katana zu ziehen, doch seine Hände zitterten heftig. „Komm schon... nicht jetzt. Gib mir noch einen Kopf. Nur noch einen, bevor ich meine Ahnen treffe.“
Fünf Soldaten in kaiserlichen Uniformen tauchten aus dem Schneeschleier auf. Sie grinsten, als sie die Beute sahen, die endlich in die Enge getrieben war.
„Seht euch das an“, höhnte ein Soldat, der ein Gewehr mit einem blutigen Bajonett hielt. „Tatsuo ‚Der Helmspalter‘. Die Legende ist jetzt nur noch ein verrottender Fleischklumpen.“
„Mach ihn einfach fertig“, sagte sein pockennarbiger Begleiter. „Wir nehmen seinen Kopf als Bonus für den Sake heute Abend.“
Tatsuo zwang sich aufrecht zu stehen, auch wenn sich sein Inneres anfühlte, als würde es jeden Moment herausquellen. Er grinste und entblößte seine rot gefärbten Zähne. „Sake-Bonus? Mein Kopf ist nur eine Flasche billigen Sakes wert? Ihr Bastarde, verlangt wenigstens ein ganzes Fass.“
„Zu viel Gerede! Stirb!“
Der Soldat stürmte vor. Das Bajonett stieß hervor.
Tatsuo schloss die Augen. Das war es also. Ein erbärmliches Ende.
Doch der Tod, den er erwartete, blieb aus.
Stattdessen riss der Himmel über ihnen auf.
WUUUUUNG – KRACH!
Es war kein Donner. Es klang, als würde ein riesiges Stück Seide mit Gewalt zerrissen. Ein blendendes violettes Licht explodierte am Himmel und brannte sich in die Netzhaut eines jeden, der hinsah. Die eisige Luft wurde augenblicklich sengend heiß und trug den Geruch von Ozon und verbranntem Metall mit sich.
„Was ist das?!“, schrie der pockennarbige Soldat und wich voller Angst zurück.
„Ein Meteor?!“
„Nein! Das... was ist das für ein Objekt?!“
Ein metallisches Objekt in Form einer ovalen Kapsel – pechschwarz mit hektisch blinkenden neonblauen Linien – stürzte direkt zwischen Tatsuo und die Soldaten auf die Erde.
BUMM!
Die Druckwelle schleuderte die kaiserlichen Soldaten wie Stoffpuppen davon. Tatsuo, der sich bereits gegen die Mauer gestemmt hatte, wurde lediglich tiefer in das Gestein gedrückt. Der Schnee um den Einschlagkrater verdampfte augenblicklich und hinterließ versengte, zischende Erde.
„Hust...“, keuchte Tatsuo und kniff die Augen zusammen, während er das fremdartige Objekt fixierte. „Hat mir die Hölle einen eisernen Sarg geschickt?“
Plötzlich zischte das Objekt. Eine hydraulische Tür glitt mit einem scharfen PSSSHHT auf und ließ dichten weißen Dampf entweichen.
Aus dem Nebel trat eine Gestalt hervor.
Kein Oni. Kein Gott.
Eine Frau.
Ihr Haar war kurz, asymmetrisch in einem unnatürlichen Silberton geschnitten. Sie trug ein enges, glänzendes schwarzes Outfit: wie Leder, aber weitaus glatter, das an jeder Kurve ihres Körpers klebte und mit rot blinkenden Lichtpaneelen verziert war.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, schrie die Frau, ihre Stimme panisch, aber glasklar. Sie tippte hektisch auf ein seltsames Gerät an ihrem Handgelenk. „System! Schadensbericht! Wo bin ich? Sag mir nicht, dass ich in die Sengoku-Zeit geschleudert wurde; ich habe keine Antibiotika gegen Syphilis dabei!“
Tatsuos Kiefer klappte herunter. „Hä? Sy-phi-lis?“
Die Frau – Akane – wirbelte herum. Ihre Augen weiteten sich, als sie den blutüberströmten Tatsuo und die Soldaten sah, die sich gerade aus ihrer Benommenheit erhoben.
„Menschen? Alter japanischer Dialekt?“, Akane scannte die Umgebung hastig. Ihre Augen fixierten die Uniformen der Soldaten. „Enfield 1853 Gewehre... zerfetztes Haori... Stichwunde im Unterleib...“
Akane schlug sich gegen die Stirn. „1869. Der Boshin-Krieg. Hakodate. Verdammt! Ich bin um hundertfünfzig Jahre daneben gelandet!“
„Oi! Dämonenfrau!“, rief der pockennarbige Soldat, der nun wieder auf den Beinen war und sein Gewehr auf sie richtete. „Komm da raus! Hände hoch!“
Akane betrachtete den Soldaten mit demselben Ekel, den man für eine Kakerlake reserviert. „Ruhe, Primitiver. Ich berechne hier gerade ein Zeitparadoxon.“
„Primitiv?!“, der Soldat war außer sich vor Wut. „Erschießt diese Schlampe!“
„Pass auf!“, schrie Tatsuo heiser, während er Kraft von Gott weiß woher nahm. Seine Samurai-Instinkte übernahmen das Kommando. Er wusste, dass diese seltsame Frau keine Feindin war – oder zumindest nicht die gleiche Art von Feindin wie sie.
KNALL!
Die Kugel flog.
