Kapitel 3: Der Schmerz des Befehls
Marie ging durch den Wald, die Bäume an ihr vorbeiziehenden Schatten wie die flimmernden Ränder eines Traums. Ihre Schritte waren schnell und entschlossen, doch etwas in ihr fühlte sich leer an, als würde sie einen Teil von sich selbst hinterlassen. Ihr Kopf schwirrte, ihre Gedanken waren wie ein verwirrtes Netz, das sich immer weiter zog, ohne dass sie einen Weg fand, es zu entwirren.
Was war gerade passiert?
Felix’ Befehl hallte noch immer in ihrem Kopf nach. „Ich befehle dir, das Rudelhaus nicht mehr zu betreten.“ Diese Worte hatten eine Macht in sich gehabt, die sie nicht begreifen konnte. Sie wusste nicht, warum sie gehorcht hatte. Ihr Körper hatte einfach reagiert, als ob ihr Wolf – den sie doch noch nicht hatte – in ihr geschlafen hatte, nur um auf diesen Moment zu warten. Sie konnte es nicht erklären, aber es war, als würde sie unter einen unsichtbaren Einfluss geraten. Ein Zwang, dem sie nicht entkommen konnte.
„Warum…?“ murmelte sie vor sich hin. Ihre Stimme klang hohl in der Stille des Waldes, und sie schluckte schwer. Warum hatte er ihr so etwas befohlen?
Es war nicht nur der Befehl, der sie quälte. Es war das Gefühl, dass etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen stand – eine unsichtbare Barriere, die sie in einem Moment der Nähe und im nächsten von ihm trennte. Als sie ihn draußen hinter dem Rudelhaus getroffen hatte, war es, als hätte sie in seinen Augen etwas gesehen, das sie nicht verstehen konnte – etwas Wildes und Dunkles, das sie gleichzeitig anzog und erschreckte. Und doch hatte sie keinen Zweifel daran, dass er die Wahrheit sagte, als er sie weggeschickt hatte.
Und jetzt fühlte sie sich verloren.
Sie hatte ihn immer für ein wenig zu stolz gehalten, ein wenig zu perfekt für sie – doch was war das, was in diesem Moment zwischen ihnen gewesen war? Diese unkontrollierbare Energie, die fast greifbar war. Etwas, das sie nicht einordnen konnte. Etwas, das sie in ihrem Inneren spürte, aber nicht verstand.
Marie stoppte abrupt und lehnte sich gegen einen Baum. Ihre Hände zitterten leicht, als sie den Kopf gegen den Stamm sinken ließ. Ihr Herz pochte heftig, als wäre es zu schnell, als wollte es aus ihrer Brust herausbrechen.
„Warum habe ich nicht einfach widersprochen?“ fragte sie sich, aber sie wusste die Antwort: Weil ich nicht konnte. Etwas in ihr, tief in ihrem Inneren, hatte sich nach diesem Befehl gerichtet. Es war ein Impuls, ein Instinkt – aber nicht von ihr selbst.
Sie schloss die Augen und ließ den Kopf hängen. Warum jetzt? Warum ausgerechnet er?
Felix. Der zukünftige Alpha. Der Mann, den sie weder kannte noch begreifen konnte, der aber mit einer solchen Macht in ihr Leben getreten war, dass sie sich fragend und hilflos zurückließ. Hatte sie das alles wirklich erlebt? War das alles real? Es fühlte sich wie ein Alptraum an, der sie nicht losließ.
Und dann war noch dieser Moment, als sie die Augen seiner Mutter, Marianne, auf sich gespürt hatte. Ein Blick, der durch sie hindurch ging, als wüsste sie mehr, als sie zeigen wollte. Doch auch dieser Blick konnte nicht die Fragen beantworten, die in Marie aufgeworfen wurden.
Was wusste sie? Was wusste Felix?
Sie dachte an ihre Familie, an ihren Bruder Diego, an ihre Mutter Mirjam. Alles, was sie je gekannt hatte, fühlte sich jetzt fern an. In dieser einen Sekunde war sie in eine andere Welt gezogen worden, und die vertrauten Dinge, die sie als selbstverständlich angesehen hatte, wirkten plötzlich unerreichbar.
Als sie schließlich nach Hause ging, spürte sie das drückende Gewicht der Frage, wie sie ihren Eltern erklären sollte, was passiert war. Sie hatte ihnen nicht die Wahrheit gesagt, als sie das Rudelhaus verlassen hatte. Sie hatte sich einfach entschuldigt und war gegangen, ohne ein Wort zu Felix zu sagen. Doch jetzt, als sie die vertrauten Geräusche ihres Hauses hörte, wurde ihr bewusst, dass ihre Eltern es bemerken würden. Sie würden es wissen, dass etwas nicht stimmte.
„Wo warst du, Marie?“ fragte ihre Mutter, als sie die Tür öffnete. „Warum hast du uns nicht erzählt, dass du schon gegangen bist?“ Mirjam sah sie an, ihre Augen fordernd, aber auch besorgt.
„Es war… nichts“, antwortete Marie schnell, und versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten. Doch in ihr stieg ein Gefühl von Scham auf. Sie hatte nie vorgehabt, ihre Familie zu täuschen, aber der Befehl von Felix hatte sie in eine Richtung gedrängt, die sie nicht verstand.
„Es ist okay, Marie“, sagte Mirjam schließlich, aber sie schien etwas zu ahnen. „Aber du solltest uns nicht einfach im Unklaren lassen. Wir hätten das besprechen sollen.“
Marie nickte, doch der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie wusste, dass ihre Mutter spürte, dass etwas nicht stimmte. Doch Mirjam sagte nichts mehr und schien den Rest ihrer Sorgen auf später zu verschieben.
Doch die größte Sorge hatte sie nicht bemerkt – Diego. Ihr älterer Bruder, der jetzt ins Rudelhaus ziehen würde. Er hatte sie immer beschützt, und jetzt sollte er ohne sie sein.
Diego trat später an diesem Abend zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Marie“, sagte er leise, „irgendwas ist nicht richtig. Ich habe es gespürt. Was ist passiert?“
„Es ist nichts, Diego“, antwortete sie, doch ihr Blick konnte ihm nicht standhalten. „Es ist nur… schwer, das hier alles loszulassen.“
„Du weißt, dass du nicht alleine bist, oder?“ sagte Diego und drückte sie leicht. „Es wird dir nichts passieren. Aber ich… ich muss gehen. Das Rudelhaus wartet auf mich.“
Marie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog. Es war nicht nur der Gedanke, dass ihr Bruder nun fort war, sondern auch, wie sehr sie ihn brauchte. Warum fühlt sich alles so anders an?
„Ich werde dich vermissen“, flüsterte sie.
„Ich dich auch“, sagte Diego und schaute sie an, als wollte er noch etwas sagen, aber er schwieg. Er wusste, dass es Zeit war, zu gehen. Doch auch er hatte das unbehagliche Gefühl, dass etwas nicht stimmte – und es drückte ihn genauso, wie es sie belastete.
„Pass auf dich auf“, sagte er schließlich und drehte sich um. „Ich komme schon bald wieder. Und dann reden wir darüber, okay?“
Marie nickte stumm. Als er die Tür hinter sich schloss, fühlte sich das Haus plötzlich leer an, so als würde ein Teil von ihr auch mit ihm verschwinden.