Kapitel 1
Die eisige Morgenluft biss in Ruths bloße Finger, während sie den großen Innenhof des Anwesens fegte. Der grobe Besen schabte über die gefrorenen Steine und hinterließ nur dünne, kaum sichtbare Linien im weißen Reif. Sie hielt den Blick fest auf den Boden gerichtet, wie sie es seit Jahren tat. Ein falscher Blick nach oben, ein Moment der Unachtsamkeit, und der Zorn ihres Vaters oder der Stiefmutter würde sie treffen wie ein Peitschenhieb. In diesem Haus war sie nichts. Die unsichtbare Bastardtochter ohne das heilige Mondsichelmal, das jede echte Erbin des Rudels kennzeichnete. Ohne dieses Mal war sie weniger als eine Dienerin. Sie war ein Schatten.
Aus dem Haupthaus drang helles Lachen. Fredas Lachen. Klar und leicht wie das Läuten kleiner Glöckchen im Wind. Freda, die mit dem perfekten silbernen Halbmond auf der rechten Schulter geboren worden war. Ein Mal, das im Morgenlicht schimmerte wie flüssiges Sternenlicht. Freda, die von klein auf zur zukünftigen Luna erzogen wurde, in Seide gekleidet, mit höfischen Manieren und sanfter Stimme. Freda, die alles besaß, was Ruth für immer verwehrt bleiben würde.
Ruth biss die Zähne zusammen, bis ihre Kiefermuskeln schmerzten, und fegte schneller. Sie hatte gelernt, den bitteren Geschmack der Eifersucht hinunterzuschlucken und ihn in den hintersten Winkel ihrer Seele zu verbannen. Dort, wo niemand ihn finden konnte. Dort, wo er nur sie selbst zerfraß.
„Ruth! Mach gefälligst schneller! Der Hof muss makellos sein, bevor die Gäste eintreffen!“ Die schneidende Stimme ihrer Stiefmutter schnitt durch die kalte Luft vom oberen Balkon herab.
Sachow stand neben ihr. Groß. Breit. Die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick streifte Ruth wie ein kalter Windhauch, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Wie immer. Für ihn war sie Luft. Ein Fehler aus der Vergangenheit, den man am besten ignorierte.
„Ja, Herrin“, murmelte Ruth leise, ohne den Kopf zu heben.
Sie kannte die Gerüchte, die seit Wochen durch das Rudel flüsterten. Ein Name stand im Mittelpunkt aller Gespräche: der Erbe des mächtigen Nordrudels. Man nannte ihn den Eisernen Wolf. Man erzählte von seiner Rücksichtslosigkeit, von den Rudeln, die er unterworfen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken. Drei ganze Clans hatten sich ihm bereits gebeugt. Und nun kam er hierher. Angeblich, um eine Verbindung einzugehen. Angeblich, um Freda zu seiner Luna zu wählen.
Ruths Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Freda verdiente das nicht. Freda war das einzige Licht in diesem kalten, herzlosen Haus gewesen. Als Kinder hatten sie manchmal stundenlang zusammen in der alten Eiche hinter dem Stall gesessen. Freda hatte Ruths wirres Haar zu kleinen Zöpfen geflochten und leise Wiegenlieder gesungen, während Ruth Geschichten von wandernden Sternen und verlorenen Wölfen erfand. Diese wenigen, kostbaren Momente waren alles gewesen, was Ruth je von Zuneigung gespürt hatte.
Und jetzt sollte Freda diesem Ungeheuer übergeben werden.
Ruth fegte energischer. Kleine Eiskristalle wirbelten auf und glitzerten in der blassen Morgensonne wie zerbrochene Diamanten.
Der Tag zog sich in hektischer Betriebsamkeit dahin. Diener eilten mit dampfenden Tabletts hin und her, stellten schwere Krüge mit gewürztem Met auf, hängten frische Girlanden aus dunklem Tannengrün und weißen Bändern an die Säulen des Eingangsportals. Alles musste perfekt sein. Alles musste den gefürchteten Gast beeindrucken.
Als die Sonne tief stand und der Himmel sich in tiefes Blutrot tauchte, hörte Ruth das tiefe Brummen schwerer Motoren. Das gesamte Rudel versammelte sich im Hof. Sogar die niedrigsten Diener durften zusehen, wie der Alpha eintraf.