Akane bewegte sich nicht. Sie schnippte lediglich mit der Hand, und eine transparente Wand aus orangefarbenem Licht materialisierte sich vor ihr.
TING!
Die Kugel wurde flachgedrückt und fiel zu Boden.
Stille.
Alle erstarrten. Sogar Tatsuo vergaß zu atmen.
„Zauberei...“, murmelte der Soldat zitternd. „Sie ist eine ausländische Hexe!“
„Es ist ein Hard-Light-Schild, du Hinterwäldler“, brummte Akane. Doch das Paneel an ihrem Handgelenk piepte laut.
BEEP BEEP BEEP.
„Verdammt, die Reservebatterie ist durch die Notlandung leer“, fluchte Akane. Die Lichtwand flackerte und verschwand. „Okay, jetzt bin ich in Schwierigkeiten.“
„Sie hat ihren Schild verloren! Angriff! Zieht sie aus!“, befahl der Truppführer mit einem lüsternen Grinsen.
Sie rannten auf Akane zu. Die Frau wich zurück und sah panisch aus. Sie griff nach dem Holster an ihrer Taille, doch es war leer. „Meine Waffe wurde im Jahr 2088 gelassen? Das ist doch nicht euer Ernst!“
Gerade als ein feindliches Bajonett den schlanken Hals von Akane erreichen sollte, sprang ein blutiger Schatten hervor.
Tatsuo.
Mit dem Rest seiner Kraft parierte er das Bajonett mit seinem zerbrochenen Katana.
KLANG!
„Lauf... dumme Frau...“, knurrte Tatsuo, während frisches Blut aus seinem Mund spritzte und Akanes schockiertes, schönes Gesicht besudelte. „Sie... sind nicht die Art von Leuten, die... gerne reden....“
„Du...“, Akane starrte Tatsuo an. Ihre honigbraunen Augen scannten ihn von oben bis unten. „Du stirbst. Innere Organe zerquetscht. Du hast... noch 40 Sekunden, bevor der hypovolämische Schock dein Gehirn abschaltet.“
Tatsuo lachte bitter, während er zwei Soldaten gleichzeitig abwehrte. „Danke... für die Prophezeiung... Hexe....“
„Tatsuo! Stirb!“, ein dritter Soldat rammte Tatsuo ein Bajonett in den Rücken.
„ARGH!“, brüllte Tatsuo, doch er fiel nicht. Stattdessen biss er dem Soldaten vor ihm in den Hals und riss die Drosselvene auf.
Blut spritzte überall hin. Über Tatsuos Gesicht, über Akanes Latexanzug.
„Brutal“, flüsterte Akane, ihre Augen leuchteten seltsam. „Aggressionslevel 99%. Genetische Kompatibilität... Scanne...“
Das Gerät an Akanes Hand gab einen Ton von sich. PING!
„Es ist ein Treffer“, murmelte Akane. Ein pragmatisches, leicht wahnsinniges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Hör zu, Samurai. Willst du als Fleischhaufen sterben oder als ihr Albtraum leben?“
Tatsuo sank auf die Knie. Seine Sicht begann sich zu verdunkeln. „Was... kümmert dich das....“
Die Soldaten umzingelten sie. „Macht sie beide fertig! Hackt sie in Stücke!“
Akane ignorierte die Drohung. Sie zog eine massive Spritze hinter ihrem Gürtel hervor. Das Röhrchen enthielt eine pechschwarze Flüssigkeit, die wirbelte, als wäre sie lebendig, und ein schwaches violettes Leuchten von innen abgab.
„Das ist keine Medizin“, sagte Akane schnell, ließ sich vor Tatsuo auf die Knie fallen und umschloss das Gesicht des Mannes mit ihren kalten Händen. „Es ist ein Fluch. Aber es ist der einzige Weg, wie ich hier nicht einen dummen Tod sterbe.“
„Tu... was auch immer...“, flüsterte Tatsuo, während sein Bewusstsein dahinschwand. „Solange... ich sie... töten kann....“
„Abgemacht“, flüsterte Akane in Tatsuos Ohr. „Willkommen in der Hölle, Alpha.“
Ohne zu zögern stieß Akane die riesige Nadel direkt in die Seite von Tatsuos Hals.
SCHUNK!
Tatsuos Augen rissen auf. Die Pupillen, die gerade erloschen waren, weiteten sich plötzlich, bis die Blutgefäße platzten.
Die schwarze Flüssigkeit schoss hinein. Brennend. Zerreißend. Ersetzend.
„AAAARRGGHHHHHH!!!“
Tatsuos Schrei war nicht menschlich. Es war ein Heulen aus den Tiefen der Erde, das die kaiserlichen Soldaten in ihren Schritten innehalten und zurückweichen ließ, ihre Gesichter bleich.
Tatsuos Welt wurde pechschwarz.
Nur eines blieb zurück.
Eine kalte, emotionslose Stimme, die direkt in seinem Schädel widerhallte.
[SYSTEM STARTET...]
[SUBJEKT ERKANNT: TATSUO HIMURA]
[KÖRPERSCHADEN: 89%]
[INITIIERE FENRIR-SERUM-INTEGRATION...]
[FEHLER: MENSCHLICHKEIT ABGELEHNT.]
[LADE PROTOKOLL: BESTIEN-MODUS.]