Regelwerk

1541 Words
Mein Wecker klingelte um 05:50 Uhr. Ich war schon vorher wach. Nicht weil ich aufgeregt war – sondern weil ich kaum geschlafen hatte. Zu viel Lärm im Kopf, zu wenig Luft im Raum, zu viele Gedanken an eine Uniform, die ich nicht kannte, an einen Blick, der keiner war, und an Regeln, die sich wie unsichtbare Fesseln um meinen Körper gelegt hatten. „Keine Beziehungen.“ Der Satz hatte sich in meine Gedanken gebrannt wie ein Warnschild. Und ich hatte noch nicht einmal richtig angefangen zu arbeiten. Housekeeping. Das hieß: Kabinen reinigen. Bettlaken wechseln. Toiletten putzen. Staubwischen. Saugen. Alles mit Zeitdruck. Und immer freundlich bleiben. Wir wurden zu sechst eingeteilt. Zwei Decks. Dreißig Kabinen. Frühstück um sechs. Dienstbeginn um sechs Uhr dreißig. Zehn bis zwölf Stunden Schicht. Vielleicht mehr. Kein Meckern, kein Zögern. Die Gäste sollten davon nichts spüren – und unsere Müdigkeit am besten auch nicht. Die Supervisorin hieß Marta. Eine Polin mit strengem Dutt, durchtrainiertem Körper und dieser Art von Stimme, bei der du automatisch Haltung annimmst. Sie erklärte alles mit stoischer Präzision. Keine Smalltalks mit Gästen. Kein Privathandy am Gang. Kein Zuspätkommen. Und vor allem: keine Ablenkung durch Gefühle. „We don’t date. We don’t flirt. We work.“ Ich nickte wie alle anderen. Aber mein Magen zuckte leicht bei dem Wort flirt. Ich? Flirten? Ich wollte doch nur arbeiten. Und doch… Die erste Kabine roch nach Sonnencreme und süßem Parfum. Die Vorhänge waren halb zugezogen, das Bett zerwühlt, ein rotes Kleid hing über dem Stuhl. Zahnpasta im Waschbecken. Ein Bikini auf dem Boden. Zwei Gläser mit Lippenstiftabdrücken standen neben einer geöffneten Flasche Sekt. Auf dem Nachttisch lagen ein zerknülltes Kondompäckchen und ein Slip aus schwarzer Spitze – halb unter das Kopfkissen gerutscht. Ich stand einen Moment zu lang da. Nicht, weil es mich störte. Sondern weil ich spürte, wie etwas in mir zu kribbeln begann. Ich wusste, ich sollte mich nicht hineinfühlen. Nicht nachdenken. Aber mein Blick glitt über die Spuren dieser Nacht – und mein Körper reagierte. Es war, als würde man in ein fremdes Leben treten, jeden Tag aufs Neue. Und manchmal auch in fremde Begierden. Manchmal lief leise Musik im Hintergrund, manchmal hörte ich eine Dusche oder Stimmen durch die Wand. Ich lernte schnell, wie ich mich fast lautlos bewegen konnte. Wie ich die Tür leise schloss, die Decke glattstrich, die Zahngläser gerade stellte. Es war körperlich anstrengend – aber auch intim. Ich sah Handys aufgeladen neben Bettkanten liegen, Bücher aufgeschlagen auf Nachtkästchen, benutzte Kondome im Mülleimer, Lippenstiftspuren am Glas. Ich dachte oft nicht darüber nach. Ich durfte nicht. Sonst hätte ich mich schmutzig gefühlt. Aber manchmal blieb mein Blick hängen. Auf einem Polaroid. Auf einem Zettel mit krakeliger Handschrift. Auf einer vergessenen Haarspange auf dem Boden. Kleinigkeiten, die mich daran erinnerten: Menschen leben hier. Lieben. Streiten. Hoffen. Alles auf wenigen Quadratmetern. Als ich mich bückte, um ein heruntergefallenes Handtuch aufzuheben, spürte ich plötzlich einen Blick im Rücken. Kein offener, kein direkter – aber einer, der mich traf. Wie ein Stromschlag zwischen den Schulterblättern. Ich richtete mich auf, drehte mich um. Da stand er. Ethan Moreau. Erste Offizier. Uniform, Haltung, Stille. Der gleiche Ausdruck wie gestern. Vielleicht ein Hauch weicher. