Kapitel 1 - Die Zeremonie

579 Words
Kapitel 1 - Die Zeremonie Das Haus vibrierte vor Aufregung. Marie stand vor dem Spiegel und zupfte nervös an ihrem dunkelblauen Kleid. Heute war ein besonderer Tag: Ihr Bruder Diego hatte die Kriegerprüfung bestanden und würde im Rudelhaus geehrt werden. „Beeil dich, Marie!“, rief ihre Mutter Mirjam aus der Küche. „Wir wollen nicht zu spät kommen!“ „Bin gleich fertig!“, antwortete Marie, warf noch einen letzten Blick in den Spiegel und eilte dann die Treppe hinunter. Ihr Vater Jones wartete bereits an der Tür, die Haltung stolz. Schließlich war Diego nicht nur sein Sohn, sondern auch ein hervorragender Kämpfer – und Jones hatte ihm viel beigebracht. Das Rudelhaus lag mitten im Territorium, mit Blick auf das nahe Meer. Im Norden grenzten Berge und ein Fluss das Gebiet ab. Marie und ihre Familie lebten abgeschieden, nahe der Grenze – weit genug entfernt, um selten dort zu sein, aber heute war eine Ausnahme. Als sie sich dem Rudelhaus näherten, waren Musik und Stimmen zu hören. Fackeln brannten entlang des Weges, Wachen in Uniform standen an der Tür. Das Innere des Hauses war festlich geschmückt, mit Bannern, Speisen und einem großen Podest in der Mitte. Alpha Lucian, ein imposanter Mann mit eisgrauem Haar, trat auf die Bühne, begleitet von seiner Luna Marianne. „Heute ehren wir unsere neuen Krieger!“, rief Lucian. „Sie haben Mut, Stärke und Treue bewiesen. Sie werden unsere Grenze schützen, unsere Jungen verteidigen und unser Rudel ehren.“ Applaus brauste auf, und Diego trat mit den anderen neuen Kriegern nach vorne. Marie klatschte voller Stolz. In der Nähe der Bühne stand Felix, der Sohn des Alphas. Als sein Blick auf Marie fiel, erstarrte er. Für ihn war es, als würde die Welt kurz stillstehen. Ihr Duft traf ihn mit voller Wucht: Vanille, frisches Gras, ein Hauch Lavendel – seine Lieblingsdüfte. Sie ist meine Gefährtin. Doch sie war noch nicht achtzehn. Hatte keinen Wolf. Keinen Rang. Das konnte nicht sein. Sein Kiefer spannte sich, seine Schultern wurden hart. Marianne bemerkte sofort die Veränderung. Sie trat zu ihm, legte eine Hand auf seinen Arm. „Felix? Was ist los mit dir? Du wirkst, als hätte dich etwas getroffen.“ „Mir geht’s gut, Mutter. Ich… war nur überrascht, wie viele heute ausgezeichnet wurden.“ Sie musterte ihn kurz, dann glitt ihr Blick unauffällig zu Marie. Ihre Augen verengten sich für einen Moment. Später, als die Feier ihren Höhepunkt erreichte und niemand auf sie achtete, trat Felix an Marie heran. „Komm mit. Nur kurz.“ Verwirrt folgte sie ihm hinter einen schweren Vorhang, der einen kleinen Nebenraum verdeckte. „Was ist los?“, fragte sie leise. Felix sah ihr in die Augen, seine Stimme war ruhig, aber schneidend. „Du wirst nie wieder das Rudelhaus betreten. Verstanden?“ Marie erstarrte. „Was? Warum? Was habe ich getan?“ „Du gehörst nicht hierher“, flüsterte er, und seine Worte trugen eine Macht in sich, die sie nicht verstand. Etwas an ihm war anders, härter – und sie konnte sich nicht erklären, warum sie den Drang verspürte, ihm zu gehorchen. Bevor sie antworten konnte, drehte er sich um und verschwand in der Menge – und ließ Marie mit einem Gefühl zurück, das sie nicht benennen konnte. Ihre Kehle schnürte sich zu. Es fühlte sich an, als hätte jemand ein unsichtbares Band um ihr Herz gelegt und fest zugezogen. Was hatte er gemeint? Warum spürte sie diesen unerklärlichen Drang, zu fliehen?
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