Die Crew-Bar

1208 Words
Ich wusste nicht, warum ich zugesagt hatte. Vielleicht, weil Sorina so selbstverständlich davon ausgegangen war, dass ich mitkomme. Vielleicht, weil ich das Gefühl hatte, sonst etwas zu verpassen. „Komm schon, Lina. Wenn du nie mit uns rausgehst, hältst du’s hier keine zwei Wochen aus.“ Sorina hatte sich in ein knappes Top gezwängt, ihre Wimpern getuscht und Glitzer auf die Wangenknochen getupft. Ihre Lippen glänzten wie Erdbeerbonbons. Sie war laut, frech, lebendig. Ich war still, vorsichtig, nervös. „Ich trink nur was“, hatte ich gemurmelt. „Klar. Und dann tanzen wir. Und vielleicht lässt du dir mal in den Nacken flüstern, wie heiß du aussiehst.“ Ich hatte gelacht. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich nicht wusste, wie ich Nein sagen sollte. Bevor wir losgingen, hatte ich mich umgezogen. Kein Dienstoutfit, kein strenges Schwarz. Stattdessen ein schlichtes, schwarzes Kleid – eng anliegend, knielang, mit schmalen Trägern. Ich hatte zuerst nach einem BH gegriffen, zögernd, fast automatisch. Doch Sorina hatte mir einen Blick zugeworfen und nur den Kopf geschüttelt. „Mit deinen Brüsten? Der Stoff liegt perfekt – du brauchst keinen.“ Ich hatte sie ausgelacht, rot werdend – aber sie hatte recht. Der Stoff schmiegte sich an meine Haut, zeichnete jede Bewegung nach. Ohne BH fühlte ich mich halbnackt – meine Brustwarzen spürbar unter dem dünnen Stoff, bei jeder Bewegung ein leises Reiben, ein kaum auszuhaltendes Kribbeln. Selbst mein Slip – schmal, zart – fühlte sich plötzlich zu viel und zu wenig zugleich an. Und irgendwie… aufregend. Ich trug nur einen Hauch Lippenstift. Meine Haare ließ ich offen, leicht gewellt vom Dutt des Tages. Als ich Sorinas prüfenden Blick im Spiegel auffing, spürte ich dieses Kribbeln: fremd, verletzlich, aber lebendig. Die Crew-Bar lag versteckt am hintersten Ende von Deck 2 – ein schmaler Eingang, eine metallene Tür, dahinter Musik. Laut. Bässe, die durch die Rippen vibrierten. Hier unten war alles anders. Deck 2 war eine eigene Welt – fern vom Licht, fern von Vorschriften. Die Regeln, die oben galten, schienen hier außer Kraft gesetzt. Vor allem, wenn es um Nähe ging. Oder Lust. Oder beides. Schon der Gang zur Bar war ein Erlebnis für sich. Der schmale Korridor vor der Tür war eng – zu eng für die Körper, die sich dort verheddert hatten. Zwei Crewmitglieder küssten sich wild gegen die Wand gedrückt, Hände unter T-Shirts, Finger in Gürtelschlaufen. Wir mussten uns seitlich an ihnen vorbeischieben. Ich spürte die Wärme ihrer Körper, hörte das leise Stöhnen, das sie nicht einmal mehr zu verbergen versuchten. Es roch nach Schweiß, Alkohol und Lust. Ich trat ein – und war jetzt schon überfordert. Nicht nur, weil alles neu war. Sondern weil mein Körper auf eine Weise reagierte, die ich nicht kannte. Es war zu viel – und gleichzeitig genau richtig. Die Körper im Flur, das Stöhnen, das versehentliche Streifen… das hatte etwas in mir geweckt. Eine Wärme, tief in meinem Bauch. Ein Kribbeln, das bis in meine Schenkel lief. Ich fühlte mich schuldig – aber auch wach. Lebendig. Und irgendwie… bereit für etwas, das ich nicht benennen konnte. Hitze. Stimmen. Zigarettenrauch, der sich mit süßem Parfum mischte. Enge. Haut. Bewegung. Lachen. Schweiß. Überall tanzten Menschen. Körper an Körper. Männer, die Hände an Rücken legten, Frauen, die sich aneinander rieben. Shirts klebten. Augen blitzten. Es roch nach Rum und Bier und irgendetwas Süßem, das in der Luft hing wie eine Versprechung. Ich fühlte mich fehl am Platz – und gleichzeitig plötzlich wie Teil von etwas, das größer war als Regeln und Uniformen. Ein junger Mann mit Bart und Mütze tippte mir auf die Schulter. „Frisch an Bord?