Kapitel 2 – Der unausweichliche Thron
Felix saß auf der Fensterbank seines Zimmers im Rudelhaus und beobachtete die Vorbereitungen für die Kriegerzeremonie. Wachen liefen geschäftig hin und her, Stoffbanner wurden gehisst, und in der großen Halle roch es bereits nach frisch gebackenem Brot und geröstetem Fleisch.
Er seufzte.
Schon wieder eine Feier. Schon wieder das große Lächeln aufsetzen. Schon wieder das Alpha-Sohn-Theater.
Er war dreiundzwanzig. Die meisten Alphas in anderen Rudeln hatten ihr Erbe mit Anfang zwanzig angetreten. Aber nicht er. Sein Vater hatte es an eine Bedingung geknüpft: Er müsse seine wahre Gefährtin finden und das Band mit ihr eingehen – erst dann wäre er reif für die Führung.
Sein Blick wanderte zum Spiegel. Perfektes Haar, markantes Kinn, durchtrainierter Körper. Die Wölfinnen des Rudels lagen ihm zu Füßen. Und er hatte es genossen. Er war kein Heiliger – und hatte nie vorgegeben, einer zu sein.
„Felix?“ Die Stimme seiner Mutter Marianne riss ihn aus den Gedanken. Sie trat ein, ihr Blick sanft, aber fordernd.
„Die Banner hängen falsch, die Musiker sind zu spät, und dein Vater fragt, ob du endlich runterkommst.“
Felix schnaubte. „Es ist nicht meine Zeremonie.“
„Nein“, sagte sie mit einem Lächeln. „Aber du wirst der nächste Alpha. Es ist wichtig, dass man dich sieht – dass du Präsenz zeigst.“
Er stand auf, warf sich die schwarze Weste über die Schultern. „Ich zeige genug Präsenz. Wölfinnen jeden Alters schauen mir nach.“
„Das tun sie“, gab Marianne zurück, „aber nicht mit dem Respekt, den ein Alpha verdient. Du bist bereit, Felix. Du musst nur noch deine Gefährtin finden.“
„Wenn ich sie nicht finde? Was dann?“ Sein Ton wurde schärfer.
Marianne trat näher, legte ihm eine Hand auf die Brust. „Du wirst sie finden. Vielleicht heute. Vielleicht morgen. Aber wenn es so weit ist, wirst du es wissen.“
Er verdrehte die Augen. Schon wieder dieses Gerede.
Trotzdem spürte er ein Kribbeln in der Brust. Vielleicht… vielleicht war da draußen wirklich jemand, der zu ihm gehörte. Aber wehe, sie war nicht das, was er sich vorgestellt hatte.
Er wollte eine Luna mit Rang, mit Einfluss – nicht irgendein Mädchen ohne Stellung. Kein einfaches Leben an der Grenze. Kein Niemand.
Er richtete den Blick, straffte die Schultern und ging zur Zeremonie. Die große Halle vibrierte vor Energie – das gesamte Rudel war versammelt. Krieger in feierlicher Kleidung, stolze Familien, die auf ihre Kinder warteten. Sein Blick glitt über die Menge, er nickte hier, lächelte dort. Der perfekte Sohn des Alphas.
Doch innerlich brodelte es. Wann hört das auf? Wann darf ich endlich führen, statt immer nur repräsentieren?
Die neuen Krieger betraten die Halle. Unter ihnen: Diego. Stark, selbstbewusst – Felix mochte ihn. Ein Kämpfer mit Potenzial.
Dann betrat seine Familie die Halle.
Und da war sie.
Sein Blick blieb an dem Mädchen hängen, das an Diegos Seite ging. Ihre Augen wanderten neugierig durch den Raum, etwas verloren, aber nicht ängstlich. Ihre Präsenz war wie ein Windhauch, der ihn plötzlich mitten in der Brust traf.
Was zum…
Ein Ruck ging durch seinen Körper, sein Herz setzte kurz aus – dann raste es los. In seinem Inneren riss sich sein Wolf nach vorn, wild, ungestüm, fordernd. Seine Augen blitzten kurz golden auf, ein verräterisches Leuchten, das er nicht kontrollieren konnte.
Gefährtin! Unsere Gefährtin!, brüllte sein Wolf, so laut, dass es in seinem Schädel dröhnte.
Nein. Nein, das darf nicht sein.
Felix spannte den Kiefer an, versuchte den Wolf zurückzudrängen, aber er sträubte sich, kratzte, scharrte, wollte zu ihr. Endlich, endlich hatte er sie gefunden – und sie roch so richtig.
Sie gehört zu uns. Nimm sie! Binde sie!
Halt die Klappe!, fauchte Felix innerlich. Mit aller Kraft presste er den Wolf zurück, drängte ihn in die hintersten Schatten seines Bewusstseins, bis die Stimme leiser wurde – wütend, aber unterdrückt.
„Felix?“ Die Stimme seiner Mutter riss ihn aus dem inneren Kampf. Marianne trat zu ihm, ihr Blick besorgt.
„Was ist los mit dir? Deine Augen… sie haben geglänzt. Wie wenn dein Wolf…“
„Mir geht’s gut“, log er schnell. „Ich… war nur überrascht, wie viele heute ausgezeichnet wurden.“
Sie musterte ihn einen Moment zu lange. Ihre Augen verengten sich leicht, dann glitt ihr Blick zu dem Mädchen – zu Marie.
Felix wandte sich ab, trat zurück in den Schatten. Alles rauschte an ihm vorbei – die Reden, der Applaus, der Schwur der Krieger. Er hörte nichts. Sah nur sie.
Marie lachte gerade mit ihrer Freundin. Offen, leicht, unbeschwert. Keine Ahnung, was sie in ihm ausgelöst hatte. Natürlich nicht. Sie war noch keine achtzehn. Noch kein Wolf. Noch nicht bereit.
Aber er war es auch nicht.
Sein Wolf brüllte wieder in seinem Inneren, wollte zu ihr. Felix spürte, wie sein Körper zitterte – zwischen Verlangen und Verweigerung. Zwischen Bindung und Pflicht.
Er warf seinem Beta einen kurzen Blick zu und verschwand lautlos aus der Halle. Draußen, hinter dem Rudelhaus, wo kaum jemand war, lehnte er sich an die kalte Steinwand und atmete schwer.
Wenige Minuten später kam sie. Neugierig. Verwundert.
„Hey? Alles okay?“, fragte sie. Ihre Stimme war weich. Vertraut. Zu vertraut.
Er drehte sich zu ihr um. Seine Augen funkelten erneut golden. Ein letzter innerer Kampf.
„Du… du darfst nicht hier sein“, sagte er leise, aber seine Stimme hatte einen anderen Klang – tiefer, bestimmender. Sie trug Macht in sich. Nicht seine – die seines Wolfs.
Marie runzelte die Stirn. „Was meinst du? Ich… Ich bin mit meiner Familie hier.“
Sag es einfach. Sag, dass du sie willst.
Aber er tat es nicht.
„Ich befehle dir, das Rudelhaus nicht mehr zu betreten“, flüsterte er, doch seine Worte waren durchtränkt mit Autorität. Kein Wunsch. Ein Befehl.
Marie zuckte zusammen. Ihre Augen weiteten sich, aber sie nickte langsam. Sie wusste nicht, warum – aber sie konnte ihm nicht widersprechen. Ihr Wolf war noch stumm. Doch ihr Instinkt spürte die Kraft in seiner Stimme. Spürte die Wahrheit, die sie nicht verstand.
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging.
Und mit jedem Schritt, den sie sich entfernte, fühlte Felix, wie etwas in ihm zerbrach.