Das falsche Lächeln
Lianas POV
Ich erstarrte an der Tür. Meine Finger schlossen sich fester um den Rand der halb geöffneten Tür, während mein Herz gegen meine Brust hämmerte.
Im Zimmer stand … Xavier Kane.
Und vor ihm stand … Freya Morgan.
Für einen Moment rieb ich mir die Augen und sah noch einmal hin.
Xavier strich Freya sanft eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.
Nein … das konnte nicht wahr sein.
Dieselbe sanfte Geste. Dasselbe Lächeln. Dieselben Augen, die mich immer angesehen hatten, sahen jetzt sie an.
„Du machst dir zu viele Sorgen“, sagte Xavier leise.
Freya sah ihm in die Augen. „Und Liana?“
Xaviers Gesichtsausdruck wurde kalt. „Morgen wird sie kein Problem mehr sein.“
Freya antwortete nicht mit Worten. Sie lachte nur – dasselbe Lachen, das ich bei hundert Geburtstagen und hundert Übernachtungen gehört hatte. Jetzt galt es jemandem, von dem ich nie gedacht hätte, dass es so sein könnte.
Xavier nahm sanft ihr Gesicht in seine Hände. „Ich habe es dir doch versprochen, oder? Bald werden es nur noch wir beide sein.“
Ohne ein weiteres Wort beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie.
Freya schlang ihre Arme um seinen Hals und erwiderte den Kuss.
Etwas in mir zerbrach einfach.
Ich biss so fest auf die Innenseite meiner Wange, dass sie zu bluten begann, nur um keinen Laut von mir zu geben. Der Ring an meinem Finger fühlte sich plötzlich schwerer an als je zuvor.
Es fühlte sich an, als wäre es erst gestern gewesen, dass er auf ein Knie gegangen war und mich gefragt hatte, ob ich ihn heiraten würde.
Eine Träne rann über meine Wange, dann noch eine.
Ich bedeckte schnell meinen Mund und unterdrückte das Schluchzen, während ich auf jedes Geräusch aus dem Zimmer lauschte.
Mein Kopf füllte sich mit Erinnerungen an Freya – unsere Geburtstage, die Geheimnisse, die wir uns anvertraut hatten, die Nächte, in denen wir bis zum Morgen geredet hatten.
Ich konnte noch immer ihr Lachen hören.
Ihr Lächeln sehen.
Die Wärme jeder einzelnen Umarmung spüren.
Meine Finger strichen über den Ehering an meiner Hand.
Ich starrte ihn einen Moment lang an, bevor ich ihn abriss.
Ich drehte mich um und rannte.
Meine Augen brannten und ich konnte kaum sehen, wohin ich lief. Mein Ellbogen stieß gegen eine Vase, die mit einem lauten Krachen zu Boden fiel.
„Wer ist da?“, rief Xavier hinter mir.
Ich blieb nicht stehen.
Meine Schritte hallten durch den Flur, während ich mich zwang, schneller zu laufen.
Sie durften mich nicht sehen.
Hinter mir hörte ich Freya meinen Namen rufen.
„Liana! Wo bist du?“
Ich stieg in mein Auto und fuhr davon.
Der Wind trocknete meine Tränen, aber ich konnte immer noch nicht richtig atmen.
Freya und ich sollten heute Abend zusammen lachen, genau wie immer.
Ich konnte sie fast hören, wie sie mich wegen meines Hochzeitskleides neckte und über die Pläne sprach, die wir für den Abend gemacht hatten.
Doch alles, was ich sehen konnte, war Freya, die dicht bei Xavier stand, ihre Finger, die seinen Arm berührten, während sie ihn anlächelte.
„Wie konntest du nur, Freya?“, flüsterte ich.
Diese Schlange.
---
Ich wischte mir mit dem Handrücken über das Gesicht und starrte aus dem Fenster, während ich versuchte, ruhig zu atmen.
Mein Blick wanderte zur Uhr an der Wand.
Der Stundenzeiger rückte immer näher an die Zeit heran, vor der ich mich gefürchtet hatte.
