Lea
„Spar dir das.“ Er wandte sich von mir ab und zog Anna näher an sich. „Ich bin froh, dass ich herausgefunden habe, was für ein Mensch du wirklich bist, bevor es zu spät war.“ Anna vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, ihre Schultern bebten vor Schluchzern.
Die Inszenierung war perfekt. Das Publikum war begeistert.
Ich stand da, umringt von Bodyguards, und sah zu, wie meine Schwester meinen Ruf mit Tränen und Lügen zerstörte, während zweihundert Menschen das Ganze mit ihren Handys filmten.
Bis heute Abend würde das überall stehen. Jede Klatschseite, jede Boulevardzeitung, jeder Social-Media-Feed in Deutschland. Hoffmann-Erbin täuscht Entführung vor, um einer Zwangsheirat zu entgehen. Verschmähte Braut kehrt zurück, um die Hochzeit ihrer Schwester zu stören. Einblick in den schockierenden Skandal der Familie Hoffmann.
Ich war am Ende, und Anna hatte es mit einer einzigen Rede geschafft.
Ein scharfer Pfiff durchbrach den Lärm.
Jemand in der Nähe des DJ-Pults hatte Musik angefordert. Die Lautsprecher erwachten zum Leben und dröhnten mit klassischen Streichern, laut genug, um das Flüstern zu übertönen.
Dann erschien ein Mann an Annas Seite und nahm ihr sanft das Mikrofon aus der Hand.
„Meine Damen und Herren.“ Seine Stimme war warm, die Art von Stimme, die die Menschen zum Zuhören einlud. „Ich denke, wir sind uns alle einig, dass dies ein emotionaler Morgen war. Geben wir der Familie etwas Privatsphäre, damit sie sich wieder vereinen kann, nicht wahr? Der Empfang beginnt in Kürze im Garten. Ich habe gehört, der Champagner sei außergewöhnlich.“
Nervöses Lachen ging durch die Menge. Die Leute begannen sich zu bewegen.
Ich sah, wie der Mann Anna zurück zu Alexander führte. Er war groß, hatte sandblondes Haar, und irgendetwas an seiner Art, sich zu bewegen, kam mir bekannt vor, obwohl ich es nicht einordnen konnte.
Er bemerkte meinen Blick und hielt ihn einen Moment lang fest. Sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar.
Dann führte mich Petra zur Seitentür, ihr Griff fest an meinem Ellbogen. „Komm, Liebes. Wir machen dich sauber.“
Ich ließ mich von ihr führen. Ich hatte keine Kraft mehr zum Kämpfen.
Meine Beine zitterten.
Die Seitentür führte in einen schmalen Flur, der zu einem Hinterausgang führte. Ich drängte mich hindurch und befand mich in einem kleinen Hof hinter der Kathedrale. Ich ging auf das Tor zu.
Und da sah ich sie. Eine Wand aus Menschen versperrte den Ausgang. Fotografen, Reporter, Kameraleute, mindestens dreißig an der Zahl, drängten sich mit ihrer Ausrüstung in der engen Straße.
Sobald sie mich erblickten, brach das Geschrei los.
„Lea! Lea, hierher!“
„Stimmt es, dass du deine Entführung vorgetäuscht hast?“
„Was sagst du zu den Anschuldigungen –“
„Lea! Gib eine Erklärung ab!“ Blitzlichter zuckten mir ins Gesicht. Mikrofone wurden mir entgegengestreckt. Ich taumelte zurück und warf die Hände vors Gesicht, um mir die Augen zu schützen. Der Lärm war ohrenbetäubend, Fragen überschlugen sich, mein Name wurde so oft wiederholt, bis er jede Bedeutung verlor.
Das war's. Der Tiefpunkt. Ich stand in einer dunklen Gasse, in zerrissener Kleidung, umringt von Paparazzi, mein Ruf ruiniert, während meine Familie nur wenige Meter entfernt feierte.
Eine Hand schloss sich um meinen Arm.
Ich zuckte zusammen und erwartete einen weiteren Bodyguard, einen weiteren Versuch, mich zum Schweigen zu bringen.
„Sag nichts.“ Eine leise Stimme in meinem Ohr. „Geh einfach.“
Ich sah auf. Er war es, der Mann von drinnen, derjenige, der das Mikrofon genommen hatte. Aus der Nähe konnte ich sein Gesicht deutlich erkennen. Er war gutaussehend.
Er positionierte sich zwischen mir und den Kameras, seine breiten Schultern schirmten die grellsten Blitzlichter ab. Eine Hand blieb an meinem Arm und führte mich vorwärts; mit der anderen holte er eine Jacke hervor, die er mir über den Kopf legte.
„Geh“, sagte er. „Mein Auto ist zwanzig Meter links.“
Ich bewegte mich.
Die Paparazzi stürmten hinter uns her und riefen Fragen, doch der Mann bahnte sich einen Weg durch sie hindurch. Er schubste sie nicht und bedrohte sie auch nicht.
Ein schwarzer Wagen wartete am Bordstein. Er öffnete die Beifahrertür und geleitete mich hinein, eine Hand auf meinem Kopf, damit ich nicht gegen den Türrahmen stieß. Dann war er um das Auto herum, setzte sich hinters Steuer, und wir fuhren los, bevor die Fotografen das Fahrzeug umzingeln konnten.
Ich saß zitternd auf dem Ledersitz, die Jacke noch immer über den Schultern.
„Hier.“
Ich sah hinüber. Er hielt mir ein Taschentuch hin.
Ich starrte es an. Meine Lippen bebten, während ich die Tränen zurückhielt. Diese kleine Geste der Freundlichkeit ließ mich noch mehr schluchzen, als er mich nach Hause fuhr.