Ruth drückte sich in den Schatten der Stallmauer. Von dort aus konnte sie alles beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.
Zuerst stiegen die Krieger aus. Großgewachsene Männer in schwarzen Ledermänteln, die Augen kalt und wachsam wie Raubtiere. Dann folgte er.
Sachow trat vor, die Haltung steif vor Respekt. „Willkommen auf unserem Land, Alpha.“
Der Mann, der aus dem schwarzen Geländewagen stieg, überragte fast alle Anwesenden. Breit gebaut, mit Schultern, die aussahen, als könnten sie Eichen entwurzeln. Sein Haar war tiefschwarz und fiel ihm in wilden Strähnen ins Gesicht. Doch es waren seine Augen, die Ruth den Atem stocken ließen. Sturm grau. Kalt wie ein tobender Wintersturm. Und dennoch loderte etwas darin. Etwas Uraltes. Etwas Gefährliches.
Er trug einen langen schwarzen Mantel, der im Abendwind wehte wie die Schwingen eines gigantischen Raben. Als er Sachow die Hand reichte, sah Ruth die alten Narben auf seinen Knöcheln. Zahllose Kämpfe. Zahllose Siege.
„Sachow“, sagte er mit einer tiefen, rauen Stimme, die durch Mark und Bein ging. „Es ist lange her.“
„Zu lange, Alpha.“
Der Alpha nickte knapp. Sein Blick glitt über die versammelten Wölfe, verharrte kurz bei Freda. Sie stand in einem fließenden silbernen Kleid, das Haar kunstvoll geflochten, das heilige Mal stolz auf ihrer Schulter sichtbar. Ein leises Raunen ging durch die Menge. Sie war atemberaubend. Makellos.
Doch der Blick des Alphas blieb nicht an ihr hängen. Stattdessen wanderte er weiter. Suchend. Fast ruhelos. Und dann fand er Ruth.
Ihre Blicke trafen sich.
Die Welt hörte auf zu existieren.
Ein heißer, wilder Blitz fuhr durch Ruths Körper. Etwas explodierte in ihrer Brust, fraß sich wie flüssiges Feuer durch ihre Adern. Ihre Knie wurden weich. Sie musste sich mit beiden Händen an der rauen Stallwand abstützen, um nicht zusammenzubrechen. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, jeder im Hof müsste es hören.
Der Alpha erstarrte.
Seine Pupillen weiteten sich. Die sturm grauen Augen wurden fast schwarz vor Intensität. Ein tiefes, animalisches Grollen stieg in seiner Kehle auf, so leise, dass nur Ruth es wahrnahm. Aber sie spürte es in jeder Faser ihres Wesens.
Unmöglich.
Das durfte nicht sein.
Sie trug kein Mal. Sie war eine Bastardtochter. Wertlos.
Und doch... pulsierte es zwischen ihnen. Das Band. Das heilige, uralte Band, von dem die Legenden sangen. Das Band, das nur wahren Gefährten vorbehalten war.
Nein. Nein. Nein.
Ruth riss den Blick los, drehte sich um und floh in die schützende Dunkelheit des Stalls. Ihr Atem ging stoßweise. Ihre Hände zitterten unkontrollierbar. Sie presste sie gegen die kalte Holzwand und versuchte verzweifelt, sich zu beruhigen.
Aber das Band ließ nicht nach. Es pochte in ihr wie ein zweites Herz. Stark. Unerbittlich. Unaufhaltsam.
Sie hörte Schritte. Schnell. Entschlossen. Näher kommend.
„Du.“
Die Stimme war direkt hinter ihr. Tief. Rau. Gefährlich.
Ruth fuhr herum.
Er stand nur zwei Schritte entfernt. Groß. Bedrohlich. Und doch zitterten seine Hände kaum merklich.
„Wer bist du?“, fragte er heiser.
Ruth schluckte schwer. „Niemand, Alpha. Nur eine Dienerin.“
Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Lügnerin.“
Er machte einen Schritt nach vorn. Ruth wich zurück, bis ihr Rücken hart gegen die Wand stieß.