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Ich sah ihn nicht direkt an. Ich tat so, als würde ich mir eine Strähne aus dem Gesicht streichen. Doch mein Körper reagierte. Die Haut an meinen Armen prickelte. Mein Nacken wurde warm. Ich lächelte nicht. Nicht richtig. Nur innerlich. Wenn das ein Flirt war, dann einer ohne Worte. Ohne Absicht. Oder? Er ging weiter. Ich blieb zurück. Und plötzlich wusste ich, dass diese Regeln – "We don’t date. We don’t flirt." – sehr viel schwieriger einzuhalten waren, als ich gedacht hatte. Ich wusste auch, dass mein Körper nicht fragte, was erlaubt war. Er reagierte einfach. Ohne Rücksicht. Ohne Absprache mit meinem Kopf. Und vielleicht war genau das das Gefährlichste an all dem. Ich war gerade dabei, einen neuen Lappen aus dem Eimer zu wringen, als Marta plötzlich hinter mir stand. "Berger, mitkommen." Kein Bitte, kein Warum. Nur dieses Kommen. Ich ließ alles stehen und folgte ihr. Wir gingen den Gang entlang, durch eine Schiebetür, vorbei an zwei Serviceaufzügen. "Eine Kollegin ist krank geworden. Suite-Bereich. Du warst in einem Fünf-Sterne-Hotel vorher, oder?" Ich nickte, überrascht. "Ja. Im Housekeeping. Ich hatte VIP-Bereiche." "Gut. Dann solltest du wissen, was Diskretion heißt. Du springst heute bei den Luxus-Suiten ein. Deck 12, vorderer Bereich. Nur Einzelgäste. Die Liste hängt. Aber vorher gehst du dich umziehen. Dort oben tragen wir keine Poloshirts und Arbeitshosen. Für das Housekeeping bei den VIPs gibt es die schwarze Uniform. Haare zum Dutt. Und keine Diskussion, klar? Ich schau's mir an, bevor du hochgehst. Und kein Wort über das, was du dort siehst. Klar?" Ich nickte. Klar. Aber das Gefühl in meinem Bauch war alles andere als klar. Ich ging zurück durch die Personaltür, den Gang entlang, bis zu den Spinden, wo ein kleines Schild „Suite Staff only“ prangte. Die Tür quietschte leise, als ich sie aufschob. Drinnen war es kühler. Ruhiger. Ein anderer Rhythmus als unten. Ich ging zur kleinen Kleiderausgabe im Nebenraum – ein schmaler Tresen, dahinter eine philippinische Kollegin mit scharfem Blick und einem Klemmbrett. „Suite Service?“ fragte sie knapp. Ich nickte. Sie musterte mich, verschwand zwischen zwei Schränken und kam mit einem Kleiderbügel zurück. „Größe 36. Zieh es an. Keine Flecken. Keine Falten. Wenn du dich nicht wohlfühlst – gewöhn dich dran.“ Ich nahm das Kleid entgegen und ging zurück zu meinem Spind. Der Stoff war schwerer als erwartet, kühl auf meiner Haut. Schwarz. Eng tailliert. Mit einem zarten Glanz, der bei jeder Bewegung schimmerte. Ich streifte es über – erst vorsichtig, dann fester –, und spürte, wie es sich an mich schmiegte wie eine zweite Haut. Es zog leicht an meiner Taille, lag wie ein Hauch über meiner Hüfte und ließ meine Schultern automatisch aufrechter werden. Der Rock endete ein gutes Stück über dem Knie – gerade so, dass ich ihn bei jedem Schritt spürte. Der Ausschnitt war tiefer, als ich es gewohnt war. Nicht vulgär – aber spürbar. Sichtbar. Meine Brüste füllten den Stoff kaum