“ Ich nickte, sagte nichts. „Sieht man sofort. Noch nicht abgestumpft.“ Sein Lächeln war schief, seine Hand blieb kurz zu lange an meinem Arm. Ich trat einen Schritt zurück – aber mein Puls hatte sich längst beschleunigt. Mein Kleid klebte ein wenig an meinem Rücken, meine Brüste spürten die kühle Luft jedes Mal, wenn sich der Stoff bewegte. Ich wusste nicht, ob mir heiß oder kalt war – aber ich fühlte mich wie unter Strom. Ein anderer bot mir einen Drink an. Er zwinkerte. Sagte: „Lina, oder? Du warst heute bei den Suiten. Die mit dem Blick.“ Was meinte er? Ich errötete. Schluckte. Der Alkohol schimmerte golden im Glas, seine Stimme klang, als ob er mehr wüsste, als ich ihm zeigen wollte. Am Tresen schenkte der Barkeeper nach – Tequila, Limette, irgendwas mit Ananas. Er beugte sich vor, seine Stimme rau: „Wenn du mal Luft brauchst – ich kenn da eine versteckte Ecke mit Blick auf die Sterne.“ Ich trank. Langsam. Der Alkohol brannte nicht – aber er legte eine Hitze in meine Wangen, in meinen Bauch. Ich fühlte mich schwebend. Offen. Verletzlich. Mein Slip hatte sich leicht verschoben, ich spürte ihn plötzlich zu deutlich. Als hätte mein Körper längst entschieden, etwas zu wollen, bevor ich es überhaupt verstand. Sorina tanzte. Wild. Eng. Ihr Rücken glitt an einem Maschinisten entlang, der ihr ins Ohr lachte. Eine andere Kollegin küsste eine Frau auf den Hals. Ein dritter leckte Salz von jemandes Schulter. Alles war erlaubt. Alles war Körper. Ich stand mitten in der Hitze und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte – weil ich alles sehen wollte. Plötzlich wurde es still in mir. Weil jemand den Raum betrat, der nichts von alldem zu sein schien. Ethan. Schwarzes Hemd. Keine Uniform. Die Ärmel hochgekrempelt. Die Unterarme sehnig, markant, ein dunkler Schimmer auf der Haut. Sein Blick wie immer: ruhig. Kontrolliert. Aber seine Augen fanden mich – und ich spürte, wie mir die Luft wegblieb. Etwas an ihm war gefährlich schön. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Sondern wie ein Sturm, der unter der Oberfläche brodelt. Nur für einen Moment. Ein kurzer, scharfer Blick. Und dann wandte er sich ab, sprach mit einem andere Crewmitglied, ließ mich stehen mit meinem pochenden Herz. Ich ging. Nach draußen. Mein Blut kochte noch immer. Mein Schritt pochte, heiß und schwer. Jeder Atemzug war ein Aufbäumen gegen etwas, das längst in mir erwacht war. Ich hatte nicht mal seinen Namen auf den Lippen – aber mein Körper kannte ihn längst. Ethan. Der Wind war kühl, salzig. Ich lehnte mich an die Reling. Mein Rücken war feucht. Mein Kleid klebte an meiner Haut, der Stoff rieb über meine Brustwarzen, die jetzt fast schmerzlich empfindlich waren. Ich schloss die Augen, atmete tief ein – und dachte an Ethan. Seine Blicke, die wie eine Berührung nachglühten. Ich wollte, dass er hier steht. Ich wollte diese Spannung nicht allein aushalten. Dann hörte ich Schritte hinter mir. Mein Herz setzte aus. Ethan. Ich spürte Hitze in meinem Unterleib, ein Ziehen in meinem Bauch, als hätte mein Körper seinen Namen gerufen. Ich drehte mich langsam um, hielt die Luft an – doch es war nicht Ethan. Der Barkeeper. Er lächelte, trat näher. „Hab dich vermisst.“ In dem Moment war ich fast enttäuscht – mein ganzer Körper hatte sich gespannt, als würde ich gleich explodieren. Stattdessen kam nur seine Stimme. Er trat zu nah, seine Hand auf meinem Arm fühlte sich fremd an. „Du bist schön, weißt du das?“ Ich wich zurück, das Kribbeln wich einen Moment lang der Leere. Aber mein Herz schlug noch immer zu schnell. Einen Schritt. Doch da stand jemand anderes hinter mir.
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