„Dein Geruch...“, murmelte er, fast zu sich selbst. „Er ist in meinem Blut. In meinem Kopf. Seit dem Moment, als ich dieses verdammte Land betreten habe.“
Ruth schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das kann nicht sein. Ich trage kein Mal. Ich bin nicht würdig...“
„Schweig“, knurrte er.
Er hob langsam die Hand. Als hätte er Angst, sie zu berühren, und doch konnte er nicht anders.
Seine Finger strichen federleicht über ihre Wange.
Feuer explodierte.
Reines, weißglühendes Feuer.
Ruth keuchte auf. Ihre Beine gaben nach. Er fing sie auf, zog sie hart an sich. Sein Arm schlang sich um ihre Taille wie ein Eisenband. Besitzergreifend. Unnachgiebig.
„Wie heißt du?“, flüsterte er rau an ihrem Ohr.
„Ruth“, hauchte sie, kaum hörbar.
„Ruth.“ Er wiederholte ihren Namen, als wäre es ein Schwur und ein Fluch zugleich. „Mein.“
Das Wort traf sie wie ein Hammerschlag.
„Nein“, flüsterte sie verzweifelt. „Ich gehöre niemandem. Und du... du bist für Freda bestimmt.“
Sein Griff wurde fester, fast schmerzhaft. „Freda ist ein hübsches Spielzeug. Aber du... du bist das Feuer, nach dem ich mein Leben lang gesucht habe.“
Tränen brannten in Ruths Augen. „Das ist unmöglich. Das Band wählt nur die Würdigen.“
„Dann bin ich ein verdammter Narr“, sagte er dunkel. „Denn ich habe gewählt. Und ich wähle dich.“
Er senkte den Kopf. Seine Lippen streiften ihre Stirn. Nur eine hauchzarte Berührung. Und doch fühlte es sich an wie ein glühendes Brandmal auf ihrer Haut.
„Ich werde dich nehmen“, flüsterte er heiser. „Und ich werde dich behalten. Gegen jeden, der sich mir entgegenstellt.“
Ruth zitterte in seinen Armen. Angst. Verlangen. Verzweiflung. Alles verschmolz zu einem wilden Sturm in ihrem Inneren.
„Ich kann nicht“, flüsterte sie. „Freda... sie ist meine Schwester. Sie verdient das nicht.“
Seine Augen blitzten gefährlich auf. „Deine Schwester wird einen anderen finden. Aber du... du gehörst mir.“
Dann küsste er sie.
Hart. Hungrig. Verzweifelt.
Ruth wehrte sich einen winzigen Moment. Dann gab sie nach. Ihre Hände krallten sich in den Stoff seines Mantels. Sie erwiderte den Kuss mit derselben Wildheit, als hätte sie ihr ganzes Leben nur auf diesen einen Augenblick gewartet.
Als er sich schließlich von ihr löste, keuchten beide schwer.
„Heute Nacht“, sagte er rau. „Wenn das Haus schläft. Komm in den alten Turm. Wir müssen reden.“
Ruth schüttelte den Kopf. „Das ist Wahnsinn.“
„Wahnsinn“, wiederholte er mit einem bitteren, fast schmerzhaften Lachen. „Vielleicht. Aber ich lasse dich nicht mehr gehen.“
Er ließ sie los. Trat einen Schritt zurück. Doch seine Augen hielten sie gefangen.
„Geh jetzt“, sagte er leise. „Bevor ich die Kontrolle verliere und dich hier und jetzt nehme.“
Ruth stolperte davon. Ihre Beine fühlten sich taub an. Ihr Herz raste wie ein gefangenes Tier.
Sie floh durch die schmalen Dienstbotengänge zurück in ihr winziges Zimmer unter dem Dach. Dort sank sie auf die Knie, presste die Hände vors Gesicht und versuchte, das Beben ihres Körpers zu stoppen.
Was hatte sie getan?
Was würde sie noch tun?
Das Band pulsierte weiter in ihr. Stark. Unerbittlich.
Und tief in ihrem Inneren kannte sie bereits die Antwort.
Sie würde in den Turm gehen.
Sie würde ihn treffen.
Und sie würde brennen.
Denn das Feuer zwischen ihnen war entfacht.
Und es würde alles verzehren.
Oder sie beide.