aus – doch genau das gefiel mir. Es wirkte... aufgeräumt. Klar. Ich schob die Träger zurecht, atmete flach. Etwas in mir wollte sich ducken. Ein anderer Teil richtete sich auf. Wach. Bereit. Ich band meine Haare zurück, fester als sonst, steckte sie mit zwei Spangen streng hoch. Der Dutt saß. Streng. Exakt. Als ich in den Spiegel sah, hielt ich kurz den Atem an. Ich wirkte anders. Fremder. Erwachsener. Aber auch irgendwie... schön. Nicht brav. Nicht harmlos. Sondern wie jemand, den man nicht unterschätzen sollte. Wie eine Version von mir, die bereit war, gesehen zu werden – auch wenn ich es noch nicht war. Marta kam wenige Minuten später. Sie musterte mich von oben bis unten, die Arme verschränkt. "Passt. Zieh den Rock etwas runter. Kein Schmuck. Lippen unauffällig. So ist gut." Ich nickte. Aber innerlich klopfte es. Nicht laut. Aber regelmäßig. Aber trotzdem war es anders, als ich es kannte. Ich hatte im Hotel zwar mit Luxus gearbeitet – makellose Suiten, diskrete Gäste, edle Stoffe –, aber das hier war… intimer. Aufgeladen. Als würde das Schiff selbst ihre Geheimnisse mit atmen. Nicht glänzender. Aber näher an der Haut. Der Teppich war weich wie Samt, die Flure breiter, die Türen mattgolden eingefasst. Die erste Suite, die ich öffnete, roch nach teurem Parfum und etwas Dunklerem – Moschus, vielleicht? Auf dem Bett lagen Laken aus Seide, zerwühlt. Auf einem Tablett standen Reste eines Frühstücks – Champagner, halb aufgegessenes Obst, ein Klecks Schokolade auf dem Besteck. Im Bad waren die Spiegel beschlagen. Zwei Handtücher lagen auf dem Boden, eines noch feucht. Am Rand der Badewanne: eine offene, leere Packung Kondome. Auf der Kommode ein seidener Kimono – halb geöffnet, darunter schwarze Dessous, fein wie Spinnweben. Ich hätte mich einfach umdrehen und professionell funktionieren sollen. Aber ich spürte, wie mein Körper reagierte. Die Luft war voller Geschichten. Keine lauten – eher welche, die unter die Haut kriechen. Lust, die nachklingt. Haut, die noch da ist, obwohl keiner mehr im Zimmer war. Und da stand ich. Lina Berger. Diszipliniert. Anständig. Und trotzdem war mein Blick nicht frei von Vergleich. Nur ein paar Stunden zuvor hatte ich in einer Kabine gearbeitet, in der ein schwarzer Slip unter dem Kopfkissen lag, das Parfum billig war, der Sekt abgestanden – und trotzdem war da Lust gewesen. Offen. Roh. Direkt. Hier war alles leiser. Teurer. Verpackt in Seide und goldene Armaturen. Aber im Mülleimer lag das Gleiche: ein benutztes Kondom. Dieselbe Geste. Dieselbe Hitze. Nur mit Samthandschuhen. Zwei Welten – und doch der gleiche Hunger darunter. Ich fragte mich plötzlich, was mich mehr berührte: das Rohe auf Deck fünf oder das Seidene auf Deck zwölf. Und wie es sich anfühlen würde, wenn jemand mich so aus dem Kleid schälen würde, wie diese Frau ihren Kimono verloren hatte. Ich schüttelte innerlich den Kopf, atmete durch, rückte die Schultern zurecht. Ich war hier, um etwas zu lernen. Um zu arbeiten. Um mir etwas aufzubauen. Nicht, um mich in Fantasien zu verlieren. Nicht jetzt. Ich strich das Laken glatt – straffer als nötig – und zwang mich, das Zimmer im Kopf zu organisieren. Jetzt hatte ich zu funktionieren.
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