Draußen trafen bereits die ersten Autos ein, und durch das Fenster hörte ich gedämpft, wie sich die Menschen im Haus bewegten.
Opa war früher gegangen und hatte mich allein mit der Stille des Zimmers und dem weißen Kleid zurückgelassen, das in der Nähe auf mich wartete.
Wenn ich jetzt weglief, würde alles, was er vierzig Jahre lang aufgebaut hatte, mit mir untergehen.
Ich konnte ein gebrochenes Herz überleben.
Aber ich war mir nicht sicher, ob ich es ertragen könnte, dabei zuzusehen, wie er wegen meiner Entscheidung alles andere verlor.
Mein Handy vibrierte plötzlich.
Ich sah darauf.
Xaviers Name erschien auf dem Bildschirm.
„Liana, wo bist du? Die Hochzeit beginnt gleich.“
Bevor ich überhaupt antworten konnte, klingelte mein Handy erneut.
Freyas Name leuchtete auf dem Bildschirm.
Ich starrte darauf, mein Daumen schwebte über der Annehmen-Taste.
Die Erinnerung an das, was ich gesehen hatte, blitzte vor meinem inneren Auge auf.
Mein Kiefer verspannte sich.
Ich schnaubte und lehnte den Anruf ab.
„Gleich und gleich gesellt sich gern“, murmelte ich und warf mein Handy aufs Bett.
Ich wandte mich dem Spiegel zu und strich mit meinen zitternden Fingern über die Falten meines Hochzeitskleides.
Mein Spiegelbild sah mich an.
Ein Lächeln lag auf meinen Lippen, während meine Augen kalt blieben.
Ich neigte den Kopf und betrachtete die Frau im Spiegel.
Dann richtete ich meine Schultern auf.
Das Lächeln auf meinen Lippen wurde breiter.
Ich nahm meinen Schleier, legte ihn vorsichtig über mein Haar und wandte mich vom Spiegel ab.
Meine Schritte waren ruhig, als ich zur Tür ging.
Was auch immer mich dahinter erwartete, ich würde ihm mit demselben Lächeln begegnen.
Ein paar Minuten später nahm ich meinen Blumenstrauß und ging nach unten.
Meine Absätze klackten auf dem Marmorboden, und das Geräusch hallte durch den leeren Flur.
Keine Stimmen.
Kein Lachen.
Selbst die Küche war still, obwohl sie normalerweise voller Geräusche von klapperndem Geschirr war.
Die Dienstmädchen standen entlang des Flurs und lächelten höflich, als ich an ihnen vorbeiging.
Ich erwiderte jedes Lächeln mit einem kleinen Lächeln meiner eigenen, während ich meine Finger fest um den Blumenstrauß schloss.
Vor dem Tor wartete ein schwarzer Luxuswagen.
Der Fahrer stieg aus und öffnete die hintere Tür.
„Guten Morgen, Miss Hart.“
„Guten Morgen.“
Ich nickte ihm leicht zu, bevor ich auf den Rücksitz glitt.
Die Tür fiel ins Schloss und der Wagen fuhr los.
Ich drehte mich zum Fenster, meine Finger noch immer um den Blumenstrauß geschlossen.
Ich sah zu, wie das Herrenhaus immer kleiner wurde, bis die Tore verschwunden waren.
Die Stadt verblasste allmählich.
Die belebten Straßen gingen in lange, leere Wege über, die von hohen Bäumen gesäumt waren.
Ich runzelte die Stirn.
Das war nicht der Weg zum Veranstaltungsort der Hochzeit.
Ich beugte mich leicht nach vorn.
„Entschuldigung … ich glaube, Sie sind falsch abgebogen.“
Der Fahrer antwortete nicht.
„Sir?“
Noch immer keine Antwort.
Ich griff nach dem Türgriff.
Doch bevor ich ihn herunterziehen konnte, ertönte ein leises Klicken.
Die Türen waren verriegelt.
Meine Augen weiteten sich.
Langsam blickte ich in den Rückspiegel.
Die Augen des Fahrers trafen meine.
Und er grinste.